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Drei Zeichen und ihre Botschaft

Zum geisteswissenschaftlichen Verständnis der Covid-Pandemie.


Die SARS-CoV-2-Pandemie ist ein globales Phänomen, trifft nahezu alle Menschen, wenn auch in sehr unterschiedlicher Weise, führt zu erheblichen therapeutischen Herausforderungen und stellt vor diesen Hintergründen die Frage nach der ‹Botschaft› an die Menschheit, also nach einem Sinn und dem sich hierin aussprechenden Wesen der Erkrankung. Wir finden diesen Sinn, wenn wir unseren Blick über das Krankheitsgeschehen hinaus weiten. Dann steht die Frage vor uns, welche Haltung, welches Handeln eine angemessene Antwort auf diese Pandemie darstellt, welche Ebene geistiger Erkenntnis durch sie aufgerufen wird. Es geht darum, im Annehmen der Pandemie selbst eine Blickwendung zu vollziehen, die uns mit dem Entwicklungsstrom der Menschheit verbindet und einen nachhaltigen Weg in die Zukunft öffnen kann.

Gegenwärtig blickt die Öffentlichkeit gebannt auf das SARS-CoV-2 Virus, seine Entwicklung in immer neuen Mutationen. Anders als Bakterien, die über eigene Lebensprozesse verfügen, oder andere Mikroorganismen, die sogar Bewegungsphänomene zeigen, sind Viren mineralischer Natur, verfügen nicht über eigenständige Lebensprozesse. Sie brauchen vielmehr andere Wirtsorganismen, in denen sie ihre Vermehrung erreichen. Insofern haben wir es bei den Viren mit ‹geronnener› Information zu tun, die in anderen Lebewesen erst in die Sphäre der Lebensprozesse aufgenommen wird. Darüber hinaus realisiert sich in diesen Prozessen eine enorme Intelligenz. Krankheiten verfügen nicht nur über ihre körperlichen Symptome, sondern zeigen in ihren Prozessen eine oftmals bestaunenswerte Intelligenz. Diese kann sich auch in Resistenzbildungen gegenüber Antibiotika, in der Krebsbehandlung oder durch neue Mutationen im Zusammenhang mit dem auch durch die Impfung erzeugten Selektionsdruck ergeben. «Wer ist der Träger dieser Intelligenz?», ist eine oft empfundene Frage, die allerdings kaum öffentlich geäußert wird, da sie so Fragende sofort in einen Kontext vorwissenschaftlichen Krankheitsverständnisses rückt. Aber dennoch lebt diese Frage in vielen spirituell suchenden Menschen.

Wir haben es bei Viren mit ‹geronnener› Information zu tun, die in anderen Lebewesen erst in die Sphäre der Lebensprozesse aufgenommen wird.

Gesellschaftliche Phänomene der Pandemie

Zunächst fällt das einseitig erregerfixierte Krankheitsverständnis auf, das gar nicht dem Stand wissenschaftlicher Erkenntnis entspricht. In der Infektiologie kommt es nicht nur auf die Erregerexposition, sondern auf den ‹Dialog› des Menschen mit dem infektiösen Erreger, damit aber auch auf die Resilienz und die Disposition des Menschen an. Dieser einfache Zusammenhang ist seit Jahrzehnten bekannt und wurde auch von Rudolf Steiner ausgeführt, ohne dabei die Bedeutung der Erreger zu verkennen. Es geht darum, den ganzen Menschen im Blick zu behalten. In seiner Resilienz spielen das Alter, die körperliche (Vorerkrankungen, Risikofaktoren) ebenso wie die seelische und geistige Ebene eine bedeutsame Rolle. Wir müssen also einen Weg aus der «kulturellen Blickbeschränkung» (Carl Friedrich von Weizsäcker) zu einer Blickerweiterung finden, die uns Menschen als geistiges Wesen einbezieht. Heilende Kräfte brauchen eine stabile Lebensorganisation, sind mit dem seelischen Befinden und gleichermaßen mit der Selbstwirksamkeit des geistigen Ichwesens des Menschen verbunden. ‹Das Ganze sehen› bezieht sich dabei nicht nur auf den Menschen, sondern auch auf die Erde, die Naturreiche, den Makrokosmos. Denn es gibt nur eine Gesundung des Menschen auf der Grundlage der Gesundung der Umwelt, die sein Leben trägt. Gelangt man zu dieser Einsicht, fällt auf, dass bis zum Ausbruch der Pandemie die Diskrepanz zwischen dem Wissen um die menschgemachte Krise der Erde und ihrer Hüllen (Boden, Wasser, Luft und damit zusammenhängend die Wärme) stetig zugenommen, aber nur unzureichend ihren Niederschlag im menschlichen Handeln, in der bewussten Übernahme von Verantwortung für die ökologische Krise gefunden hat.

Die Corona-Krise zeigt uns wie im Negativ, wie weitgehend es uns möglich ist, Gewohnheiten zu ändern. Sie fragt damit zugleich, auf welche nachhaltigen Veränderungen es im Blick auf die Zukunft ankommt, wie die Menschheit das Leben der Erde und nachfolgender Generationen schützen kann. Dies wird nicht zuletzt durch das Leiden der Kinder unterstrichen, die das Opfer und nicht das Subjekt der Pandemiebekämpfung darstellen.

Damit berühren wir bereits eine zweite, auffallende Qualität dieser Krise, die das Soziale betrifft: Corona führt vielfach zur Polarisierung und Spaltung. Es ist berührend und gleichermaßen bedrückend, in welch intensiver und emotionaler Weise Trennung und Spaltung auch in sonst vertrauten Menschenzusammenhängen auftreten. Es kommt dabei nicht mehr zu einem fruchtbaren Austausch unterschiedlicher Sichtweisen, sondern es überwiegt emotionale Impulsivität, Ablehnung, ja Hass auf die andere Sichtweise. Digitale Medien, aber auch die algorithmische Steuerung sozialer Medien, der das Wesen der Gemeinschaftsbildung mit einem vermittelnden Begegnungsraum fremd ist, verstärken diese Tendenz. Auch das gehört zum sozialen Erscheinungsbild der Coronapandemie.

Eine dritte Qualität der Coronapandemie besteht in der pandemischen Angst und Furcht. Erschreckende Bilder aus den Medien, Nachrichten über die Ausbreitung der Pandemie mit Erkrankungszahlen und Tagesangaben zur Letalität erzeugen bei vielen Menschen eine enorme Furcht. Diese wird in der Einsamkeit der angeordneten Isolation nicht besser, sondern bedingt anderes Leid wie eine offensichtlich zunehmende häusliche Gewalt, eine unsägliche Beeinträchtigung der kindlichen Entwicklung, eine Zunahme psychischer Erkrankungen und anderer gesundheitlicher Risikofaktoren. Die negativen Auswirkungen von Isolation und Einsamkeit auf die Gesundheit des Menschen sind inzwischen gut dokumentiert.

Hinderungskräfte menschlicher Entwicklung

Diese drei Aspekte weisen auf tiefe, in der menschlichen Seele vorhandene Hinderniskräfte. Der wissenschaftliche Reduktionismus nährt sich durch den Zweifel an einer geistige Wesenswelt und damit den Verlust einer umfassenden Sinnperspektive menschlicher und kosmischer Entwicklung. In einer Welt reiner Fakten ohne sinnstiftenden Zusammenhang verbreiten sich pandemisch Fake News, «alternative Wahrheiten» und fordern die individuelle Urteilskompetenz heraus. Es gilt, Verleugnungen der Realität und Qualitäten der Lüge zu erkennen. Die Polarisierung in den Anschauungen und Sichtweisen gewinnt emotionale Schärfe und Hass, der bis zum machtvermittelten Ausschluss Andersdenkender aus dem öffentlichen Diskurs oder gar physischer Gewalt führen kann. Angst und Furcht schließlich erscheinen immer an Orten, an denen Bekanntes verlassen wird, wo sich das Leben einer Schwelle zu einem Unbekannten nähert. Diese drei Kräfte werden von Rudolf Steiner als ahrimanische Erkenntnisfeinde bezeichnet und als die menschliche Entwicklung behindernde Kräfte beschrieben. Schon früh weist er in diesem Zusammenhang auf Phänomene der Informationssucht, der seelischen Leere, die durch Animation kompensiert werden muss, und schließlich auf die Gewalt1 als Symptome der an der Schwelle zur geistigen Welt stehenden Menschheit hin. Dabei ist deutlich: Zweifel erzeugt Unsicherheit und damit das oftmals suchtartige Verlangen nach stützender Information, die durch unzählige Kanäle und hohe zeitliche Dichte ihre Empfänger erreicht. Der Verlust traditioneller spiritueller und religiöser Orientierung in einer zunehmend säkularisierten Gesellschaft geht mit einem neuen ‹Glauben› an die Verlässlichkeit der Wissenschaft einher und führt zu einer für den einzelnen Menschen nicht mehr zu verarbeitenden Informationsflut. Die Naturwissenschaft aber lässt die Fragen nach der spirituellen Dimension, nach dem Sinn menschlicher Existenz unbeantwortet. Die Leere der Seele wird von vielen durch unterschiedliche ‹Animationen› gefüllt. Die so bedrückende Zunahme nicht stoffgebundener Süchte und damit der Medienabhängigkeit weisen auf diese seelische Leere hin. Angst und Furcht sind häufige Quellen der Gewalt und charakterisieren autokratische Tendenzen gesellschaftlichen Rückschritts. Vielen Gewaltexzessen liegt Bedrohungsangst und Furcht zugrunde. Quellen zerstörender Gewalt liegen nicht in Stärke, sondern in dem furchterfüllten Wesen des Menschen.

Hao Bu, ‹Zwei Wölfe haben die Sonne und den Mond verschluckt› (aus der nordischen Mythologie), 2018, Öl auf Leinwand, 69 × 69 cm

Diese Kräfte werden in der gegenwärtigen Pandemie besonders wirksam, erscheinen in den Formen der Auseinandersetzung mit ihr und charakterisieren die innere Disposition und Infektionsbereitschaft. Sie werden wirksam, wenn Denken, Fühlen und Wollen sich aus ihrem konstitutionellen Zusammenwirken lösen und noch nicht durch eine neu zu entwickelnde, individuelle Ichkompetenz geführt werden können, der ein entsprechend ‹horizontales›, aus Freiheit erfolgendes Zusammenwirken im Überwinden sozialer Herausforderungen und Krisen entspricht. Wenn wir einem notleidenden Menschen begegnen, seine Notsituation erfassen, so entwickeln wir Mitleid und wollen helfen. Gegenwärtig erfahren wir medial von vielen notleidenden Menschen. Oftmals bleiben aber nur die Zahlen der Verstorbenen und Infizierten im Bewusstsein, ohne die entsprechenden Empfindungen von Betroffenheit, Mitleid und Motivation zur Hilfestellung. Die Seelenkräfte des Menschen lösen sich aus ihren gewohnten Beziehungen, trennen sich voneinander und verlangen nun eigene Aktivität, um sie in ein neues Zusammenwirken zu führen.

Es gibt nur eine Gesundung von uns Menschen auf Grundlage der Gesundung der Umwelt, die unser Leben trägt.

Was die Krise fordert

Zur Überwindung der genannten Gegenkräfte in der menschlichen Seele stellen sich Entwicklungsaufgaben. Es geht dabei um die Erweiterung des Blickes auf die seelische und geistige Ebene und die daraus folgenden Gesundungskräfte für den Menschen und die Gesellschaft. Denn nicht nur die auf die Exposition und den Virus bezogenen Maßnahmen wirken und sind in Abhängigkeit vom Erkrankungsrisiko hilfreich, sondern auch die seelisch-geistige Entwicklung kann die leiblichen Gesundungskräfte in hohem Maße stärken. Dabei kommt künstlerischer Erfahrung und Gestaltung nachweislich große Bedeutung zu. Die Polarisierung der unterschiedlichen Sichtweisen verlangt die Einrichtung von Begegnungsräumen, das Gespräch z. B. in zu gründenden Bürgerforen. Hier braucht es Offenheit für die Gesichtspunkte des anderen und gleichermaßen ein die polarisierenden Gefühle verwandelndes Gleichgewicht der Seele. Schließlich sind es Mutkräfte, die der Furcht begegnen, Hilfestellungen für die von der Pandemie so schwer Getroffenen, menschliche Begleitung und in diesem Sinne eine praktizierte ‹Geschwisterlichkeit›. Betroffen sind in dieser Pandemie vor allem ältere und kranke Menschen. So wesentlich akut Isolations- und medizinische Schutzmaßnahmen für diese ‹Risikopatienten› sind, so sehr erfordert eine nachhaltige Antwort auf diese Krise eine stärkere Inklusivität unseres Zusammenlebens, mehr Mut und Engagement im intergenerationellen Dialog und konkrete gegenseitige Hilfeleistung. Aber schon durch wenige Überweisungsschritte an helfende Organisationen, an andere Menschen kann substanzielle Hilfe geleistet werden, vor allem dort, wo Corona bereits die tägliche Mahlzeit einer Familie infrage stellt. Virologisch wie soziologisch kann diese Krise nicht bei zunehmender sozialer Ungerechtigkeit überwunden werden. Wirksam sind aber auch die innerliche moralische Anteilnahme, helfende Gedanken und Gefühle und ein Gedenken der Verstorbenen.

Michael-Impulse und Christus-Wirksamkeit

Diese Herausforderungen, die sich uns allen derzeit stellen, fasst Ernst Barlach, der vergangenes Jahr seinen 150. Geburtstag hatte, in einer Plastik zusammen: ‹Der Geistkämpfer› – so der Name seiner Plastik – bezwingt das Bedrohende nicht durch Töten, sondern durch die überwindende und verwandelnde Kraft des nach oben gerichteten Schwertes. Seine Haltung offenbart Aufrichte und die Meisterschaft, Gleichgewicht in bedrängter Lage zu entwickeln und mit beiden Füßen auf dem Ungeheuer zu stehen. «Die ganze Michael-Tradition muss revidiert werden. Michael, seine Füße auf den Drachen gestellt: Man erblickt mit Recht dieses Bild, das den Michael-Kämpfer darstellt, wie er den kosmischen Geist vertritt gegenüber den ahrimanischen Mächten, die er unter seinen Füßen hat», formulierte es Rudolf Steiner2 wie zur Plastik passend vier Jahre vor deren Enthüllung. In anderen Michael-Darstellungen ist es die Waage, welche auf die Entwicklung des Seelengleichgewichtes weist. Neben dem Mut zum Verwandeln und dem Gleichgewicht, der Michael-Waage, geht es um seinen Blick. In dieser Plastik ist er leicht nach unten gelenkt, als würde er von seiner Höhe auf den Menschen schauen. Michaels Blick weist auf die Entwicklung menschlichen Erkennens, das in der Sinneswelt die Geisteswelt erfassen lernt. Die globale Herausforderung unserer Zeit verlangt diese Kräfte des Zeitgeistes, seines Blickes, des Seelengleichgewichtes und Mutkräfte, um den ahrimanischen Hinderniskräften begegnen zu können.

Diese Coronakrise fordert eine stärkere Inklusivität unseres Zusammenlebens, mehr Mut und Engagement im intergenerationellen Dialog und gegenseitige Hilfeleistung.

Ein neues Sehen, von dem der als Kind erblindete Jacques Lusseyran eindrucksvoll sprach, setzt die Andacht zum Kleinen, die Fähigkeit des Staunens und Wunderns voraus. Nur dadurch offenbaren sich neue Zusammenhänge und geistige Hintergründe. Aus der erklärten Welt wieder eine bestaunte zu machen, weckt Ehrfurchtskräfte vor der Schöpfung und macht sie nicht zum Nutzobjekt. Zwischenmenschliche Begegnungskultur entwickelt Brücken der Verbindung, von Wärme und liebevoller Zuwendung zum anderen Menschen. Moralisches Gewissen führt zu einem am Notwendigen orientierten Handeln. Es leitet zu Willensimpulsen, die das geistige Ich auf das Du hin orientieren im Bestreben, das Gute zu finden und damit Güte im Handeln zu entwickeln. Rudolf Steiner geht auf diese drei Qualitäten des Staunen-Lernens, also des Wunderns, der Liebesfähigkeit und des Gewissens ein. Er beschreibt ihre Wirksamkeit für die Wesensglieder des Christus. «Nun merken Sie, wie sich die Menschen mit dem Christus zusammenleben. Von dem Mysterium von Golgatha bis zum Ziele der Erdenentwickelung werden die Menschen immer vollkommener und vollkommener werden, indem sie sich hin entwickeln zu dem, was in ihnen bestehen kann, indem sie eine Ich-Wesenheit sind. Aber die Menschen werden verbunden mit der Christus-Wesenheit, die unter sie getreten ist, indem sie fortwährend aus sich herausgehen und durch Verwunderung und Erstaunen den astralischen Leib des Christus begründen. Der Christus baut sich nicht den eigenen astralischen Leib, sondern in dem, was die Menschen in sich finden als Erstaunen oder Verwunderung, werden sie beitragen zu dem astralischen Leib des Christus. Sein ätherischer Leib wird gebaut werden durch Mitgefühl und Liebe, welche von Mensch zu Mensch walten werden, und sein physischer Leib durch das, was als Gewissen sich in den Menschen heranbilden wird.»3 Es braucht die Verwandlungskräfte des Michael als Geist unserer Zeit, um die Christus-Wirksamkeit in der Gegenwart zu verstärken, ihm einen Platz in unserer Zivilisation zu geben.

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Fußnoten

  1. Rudolf Steiner, Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten? GA 10, Kapitel: Die Spaltung der Persönlichkeit während der Geistesschulung.
  2. Ders., Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge. Band VI, GA 240, Vortrag vom 19.Juli 1924.
  3. Ders., Der irdische und der kosmische Mensch. GA 133, Vortrag vom 14. Mai 1912.

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