Gleich und doch so verschieden!

Wie kann man bei der Suche nach dem Ich im Dialog mit Debatten über Interkulturalität, Geschlecht, Identität, Karma und Reinkarnation beitragen? Dieses Thema wird in einem Themenforum mit dem Titel ‹Equal and different!› auf der Goetheanum- Weltkonferenz im September behandelt.


Die mehreren Milliarden Menschen, die auf dem Planeten Erde wohnen, sind unglaublich divers. Jeder sieht anders aus und sieht etwas anderes, fühlt und denkt anders, hat andere Vorlieben und Abneigungen, wohnt, spricht und isst anders, betet und flucht nicht in denselben Worten, wendet oder wendet nicht seine Gedanken und Gefühle zu Göttern, nennt sie mit anderen Namen oder möchte sie mit keinem benennen, möchte sich einem Gott oder vielen Göttern zuwenden. Jeder möchte auch sich als  Person anders bezeichnen, als Frau, Mann, oder noch einmal anders. Viele hungern, andere sind Opernsänger oder Kuhhirten am Fuß des Kilimandscharo, und wieder andere können keinerlei Kreativität in ihrem Berufsleben entwickeln.

Diese so unterschiedlichen Wesen bezeichnen sich und erkennen einander als Menschen. Sie fühlen, dass trotz ihrer Unterschiedlichkeit etwas Gemeinsames in ihnen lebt, etwas, das sie verbindet. Etwas Unsichtbares, so könnten wir auch sagen, das uns allen gleichermaßen zukommt. Die Redakteure der Menschenrechtserklärung von 1948 drücken das so aus: «Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen.»1 Die Ideale von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, die Möglichkeit, Erkenntnis und Moralität zu entwickeln – das liegt als Potenzial in jedem Menschen und begründet seine Würde.

Im Spannungsfeld leben

Eine besondere Spannung herrscht zwischen den zwei Begriffen ‹gleich› und ‹verschieden› und birgt die Gefahr, dass wir unsere Aufmerksamkeit und unsere Bemühungen zu sehr auf die eine oder die andere Seite lenken. Vor Beginn der Neuzeit lebte in Europa stark das Ideal der Gleichheit, Kirche und verschiedenartige Orden kultivierten ein Gefühl der Gemeinsamkeit der religiösen und menschheitlichen Ideale über die geografischen oder die Sprachgrenzen hinweg. Die Spaltung in Ost- und Westkirche im Jahr 1054 und die Auflösung des Templerordens im Jahr 1307 sind Beispiele, die zeigen, dass man es dann immer weniger verstand, in der Diversität die Gemeinsamkeit zu empfinden. Dass man bereit war, die Gleichheit auch mit brutalen Mitteln als erzwungene Uniformität durchzusetzen. Die Art, wie die Atlantiküberquerer 1492 mit den Bewohnern der Karibik umgingen, gehört auch in dieses Kapitel.

Seit Ende des 20. Jahrhunderts lebt vor allen Dingen in der englischsprachigen Welt aber auch in Mittel- und Nordeuropa stark das Ideal, die Diversität zu beachten und zu respektieren. Viele Menschen empfinden, dass es einen Kulturfortschritt bedeutet, wenn wir ethnische, religiöse, kulturelle, sprachliche, Gender- und andere Unterschiede wahrnehmen und würdigen. Lebt in diesem Bewusstsein der Diversität aber auch das Gefühl der unsichtbaren Gleichheit oder Gemeinsamkeit aller Menschen? Immer mehr Stimmen erheben sich, die sagen, dass die Rede von den universellen Menschrechten und dem ‹Allgemein-Menschlichen› von Menschen einer bestimmten Gruppe formuliert worden sei, und der Anspruch, dass sie für alle Menschen gelte, eben auch nur eine Tendenz zur Gleichmacherei und des Machtanspruchs dieser Gruppe bedeute.

Auf der Waage des Begriffspaares ‹gleich und verschieden› liegt heute mehr Gewicht auf ‹different›. Während im linksliberalen Milieu dabei mehr an ‹gender› und kulturelle Vielfalt gedacht wird, erstrebt man im rechts-populistischen Milieu eher die nationale und ethnische Abgrenzung.

Was können wir daraus lernen?

Was und wie können diejenigen, die auf der Suche nach dem Ich sind – die davon ausgehen, dass der Mensch eine über seine raumzeitliche Erscheinung hinausgehende Wirklichkeit innehat –, was können sie zu der Debatte um kulturelle Vielfalt, Gender und Reinkarnation beitragen? Was sagen die Menschen, die anthroposophisch studieren und sich in ihrer Berufs- und Lebenspraxis durch Anthroposophie anregen lassen zu diesen Themen? Und mit wem sprechen sie darüber – nur mit Menschen, die auch Anthroposophie kennen?

Rudolf Steiner legt Gewichte auf beide Waagschalen, das wird schon bei oberflächlichem Studium deutlich. Auf der Seite von ‹verschieden› zum Beispiel: «Nicht wie alle Menschen handeln würden, kann für mich maßgebend sein, sondern was für mich in dem individuellen Falle zu tun ist.»2 Oder: Heute muss «immer mehr und mehr Toleranz gerade in Bezug auf die Gedanken des religiösen Lebens eintreten.» «Weil die Menschen immer individueller und individueller werden, sei es heute wichtig, dass jeder «sein eigenes, freies religiöses Gedankenleben individuell in sich entwickelt.»3

Und für die andere Waagschale: «Verschieden werden die Menschen immer mehr in Bezug auf das Äußere, und das wird gerade bewirken, dass die Menschen umso mehr Kraft anwenden müssen, von innen heraus, um zur Einheit zu kommen.»4 Dass der Mensch (jeder Mensch!)  diese «Kraft von innen heraus» entwickeln kann, sei dadurch möglich, dass im «Unbewussten oder Unterbewussten alle schon den Christus in sich» tragen würden.5 Das ist natürlich aus heutiger Perspektive keine politisch korrekte Aussage und kann von vielen verständlicherweise nicht akzeptiert werden. Kann diese «Kraft von innen heraus» auch mit anderen Worten beschrieben werden, ohne diesen Namen zu verwenden? Und: Was ist der Beitrag der Idee von Reinkarnation und Karma zum Thema Gleichheit und Verschiedenheit, zum Thema Menschenwürde und kulturelle Vielfalt?

Praktisches Leben

Viele konkrete Fragen entstehen aus diesem Themenbereich. Zum Beispiel: Wie verhält es sich mit der Diversität und Identität von Waldorf- und Rudolf-Steiner-Schulen, Kindergärten, heilpädagogischen und sozialtherapeutischen Einrichtungen in Bezug auf Methoden, Inhalte und die Beziehung der Mitarbeiter zur Anthroposophie? Wie wird Menschenwürde und das allgemein Menschliche im Kontext der Diversität von sozialtherapeutischen Einrichtungen gefördert? Durch welche Methoden und Inhalte werden Genderstereotypen vermieden? Was ist der Beitrag der anthroposophischen Pädagogik und Heilpädagogik zu einer Erziehung, die die Genderunterschiede respektiert und das allgemein Menschliche im Auge behält?


Dieses Thema wird Gegenstand eines Themenforums mit dem Titel ‹Equal and different!› auf der Goetheanum-Weltkonferenz ‹Weltbewegung neu gestalten› vom 27. September bis 1. Oktober 2023 sein. Die Moderation werden Jan Göschel und Philipp Reubke übernehmen. Als Mitwirkende haben bisher zugesagt: Nele ­Auschra (DE), Anand Mandaiker (Schweiz), Lisa Romero (Australien), River Parker (USA), Jost Schieren (DE).

Infos & Anmeldungen Goetheanum.world

Foto Alyssasieb von nappy.co

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Footnotes

  1. Allgemeine Erklärung der Menschenrechte
  2. Rudolf Steiner, Die Philosophie der Freiheit. GA 4, S. 159.
  3. Rudolf Steiner, Die Verbindung zwischen Lebenden und Toten. GA 168, S. 118.
  4. Rudolf Steiner, Die geistige Vereinigung der Menschheit durch den Christus-Impuls. GA 165, S. 179.
  5. GA 168, S. 118.

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