Rudolf Steiner in Wien

In Kürze erscheint der zweite Band von Martina Maria Sam zur Biografie Rudolf Steiners. Nach Kindheit und Jugend im ersten Band widmet sich Sam jetzt der Wiener Zeit nach Ende des Studiums. Wieder ergab sich eine Fülle an neuen Details und Bezügen. Das Gespräch führte Wolfgang Held.


Wie kamst du dazu, eine so detaillierte Biografie über den jungen Rudolf Steiner zu schreiben?

Da kam vieles zusammen. Es fing eigentlich an mit der Frage, welcher Art Rudolf Steiners Erlebnisse um den ersten Mondknoten herum waren, insbesondere, was die Begegnung mit dem ‹Meister›, dem okkulten Lehrer damals, konkret für ihn bedeutete. Denn Rudolf Steiner war ja danach noch kein ‹Eingeweihter› – bis dahin mussten noch viele Schritte gegangen werden. Ich dachte, es könnte helfen, sich tiefer einzuleben in das, was ihn damals beschäftigte – darin müsste sich doch diese Begegnung und ihre Folgen spiegeln. Und tatsächlich ergab sich dadurch ein, so mein Eindruck, stimmiges Bild. Dazu kam noch vieles andere. Eine nicht unerhebliche Rolle spielt dabei meine jahrzehntelange tätige Verbundenheit mit dem Rudolf-Steiner-Archiv, das Aufarbeiten der Bibliothek Rudolf Steiners sowie die Vorarbeiten für die Herausgabe seiner sämtlichen Briefe. – Was mich von Anfang an besonders fasziniert hat, war, dass man im inneren Miterleben der Entwicklung des jungen Rudolf Steiner nicht nur seine eigene Biografie, sondern auch viele anthroposophische Inhalte ganz neu verstehen kann.

Eine Biografie in vier Bänden – stand solch ein Wurf gleich fest?

Mir hat sich der Eindruck verdichtet, dass Rudolf Steiner seine eigentliche Initiation erst – nach tiefen Krisen – um die Jahrhundertwende durchgemacht hat. Bis zu diesem Zeitpunkt möchte ich seinen Weg beschreiben, denn bis dahin ist er uns in seinem Streben, seinem Ringen sehr nah, so empfinde ich. Mit seiner eigentlichen Initiation geschieht dann eine Art Umstülpung – das private, persönliche Leben tritt ganz in den Hintergrund. Von diesem Zeitpunkt an müsste man, denke ich, die Biografie anders schreiben, als ich es bisher versuche. Abgesehen davon gäbe es dann eine solche Fülle zu bearbeiten, dass das kaum in der Detailliertheit möglich wäre, die ich bisher anstrebe.

Seit Emil Bock, Oskar Schmiedel und Carlo Septimus Picht hat kaum jemand die Kindheit und Jugend Rudolf Steiners eingehender erforscht – war uns der junge Steiner egal?

Ich hatte am Anfang Zweifel, ob man über Rudolf Steiners Kindheit noch Neues erfahren könne. Aber dann entdeckte ich beim Aufarbeiten seiner Bibliothek viele Fragmente seiner Schulbücher, von ihm selbst gebundene Bücher und sogar noch Schulhefte – solches originale Material in der Hand zu halten, war natürlich bewegend und inspirierend. Auch die Briefe der Studienfreunde an Rudolf Steiner gaben neue Aspekte. Dazu kommen die neuen Möglichkeiten der Online-Recherche – beispielsweise stehen viele der damaligen österreichischen Zeitungen im Netz und sogar alle Kirchenmatriken! Außerdem hatte ich seit Jahren eine Sammlung mit autobiografischen Äußerungen Rudolf Steiners angelegt. So kam ein Stein zum andern, und es ergaben sich überraschende und erhellende Zusammenfügungen.

Bild: Ein Bild der Großfamilie Specht-Strisower-Schwarz (um 1895), auf dem alle von Rudolf Steiner in den 1880er Jahren unterrichteten «Knaben und Mädchen» zu sehen sind. Vierter von links: Otto Specht. © Steinberg-Mouscadet, Paris

Welche Spanne beschreibt der zweite Band?

Die Wiener Zeit ab dem Eintritt als Hauslehrer in die Familie Specht bis zur Abreise nach Weimar. Mir kam es darauf an, Rudolf Steiners wesentliche ‹Lebensgebärde› für diese Zeit zu finden. Nun gibt es eine Notizbucheintragung von 1924, in der Rudolf Steiner seine Lebensjahrsiebte mit den persischen Mithras-Einweihungsstufen in Beziehung setzt. Demnach trat er 1882 in die erste Schulungsstufe ein, die des «Raben». Für mich wurde diese Notiz – auch wenn sie vielleicht nur auf einen von vielen Aspekten in Bezug auf seine Entwicklung weist – sehr fruchtbar. Es ergab sich mir als Bild, dass ihn seine Erlebnisse um das 19. Jahr zu einer tieferen Einsicht in die komplexe Natur des menschlichen Ich führten – was ein Verständnis des Doppelstroms der Zeit voraussetzt –, und schließlich sogar zum Erlebnis seines höheren Ich. Dahin, denke ich, wollte ihn der ‹Meister› führen, und dies war die Voraussetzung, um überhaupt in einen okkulten Schulungsweg einzutreten. Wobei das nicht heißen muss, dass das dem jungen Rudolf Steiner alles schon voll bewusst war.

Es war die Aufgabe des Schülers auf der Stufe des ‹Raben›, ein Bote zu sein zwischen den Lebenden und den Verstorbenen. So versuchte Rudolf Steiner, die Impulse der großen, um 1800 wirkenden Persönlichkeiten fruchtbar in die Kultur einzubringen – vor allem durch seine Herausgabe der naturwissenschaftlichen Schriften Goethes. Er hat später über diese Zeit gesagt, dass er damals nicht über den Goethe schreiben wollte, der 1832 gestorben ist, sondern das darstellen, was «aus der Inspiration der Goetheseele selber herrührt». – Auf der anderen Seite ist die Aufgabe des ‹Raben›, den Verstorbenen Kunde zu bringen von all dem, was die Lebenden der Gegenwart bewegt. Nun kann man sehen, wie Rudolf Steiner nach Ende seines Studiums sich hineinbegibt in alle möglichen kulturellen Strömungen, welch tiefes Interesse er hat, vieles kennenzulernen. Und ich denke, Wien war damals genau die richtige Stadt dafür.

Was bedeutet seine Tätigkeit als Hauslehrer, dass er sich so in die Familie hineingibt?

Rudolf Steiner stammt ja aus einer armen Familie, die ganz in den Sorgen um das tägliche Brot aufging und der alles Geistig-Künstlerische fernlag – wenn auch, wie man aus den Briefen ersehen kann, die Beziehungen sehr liebevoll waren. Jetzt kommt er als Hauslehrer in eine wohlhabende, im kulturellen Leben Wiens gut verankerte Familie. Man hatte Zeit, Kultur zu pflegen. Die Frau des Hauses, Pauline Specht, wird Rudolf Steiner eine mütterliche Freundin, nimmt echten Anteil an allem, was ihn beschäftigt. So wurde das Haus Specht für ihn ein wirkliches Zuhause. Neben seiner eigentlichen Aufgabe, die vier Söhne der Familie zu begleiten, unterrichtet er auch Kinder aus der weiteren Verwandtschaft und gibt Pauline Specht und ihrer Schwester Geometrie- und Ästhetik-Stunden. Er fährt sogar mit der Familie in die ‹Sommerfrische› an den Attersee. So etwas kannte er ja gar nicht aus seiner Kindheit.

Was mich berührt hat beim Schreiben, ist, dass man am Schicksal der Familie Specht gewissermaßen urbildlich das Schicksal des Judentums in Mitteleuropa von Mitte des 19. bis Mitte des 20. Jahrhunderts studieren kann. Wie viele andere kommen die Spechts um die Mitte des 19. Jahrhunderts in die Großstadt Wien, assimilieren sich, konvertieren nach der Jahrhundertwende – und werden dann doch unter den Nationalsozialisten Ende der 1930er-Jahre von der Gesellschaft ausgestoßen, zur Emigration gezwungen oder sogar in der Shoa ermordet. Von all dem waren Zöglinge Rudolf Steiners existenziell betroffen. Das sind aufwühlende Schicksale. Allerdings begann der Antisemitismus in Österreich schon ab Mitte der 1880er-Jahre stark zu werden.

Bild: Theosophen bei Alois Mailänder, 1890. Von links nach rechts: (hinten): Arthur oder Franz Gebhard, Friedrich Eckstein, Carl zu Leiningen-Billigheim (?). Vorne Alois Mailänder und Nikolaus Gabele. Quelle: Wikimedia

War das Haus Specht das Labor für die Waldorfpädagogik?

Ja, auch für die Heilpädagogik. Rudolf Steiner wurde ja vor allem für das ‹Problemkind› Otto ins Haus genommen, den er – nach einigen Auseinandersetzungen mit der Familie – für drei Jahre leiten darf, wie er es für richtig hält. Auf der Grundlage einer ersten ahnenden Erkenntnis der Dreigliederung des Leibes – wohl mit ausgelöst durch eine blitzartige Erkenntnis an einem Satz von Friedrich Theodor Vischer über die Seele – therapiert er Otto solchen Erfolg, dass dieser mit der besten Note von allen vier Brüdern die Schule abschließt und Arzt wird. Außerdem wurde 1885 Hans Specht geboren, den Rudolf Steiner sehr liebte. Ihn konnte er von der Geburt an sechs Jahre lang gewissermaßen Tag für Tag in seiner Entwicklung beobachten. Seine anderen Zöglinge waren alle im zweiten Jahrsiebt. Er hatte in den sechs Jahren seiner Erziehertätigkeit gewissermaßen das ganze Panorama der ersten drei Jahrsiebte vor sich.

Dann kommst du auf die ‹Grundlinien› zu sprechen. Warum beginnt er so philosophisch-erkenntnistheoretisch?

Ich glaube, wir können es schon in der Kindheit sehen. Seit dem ersten okkulten Erlebnis mit der verstorbenen Tante sucht er nach Brücken zwischen den zwei Welten, in denen er lebte – der geistigen und der alltäglichen. Eine erste Brücke war wohl die Geometrie, eine zweite suchte er, indem er die Natur des Denkens zu fassen sucht, was ihn dann am Ende der Schulzeit dazu führt, das ‹Ich› ergründen zu wollen. In seinen Zwanzigerjahren ist ihm dann wichtig, seinen Zeitgenossen aufzuzeigen, dass es keine ‹Erkenntnisgrenzen› gibt, sondern das Geistige von jedem Menschen erfahren werden kann – nicht in irgendeinem ‹Jenseits›, sondern in der Wirklichkeit: «Das Gewahrwerden der Idee in der Wirklichkeit ist die wahre Kommunion des Menschen.»

Das dritte Kapitel beschreibt die Wiener Bohème.

Ja, das ist sehr vielschichtig. Da ist zum einen der Kreis um die junge, ganz im materialistischen Sinne dichtende Marie Eugenie delle Grazie, deren radikale Ehrlichkeit und Konsequenz Rudolf Steiner schätzt. Später sagt er einmal, dass sie beschreibt, wie es in der sechsten Kulturepoche auf der Erde aussehen wird, wenn der Materialismus konsequent weitergeführt wird. Dann trifft er in diesem Zirkel vor allem auf hochgebildete Theologen – Laurenz Müllner, Vincenz Knauer und Wilhelm Neumann, mit dem er bedeutende Gespräche über den Christusbegriff und Reinkarnation führte, an dem er aber auch erlebt, wie die katholische Dogmatik das Denken einengt.

Auch Fritz Lemmermayer lernt er dort kennen. Dieser gut vernetzte Freund öffnet ihm weitere künstlerische Kreise. Um die Mitte der 1880er-Jahre beginnen wohl auch die regelmäßigen Kaffeehausbesuche. Diese Kaffeehauskultur – das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Die Kaffeehäuser waren gewissermaßen Wohnsitz vieler Literaten und Künstler. Man ließ sich Briefe in die Kaffeehäuser schicken – auch Karten an Rudolf Steiner wurden mit ‹Café Griensteidl› adressiert. Das Griensteidl war gewissermaßen die geistige Kultur Wiens im Kleinen. Es gab Stammtische von Politikern, Literaten, Musikern, Journalisten. Es bildeten sich neue literarische Richtungen dort aus, z. B. Jung-Wien – mit Hermann Bahr und Arthur Schnitzler. Da hat Rudolf Steiner tüchtig teilgenommen und viele bedeutsame Bekanntschaften geschlossen.

Bild: Rudolf Steiner, 1889 © Rudolf Steiner Archiv

Ein Genie ist einsam. Ist das schon in Wien bei Steiner spürbar?

Zurzeit kommentiere ich die Briefe der ersten Weimarer Jahre für unsere Briefausgabe. Da ist deutlich seine Einsamkeit spürbar – ungeachtet seines auch dort ausgedehnten Bekanntenkreises. In Wien ist das nicht so, und doch war er in einem geistigen Sinn auch dort einsam. Fritz Lemmermayer, der nach Rudolf Steiners Tod Anthroposoph wurde, wunderte sich, dass der Freund damals niemals über Reinkarnation mit ihm gesprochen hat.

Man muss sich klar machen: Neben aller freudigen Beteiligung am Kulturleben seiner Zeit hatte Rudolf Steiner immer ein stark geistiges Leben und lebte intensiv mit den Verstorbenen. Da gibt es das Beispiel von Joseph Eduard Fehr, einem gelehrten Mann, mit dessen Kindern Rudolf Steiner befreundet war, den er selbst aber nie kennengelernt hat. Ein ganzes Kapitel im ‹Lebensgang› handelt von Fehrs und Eugen Eunikes nachtodlicher Entwicklung, die Rudolf Steiner zum einen zeigte, warum die Menschheit durch den Materialismus durchgehen musste, und zum anderen, dass Menschen, die den Materialismus nur in ihr Denken, nicht aber in ihr Fühlen und Wollen aufgenommen haben, keine Hindernisse im Nachtodlichen haben. Das gab seiner Seele, erzählt er, eine «Erkräftigung» für das Schreiben der ‹Philosophie der Freiheit›.

Eine Quelle ist natürlich Rudolf Steiners Autobiografie ‹Mein Lebensgang›.

Ich lese das Buch jetzt anders als früher. Vieles Angedeutete verstehe ich jetzt besser. Es ist ein bewusst komponiertes Zeugnis seiner geistigen Biografie. Er geht oft nicht streng chronologisch vor, sondern es gibt oft Rückgriffe auf Früheres in interessanten, manchmal rätselhaften Zusammenstellungen. Zum Beispiel erwähnt er Friedrich Eckstein nur nebenbei in der Schilderung der Wiener Zeit. Erst als er darüber berichtet, dass er für sich nach der Jahrhundertwende die Aufgabe sah, «eine öffentliche Tätigkeit für Geist-Erkenntnis» zu entfalten, stellt er Eckstein als «ausgezeichneten Kenner» alten esoterischen Wissens vor, der dieses Wissen im kleinen Kreise halten wollte. Da stellen sich Dinge organischer zusammen, als es eine reine Chronologie erlauben würde.

Ist Weimar dann zu Wien ein Kontrapunkt? Wien katholisch, Weimar protestantisch?

Ja, das Gelehrten- und Denkmalhafte Weimars, die Prägung der Kleinstadt durch den Fürstenhof – all das war ihm fremd. Das lag natürlich auch an der Archivarbeit, in der es um ‹Lesarten›, um philologische Einzelheiten ging, während ihn doch die große Linie interessierte – die Bedeutung der Goethe’schen Denkart für die Gegenwart. Das war eine große Enttäuschung für ihn – und er wollte am liebsten schnell wieder weg.

Als journalistischer Autor, Redakteur, werden die Tätigkeiten immer vielfältiger oder?

Ja, schon früh schrieb er Artikel für verschiedene Zeitschriften. Anfang 1888 beginnt er, für die ‹Deutsche Wochenschrift› jede Woche die politischen Entwicklungen zu beschreiben. Er muss, um das Wesentliche zusammenfassen zu können, viele Zeitungen gelesen haben … Dann wird ihm angetragen, die Redaktion zu übernehmen – allerdings war er dann nur sieben Wochen Redakteur, dann wurde die Zeitung eingestellt, weil der frühere und der jetzige Besitzer miteinander prozessierten. Er war auf der einen Seite enttäuscht, auf der anderen Seite aber wohl auch froh. Er hatte jede Woche eine Zeitschrift abzuliefern – und das neben der Hauslehrertätigkeit, dem Schreiben von Lexikonartikeln und der Arbeit an den weiteren Goethe-Bänden.

Seine ausgebreiteten Interessen sind auch typisch für das Alter zwischen 21 und 28 – man will die Welt in ihrer Vielfältigkeit kennenlernen. Und auf der anderen Seite sind in dieser Zeit die Ideale aus dem Vorgeburtlichen noch stark präsent – bei Rudolf Steiner sieht man das an seinem idealistischen Kämpfen gegen die Zeitstimmung des ‹Ignorabimus›, der er entgegensetzt, dass das Geistige in der Wirklichkeit zu erleben sei.

Bild: Marie Eugenie delle Grazie

Du nennst das letzte Kapitel ‹Ausklang der Wiener Zeit›. Was hast du als Abschluss für den Bogen genommen?

Bedeutend für Rudolf Steiners letzte Wiener Zeit war die intensivere Beziehung zu Friedrich Eckstein und durch ihn die erste Begegnung mit Theosophen. Darüber weiß man wenig, und das habe ich versucht, so gut als möglich genauer zu fassen. Im Sommer 1890 war Rudolf Steiner oft auf Schlösschen Bellevue, wo sich um Marie Lang und Eckstein ein Kreis von renommierten Theosophen und Theosophie-Interessierten versammelte. Ich habe mir viel Mühe gegeben, um herauszufinden, welche Theosophen denn genau in dieser Zeit länger oder gelegentlich in Wien waren. Merkwürdigerweise waren diese vier oder fünf Theosophen, die er in Wien kennenlernte, alle Schüler des christlichen Mystikers und Webergesellen Alois Mailänder. Fast die gesamte damalige theosophische Bewegung in Deutschland hatte Kontakt zu ihm – über dieses hochinteressante Kapitel der frühen Theosophie in Mitteleuropa habe ich nach neuen Funden eine eigene Arbeit verfasst, die gerade im ‹Archivmagazin› des Rudolf-Steiner-Archivs erschienen ist. Einige Schüler Alois Mailänders wurden später Schüler Rudolf Steiners – das muss man im Hintergrund dazudenken! Zunächst aber fühlte sich Rudolf Steiner abgestoßen von der Theosophie – ich denke, das lag vor allem an dem prominenten Theosophen Franz Hartmann, ebenfalls Schüler von Mailänder, der übrigens auch nicht glücklich mit ihm war. Hartmanns Art, mit dem Geistigen umzugehen, stieß Rudolf Steiner so stark ab, dass er erst einmal mit Theosophen nichts weiter zu tun haben wollte. Andrerseits ging ihm durch den Verkehr mit Friedrich Eckstein eine neue Welt auf, die er so bisher nicht kannte und die ihn auf bestimmte Weise auch stark ansprach.

Dieser Band endet offen?

1888/89 deutet sich ein Umbruch in Rudolf Steiners Leben an. Er wendet neu sein Interesse neu den bildenden Künsten und dem Schauspiel zu, schreibt ab 1889 Theaterkritiken. Das weibliche Element tritt ab Mitte der 1880er-Jahre in vielfältiger Art in sein Leben – zunächst mit Pauline Specht, delle Grazie, der zarten Beziehung zu Radegunde Fehr, etwas später zu einer Dame in Siebenbürgen, mit der es fast zu einer Art Verlobung kommt. Und schließlich Rosa Mayreder, deren Geist ihm «congenial» zu dem seinen erscheint. Auch beginnt er, sich mit der Reinkarnationslehre zu beschäftigen und begegnet durch Friedrich Eckstein der Welt der traditionellen Mystik. Auch Goethes Märchen wird bedeutungsvoll für ihn – und Nietzsche taucht schon im Hintergrund auf. Er bricht innerlich allmählich zu neuen Ufern auf. Man hat das Gefühl, er will weg aus Wien, er sucht einen größeren Wirkungskreis. 1889 war er einige Wochen in Weimar und wird warm aufgenommen – eine sehr glückliche Zeit für ihn! Das änderte sich schnell, als er wirklich dort lebt ab Oktober 1890. In dieser Umbruchszeit endet der Band.

Was hat dich in der Beschäftigung mit diesem Jahrzehnt am meisten überrascht?

Zunächst, wie stark sich Rudolf Steiner hineinbegeben hat in das Wiener Kulturleben, wen er alles kennengelernt hat im näheren oder weiteren Umkreis. Auch, wie stark sich dieses Motiv des ‹Raben› zeigt, also dieses Verbinden der Welten zwischen den Lebenden und Verstorbenen. Und dieser Umbruch, der sich 1888/89 deutlich anbahnt – das hat mich ebenfalls überrascht.

Ist es der Pendelschlag zu der großen Kultur, die er später selbst schafft?

Das ist eine interessante Frage. Es gibt ja auch Spiegelrhythmen im Leben. Es wäre interessant, dem nachzugehen, ob, wann und wie sich sein starkes Hineingeben in die Wiener Kultur später in seinem Kulturschaffen spiegelt.


Buch Martina Maria Sam Rudolf Steiner. Die Wiener Jahre Verlag am Goetheanum, 2021

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