Der Samen trägt die Zukunft

Eduardo Rincon, ab August 2024 neuer Co-Leiter der Landwirtschaftlichen Sektion, hat in den letzten zwei Jahren Amerika und Europa bereist, um Bauernhöfe zu besuchen und einen Dialog über die Zukunft der Landwirtschaft zu führen. Was er in den Herzen und als Hoffnungen der Landwirtinnen und Landwirte wahrnahm, davon erzählte er auf der Tagung. Hier Auszüge daraus.


Viele anthroposophische Gemeinschaften, Bäuerinnen und Bauern haben das Schwert Michaels und benutzen es nicht, um den Drachen zu erschlagen, sondern um die anderen Anthroposophen zu erschlagen. Wir verwenden viel Zeit, Energie, Willen und Intelligenz darauf, uns gegenseitig zu bekämpfen. Jetzt ist es aber an der Zeit, uns gemeinsam zu organisieren und uns nicht gegenseitig zu kritisieren. Als ob wir die grundlegenden Prinzipien zur Erlangung von Erkenntnissen höherer Welten nicht gelesen haben! Da steht sehr klar, dass wir inneren Frieden suchen sollten, statt zu verurteilen usw. (Großer Beifall der Zuhörerschaft!)

Landwirtschaft an Pfingsten

Wir befinden uns heute an einem sehr wichtigen Moment in der Geschichte unserer Bewegung. Ein hundertjähriger Rhythmus hat sich vollzogen, nicht nur für die biologisch-dynamische Landwirtschaft, sondern auch für andere Bereiche der Anthroposophie. Im Zentrum aller Gedenkfeiern steht die Weihnachtstagung. Vor einhundert Jahren hat Rudolf Steiner in den Herzen der Menschen ein Samenkorn für die Zukunft gepflanzt, in den «Boden des Herzens». Als Landwirte, Produzentinnen, Händler, Studentinnen usw. sind wir die Verwaltenden der Transformation der Erde. Unsere Aufgabe ist es nun, diesen Samen der Weihnachtstagung mit der Wärme, der Liebe und des Lichts zu nähren, die aus unseren Herzen, aus unseren verwandelten lebendigen Gedanken kommen. Wir müssen diesen Samen zum Keimen bringen. So gesehen sind alle Bäuerinnen und Bauern. Ich denke, wir können das tun.

Die Weihnachtstagung und Steiners Vorträge ‹Die Weltentwicklung in anthroposophischer Beleuchtung› fanden zur gleichen Zeit statt, in den Heiligen Nächten. Mit Fortschreiten des Sonnenlichts kam Lichtmess, die Frühlingstagundnachtgleiche, Ostern und dann Pfingsten. Und das war die Geburtsstunde des Landwirtschaftlichen Kurses am 7. Juni 1924. Es war das letzte Pfingstfest Rudolf Steiners. Unser lieber Lehrer Miguel De Marchi fragte uns: Wenn wir die Biografie Rudolf Steiners mit dem Zyklus einer einjährigen Pflanze vergleichen, zu welchem Zeitpunkt in seinem Leben brachte er den Landwirtschaftlichen Kurs? Zuerst sagte er: «Ich glaube, er war in der Blütezeit.» Und dann sagte er: «Nein, ich glaube, er hat schon Samen produziert.» Jeden Tag, nachdem der Kurs in Koberwitz am Vormittag stattgefunden hatte, pendelte Steiner nach Breslau, um die Karmavorträge zu halten und sich mit Gruppen von jungen Leuten zu treffen. Auf der einen Seite gab es die Konferenzen mit der Jugend, auf der anderen Seite den Landwirtschaftskurs und über allem wölbten sich die Karmavorträge.

Pfingsten erinnert an den Moment, als der Heilige Geist auf die zwölf Apostel und Maria herabkam und ihnen die Gemeinschaft offenbarte. Warum hat Steiner den Landwirtschaftskurs zu Pfingsten gegeben? Wir können uns das Bild der Apostel anschauen und was an Pfingsten geschah: Sie sprachen alle in verschiedenen Sprachen, aber sie konnten sich gegenseitig verstehen. Sie sprachen die Sprache des Herzens. Der Individualismus, der auf dem Weg zur Entfaltung unseres Ich-Wesens einen sehr wichtigen Beitrag geleistet hat, führt uns in extremster Weise zu der von Rudolf Steiner aufgeworfenen Frage: Wie wird der individualisierte Mensch in Zukunft in der Lage sein, sich zu einer neuen Gemeinschaft freier Geister zu finden? Eine Antwort wird in der ‹Philosophie der Freiheit› gegeben: «Nur weil die menschlichen Individuen geistesverwandt sind, können sie ihr Leben nebeneinander leben. Der freie Mensch lebt sein Leben im vollen Vertrauen darauf, dass alle anderen freien Menschen mit ihm zu einer geistigen Welt gehören und dass ihre Absichten übereinstimmen werden.»

Die innere Sonne

Während meiner Arbeit in der biologisch-dynamischen Landwirtschaft hatte ich die Gelegenheit, viele verschiedene Höfe in unterschiedlichen Teilen der Welt zu besuchen. Egal wo, die Arbeit der Bauern und Bäuerinnen ist tiefgreifend und erfordert ein starkes Engagement und Entschlossenheit: die Pflege der Tiere, das Pflanzen, viele Tätigkeiten, die Aufmerksamkeit brauchen, und vor allem die aufrichtige Hingabe an die Belebung des Bodens durch das Einbringen von Kräften der Erde und des Kosmos. Meiner Meinung nach ist dafür Meditation erforderlich. Wenn der Landwirt in der Lage ist, das Bewusstsein in einige seiner Tätigkeiten einzubringen, führt er rituelle Handlungen aus, die alchemistische Aktivitäten in der Natur fördern und begleiten. Wenn er beispielsweise der Kuh das Futter bringt, werden die transformierte Sonne und die kosmischen Kräfte, die in der Erde und den Pflanzen wirken, zusammengebracht, um die Kuh zu füttern. Die Kuh, mit all ihren metabolischen und astralen Wundern, verwandelt dies in Dung, den wir für unsere Komposte verwenden können, um unser Land zu beleben und ihm Lebenskräfte zuzuführen. In der Landwirtschaft liegt das Privileg, diese Möglichkeit zu haben und gleichzeitig die Erde zu transformieren. Wir verwandeln uns selbst, wenn wir das tun. Ich denke, das ist eine großartige Arbeit. Man muss nicht woanders hingehen, um die spirituelle Verbindung zu finden: Man hat sie direkt vor sich. Ihr habt sie in euren Händen, euren Werkzeugen, eurem Willen. In diesem Moment der Geschichte und dieser Krise ist es notwendig, so zu denken. Es gibt den Bauern die Möglichkeit, sich ihrer Rolle als Katalysator von Kräften und als aktive Verwaltende bewusst zu werden, die zur Transformation der menschlichen Seele in Richtung Zukunft beitragen können. Im Grunde genommen ist der Bauer oder die Bäuerin wie eine Priesterin, die alle diese Tätigkeiten vereint. Der Wille des Bauern wird zur Substanz des Wandels und kann in neue Formen des Fühlens und Denkens umgesetzt werden. Wir müssen uns als Landwirtschaftstreibende ständig darin üben, in unserem Fühlen weiter zu gehen, die Erde und ihr ganzes Wesen tiefer wahrzunehmen und uns des Geistes bewusst zu werden, der sich hinter jeder materiellen Erscheinung verbirgt.

Links: Ueli Hurter dankt seinem Kollegen Jean-Michel Florin für die gemeinsame Sektionsleitung, die Florin im Sommer niederlegt. Rechts: Jean-Michel Florin, Fotos: Xue Li

Arbeit mit der Jugend

Die Zukunft der biologisch-dynamischen Landwirtschaft liegt vor allem in den Herzen der Jugend. Es gibt viele alteingesessene biodynamische Betriebe, deren ursprüngliche Bauern das Rentenalter erreicht haben und die nächste Generation suchen, die den Betrieb übernimmt. Wie geht man in der anthroposophischen Gemeinschaft mit dem Altsein um? Alt im eigentlichen Sinne ist man, wenn man ein Herz hat für das, was heute aus der geistigen Tiefe in die Menschheit hineinwächst. Jugendlichkeit erneuert alle Lebensbereiche und ist in jedem Alter möglich – die regenerativen Kräfte leben in unserer Lebensfreude. Steiner erinnert uns daran, dass die Jugend den älteren Menschen sucht und sich zu ihm hingezogen fühlt, weil er die Weisheit hat, die aus der Erfahrung und aus der Arbeit an sich selbst stammt. Ich finde, dass es nichts Schöneres gibt, als mit jungen Menschen zu arbeiten.

Die Saat in unseren Herzen

Die Hoffnung für die Biodynamik in der Zukunft beginnt mit dem Samen, der bereits in unsere Herzen gepflanzt ist. Wir sind motiviert, die Art und Weise, wie wir die Biodynamik in die Welt bringen, zu verändern, neue Wege der Zusammenarbeit zu finden, unsere Brüder und Schwestern, die andere Arten von Landwirtschaft betreiben, einzuladen, unsere Jugendlichkeit zu umarmen und trotz unserer Unterschiede immer mehr in Gemeinschaft zu arbeiten. Wie Ueli Hurter zu mir sagte: «Wir kommen alle aus der Landwirtschaft, egal, was wir machen, das haben wir gemeinsam.»

Pflanzt man ein Samenkorn, stellt sich immer die Frage: Wird es keimen? Wird es überleben? Wird es eine Ernte hervorbringen? Wir haben Vertrauen. Egal wie schlecht die Ernte im letzten Jahr war, egal wie schwierig, egal ob wir sogar hätten alles verlieren können, aber um Lichtmess herum entzünden wir dieses innere Licht in unseren Herzen. Wir schließen unsere Augen und tun es wieder: Vertrauen haben. Wir sind sehr hartnäckig, versuchen es immer wieder, treffen uns mit anderen Menschen, befruchten es neu, machen es anders. In Lateinamerika und anderen Ländern der Welt, wo es noch Menschen gibt, die die Traditionen der fühlenden Seele mit ganzem Herzen geerbt haben, ist das Pflanzen bis heute eine heilige Praxis, die Ehrfurcht und Gebet erfordert. Das ist das Bewusstsein für die Zukunft. Wir haben jetzt die Möglichkeit, in wissendes, lebendiges Denken einzutauchen und gleichzeitig die geistige Welt aktiv wahrzunehmen. Das ist der Schritt in die Zukunft. Nachdem wir die Samen gesät und die zugrunde liegenden Fragen gestellt haben, wird uns die Antwort auf majestätische Weise gegeben: in Hülle und Fülle.


Titelbild Eduardo Rincón, Foto: Xue Li

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