Wer das Jahr eröffnet

Der Philosoph Byung-Chul Han schreibt in seinem Buch ‹Duft der Zeit› über die Schönheit. Man erlebe sie nicht direkt, nicht im Moment des Schauens oder Hörens, sondern vor allem im Nachklang einer Erscheinung.


Man halte inne und erinnere sich an etwas. Dann könne als eine Art Fluoreszenz die Schönheit einer Sache nachglimmen. Deshalb, so Han, sage man «das ‹war› schön» und weniger «das ‹ist› schön». Weil sie das Verharren verlerne, drohe unsere Zeit die Erfahrung des Schönen zu verlieren. Anfang Januar, wenn nun Jupiter und Saturn wieder zwei Grad voneinander entfernt stehen, findet solch ein Moment des Erinnerns statt. Es ist ein Nachklang, der zur Konjunktion dazugehört, wie die Stille nach einem gesprochenen Wort, die Dämmerung zu einem Sonnentag, oder der Gruß, den man in einer letzten Umwendung noch einmal zurückwirft. Das Echo, in dem sich das Schöne entfalten kann, kippt in sein Gegenbild, wenn dieser Klang konserviert wird und zur Nostalgie erstarrt.

Bild: Wolfgang Held

Merkur bei Jupiter und Saturn

So war es im nun endenden Monat Januar am Abendhimmel. Es waren die letzten Tage, an denen Jupiter und Saturn noch zu sehen waren, dann verschwanden sie im Sonnenlicht. Jetzt zum Monatswechsel sind sie bei der Sonne angelangt. Merkur, der Planet der Beziehung, stellt sich zu diesen letzten Zügen der Konjunktion und steigert so die Beziehung der beiden fernen Planeten. Merkur eröffnet das Jahr 2021, und seine Gemeinschaft mit Jupiter und Saturn scheint zu beantworten, was die große Konjunktion als Frage stellt: Wie lassen sich in der Seele die Gegensätze von Jupiter und Saturn, von Urteil und Empathie, von Außen und Innen überbrücken? Die Antwort lautet: durch Beweglichkeit. Denn Merkur ist mit seiner Umlaufzeit von 88 Tagen der schnellste Planet. Doch Merkurs Dynamik reicht viel weiter und tiefer als bloße Schnelligkeit. Da ist seine Größe schon interessant: Mit einem Radius von 2430 km nimmt er genau den Goldenen Schnitt zur Erde ein mit ihren 6378 km Radius. Denn 2430/6378 = 0,381 ist der kleinere Teil des Goldenen Schnittes. Auch die große Halbachse seiner Bahn ist mit 0,387 im Vergleich zur Erde nahe am Goldenen Schnitt. Dieses Maßverhältnis, das sich am schönsten am Verhältnis der Längen von Fünfeck und Fünfstern zeigt, gilt in der Mathematik als die irrationalste Proportion. Es gibt keine zwei Zahlen, die zueinander so fremd sind und sich deshalb mit kleinen Verhältnissen so schlecht annähern lassen. Bekannt ist, dass 3/5 oder 5/8 den Goldenen Schnitt annähern und als Verhältnis in der Natur auftreten, aber es sind ungenaue Annäherungen. Weil sich der Goldene Schnitt – oder göttliche Schnitt, wie er bis in die Renaissance hieß – schlecht durch kleine Zahlen beschreiben lässt, ist er extrem unharmonisch. Wie anders wird es, wenn man Merkur nicht räumlich, sondern zeitlich in den Blick nimmt. Mit einer Rotationsdauer von 58 Tagen, einer Jahresdauer von 88 Tagen und einem Begegnungsrhythmus mit der Erde von 116 Tagen zeigt Merkur die musikalische Proportion von 2:3:4. Merkur umspannt die Pole dessen, was Proportion und Verhältnis alles sein. Räumlich ist es die stärkste irrationale Proportion, der Goldene Schnitt, und zeitlich sind es die musikalischen Proportionen von Quinte und Quarte, von 2:3 und 3:4, die sich in seinem Lauf zeigen. Merkur ist der Planet der Beziehung, und dort, wo Himmel und Erde in Beziehung treten am dämmernden Horizont, da ist er zu finden, wie jetzt am Jahresanfang in den frühen Abendstunden.

Foto: Xue Li

Die Beziehung zum Ganzen

In den Umlaufverhältnissen von Merkur liegt außerdem eine Besonderheit: Von einer Erdbegegnung bis zur nächsten, also dieser Spanne von 116 Tagen, rotiert Merkur mit 58 Tagen Rotationsdauer genau zweimal um die eigene Achse. Er steht somit wieder gleich orientiert zum Tierkreis. Diese geometrische elementare Tatsache bedeutet, dass immer dann, wenn dieser dynamische Planet zwischen Erde und Sonne steht, er sich gleich zum Tierkreis orientiert. Damit verbindet er die Achse Sonne-Erde mit dem Sternenumkreis. Damit gewinnt die Bezeichnung ‹merkuriell› eine umfassendere Bedeutung. Demnach bedeutet es nicht, sich mit jemandem oder etwas zu verbinden, sondern vielmehr, dass sich zwei in ihrer und durch ihre Begegnung mit dem Ganzen vereinen. Von Jörgen Smit, Vorstand am Goetheanum in den 1980er-Jahren, gibt es den Hinweis, dass eine Partnerschaft physische oder geistige Kinder haben solle, sonst drohe die Trennung. In einer komplexen Welt wird Rudolf Steiners Wort, dass sich erst in Gemeinschaft ein Verständnis der Wirklichkeit einstellen könne, zum Leitstern, einem Leitstern, der jetzt am Jahresanfang am westlichen Abendhimmel seinen Bogen zieht. Es erinnert an das Wort aus dem Matthäusevangelium: «Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter euch.» Das ist der planetarische ermutigende Anfangston des neuen Jahres.

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