Kosmologie aus dem Einssein erforschen

Die Naturwissenschaft geht davon aus, dass physikalische Gesetze von heute die Vergangenheit erklären und bis an den Ursprung des Kosmos zurückführen. Die anthroposophische Geisteswissenschaft erweitert diesen Blick durch das Verständnis der lebendigen Evolution, die aus der geistigen Entwicklung erwächst. Hier versucht Matthew E. Kenyon, selbst in der Weltraumforschung für die NASA tätig, seine spirituelle und seine berufliche Arbeit miteinander in Einklang zu bringen.


Aus der Sicht der konventionellen Wissenschaft erscheint die Kosmologie Rudolf Steiners, wie sie in seiner ‹Die Geheimwissenschaft im Umriss› und an anderer Stelle in der Anthroposophie zu finden ist, ein Fantasiegebilde. Warum? Weil die konventionelle Wissenschaft davon ausgeht, dass vergangene Epochen der Entwicklung der Erde wie auch des Universums als Ganzes durch Kalkulation der Erfahrung der gegenwärtigen Zustände in die Vergangenheit verstanden werden können. Vielleicht ist auf keinem anderen Gebiet der konventionellen Wissenschaft dieser Prozess der rückwärtsgerichteten Prognose gegenwärtiger Zustände in die Vergangenheit auffälliger als auf dem Gebiet der modernen Kosmologie. Kosmologen und Kosmologinnen begehen unwissentlich den Fehler, zu glauben, dass das urzeitliche Universum mit ihren Teleskopen direkt beobachtbar ist. Sie richten ihre Teleskope auf sehr weit entfernte Himmelsobjekte und schließen daraus, dass sie Licht sehen, das Milliarden von Jahren alt ist, weil Licht so lange braucht, um große kosmologische Entfernungen zurückzulegen. Aufgrund dieser falschen Annahme stellen die Schlussfolgerungen der modernen Kosmologie ein besonders hartnäckiges Hindernis für die Akzeptanz der Kosmologie der ‹Geheimwissenschaft› dar, denn die moderne Kosmologie wird weit und breit als der Gipfel der wissenschaftlichen Errungenschaften gepriesen. Doch die heutige Kosmologie beobachtet nicht direkt das Universum aus der Vergangenheit, weil sich die Naturgesetze selbst im Laufe der Zeit nach höheren geistigen Gesetzen entwickeln, wodurch sich auch das Licht, das sich durch den Raum bewegt, weiterentwickelt.

Naturgesetze ändern sich

Diese Aussage steht im Widerspruch zur modernen Kosmologie, die das Universum als eine gigantische Maschine betrachtet, die sich nach einer Reihe von festen Naturgesetzen entwickelt. Der renommierte Kosmologe Stephen Hawking fasst diese Ansicht wie folgt zusammen: «Ich glaube, dass das Universum von den Gesetzen der Wissenschaft bestimmt wird. Die Gesetze mögen von Gott verfügt worden sein, aber Gott greift nicht ein, um die Gesetze zu brechen.» Die Behauptung, dass sich die Naturgesetze selbst weiterentwickeln, ist für Hawking und die moderne Kosmologie im Allgemeinen ketzerisch. Sie läuft darauf hinaus, festzustellen, dass die Naturgesetze in der Tat zerbrechen. Es ist jedoch nur deshalb ketzerisch, weil sie die Existenz des Menschen bei ihren wissenschaftlichen Bemühungen einfach ausklammern. Sie richten ihre Teleskope nach außen, um das Licht zu erforschen, das von fernen Himmelsobjekten ausgeht, aber sie wenden sich nicht ihren eigenen inneren Erfahrungen als denkende Wesen zu, die die Wahrheit im äußeren Universum und in sich selbst erfassen können. Würden sie sich selbst zum Gegenstand der Untersuchung machen, wie die Objekte im Blickfeld ihrer Teleskope, würden sie erkennen, dass man das Rätsel des Ursprungs und der Entwicklung des Universums nicht lösen kann wie einen hyperdimensionalen Zauberwürfel. Die Tatsache, dass wir Wahrheit erfahren können und dass es überhaupt Wissen gibt, erfordert eine völlig andere Herangehensweise an die Kosmologie, wie sie in der Anthroposophie zu finden ist.

Die heutige Kosmologie beobachtet nicht direkt das Universum aus der Vergangenheit, weil sich die Naturgesetze selbst im Laufe der Zeit nach höheren geistigen Gesetzen entwickeln.

Steiner betonte diesen anderen Ansatz, indem er zum Beispiel den Mitarbeitenden des Goetheanum immer wieder sagte: «Sehen Sie, der Astronom sagt: ‹Was ich da mit dem bloßen Auge sehe, das imponiert mir nicht; ich muss mit dem Fernrohr hinschauen. Dann verlasse ich mich auf das Fernrohr; das ist mein Instrument.› Die Geisteswissenschaft sagt: ‹Ach, was betrachtet ihr mit Fernrohren! Da seht ihr natürlich viel; wir wollen das auch anerkennen; aber das beste Instrument, das man verwenden kann, um das Weltenall zu erkennen, das ist der Mensch selber.› Am Menschen erkennt man alles. Der Mensch selber ist das beste Instrument, weil sich im Menschen alles zeigt.»1

Bild: Das Hubble-Weltraumteleskop schwebt an der Grenze zwischen Erde und Weltraum. Quelle: NASA

Aber um uns zu einem Instrument zu machen, das das beeindruckende Hubble-Weltraumteleskop oder das kürzlich in Betrieb genommene hochmoderne James-Webb-Weltraumteleskop (JWST) ersetzt, bedarf es keiner technologischen Revolution in der uns umgebenden Welt, sondern vielmehr einer geistigen Revolution in uns selbst. Wir müssen unsere Denkfähigkeit umfassend umwandeln, was diejenigen von uns, die den Lehren Rudolf Steiners folgen, als einen zeitgemäßen Einweihungsweg erkennen. Die Menschheit erlebt ihre Gedanken heute in schattenhaften Abstraktionen, weil sie im Netz des intellektuellen Materialismus gefangen ist. Darauf beruht auch die moderne Kosmologie. Diese unhaltbaren Annahmen werden nur deshalb nicht allgemein anerkannt, weil wir vom abstrakten Denken völlig verzaubert sind und diese Denkweise ihre eigenen Ursprünge nicht begreift.

Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen sind der Überzeugung, die selten infrage gestellt wird, dass die Naturgesetze seit Anbeginn des Universums gleich geblieben sind. Alle Überlegungen zur Entstehung des Universums, der Erde und der Naturreiche beruhen auf dieser grundlegenden Annahme, dass die Naturgesetze während der gesamten Lebensdauer des Universums konstant sind.

Aus dieser Überzeugung heraus wird das Licht untersucht, das von Himmelsobjekten (z. B. Sternen, Galaxien usw.) zur Erde kommt, um die Frage zu beantworten: «Woher kommt das alles?» Da das Licht von weit entfernten Himmelsobjekten sehr lange braucht, um die Teleskope zu erreichen, meint man die Eigenschaften dieser entfernten Himmelsobjekte so zu beobachten, wie sie vor sehr langer Zeit waren. Forschende heute kommen zum Beispiel zu dem Schluss, dass das Licht, das jetzt von unserem nächsten galaktischen Nachbarn – der Andromeda-Galaxie – auf die Erde fällt, 2,5 Millionen Jahre alt ist. Sie gehen davon aus, dass dieses Licht, das durch das Universum zieht, eine konservierte Zeitkapsel ist. Indem sie dieses Licht in sein Spektrum zerlegen (man denke an weißes Licht, das auf ein Prisma trifft), können sie die Beschaffenheit der untersuchten Himmelsobjekte verstehen, als diese noch sehr jung waren. Insbesondere geht die Wissenschaft davon aus, dass sich aus dem Spektrum des Lichts wichtige physikalisch greifbare Eigenschaften wie die chemische Zusammensetzung, die Temperatur und die Dynamik dieser Himmelsobjekte bestimmen lassen, wie sie vor Millionen und sogar Milliarden von Jahren waren. Auf dem Gebiet der modernen Kosmologie ist der Einfluss der Annahme, dass sich die Naturgesetze niemals ändern, kaum zu überschätzen. Wenn wir uns jedoch ernsthaft bemühen, zu verstehen, wie all die Dinge in unserem Universum entstanden sind – von den Sternen über die Pflanzen und Tiere bis letztlich zu uns selbst –, müssen wir diese Annahme der Konstanz der Naturgesetze ernsthaft infrage stellen.

Bild: Die Weltraumteleskope Spitzer und Hubble der NASA haben sich zusammengetan, um das Chaos aufzudecken, das Baby-Sterne 1.500 Lichtjahre entfernt im Orion-Nebel verursachen. Quelle: NASA/JPL-Caltech/STScI

Wir können unsere unmittelbare Erfahrung der Wahrheit im äußeren Universum wie auch in unserer inneren Erfahrung erkennen. Dann entdecken wir, dass unser Denken ein Tor zum Geist ist, der das höhere Ordnungsprinzip ist.

Sinneswissenschaft beruht auf der Gegenwart

Alles, was wir mit unseren Sinnen erfahren, geschieht in der Gegenwart. Wenn wir ferne Sterne und Galaxien mit Teleskopen beobachten, die die Reichweite unserer Sinne erweitern, und mit unserem Verstand Begriffe über diese Sinnesphänomene bilden, sind wir in unserer gegenwärtigen Epoche gefangen. Wir können nur mutmaßen, dass das Licht, das wir von fernen Sternen und Galaxien empfangen, eine unveränderte Zeitkapsel mit Schätzen aus der Vergangenheit ist. Wir können intellektuell über diese Sinnesphänomene spekulieren, indem wir annehmen, dass die Naturgesetze schon immer konstant waren. Aber stützen die Befunde eine solche Annahme?

Um diese Frage zu beantworten, wenden wir uns unserer inneren Erfahrung zu. Wenn wir aufgeschlossen und unvoreingenommen sind, ist es naheliegend, dass wir unsere inneren Erfahrungen einbeziehen, wenn wir das Licht, das auf unsere Teleskope fällt, untersuchen. Wir nutzen das Licht als Tatsache, um Rückschlüsse auf den Ursprung des Universums zu ziehen, aber auch unsere innere Erfahrung stellt sich als unbestreitbare Tatsache dar. Typischerweise hat die Selbstbeobachtung in der Kosmologie keinen Platz. Diese Wissenschaft geht implizit davon aus, dass unsere bewussten Erfahrungen lediglich subjektiv sind und daher bei der Untersuchung des Universums keine Rolle spielen.

Jedoch wird das Denken genutzt, um die Naturgesetze zu erfassen, während gleichzeitig das Denken als rein subjektiv betrachtet wird. Dies ist ein unhaltbares Paradox. Der intellektuelle Materialismus zeichnet sich dadurch aus, dass er dem Denken nicht den ihm gebührenden Platz im Universum einräumt. Wenn wir in der Lage sind, uns vom intellektuellen Materialismus zu befreien und zu erkennen, dass die innere Erfahrung des Denkens selbst die Kategorien von Objektivität und Subjektivität transzendiert, dann haben wir keine Schwierigkeiten, das Glaubensbekenntnis abzustreifen, dass die Naturgesetze schon immer konstant gewesen sind. Warum? Weil die Evidenz unserer inneren Erfahrung des Denkens uns direkt die Unmöglichkeit offenbart, dass eine Reihe von festen Naturgesetzen, die das Universum formen, gleichzeitig unsere inneren Erfahrungen formen könnten. Wie können beispielsweise die Gesetze des Elektromagnetismus zu den Gesetzen des Denkens führen? Wenn wir uns Gedanken über die Gesetze des Elektromagnetismus machen, sind wir nicht an diese Gesetze gebunden. Die Gesetze des Denkens funktionieren ganz anders als die Gesetze des Elektromagnetismus. Die Gesetze des Denkens können uns dazu bringen, die Wahrheit zu erfassen, während die Gesetze des Elektromagnetismus einfach in der Außenwelt wirken (hier zählen wir das Gehirn zu den Dingen der Außenwelt).

Foto: Owen Rupp, Unsplash

Die Mainstream-Wissenschaft versteht, einfach ausgedrückt, das Denken nicht. Sie setzt das Denken mit bloßer Gehirnaktivität gleich. Dies ist wichtig, weil die Herangehensweise an das Denken selbst, die auf dem vorherrschenden Paradigma beruht, unsere Fähigkeit verdeckt, zu erkennen, wie das Denken auf Prinzipien außerhalb des Nexus der Naturgesetze beruht. Im reinen Denken – was nichts anderes bedeutet, als dass wir direkt mit den Gesetzen des Denkens arbeiten – erkennen wir, dass ein höheres Ordnungsprinzip die Wahrheit der Gesetze, wie wir sie im äußeren Universum beobachten, und die Wahrheit der Gesetze, wie wir sie in unserer inneren Erfahrung denken, in Einklang bringen muss. (Das reine Denken wird in Rudolf Steiners ‹Die Philosophie der Freiheit› besprochen, und hier kann nur ein bestimmter Aspekt des reinen Denkens angesprochen werden, um die Folgerungen dieses kurzen Aufsatzes zu unterstützen.)

Wenn wir uns vom intellektuellen Materialismus lösen und unsere unmittelbare Erfahrung der Wahrheit im äußeren Universum wie auch in unserer inneren Erfahrung erkennen, entdecken wir, dass unser Denken ein Tor zum Geist ist und wir können diesen Geist als das höhere Ordnungsprinzip erfahren. Naturgesetze sind die Folge von geistigen Gesetzen. Solche neue Überzeugung führt zu einer tiefen Kluft zwischen der modernen Wissenschaft und dem Menschen, der zu der objektiven Existenz des Geistes erwacht, aber diese Kluft ist unvermeidlich. Wenn das Streben nach der ganzen Wahrheit uns wirklich motiviert, dann haben wir keine andere Wahl, als zu akzeptieren, dass die moderne Wissenschaft Überzeugungen vertritt, die nicht mit der Erfahrung übereinstimmen. Das macht auch die Annahme unhaltbar, dass das Licht von fernen Objekten während seiner Reise zur Erde grundsätzlich unverändert bleibt.

Ein einziger Weltprozess

Stattdessen entwickelt sich das Licht auf seinem Weg durch den interstellaren Raum weiter, weil die physische Welt tatsächlich von der geistigen Welt begrenzt wird und die geistige Welt sich nach eigenen Gesetzen weiterentwickelt. Um zu einer solchen Feststellung zu gelangen, müssen wir uns von unserer Vorstellung vom interstellaren Raum und dem Kosmos als Ganzem lösen, die sich seit dem Beginn der modernen Kosmologie durch Galilei, Kepler, Kopernikus und andere vor vielen Jahrhunderten herausgebildet hat. Diese Vision sieht den Kosmos als eine Maschine von überwältigendem Ausmaß, die von festen Gesetzen gesteuert wird, und die Menschheit selbst als völlig irrelevant für die dem Kosmos innewohnende Natur und Evolution. Rudolf Steiners Lehren können hier von großem Nutzen sein, denn sie zeigen, wie der Makrokosmos, der uns umgibt, und der Mikrokosmos in uns zwei Hälften eines einzigen vereinten Ganzen bilden.

Foto Jonas von Werne, Unsplash

Wenn wir uns auf den Mikrokosmos konzentrieren, erfahren wir, wie sich die Menschheit in Körper, Seele und Geist durch verschiedene Epochen hindurch entwickelt. So erfahren wir zum Beispiel, wie der Mensch seit der atlantischen Urzeit langsam die Fähigkeit entwickelte, die Außenwelt in Farben und Formen wahrzunehmen. Wir lernen, dass der Mensch – um diese Fähigkeit zu entwickeln, Bilder der Außenwelt in seinem Bewusstseinsfeld so zu erleben, wie er es heute tut – über weite Strecken der Zeit tiefgreifende Veränderungen in seiner Konstitution auf der Ebene von Körper, Seele und Geist vornehmen musste. Aber damit so etwas wie das Sehvermögen in dem vom Menschen definierten Mikrokosmos entstehen konnte, mussten sich auch der Makrokosmos und die Gesetze der physischen Welt entwickeln. Mit anderen Worten: In der atlantischen Urzeit waren die Bedingungen auf unserer Welt so anders, dass die physikalischen Gesetze, wie wir sie heute kennen, einfach anders waren. Das ist gar nicht so weit hergeholt, wenn wir einsehen, dass es nur einen Weltprozess gibt, der die äußere Welt des Kosmos und die innere Welt der Menschheit regiert.

Diese Art von Beobachtungen ist der modernen Kosmologie mit ihrem einseitigen empirischen Ansatz zur Erforschung der Natur völlig fremd. Folgten moderne Kosmologinnen und Kosmologen dem von Rudolf Steiner initiierten interdisziplinären empirischen Ansatz und versuchten, zu verstehen, warum sie durch ihre Augen tatsächlich Bilder in ihrem Bewusstsein sehen, dann wären sie möglicherweise auch bereit, zu folgern, dass das Licht während des Fluges ebenso wie alles andere im Universum eine Evolution erfährt. Im Übergang der geistigen Welt von Epoche zu Epoche bleiben die Gesetze der Physik im gesamten Raum-Zeit-Kontinuum und das Kontinuum selbst nicht verschont. Eine Folge dieser Überlegungen ist, dass die tatsächlichen Bedingungen des Uruniversums niemals mit einem Teleskop direkt erfahren werden. Das Teleskop kann nur sich entwickelnde Phänomene zeigen, die von einer höheren geistigen (z. B. übersinnlichen) Ordnung gesteuert werden.

Es ist nicht möglich, mit unseren Sinnen zu erkennen, dass sich die Naturgesetze entwickeln, denn unsere Sinne sind an den Nexus der physikalischen Gesetze gebunden, die das gegenwärtige Universum definieren. Wir müssen uns von unseren Sinnen befreien, um hinter den Schleier unserer Sinne zu blicken und zu sehen, wie der Geist die Entwicklung des physischen Universums steuert. Das reine Denken liefert die Methode, mit der wir dies tun können.

Rudolf Steiner sagt in ‹Das Verhältnis der verschiedenen naturwissenschaftlichen Gebiete zur Astronomie›: «Daher haben wir zu unterscheiden, selbstverständlich auch in der Genesis der Erde, eine Phase, in der starke Wirkungen so auftreten, dass aus dem Kosmos heraus konstituiert wird die Erde selbst, und eine spätere Phase der Erdenentwickelung, wo die Kräfte so wirken, dass konstituiert wird das Erkenntnisvermögen für diese realen Dinge. Nur auf diese Weise kommt man wirklich heran an die Welt.»2 Dieses Zitat unterstellt, dass die Naturgesetze heute nicht dieselben sein können wie in einer früheren Phase, in der «konstituiert wird die Erde selbst». Wir sollten hier an die sieben Tage der Schöpfung denken. Jeder Schöpfungstag ist tatsächlich eine Epoche, in der die Prinzipien oder Gesetze, die diese Epoche bestimmen, anders sind. Dies hat zur Folge, dass das Licht, das vom Rand des Weltalls kommt, nicht wirklich dasselbe Licht vom Anbeginn der Zeit sein kann. Das Licht, das vom Anbeginn der Zeit zu kommen scheint, ist Licht, das für die gegenwärtige Epoche geeignet ist. Was macht dieses Licht geeignet? Karma. Es ist unser Karma, das letztlich die Art des Lichts bestimmt, das wir in unseren Teleskopen beobachten. Auch aus diesem Grund ist es so wichtig, sich dem reinen Denken zuzuwenden, um die Grundlagen des Universums zu verstehen.

So radikal diese Feststellung für die gegenwärtige Kosmologie und für gebildete Menschen im Allgemeinen auch sein mag, es gibt nur eine Lösung, um den Ursprung und die Entwicklung des Universums zu verstehen: Als Kosmologe muss ich in meinem Streben nach einer Antwort auf die Frage ‹Woher kommt das alles?› meine eigene Natur umwandeln und ein ‹Kosmosoph› – ein Geisteswissenschaftler – werden, wenn ich eine befriedigende Antwort auf die wichtigen Fragen des Lebens finden will. Es braucht eine neue Methode, um die Entwicklung des Universums zu verstehen. Wie Steiner in dem obigen Zitat weiter ausführt: «Sie können nun sagen: Ja, das ist eine Erkenntnismethode, die heute mit dem Mikroskop und dem Teleskop befolgt wird. Mag sein, dass sie dem Menschen weniger sicher vorkommt, aber wenn die Dinge so beschaffen wären, dass man eben mit denjenigen Methoden, die heute beliebt sind, nicht an die Realität herankommen könnte, wenn eben die absolute Notwendigkeit vorläge, dass man mit anderen Arten des Erkennens die Wirklichkeit umfassen muss, dann muss man sich eben bequemen, diese anderen Arten des Erkennens auszubilden.»

Der Mensch ist dem äußeren Weltraum untrennbar vereint

Diese anderen Methoden sind in der Anthroposophie zu finden und bilden den Weg der Einweihung. Ein Kosmosoph ist eine Person, die den Prozess der Einweihung durchmacht, bei dem sie ihre ganze Person (Körper, Seele und Geist) einsetzt, um in die geistige Welt einzutreten und zu verstehen, wie sich geistige Gesetze in der physischen Welt ausdrücken. Indem sie sich verwandelt, ist sie in der Lage, die Schwelle zur geistigen Welt zu überschreiten und sich zu einem Instrument zu machen, das geeignet ist, über unsere gegenwärtige Epoche hinauszugelangen und den Ursprung des Universums auf eine Weise zu begreifen, die die tieferen Bedürfnisse unserer Menschlichkeit erfüllt. Wir können die Frage nach dem Ursprung des Universums nicht von unserem eigenen Menschsein trennen.

Im Übergang der geistigen Welt von Epoche zu Epoche bleiben die Gesetze der Physik im gesamten Raum-Zeit-Kontinuum und das Kontinuum selbst nicht verschont.

Ein letzter Gedanke: Der Übergang zur Geisteswissenschaft ist für die Technologinnen und Technologen, die sich eine andere Aufgabe gestellt haben, nicht notwendig. Da die Technologie mit den gegenwärtigen Naturgesetzen arbeitet, müssen wir einsehen, dass die Existenz technologischer Wunderwerke – vom iPhone bis zum James-Webb-Weltraumteleskop (JWST) – nicht auf der Annahme beruht, dass die Naturgesetze schon immer dieselben waren. Für Technologie werden gegenwärtige Prozesse aus der Natur entlehnt, um materielle Geräte mit einem bestimmten Zweck zu erfinden. Die Errungenschaften der Technologie müssen von der spekulativen Prognose der Kosmologie getrennt werden, die behauptet, vergangene Epochen von unserer heutigen Epoche aus direkt zu beobachten, indem sie mit den neuesten Teleskopen das Licht von weit entfernten Himmelsobjekten untersucht. Leider wird diesen spekulativen Berechnungen Glaubwürdigkeit geschenkt, weil die Menschen unwissentlich die irrealen Vermutungen von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen, die sich in intellektuellen Spielereien über die Vergangenheit ergehen, mit der sehr realen Technologie, die unsere Kultur heute beherrscht, in einen Topf werfen.

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Footnotes

  1. Rudolf Steiner, Die Geschichte der Menschheit und die Weltanschauungen der Kulturvölker. GA 353, Dornach 2018, S. 261.
  2. Rudolf Steiner, Das Verhältnis der verschiedenen naturwissenschaftlichen Gebiete zur Astronomie. GA 323, Dornach 1997, S. 195 f.
  1. Ich bin sehr erfreut über Herrn Matthew Kenyons Beitrag! Denn es ist wahrlich höchst zeitgemäß und überfällig den Abgrund zwischen heutiger Mainstreamwissenschaft und Rudolf Steiners antroposophischer Geisteswissenschaft möglichst vielfältig und authentisch im öffentlichen Gespräch zu beleuchten. Es scheint mir, dass man sich unter uns seit langer Zeit, en gros gesprochen, diesem Thema im sozusagen mutlos verweigerte. Gerade jetzt, im Hinblick auf die gesellschaftlich aktuellsten Themen, die Klima- und die Gesundheitsfragen,ist ein mit- und weiterdenken von Kenyons Blick in den Abgrund hoffnungbringend.

  2. Danke für diesen Artikel! Ein Brückenschlag zwischen Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft. Es wird deutlich, und das halte ich für äusserst wichtig, dass beide nicht unvereinbar sind.

  3. Vielen Dank für diesen wichtigen Artikel! In der Tat wird durch die innere Beobachtung und Erfahrung des Denkens das Weltbild der materialistischen Kosmologie, der materialistischen Naturwissenschaft überhaupt mit der Geisteswissenschaft zu versöhnen sein. Der amerikanische Philosoph Thomas Nagel hat in seinem Buch „Geist und Kosmos“ (2012) einen „great cognitive shift“ gefordert, durch den Bewusstsein und Erkennen ins Zentrum einer neuen Weltauffassung gestellt werden. Matthew Kenyons Artikel ist ein sehr erfreulicher Schritt auf diesem Weg.

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