Die Liebe zu den Dingen

Es sind Filme ohne Musik und ohne menschliches Gesicht, ja man weiß nicht einmal, wer den Film gemacht hat. Es fehlen also die zwei Zutaten, die eigentlich zu jedem Youtube-Video gehören. Und doch haben sich 26 Millionen Menschen diesen Lehrfilm angeschaut.


Am Anfang fährt die Kamera um einen verrosteten Schraubstock – Schrott. Die Backen sind verschlissen, der Schlitten hat sich festgefressen. Beinahe meditativ nimmt die Kamera den Endzustand unter die Lupe. Wie ein Arzt, eine Ärztin, die über den Leib tastet und dabei die Diagnose diktiert, listet der unbekannte Handwerker alles auf, was der Zahn der Zeit dem Werkstück angetan hat. Auch die Einzelteile mit ihrem jeweiligen Schicksal kommen ins Bild. Hier ahnt man bereits, dass das Unmögliche möglich wird. Dann beginnt die Wiederbelebung des Gerätes. Mit Kriechöl, Hammerschlägen und einem speziell gebauten Spreizgerät bringen die Männerhände – mehr sieht man von dem Eisenoperateur nicht – den Schlitten aus seiner vielleicht hundertjährigen Erstarrung. Wenn sich Handgriffe wiederholen, beschleunigt der Film. Die Teile lösen sich und erlauben jetzt die Kamerafahrt durch die Innenseite des Schraubstocks. Mit einem Schlagschrauber gelingt es, die verrosteten Backen zu lösen, und der Mechaniker dreht jede Schraube vor der Kamera. Es geht um Eisen, Rost und Öl und um die Liebe zu den Dingen. Dann wenden sich die Hände der Gewindewelle zu. Ein Splint ist gebrochen, und man schaut mit den Augen des Werkzeugmachers auf die geborstenen Teile, als wisse man wie der geheimnisvolle Mechaniker, wie all die Teile wieder zum Leben erweckt werden können. Endloses Bürsten und Schleifen, mal mit der Maschine, dann mit der Hand, bringt den metallischen Glanz, bringt die alte Funktion zurück und macht damit die Gedanken transparent, die vor Generationen die Welle, den Splint, die Muffe gerade so gebildet haben.

Minutiös wird die Laufschiene mit Schleifblock und -papier in ihren alten und zugleich ganz neuen reibungslosen Lauf gebracht. Dabei hört man Schleifgeräusche in allen Tonlagen.

Man schaut zu und ist Zeuge einer Befreiung. Dann schneidet der Mechaniker neue Gewinde in die Backen. Wer in einer Werkstatt zu Hause ist, sieht, dass die Werkzeuge einfach, aber solide sind, sie folgen dem Willen und Gedanken des Mechanikers. Minutiös wird die Laufschiene mit Schleifblock und -papier in ihren alten und zugleich ganz neuen reibungslosen Lauf gebracht. Dabei hört man Schleifgeräusche in allen Tonlagen. Dem Rost rückt er in einer Sandstrahlkammer zu Leibe, und immer ist man Zeuge der schrittweisen Wiederbelebung. Metallisch glänzend kommen die Teile verwandelt aus der Kammer. Wieder der Blick auf das Metall, ein Blick, der schon weiß, was jetzt kommt, wie es weitergeht: Farbe auf die Flächen und andere Farbe auf die Buchstaben des Firmenlogos ‹Sulzer Elektroguss›. «Ich male sie mit einem Zahnstocher», schreibt der Mechaniker unter diese Bildsequenz.

Drehbank, Gewindeschneider, Schweißgerät – die Werkstatt, in der man hier für 30 Minuten zu Gast ist, hat alles in bester Qualität. Die technische Perfektion ist auf der einen Waagschale, der unbedingte Wille, ja vielleicht die unbedingte Liebe zu diesem Ding auf der anderen. Wie in jeder guten Geschichte weiß man schon vom Happy End und ist doch gespannt über das Wie der einzelnen Schritte, denn immer wieder scheint es nicht weiterzugehen, und dann finden die Hände im Film doch einen Weg, sei es, dass eine zerfressene Schraube mit dem Schweißgerät neu aufgebaut wird und ein neues Gewinde erhält. Dann kommt das Finale. Der Schraubstock ist fertig! Lautlos fährt die Kamera über das glänzende Stück. Das Wort ‹wie neu!› ist hier wirklich am Platz. Kurze Rückblenden auf den verrosteten, dem Untergang geweihten Schraubstock und dann wieder der Blick auf das wiedergeborene Stück. Der Stolz, die Berührung des Machers, wird von 26 Millionen Herzen geteilt – ob bei diesem Schraubstock, einem uralten Schraubenzieher oder bei einem Bügeleisen, dem der Mechaniker neues altes Leben bringt. Es sind Meditationen in Stahl, die so eine weltweite Gemeinschaft gefunden haben. Ein Journalist hat den Mechaniker mit Namen Urs gefunden und interviewt. Die weltweite ‹Aus-alt-mach-neu-Gemeinde› berühre ihn und er freue sich, wenn ihm aus aller Welt alte Sachen geschickt werden. Gerne wolle er anonym bleiben, um ganz normal im Supermarkt einkaufen zu können.

Bild: Youtube, Mymechanics. Rusty Deadlocked Vise – Perfect Restoration

Zum widersprüchlichen Charakter von heute gehört wohl, dass man über Kamera, Filmschnitt, Internet und Endgerät, über diese Kette der Abstraktion, am Schluss an der Wiederbelebung der Dinge Anteil nimmt, und zwar nachhaltig, denn nach einem Film von Urs schaut man anders auf die Dinge und geht anders mit ihnen um.


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