Gewissen und Vernunft gehören nicht nur dem Westen

Reaktion auf den Artikel von Philipp Reubke ‹Gleich und doch so verschieden› in ‹Goetheanum› 31–32/2023.


Es irritiert mich sehr, wenn in dem Text und im Kontext einer Goetheanum-Weltkonferenz im Jahre 2023 immer noch die englischsprachige Welt und Mittel- und Nordeuropa als Kulturvorreiter genannt werden. Ich vermisse in dem Artikel schmerzlich eine ethisch korrekte Aussage. Menschen werden nach wie vor in der englischsprachigen Welt, aber auch in Mittel- und Nordeuropa aufgrund ihrer Ethnie, ihrer religiösen, kulturellen und geschlechtlichen Hintergründe diskriminiert, verfolgt und gar getötet, auch in Deutschland – und auch strukturell bedingt. Darin mag es ein Erwachen für das von Herrn Reubke thematisierte Ideal der Diversität wohl geben. Das möchte ich nicht bestreiten, sondern im Gegenteil immer würdigen, dass es um uns Menschen und das allgemein Menschliche im Dialog geht. Auch nicht mehr ignoriert werden kann, wie wir konfrontiert sind mit einem postkolonialen ‹Wachstumskapitalismus› auf Kosten des Lebens der nicht-englischsprachigen Welt. Der Planet ächzt. Glauben Sie vor diesen Herausforderungen, dass Vernunft und Gewissen westliche Eigenschaften sind, insofern gebunden an Ethnie und kulturellen Hintergrund?

Entschuldigen Sie bitte meine konfrontative Haltung, ich will nur vor Augen führen, dass Menschen (ohne politische und sonstige Grenzsetzung) unterwegs sind und manche von ihnen unter ganz anderen politischen Bedingungen und unter Einsatz ihres Lebens für die Menschenwürde agieren. Es geht mir nicht darum, eine böse westliche Welt zu skizzieren. Und ich denke mit Sicherheit nicht, dass Herr Reubke People of Colour nicht achtet. Ich möchte vielmehr aufzeigen, dass Menschen aller Couleur sich um Menschenrechte und Pluralismus bemühen, in Gedanken und unter Einsatz ihres Lebens. Ich wünsche mir von heutigen Anthroposophinnen und Anthroposophen in öffentlichen Auftritten ein umfängliches politisches und ethisches Gespür für alle Menschen. Die Achtung des allgemein Menschlichen wäre für mich ein wahrer Bezug auf die Methode des Dialogs. In diesem Sinne verstehe und erlebe ich Rudolf Steiners Menschheitsrepräsentanten als einen universellen Ausdruck für Menschenwürde oder, wie Herr Reubke schreibt, die Suche nach einem Beitrag, der «das allgemein Menschliche im Auge behält». Somia Rhilam


Antwort von Philipp Reubke

Vielen Dank für diesen schönen Text und die wichtige Ergänzung. Bei der Goetheanum-Weltkonferenz im Themenforum 5 wird Gelegenheit sein, das Gespräch weiterzuführen, das hoffentlich die vielfältigen Aspekte unter verschiedenen Gesichtspunkten vertiefen wird. Auf der Website der Pädagogischen Sektion findet sich ein Text von mir, der die Anregungen von Somia Rhilam etwas besser berücksichtigt: Interkulturalität und Curricula/2023


Antwort der Redaktion

Wir sind Somia Rhilam dankbar für ihren Einwand und ihre Sensibilität gegenüber den Gewohnheiten, die sich in unserer Kultur und Sprache festgesetzt haben. Sie stellen uns grundsätzlich eine Aufgabe. Als Zeitung sehen wir uns im Besonderen damit konfrontiert. Wir bemühen uns seit einigen Jahren sehr um einen selbstkritischen, offenen Dialog mit unseren Lesenden und Schreibenden sowie innerhalb des ‹Goetheanums›. In der kommenden Ausgabe wird ein Interview mit der indischen Sozial- und Umweltaktivistin Vandana Shiva erscheinen, in dem es auch um solche Denkgewohnheiten geht. Damit führen wir dieses Gespräch bereits weiter.


Foto Alyssasieb von nappy.co, Bearbeitung Fabian Roschka

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