Urbeginn und Ziel im Grundsteinspruch­

Der dreifache Übe-Appell des Grundsteinspruchs weist den Weg zu den höheren Bewusstseinsstufen Imagination, Inspiration und Intuition. Das ergibt sich aus den sieben Rhythmen des Spruchs. Das Üben ist sein zentrales Anliegen.


Bei der Weihnachtstagung prägte Rudolf Steiner den Begriff ‹Dreiheit alles Seins›1. Dieser Gedanke durchzieht auch den Grundsteinspruch. Er spricht von den Urdreiheiten in Mensch und Kosmos. Am Anfang steht der dreigegliederte Leib des Menschen (Gliedmaßen-, Herz/Lungen-, Hauptsystem). Ihm wird (im zweiten Teil) das Walten der göttlichen Trinität gegenübergestellt: Vater, Sohn und Geist. Das wird ergänzt durch das Anrufen der drei Engelhierarchien und klingt aus in dem dreigliedrigen Rosenkreuzerspruch.

Im Zentrum des Grundsteinspruchs steht das dreifache Üben. Die Begriffe Geist-Erinnern, Geist-Besinnen und Geist-Erschauen sind zu allgemein gefasst, um sie auf Anhieb dem Kosmos der Urdreiheiten einfügen zu können. Ein Schlüssel zum Verständnis liegt in der richtigen Deutung des Begriffs ‹Erinnerung›. Im Grundsteinspruch wird dieser aus zwei verschiedenen Perspektiven verwendet. Das ergibt sich aus den Rhythmen des Spruchs. Im ersten Rhythmus fehlt das Üben. Der Blick ist rückwärts- gewandt auf die Schöpfung des Menschen: «Geist-Erinnern – das eigne Ich im Gottes-Ich erweset» (Vater). Es steigt dann auf zum Christus-Ereignis: «Das eigne Ich dem Welten-Ich vereinen» und vollendet sich im Pfingstgeschehen: «Dem eignen Ich zu freiem Wollen schenken».

Zeitlicher Doppelstrom

Im zweiten Rhythmus kehrt sich das Geschehen um. Das Geschenk des freien Wollens wird zum Neuanfang. Es beginnt ein Aufstieg vom wahrhaften Denken zum wahrhaften Fühlen und schließlich zum wahrhaften Leben. Das ‹wahrhafte› Leben ergibt sich als Frucht des Geist-Erinnerns, um dessen richtige Deutung es geht. Nach meiner Auffassung ist es als eine Umschreibung des Begriffs ‹Intuition› zu verstehen. Dementsprechend würde das Geist-Besinnen auf die Bewusstseinsstufe der ‹Inspiration› und das Geist-Erschauen auf die der ‹Imagination› hindeuten. Im Folgenden möchte ich versuchen, das näher zu begründen.

Geist-Erschauen (Imagination)

Zur Erlangung des imaginativen Bewusstseins ist der wahrnehmende und denkende Mensch in besonderer Weise gefordert. Im Bereich des Wahrnehmens soll zum Beispiel das Bewusstsein auf ein Samenkorn oder auf eine absterbende Pflanze gelenkt werden. Das führt zu bestimmten inneren Erscheinungen (Flammenbildung, Farben). Andere Konzentrations- und Kontemplationsübungen rufen Töne, Gerüche usw. hervor. Sie sind losgelöst von den Dingen, weil die Übenden sie selbst hervorgebracht haben. In den ‹Stufen der höheren Erkenntnis› spricht Rudolf Steiner davon, dass sie zunächst «frei im Raume schweben»2. Dabei bleibe es nicht. Im nächsten Schritt zeige das imaginative Erkennen, dass die Erscheinungen Ausdruck von Wesenheiten sind. Sie sprechen durch die Farben, Töne usw. wie in Bildern zu uns.

Ausgangspunkt und Basis des imaginativen Erkennens ist die Meditation. Diese wird unterstützt durch die Aneignung des «sinnlichkeitsfreien Denkens». In der ‹Geheimwissenschaft› spricht Rudolf Steiner von der «inneren Gediegenheit», die das imaginative Erkennen dadurch erreicht.3 Das Studium der Geisteswissenschaft, idealerweise der ‹Philosophie der Freiheit›, sei das geeignete Übungsmittel. Durch diese Erkraftung des Denkens erheben sich die Vorstellungen zu inhaltsvollen Bildern und diese zu Kundgebungen einer höheren Welt: «Und du wirst wahrhaft denken in Menschen-Geistes-Gründen.»

Geist-Besinnen (Inspiration)

Mit dem Geist-Besinnen wird der mittlere Mensch angesprochen. Aufgabe ist es, trotz des sich ständig von außen aufdrängenden Denkens und Wollens eine Mitte im Gefühlsbereich zu finden. Die Übungen, die zu innerer Ruhe führen, die ein reiches Innenleben anstreben, die zur Achtsamkeit anregen, sind neben der Meditation eine Grundbedingung für die Erlangung der Inspirationsstufe. Im Mittelpunkt steht die bewusste Schulung der Gefühlswelt. In den ‹Stufen der höheren Erkenntnis› heißt es hierzu, dass sich die Übenden die Fähigkeit aneignen müssen, «die ganze Stufenfolge von Gefühlen […] im Besitz der Wahrheit zu durchleben».4 Schließlich gilt es, was an reichem Innenleben erreicht ist, bewusst einzusparen, zurückzuhalten. Rudolf Steiner spricht von «Ersparnissen». Durch sie würden die Gefühle «schöpferisch». Während die Imagination bildhafte Kundgebungen hervorruft, führt die Inspiration zu Offenbarungen der höheren Wesen: «Sie [die Ersparnisse, A. d. A.] schaffen das Material zu den Vorstellungen, in denen sich die geistige Welt offenbart.» «Und du wirst wahrhaft fühlen im Menschen-Seelen-Wirken.»

Geist-Erinnern (Intuition)

Die Fortsetzung und Steigerung der Imaginations- und Inspirationsübungen führt zur Intuition. Die Willenssphäre wird besonders angesprochen. Das zeigt sich in der Erfordernis, alles, was an Bildern und inneren Seelenerlebnissen durch die Imaginations- und Inspirationsübungen erreicht ist, aus dem Bewusstsein wieder auszulöschen. Damit wird der Raum geschaffen, in dem der Mensch den höheren Wesen unmittelbar begegnen kann. Er ‹verschmilzt› mit ihnen. Das geschieht nicht unter Auslöschung des eigenen Bewusstseins, sondern im Gegenteil «unter völliger Aufrechterhaltung seiner eigenen Wesenheit»5. «Und du wirst wahrhaft leben im Menschen-Welten-Wesen.»

Damit erklärt sich die Doppelbedeutung des Begriffs Erinnerung. Hier verwendet ihn Rudolf Steiner als das Zurückkehren zu dem, aus dem der Mensch einst durch die Schöpfung entstand. Der Begriff Erinnerung enthält somit zugleich Urbeginn und Ziel. Er soll auf den (unbewussten) Ausgangspunkt und die (bewusste) Rückkehr in/zu Gott hinweisen. Im Alten Testament heißt es schon prophetisch: «Mein Wort kommt nicht leer zu mir zurück.»6

Höchste Ziele

Mit dem Erfassen der tieferen Bedeutung des Geist-Erschauens, Geist-Besinnens und Geist-Erinnerns können wir diese (als Ziel der Bewusstseinsentwicklung des Menschen) der ‹Dreiheit alles Seins› zuordnen. Nun erklärt sich auch, warum das Üben das Hauptanliegen des Grundsteinspruchs ist. Dritter, vierter und fünfter Rhythmus beginnen jeweils mit dem Übe-Appell. Er ist im Sinne des Pfingstgeschenks als Aufruf zur Betätigung des ‹freien Wollens› zu verstehen. Die hohe Bedeutung des Übens wird dadurch unterstrichen, «dass es in einen direkten Zusammenhang mit der göttlichen Trinität (3. Rhythmus), den drei Engel-Hierarchien (4. Rhythmus) sowie dem Christus-Impuls (5. Rhythmus) gebracht wird: Dass gut werde, was wir aus Herzen gründen, aus Häuptern zielvoll führen wollen.»

Rudolf Steiner regte bei der Weihnachtstagung an, die sieben Rhythmen des Spruchs zu meditieren. Dadurch würden sich Weltengeheimnisse offenbaren können.7 In diesem Zusammenhang möchte ich noch einen kurzen Blick auf die beiden letzten Rhythmen wenden, die weitere Ziele der Evolution andeuten.

Der sechste Rhythmus spricht von der Erwartung der Elementargeister, die Menschen mögen den Christus-Impuls aufgreifen. Sie selbst vernehmen (hören) ihn zwar, sind aber bewusstseinsmäßig nicht in der Lage, sich ihm anzuschließen. Sie sind auf das Tätigwerden des Menschen angewiesen. Nur diese können sie aus ihrer Fesselung an die Materie erlösen. Die Erlösung geht einher mit der Höherentwicklung (Vergeistigung) der Erde. Mit dem siebten Rhythmus kehren wir zum Ausgangspunkt des Grundsteinspruchs zurück. Der dreigegliederte Leib des Menschen hat seinen Ursprung in der göttlichen Trinität. Ziel ist dessen Umwandlung in den Geistesmenschen. Damit wird gleichzeitig die Substanz für eine zukünftige Erde geschaffen: «Leiblichkeit ist das Ende der Werke Gottes – Leiblichkeit ist der Anfang der Werke des Menschen.»8


Der Artikel erschien erstmalig in ‹Anthroposophie›, Michaeli-Ausgabe 2022.

Grafik Sofia Lismont

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Fußnoten

  1. Die Weihnachtstagung zur Begründung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft, 25.12.1923 vormittags (GA 260).
  2. Rudolf Steiner, Stufen der höheren Erkenntnis (GA 12). Kap. ‹Die Imagination›.
  3. Rudolf Steiner, Die Geheimwissenschaft im Umriss (GA 13). Kap. ‹Die Erkenntnis der höheren Welten›, Dornach 1977, S. 340, 343.
  4. Siehe 2, Kap. ‹Die Inspiration›.
  5. Siehe 2, Kap. ‹Inspiration und Intuition›.
  6. Jesaja 55/11.
  7. Siehe 1, Besprechung des zweiten Rhythmus am 27.12.1923, 10 Uhr.
  8. Zitiert nach Michael Debus in ‹Goetheanum› 33–34/2004.

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