Es war berührend, morgens um 2 Uhr gemeinsam auf Mars zu warten

Der Lockdown in der Coronakrise forderte in einzelnen Ländern einen hohen Preis. Vesna Forštnerič Lesjak, Leiterin des Vereins Sapientia für naturwissenschaftliche Weiterbildung, gibt einen persönlichen Bericht aus Slowenien.


Die Regierung hat mit dem Nationalen Institut für Gesundheit schon auf die ersten Covid-19-Fälle schnell reagiert und die Maßnahmen haben sich verschärft, sodass es nicht lang gedauert hat, bis wir in unseren Gemeinden ‹eingeschlossen› waren. Mehr als zwei Monate blieben wir ohne Zugang zu Ärztin, Zahnarzt, Kinderärztin, außer in lebensbedrohlichen Fällen. Alle Operationen und Untersuchungen, auf die man bei uns oft mehrere Monate wartet, wurden abgesagt. Ältere Menschen, die in den Altersheimen aus anderen Gründen gestorben sind, durfte niemand aus der Familie begleiten. In dieser Zeit hatten wir rund 1400 Covid-19-Fälle und 100 Todesfälle. Es gab viele Familien mit mehreren Kindern, die zu Hause gelitten haben, da die Digitalisierung durch die Schulen so stark gefördert wurde, dass jedes Kind mehrere Stunden pro Tag vor dem Computer sitzen musste. So wurde der Unterschied zwischen armen und vermögenderen Familien evident und vergrößerte sich noch in der Pandemiezeit. Viele Menschen entwickelten psychische Beschwerden und die Gewalt in Familien ist angestiegen. Trennungen zwischen Ehepaaren waren um 70 Prozent höher als normal. Genau in der Zeit hat die Regierung gewechselt und wir haben eine rechtsgerichtete Regierung bekommen, die mit Angstpropaganda und militaristischen Aktivitäten begonnen hat.

Ich bin überzeugt, dass bei uns mehr Menschen durch die Maßnahmen gestorben sind als durch das Virus. Die Digitalisierung in den Schulen soll sich weiter fortsetzen, da die Kinder künftig wahrscheinlich nur noch teilweise in die Schule gehen werden. Die EU-Kommission sagt, dass Slowenien am besten durch die Coronazeit gegangen sei … In Wirklichkeit lachen die Menschen darüber – sofern sie nicht weinen. Intensive Proteste setzten ein, obwohl die Regierung ein Verfassungsinstrument schuf, um Proteste zu verbieten, wodurch viele demokratische Möglichkeiten in dieser Zeit nicht zur Verfügung standen. Obwohl man in dieser Krise auch Chancen für eine bessere Zukunft sehen konnte, hat sich das sehr schnell in Nichts aufgelöst, wenn zum Beispiel in Zukunft nach dem aktuellen Entwurf einer Gesetzesänderung neue Bau- und Energieprojekte realisiert werden können, ohne dass Naturschutzorganisationen dagegen Einwände erheben können. «Mehr kaufen, mehr kaufen …», hört man ständig von der Regierung.

In unserem Verein Sapientia für naturwissenschaftliche Weiterbildung, unter dem auch die slowenischen Aktivitäten der Sektion für Anthroposophische Medizin und Pharmazie sowie viele Aktivitäten im Bereich der goetheanistischen Forschung und biodynamischen Landwirtschaft laufen, sind alle Veranstaltungen in dieser Zeit ausgefallen. Trotzdem waren wir durch E-Mails aktiv und haben unsere Meinungen und Sichtweisen zur Situation intensiv ausgetauscht. Wir waren uns ziemlich einig darüber, dass der ungehemmte Kontakt von Mensch zu Mensch eine der wichtigen Sachen auf der Welt ist und dass man diesen auch in dieser Situation irgendwie und auf mehreren Ebenen aufrechterhalten oder wiederherstellen soll … Aus der reinen Kritik herauszukommen und Lösungen zu suchen, war die zweite Herausforderung. Wir suchen keine Revolution, sondern eher die Evolution des Bewusstseins, dass uns am wichtigsten die Erkenntnisse, das ständige Lernen und dann eine Handlung sind, die aus einer richtigen und ganzheitlichen Betrachtung folgt. Das ist das höchste Streben jeder anthroposophischen Gemeinschaft: gemeinsam auf unseren Arbeitsfeldern innerlich weiterzukommen und daraus zu handeln, um eine Zukunft aufbauen zu können. Das sollte man fördern, und in den kritischen Zeiten noch intensiver, obwohl das ein längerer Weg in der Außenwelt ist. In der Realität ist dieser Weg aber der kürzeste. Auch die Pflege des Seelischen und die Verbindung mit den Prozessen in der Natur fanden wir in der Zeit wichtig. So haben wir die Sprüche aus dem Seelenkalender, welche Rudolf Steiner an unserer Küste geschrieben hat, gemeinsam intensiv gepflegt.

Es gibt ein ständiges Kümmern, dass wir als Gesellschaft innerlich in unseren Erkenntnissen durch einen genauen und wachen Blick auf die konkreten Dinge um uns und mit großem Interesse und offenen Augen für die Erscheinungen in der Welt weiterkommen. Dann kann sich einiges aus sich selbst ändern und entwickeln. Das empfinde ich als goetheanistisches evolutives Denken.

Der Sitz unseres Vereins ist auf dem ökologischen Bauernhof in Demeter-Zertifizierung meiner Familie, wo wir einen Saal für Veranstaltungen haben und viel Platz für Aktivitäten. Es ist ein Ort reich an Pflanzen- und Tierarten, mit Anbau von Getreiden und Heilpflanzen für unsere Produkte, die wir vermarkten. Hier treffen sich meistens kleinere Kreise und die größeren Veranstaltungen werden dann in größeren Städten, meistens in den Räumlichkeiten von Waldorfschulen, organisiert. Das ging aber in dieser Situation nicht mehr. Nur an ganz privaten Orten konnte noch etwas laufen. So ist unser Bauernhof in dieser Zeit eine ‹Oase› geworden. Da die Menschen in der Coronazeit sozial ziemlich verletzt waren, sind sie, sobald dies ging, wirklich busweise zum Hof gekommen. Unsere Organisation ist auch mit vielen anderen Vereinen in Slowenien verbunden und ich arbeite regelmäßig für verschiedene biodynamische Vereine bei uns sowie für die Waldorfinitiativen und andere kulturelle Organisationen in Form von Vorträgen, Seminaren, gemeinsamen Betrachtungen, Workshops.

So habe ich für einen von unseren biodynamischen Vereinen am 22. Mai die Himmelbetrachtung begleitet und geführt. Es war sehr beindruckend, mitten in dieser Krise gemeinsam bis 2.30 Uhr nachts in einer großen Gruppe auf einer wunderschönen Almwiese auf Mars zu warten. Bei den Himmelsbetrachtungen bemerke ich immer wieder, wie stark wir heute den Kontakt zum Himmel verloren haben. Das finde ich eine Priorität, vor allem auch für die Landwirte, stufenweise und systematisch den Himmel zu betrachten und daraus Erkenntnisse zu entwickeln. Unsere biodynamischen Vereine (es gibt 16 mit insgesamt etwa 2000 Mitgliedern) merken, dass sie ohne goetheanistische Betrachtung der Naturprozesse inhaltlich wie äußerlich bei der Arbeit nicht weiterkommen können. Die goetheanistische Arbeit in unserem Land steht am Anfang, sie wird aber mit offenen Händen, Herzen und Häuptern akzeptiert und in ihrer besonderen Qualität für die weitere Entwicklung auf allen Lebensfeldern geschätzt.

Noch in derselben Woche habe ich eine Wanderung in der Natur organisiert und am 30. Mai hat dann eine Tagung mit 60 Menschen auf dem Hof stattgefunden. Weiter habe ich den kroatischen anthroposophischen Arzt Ratimir Šimetin aus Zagreb eingeladen, mit welchem wir zusammenarbeiten, da viele unserer Patienten während der Coronakrise nicht zu ihm gehen konnten (wir haben noch keinen anthroposophischen Arzt in Slowenien, aber mehrere Pharmazeuten). Er hat ein Zimmer auf dem Hof bekommen und slowenische Patienten beraten. Am Nachmittag haben wir dann noch alle auf unserer Wiese einen Vortrag über den Magen-Darm-Trakt von ihm gehört. Ein Wochenende später, am 6. Juni, war wieder ein anderer biodynamischer Verein bei mir auf dem Hof.

Es folgten wöchentlich größere und kleinere Veranstaltungen. Auch die Klassenstunden wurden in der Coronazeit in einem kleinen Kreis auf unserem Hof gelesen. Einem Freund habe ich später im Brief mit diesen Worten, die ich auch hier am Ende benützen will, berichtet: «Es gibt ein ständiges Kümmern, dass wir als Gesellschaft innerlich in unseren Erkenntnissen durch einen genauen und wachen Blick auf die konkreten Dinge um uns und mit großem Interesse und offenen Augen für die Erscheinungen in der Welt weiterkommen. Dann kann sich einiges aus sich selbst ändern und entwickeln. Das empfinde ich als goetheanistisches evolutives Denken. Ich finde, dass mein Land noch viel Unterstützung braucht, und ich fühle mich dafür verpflichtet.»


Mehr: Nid sapientia, vesna.forstneric@gmail.com

Titelbild: Ljubljana. Foto: Daniel Hasl/Pexels

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