Ich als Methode

Welche Fähigkeiten hat das Ich, die es ihm ermöglichen, ein Instrument der Wissenschaft zu sein? Salvatore Lavecchia schlägt eine Brücke zwischen dem mikrokosmischen Ich der Sinneswahrnehmung und dem makrokosmischen Ich der Urbildsphäre, denen beiden die Dialoggebärde innewohnt. Das dialogische Ich selbst wäre dann der Weg, das Phänomen und die Methode einer Wissenschaft, die Steiner als Anthroposophie bezeichnete.


I Die immer dringender notwendige Verwandlung der gewöhnlichen Ich-Vorstellung bildet seit mehreren Jahren ein wesentliches Anliegen meines universitären Unterrichts. Ich widme jedes Jahr einen gewichtigen Abschnitt des Anfängerunterrichtes dem Versuch, die Zuhörenden weg vom atomistischen Bild des Ich zu bewegen. Das Ich ist nicht ein innerhalb des Leibes verortbarer, finstrer Punkt – eben ein Atom –, der als von der Welt getrennt betrachtet werden soll. Das Ich ist im Gegenteil eine unverortbare Mitte aus unerschöpflicher geistiger Wärme, die augenblicklich eine unendliche Sphäre aus geistigem Lichte gebiert, in dem sich andere Wesen durch die Begegnung mit seiner Wärme und mit seinem Licht frei und stimmig offenbaren können.1 Dieses eminent dialogische Bild des Ich konnte ich ausgehend vom Werk zentraler Vetreter der antiken Philosophie wie Platon und Plotin ausbauen und vertiefen. Sie haben nämlich den Urgrund aller Bewusstseins- und Seinsformen so charakterisiert, dass er als urbildhaftes dialogisches Selbst/Ich erlebt werden kann, das als sich uneingeschränkt schenkende, unerschöpfliche Quelle geistiger Wärme und geistigen Lichtes wirkt. Jedes Selbst/Ich kann folglich, in seinem wahren Wesen, als treues, schöpferisches Bild dieses Ur-Selbst/Ich wahrgenommen werden. Mir ist es auch möglich gewesen, eine zugleich bildhafte und begriffliche, auf dem Bild einer geistigen Wärme- und Lichtsphäre fußende Dynamik zu entwickeln, die ausgehend vom makrokosmischen Ur-Selbst/Ich die spezifische Selbst- und Welterfahrung unseres mikrokosmischen, irdischen Ich gleichsam begründet und nachvollziehbar macht.2 Weder die antike noch die späteren Philosophien konnten mir jedoch ein unmittelbar dialogisches Bild des irdischen Ich als Schlüssel für jede mögliche Begegnung mit der sichtbaren Welt, das heißt für alle Sinneswahrnehmungen zeigen. Und dies stimmte mich unzufrieden, denn die fruchtbaren Konstellationen, die mir und den Studierenden durch die alte Weisheit geschenkt wurden, blieben wie im Makrokosmischen schwebend, ohne von der mikrokosmischen, irdischen Seite unsrer Ich-Erfahrung her ergriffen und verdichtet werden zu können.

Linien, Katharina Müller

II Wo finde ich im mikrokosmischen, irdischen Ich die gleiche urbildhaft dialogische Gebärde, die im Horizont von Platon und Plotin das makrokosmische Ur-Selbst/Ich charakterisiert? Diese Frage beschäftigte mich jahrelang. Die Antwort, die ich im Folgenden thematisieren werde, fand ich durch das Werk Rudolf Steiners, dessen Vertiefung ich nie als abgekoppelt von meinen akademischen Forschungswegen empfand. Denn mir ging es nie darum, meinen spirituellen Weg und die akademische Wissenschaft lebensfremd voneinander abzugrenzen, sondern darum, sie als zwei sich einander dialogisch befruchtende Dimensionen im leiblich-seelisch-geistigen Organismus meines Lebens zu ergründen. So betrachte ich Steiners Werk nicht als Lieferant von Zitaten, sondern als schöpferisch dialogisches Ganzes. Im prägnanten Sinne sokratisch, wirkt dieses dynamische Ganze als Hebamme für die Fragen und Antworten, die mein Ich als grundlegend für Selbsterkenntnis und stimmige Gestaltung der Weltbegegnung empfindet. Und eine dieser Fragen war jahrelang, durch mein häufiges und vielfältiges Unterwegssein angeregt: Was ist Sinneswahrnehmung in ihrem tiefsten Wesen?

Durch diese Frage geführt, begegnete ich vor einigen Jahren dem bis dahin vernachlässigten Anfang einer unvollendeten Betrachtung Steiners zu Hören und Sprechen: Der Typus, das heißt das Urbild, die Idee eines Wahrnehmungsorgans hängt mit der Fähigkeit zusammen, in sich das Bild eines gleichen fremden Ich gegenwärtig machen zu können.3 Urbild aller unserer Sinnesorgane und -tätigkeiten ist demzufolge das wahrnehmende Ich, das in der Begegnung mit einem anderen Ich in sich eben das Bild jenes Ich vergegenwärtigen kann. Dies bedeutet, dass alle, auch die elementarsten Begegnungen mit der Welt, die sich durch die Sinneswahrnehmung ereignen, als Annäherungen zur Wahrnehmungsqualität vertieft werden sollten, die in der Begegnung zwischen Ichwesen offenbar wird.4 Diese Qualität hat wiederum nichts mit einer Selbstbehauptung des wahrnehmenden Ich zu tun, sondern mit seiner Fähigkeit, die autonome Offenbarung des anderen Ich uneingeschränkt zu ermöglichen und zu empfangen. Diese Fähigkeit impliziert jedoch gerade jene urdialogische Gebärde, jenes urdialogische Bild des irdischen Ich, das ich suchte! Sie widerspricht nämlich der atomistischen Ich-Vorstellung und klingt mit dem Bild einer Mitte/Sphäre aus geistiger Wärme und geistigem Lichte zusammen, das mir durch die Forschungen im Gebiet der antiken Philosophie begegnete. Hiermit handelt es sich also nicht darum, Steiners Aussage zum Typus des Wahrnehmungsorgans als Glaubensinhalt passiv zu betrachten, sondern als Forschungsfrage, als Anregung zu einer neuartigen, aussichtsreichen Vertiefung des Sinnesorganismus schöpferisch wahrzunehmen, zu verstehen, zu prüfen.

III Die revolutionäre Vertiefung des Sinnesorganismus aufgrund des Ich, die Steiner aus Zeitmangel nur ansatzweise durchführen konnte5, kann das dialogische Wesen des irdischen, mikrokosmischen Ich mit der dialogischen Gebärde zusammenklingen lassen, die das makrokosmisch geprägte, noch imaginative Denken der Antike im göttlichen Urbild alles Selbst/Ich empfand. Könnte nicht gerade die hier gemeinte Vertiefung, die Steiner intim mit dem Namen Anthroposophie verband, konkret zeigen, was «ein Erkenntnisweg» bedeutet, «der das Geistige im Menschenwesen zum Geistigen im Weltenall führen möchte»?6 Dabei würde es sich nicht darum handeln, die Ergebnisse der Wissenschaft zu bestreiten, die das Wahrnehmen und den Sinnesorganismus betreffen, sondern jene Ergebnisse durch eine Methode wahrnehmen und verstehen zu wollen, die mit der Wirklichkeit des wahrnehmenden Ich stimmig zusammenklingt und nicht aus der Betrachtung des Anorganischen träge und dogmatisch übernommen wird. Diese Methode wäre wiederum kein abstraktes Korsett, das den Phänomenen aufgezwungen werden würde. Denn die dialogische Selbst- und Welterfahrung des Ich sowie das dialogische Ich selbst wären hier zugleich der Weg, das zu vertiefende Phänomengebiet und die Methode einer authentischen, im Sinne Goethes phänomenologischen Wissenschaft.

Der letzte universell anerkannte Wissenschaftler, der in Kontinuität mit Goethe in die soeben angedeutete Richtung zu gehen wünschte, war Werner Heisenberg7: Eine Wissenschaft wünschte er, die nicht die gleiche Methode und die gleichen Begriffe für alle Dimensionen der Wirklichkeit verwendet; eine Wissenschaft, die Symbol und Gestalt ernst nimmt und die als der Welt zugrunde liegende Wirklichkeit nicht das anorganische Sein, sondern die schöpferischen Bewusstseinskräfte betrachtet, die der Mensch auch direkt durch ‹geistige Erleuchtung› erleben und erkennen kann.8 Für diese Wissenschaft ist – nach Goethes Begrifflichkeit, auf die auch Heisenberg hinweist – nicht das anorganische Zufällige, sondern das Geniale Anfang und Ende der Wirklichkeit.9 Und dies ist das Wirklichkeitsgebiet, von dem ausgehend Mensch sich über äußere Schicksalsbestimmungen erheben kann.

Die dialogische Grundgebärde des Ich in der Weltbegegnung als Urbild jeder Begegnung empfinden.

Die hier gemeinte Wissenschaft wäre eine, die das Wirken des Ich als Typus eines Wahrnehmungsorgans ernst nehmen und als Substanz der eigenen Methode in der Begegnung mit allen Dimensionen der Wirklichkeit erleben wollen würde. Diese Wissenschaft würde demzufolge eine Umkehrung der Perspektive im Verhältnis zur üblicherweise anerkannten Wissenschaft bedeuten, und Gesetzmäßigkeit wäre hier nicht Standardisierung oder Algorithmisierung, sondern Geburtshilfe für das Einmalige, das Plötzliche, das Schöpferische: Wie bei jeder Wahrnehmung, in der ich entscheide, die dialogische Grundgebärde des Ich in der Weltbegegnung nicht für ein aus neurophysiologischen oder soziokulturellen Dynamiken emergentes Phänomen zu halten, sondern als Urbild jeder Begegnung zu empfinden, die dem anderen Wesen zur Geburt seiner Wahrheit verhilft. Die Wissenschaft, die durch diese Haltung geboren werden würde, wäre deshalb Anthroposophie, weil der Mensch – der ánthrôpos – sich durch sie als schöpferischer Urgrund einer echten Weisheit – sophía – offenbaren könnte: einer Weisheit, die, durch die Kraft des Ich geboren, nicht der Selbstbehauptung des Ich dienen, sondern einer harmonischen Welt zur Geburt in stimmiger Kindesgestalt verhelfen würde.

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Footnotes

  1. S. Lavecchia, Ich sinne im LICHT. Sinn-Bildung jenseits von Innen und Außen, von Punkt und Umkreis, in ‹Die Drei› 7/8, 2013, S. 48 ff.
  2. Zu diesen Themen vgl. S. Lavecchia, Das Ich und das Gute. Ansätze einer Licht-Philosophie in Anknüpfung an Novalis und Platon, in: ‹Perspektiven der Philosophie› 40, 2014, S. 9 ff.; ders., Frei von sich und von anderem. Zum Ursprung und Wesen des noetischen Selbst in Plotins Philosophie, in ‹Perspektiven der Philosophie› 46, 2020, S. 20 ff.
  3. R. Steiner, Anthroposophie. Ein Fragment (GA 45), Dornach 2001, S. 186.
  4. Dazu vgl. S. Lavecchia, Anthroposophie als Revolution der Sinne, in: ‹Goetheanum› 25–26/2019.
  5. Für einen Versuch in diese Richtung vgl. S. Lavecchia, Un io dialogico. Antroposofia dei sensi, Milano-Udine 2020.
  6. R. Steiner, Anthroposophische Leitsätze (GA 26), Dornach 1989, Leitsatz 1.
  7. Vgl. z. B. W. Heisenberg, Vortrag (Budapest 1941) ‹Die Goethe’sche und die Newton’sche Farbenlehre im Lichte der modernen Physik›, in: Gesammelte Werke, Abt. C, Bd. 1, Berlin 1984, S. 146 ff.
  8. W. Heisenberg, Ordnung der Wirklichkeit, Gesammelte Werke, C1, S. 217 ff.
  9. J. W. v. Goethe, Nachträge zur Farbenlehre, in: Sämtliche Werke, Bd. 25, Frankfurt a. M. 1989, S. 788 und 795 f.

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