Ich schaue in die Welt

Ich schaue in die Welt

Eine Gruppe Menschen, zum Teil Mitarbeitende des Goetheanum, versenkt sich seit etwa 14 Jahren jede Woche in ein und denselben Landschaftsausblick. Was bedeutet und bewirkt solch eine Treue im Lesen des Buchs der Natur für die Seele und die Natur? Das Gespräch führte Wolfgang Held.


Wie hat das Schauen begonnen?

Hans-Christian Zehnter Den Jahreslauf fortlaufend zu beobachten, geht noch auf eine Initiative in der Naturwissenschaftlichen Sektion vor der Jahrtausendwende zurück. 2004 habe ich diesen Impuls dann neu aufgenommen. Eine Tätigkeit am Goetheanum kann sich doch viel am Schreibtisch vor dem PC abspielen. Und ungewollt und unversehens ist man dann von der Natur entfremdet. Mit Li Klett, Georg Maier, Agnes Zehnter und anderen trafen wir uns wöchentlich, um jeweils für eine bis zwei Stunden in den Jahreslauf einzutauchen.

Wie kam es zum Standort südlich des Goetheanum?

Zehnter Aus pragmatischen Gründen, denn es sollte ein Ort sein, den man unkompliziert erreicht und der einen nahen und einen fernen Blick in die Landschaft erlaubt.

Was bedeutet es, als Gruppe zu schauen?

Esther Gerster Zum einen ist damit gewährleistet, dass immer jemand da ist, selbst an Weihnachten. Wenn man alleine dasteht, ist man zu schnell «fertig», die Gruppe hilft also, innezuhalten. Im Austausch zu erfahren, was jemand anderes sieht und entdeckt, das erweitert den Blick, und erst so kann ein vielfältiges Bild entstehen.

Zehnter Das ist auch eine Übungsfrage. Wir wissen alle, dass es um das Konzert der vielen Gesichtspunkte geht, aber dass tatsächlich der eine Blick den anderen nicht nur ergänzt, sondern auch inspiriert, das braucht Zeit. Mit der Zeit wächst auch die Gewissheit, dass man nicht nur Eindrücke empfängt, sondern dass wir etwas verwirklichen. Durch jeden wird auf besondere Weise und einzigartig die Landschaft im Blick erst Wirklichkeit. Zu schauen heißt ‹verwirklichen›. Jeder beobachtet anders und sieht anderes, und das erzählen wir uns. Da ist man nicht selten überrascht. Kürzlich sagte jemand, der schon lange mit uns so den Blick teilt, dass er erst jetzt den weißen Schornstein sehe, der da emporragt. Wir werden so durch unsere Mitmenschen wacher und lernen voneinander. Wir befinden uns nicht in einer konfrontativen Situation des Gegenübers; vielmehr geht ja unser Blick immer in eine gemeinsame Richtung.

Gerster Wir lernen Geduld und Empathie, uns auf den anderen Blick einzulassen. Dabei versuchen wir, zurückzufragen, um besser zu verstehen, was der andere meint, ohne in eine Diskussion zu geraten.

Die Gruppe hebt die Wahrnehmungsenergie?

Gerster Ja, es stärkt, und viele beschreiben, dass sie sich nach diesen 90 Minuten wieder ein bisschen mehr als Mensch fühlen, man hat eine Entwicklung durchgemacht.

Zehnter Tatsächlich erhöht sich die Wahrnehmungsintensität, aber auch die Durchhaltekraft. Und: Der einzelne Betrachter der Landschaft hat eine Tendenz zur Melancholie. Wie beispielsweise Peter Handke in seinen epischen Naturbeschreibungen. Die Gruppe bildet da ein heiteres, sonniges Gegengewicht.

Wie bei der Tour de France, wo nur die Gruppe diese hohe Leistung bringen kann?

Gerster Der Vergleich ist nicht schlecht, denn auch hier zieht oft jemand die Gruppe – und gibt der Arbeit Struktur.

Auf den ersten Blick ändert sich wenig, auf den zweiten unendlich viel. Fotos: Hans-Christian Zehnter

Ist es für die Landschaft ein Unterschied, ob sich ihr eine einzelne Person zuwendet oder eine Gruppe?

Gerster Dieser scheinbar beliebige Ausschnitt, den wir ausgewählt haben, ist etwas Besonderes geworden. Wir spüren, dass dieser Flecken Natur wöchentlich auf uns wartet.

Zehnter Eine Landschaft kann ja nicht wie ein Tier, dem man sich zuwendet, eine Reaktion zeigen. Hier muss sich die Kommunikation auf einer anderen Ebene ereignen. Das spielt sich in der eigenen Seele ab, es zieht uns dann regelrecht jeden Montag zu dieser Beobachtung hin.

Welche Resonanz entsteht?

Zehnter Wir folgen in der Beobachtung unter anderem dem von Dirk Kruse skizzierten Dreischritt Vitalität – Charakter – Würde. Nach dem vorhergehenden ausführlichen Blick auf das Gegenständliche der Landschaft öffnen diese Begriffe für das Leben, die Seele und den Geist der Szenerie. Dann folgen spontane Eindrücke, die wir uns gegenseitig erzählen. Dann fragen wir nach, wie Esther schon sagte: «Wo schaust du jetzt hin?» «Was hast du im Sinn, wenn du jetzt so sprichst?» Wir haben eine innere und eine äußere Ausrichtung und dazu befragen wir uns gegenseitig. Das lässt uns uns gegenseitig verstehen und ist auch eine gute Korrekturmöglichkeit.

Gerster So kann zum Beispiel die Vitalität in der Luft zu fassen sein, aber auch im Wässrigen – da sind also alle Ätherarten möglich, ohne dass wir uns hier auf die klassisch-anthroposophische Terminologie festlegen. Aber diese zeigt sich doch auch ganz zwanglos, wenn wir uns gegenseitig befragen. Da kann jemand zum Beispiel von einer quellenden Kraft aus dem Boden sprechen, die sich aber nicht entfalten kann, weil die Fülle des Lichtes «ihre Hand auf der Landschaft hat». So sind manchmal die Formulierungen aus der inneren Beobachtung. Man hört eine solche Aussage, taucht nachempfindend ein und fragt sich dann tastend, ob man da mitgehen kann. Nach der Vitalität geht es darum, auf die seelische Dimension zu schauen. Wenn die Landschaft ein Tier, ein Mensch wäre, was würde man erleben? Als wir zum Beispiel das Bild einer liegenden wiederkäuenden Kuh für die Stimmung des aktuellen Ausblicks fanden, waren Vitalität und Beseelung zusammen – und sogar die Würde. Denn es hat eine besondere Würde, wenn dieses mächtige Tier so gelassen das Gras mahlt.

Zehnter Am Anfang habe ich mich auf die Frage nach Ortsengeln und Elementarwesen konzentriert. Das habe ich dann aber immer mehr gelassen, weil ich gespürt habe, dass unser Schauen nicht darauf zielt, hellsichtig diese Geister der Natur zu erfahren. Vielmehr soll es uns fähig machen, mit dem Christus im Jahreslauf mitgehen zu können. Nach der Naturbeobachtung versenken wir uns in die Wochensprüche von Rudolf Steiner und danach in die angegebenen Perikopen, also die wöchentlichen Evangelienstellen, und setzen diese nun in Bezug zum Jahreslaufgeschehen. Es ist eine große und beglückende Entdeckung, dass diese Stellen nicht nur Sinn im Kontext einer Evangelienexegese erhalten, sondern auch durch den Kontext des Jahreslaufgeschehens.

Gerster Auch erleben wir einen Wechsel, eine Veränderung in der Natur, in der Lichtqualität, in der Erscheinungsweise der Welt. Oft sind es dann gerade die Momente, in denen die ‹Lichtsprüche› im Seelenkalender auftreten. Das sind die vier Sprüche, in denen in der ersten Zeile das Wort Licht vorkommt. Und das scheinen für uns dann die Momente, in denen die Regentschaft von einem Erzengel zum anderen weitergereicht wird. So etwas ist in der Landschaft zu sehen!

Die Landschaft erscheint vornehmlich episch, oder bietet die Beobachtung doch Überraschungen?

Gerster Wir beginnen unsere Naturarbeit ja damit, dass wir mit dem Rücken zur gewählten Landschaft stehend zuerst auf die Erlebnisse der letzten Beobachtung zurückschauen und wieder ein Bild vor dem inneren Auge aufbauen. Dann folgt ein Vorblick, also die Frage: Was erwarten wir denn jetzt? Man kann sich ja ungefähr denken, wie es bei diesem Licht, dieser Luft und Temperatur jetzt dort drüben wohl aussehen müsste. Wie der Blauen-Berg jetzt wohl sichtbar ist, wie die Siedlung mehr oder weniger im Dunst liegt. Dann wenden wir uns um, und es ist jede Woche eine Überraschung, selbst nach vielen Jahren der Beobachtung. Es ist jedes Mal anders. Das ist jede Woche ein Geschenk, dass es doch so anders ist, als du erwartest, dass die Natur so unendlich viele Register ziehen kann. Wir fragen uns dann oft: «Steht da ein neues Haus, haben die Gärtner den Garten verändert?» So umfassend ist der Unterschied von Woche zu Woche.

Zehnter Ich habe ganz am Anfang noch am Sonntag davor den Wochenspruch und die Perikope gelesen, habe es aber dann bald gelassen, um wirklich ‹unwissend› zu sein, wenn ich mich dem Eindruck der Natur überlasse. Es ist dann auch umso befriedigender, wenn man anschließend im Tierkreisspruch, im Wochenspruch oder in der Perikope Übereinstimmungen findet.

Gerster Eine Teilnehmerin bringt manchmal ihre Leier mit und spielt die Dur- und Molltonleiter in der Tonart der Tierkreisstimmung. Je nach Landschaftseindruck meint man eine andere Tonleiter zu hören. Alles scheint sich gegenseitig zu beleuchten, aufeinander abzustimmen – so ist mein Eindruck. Auch der Wochenspruch, zehn Jahre gelesen, erscheint immer wieder als ein neuer Spruch.

Was gibt die Landschaft der Seele zurück?

Gerster Über kurz oder lang lebt man in diesem Strom genaueren Hinsehens, auch wenn ich im Auto durch irgendeine Landschaft fahre.

Zehnter Irgendwann fühlt man, dass man in dieser Ebene verbleibt. Der Dreischritt von Rückblick – Vorblick – Hinblick trägt da ziemlich dazu bei, denn er wird insgeheim zum Schlüssel jeder Beobachtung. Also die Frage ‹Was war, was kommt, was ist?› aktiviert die innere Wahrnehmung als Ergänzung der Wahrnehmung nach außen. Gerade der Vorblick ‹putzt› die Sinne, weil man sich seiner Erwartungen und Vorstellungen bewusst wird.

Ihr steht am Südeingang des Goetheanum, wie ist es da mit Störungen?

Gerster Da laufen natürlich viele Kolleginnen und Kollegen vorbei – manche huschen vorbei, andere grüßen kurz. Unsere Aufmerksamkeit bildet aber doch einen Schutzraum. Natürlich gibt es manche, die das übersehen, dann gibt es ein Gespräch, aber möglichst kurz, damit es die anderen Schauenden nicht ablenkt.

Zehnter Wir protokollieren jeden Beobachtungsmontag und dabei notieren wir auch das Tagungsgeschehen: «Getümmel um uns, eilige Schritte, Begrüßung, Lachen». Das stört nicht, es ist zwanglos. Eine solche ‹Störung› ist auch der knatternde Traktor der Gärtnerei. All das gehört zur Naturstimmung dazu!

Getümmel um uns, eilige Schritte, Begrüßung, Lachen. Das stört nicht, es ist zwanglos.

Wie ist es mit dem Zweifel?

Zehnter Als wir unsere Beobachtungsstunde zu einem Zweig der Anthroposophischen Gesellschaft formen wollten, war die Frage noch mal auf dem Tisch: Gehen wir weiter oder hören wir auf? Da gab es zum Beispiel die Stimme einer Teilnehmerin: «Für mich ist das eine Arbeit am Grundsteinspruch von Rudolf Steiner.» Sie erlebte es als eine tief tragende Form anthroposophischen Schaffens.

Gerster An unseren zweimal im Jahr stattfindenden Seminaren und an der Jahresversammlung reflektieren wir hierzu auch und teilen doch die Gewissheit, dass diese Arbeit so ist, wie wir uns anthroposophische Arbeit vorstellen.

Spielen Kriege oder politische Weichenstellungen in die Landschaft hinein, resoniert sie mit dem Sozialen?

Zehnter Der Jahreslauf hat solch eine Kraft, dass er sich von diesen menschlichen Dingen nicht beirren lässt. Das beruhigt auch, dass man spürt: Da ist eine Kraft, ein Gang, der ist stärker. Man steht einem Partner gegenüber, der einen trägt. Da ist schon eine Himmelsstimmung, der man begegnet, eine Stimmung, von der man merkt, dass man sie nicht mitbringt, sondern sie tatsächlich anwesend ist.

Gerster «Es ist so trocken!», ist dieses Jahr in unserem Kreis oft als Beobachtung, ja als Sorge ausgesprochen worden. Woher kommt diese Trockenheit? Die Wolken scheinen durcheinander zu sein. Das sind Beobachtungen, Ahnungen, die mit der sozialen Sphäre wohl zusammenhängen. Gleiches gilt für den enormen Frost 2017, der wie ein Weckruf erschien.

Der Jahreslauf hat solch eine Kraft, dass er sich von diesen menschlichen Dingen nicht aus seinem Lauf bringen lässt.

Es gibt die nahe, die mittlere und die ferne Natur. Wie fern ist euch der Blauen in 30 Kilometern Distanz?

Zehnter Bei Föhn ist die Landschaft brillant. Alles rückt in die Nähe. Sobald es diesig wird, rückt der Berg in die Ferne, stellt sich dabei aber auf und wird groß. Gegenständlich ist nur die Nähe, da erscheint die Umgebung physisch. In der Mitte überwiegt die Stimmung, hier erscheint es seelisch, und in der Ferne, wo es in der Luft schemenhaft wird, haben wir im Bild das Geistige, das mit dem Himmel zusammenklingt. Mal schwappt der Berg bis in den Vordergrund hinüber, mal ist er so unbedeutend, dass wir ihn gar nicht erwähnen.

Gerster Manchmal verschwimmen die drei Bereiche ineinander, manchmal sind sie scharf unterschieden.

Jetzt gibt es eine Baustelle hier. Wie bewertet ihr solche Eingriffe?

Zehnter Selbst der hohe Baukrahn: Das sind nur kleine Störenfriede. Es gab zwei große Tannen in unserem Blickfeld, die eines Tages gefällt wurden. Das ist natürlich ein Schmerz, aber gleichwohl haben wir keine bleibende Wunde erlebt. Es fügt sich neu. Das mag anders sein, wenn die Tulpenbäume am Bildrand verschwinden würden. Mit ihnen haben wir uns doch stark verbunden. Auch wenn das Gras gemäht ist, verändert das die Stimmung der Landschaft ziemlich deutlich.

Wir sind vom Jahreslauf emanzipiert, das gehört zur Freiheit und Souveränität heutigen Lebens. Und was macht ihr, welche Perspektive hat es?

Zehnter Wir beobachten eigentlich nicht, wir ‹vollziehen›. Rudi Bind, der unserer Gruppe nahesteht, bemerkte kürzlich, dass es gut sein könne, dass es in der Zukunft überall solche Beobachtungstrupps gebe, weil der Lauf der Natur darauf angewiesen ist, so gesehen zu werden.

Gerster Heimatlosigkeit ist heute etwas, womit wohl jeder zu tun hat. Dieses Schauen gibt uns das Gefühl, eingebettet zu sein in etwas Größeres. Es ist eine neue Form der Beheimatung, zu der es so wenig braucht, man muss es nur tun. Es gibt übrigens mittlerweile über 130 Menschen, die über die wöchentlichen Protokolle an unserer Arbeit Anteil haben, und viele beobachten auch an ihrem Ort.

Gibt es einen Ratschlag an die Leser des ‹Goetheanum›?

Gerster Ihr wisst nicht, was ihr verpasst, wenn ihr es nicht tut.


Fotos: Hans-Christian Zehnter, Coverfoto: Jonas Lismont

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