Über die Qualität des Sinnlichen als Miterleben der Auferstehungskräfte in der Natur.
Am Ostermorgen gingen wir von der Fähre hinüber zur Abbey auf Iona (Schottland). Wir wollten den Ostergottesdienst der Iona Community mitfeiern. Noch am Tag zuvor hatte ein heftiger Sturm die Inseln heimgesucht. Das Haus war stundenlang ohne Strom gewesen, der Wind hatte in der Nacht um die Wände gepfiffen, Schlaf war kaum möglich gewesen. Kälte, Regen, Hagel, Unruhe hatten den Vortag bestimmt. Und dann dieser Morgen: strahlende Sonne, klare Luft, ein weiter, leuchtender Himmel. Es war, als hätte die Welt sich über Nacht verwandelt. Alles wirkte wie reingewaschen. Kein Staub, keine Schwere, kein Grau war mehr zu sehen. Der pinke Granit auf der großen Nachbarinsel Mull leuchtete über das Wasser herüber, der silbrig glänzende Gneis von Iona fing das Licht auf, und die Meerenge schimmerte in Türkis, in hellem und tiefem Blau. Weiße Wolken zogen frisch geformt über den Himmel. Die ersten Blumen standen da, leuchtend und unübersehbar. Alles war von einer eigentümlichen Gegenwärtigkeit erfüllt – frisch, klar, lebendig, wie eben erst hervorgebracht. Auf diesem Gang zur Abbey konnte man etwas erleben, das wie ein Bild für das Ostergeheimnis selbst wurde. Denn diese Frische, dieses ganz Neue, begegnet uns nicht nur an wenigen begnadeten Frühlingsmorgen. Im Grunde liegt es in jeder echten Sinneswahrnehmung. Wenn wir nicht nur auf den Inhalt dessen achten, was wir sehen – also etwa sagen: das ist ein Baum, das ist ein Stein, das ist das Meer –, sondern auf das Wie der Wahrnehmung, auf ihre innere Erlebnisqualität, dann zeigt sich etwas Erstaunliches. Jede Wahrnehmung ist neu. Jede ist taufrisch. Keine Sinneswahrnehmung ist je abgestanden, verbraucht oder lauwarm. Alles, was uns wirklich über die Sinne begegnet, trägt den Charakter des Gegenwärtigen, des eben erst Erscheinenden. Vielleicht liegt darin ein Zugang zu dem, was wir an Ostern feiern. Auferstehung ist dann nicht nur ein Gedanke, nicht nur ein Glaubensinhalt, sondern eine Kraft, die im Leben selbst wirksam ist. Im Frühling wird sie besonders sichtbar. In den Knospen, die voller Spannung stehen. In den ersten Blättern, noch gefaltet und knitterig, aber schon leuchtend in ihrer Farbe. In allem, was hervortritt, aufrecht, neu wird. Nichts erscheint matt, nichts verblichen. Alles trägt die Signatur des Anfangs. Sie lebt in jeder unmittelbaren Wahrnehmung. Das Sinnliche führt uns ins Jetzt. Es führt uns in die Präsenz.
Sobald wir allerdings über das Wahrgenommene nachdenken, es einordnen, festhalten, erklären, sind wir schon einen Schritt weiter. Das Denken richtet sich immer auf etwas, das bereits gewesen ist. Es arbeitet an dem, was sich eben schon aus dem Strom der Wahrnehmung gelöst hat. Ähnlich ist es mit unseren Sorgen und Erwartungen: Auch sie ziehen uns aus der Gegenwart fort, entweder in das schon Gewesene oder in das Noch-nicht. Die Auferstehungskräfte aber zeigen sich dort, wo wir wirklich anwesend sind. Vielleicht lässt sich deshalb sagen: Das Ostergeheimnis spricht nicht zuerst zum rückblickenden Denken und nicht zu den Projektionen der Zukunft, sondern zum wachen, offenen Erleben. Dort, wo wir uns der Welt sinnlich aufschließen, wo wir im Schauen verweilen, wo das Wirkliche uns frisch und unverbraucht entgegenkommt, berühren wir etwas von dieser Kraft, die immer wieder neu ins Leben ruft.
So wurde uns jener Gang am Ostermorgen auf Iona zu einem stillen Gleichnis. Die vom Sturm gereinigte Welt, das Licht, die Farben, das klare Meer, die Steine, der Himmel – alles sprach dieselbe Sprache. Ostern war nicht nur in der Kirche zu finden, sondern schon auf dem Weg dorthin. Es lag über den Inseln, im Glanz der Dinge, in der Frische der Luft. Und für einen Augenblick wurde spürbar: Diese Kräfte der Erneuerung sind uns nicht fern. Sie strömen uns fortwährend entgegen. Im wachen Sinnesleben selbst kann uns der Auferstehungsstrom gegenwärtig werden.
Foto Renatus Derbidge


