Was meine ich mit dem richtigen Wort?

Für den Buddhisten ergeben sich in Bezug auf die Rede vier Versuchungen, denen er widerstehen muss: Lüge, Beschimpfung, Verleumdung und eitles Geschwätz.


Als Lüge wird jede Unrichtigkeit und jede Neigung bezeichnet, dem Zuhörer ein Bild zu vermitteln, das von der Realität abweicht; der Begriff der Beschimpfung umfasst jeden Impuls, einen Mitmenschen durch Worte zu verletzen, und Verleumdung mag auch in der Gestalt von Kritik auftreten, in der um des Effektes willen oder aus einem Groll heraus die Fehler eines Mitmenschen verzerrt dargestellt werden. Der Versuchung des eitlen Geschwätzes erliegen wir in jeder rein konventionellen und belanglosen Unterhaltung. Im späteren Leben erwachsen jedoch zunehmend besondere Schwierigkeiten. Wir verlieren allmählich die Fähigkeit, ungewohnten Wegen im Gespräch zu folgen, und wiederholen statt dessen die uns vertrauten Meinungen und Erinnerungen. […]

Die Tatsache, dass eine positive Grundhaltung schwierig zu erwerben ist, […] ist durch das Schicksal der Sprache mit bedingt. Die Worte haben die Fülle ihrer Bedeutungen verloren, und das gilt insbesondere für die positiven Begriffe. Es verhält sich wie mit dem oft wiederholten Wort ‹ehrlich› in Shakespeares Othello; dort scheint es am Ende überhaupt keine Ehrlichkeit mehr in der Welt zu geben. Wo aber lebendige Vorstellungen durch unsere Worte hindurchscheinen und die richtigen Urteile sie stützen, da werden die Gespräche allmählich wieder heil und heilsam.


Aus Adam Bittleston, Das Leben meistern. Zur Praxis des achtgliedrigen Pfads, Stuttgart 2002.

Bild Sofia Lismont

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  1. In Zeiten des Krieges eine buddhistische Sicht einzubringen, erweitert den Horizont und zeigt, wie grundlegend Kommunikation ist. Sie hat ihre Wurzel in der Persönlichkeit. Wenn ich nun mit einer systemischen Sicht in diese Zeilen schaue, bekomme ich Schwierigkeiten. Im Bezug zur Lüge: Je nach individuellem Standpunkt positioniert sich jede und jeder anders. Ich kann mir nicht zumassen, Recht oder Unrecht zu bestimmen, da diese relativ sind. Ich meine nicht, dass wir klar gegen Gesetze und Verträge, die aus einem sozialen Prozess entstanden sind, verstossen können, sondern denke vielmehr an die Erfüllung des Dharma bzw. an die individuelle persönliche Entwicklung, die Karma bildend ist. Die Realität wird vom eigenen Bezugsrahmen bestimmt. Jedes Bild vermittelt eine persönliche Realität, die aus der eigenen Geschichte und den damit verbundenen Bedürfnissen und Interessen erwächst. Statt autoritär bestimmen zu wollen, welches Bild richtig oder falsch ist, erachte ich es im Sozialen als gewinnbringend, wohlwollend – bei entsprechender Offenheit und expliziter Vereinbarung – einander Feedbacks zu geben. So realisieren wir Unterschiede und können Bilder bewusst – wenn wir das wollen – ergänzen und sogar korrigieren.
    Roberto Giacomin

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