Das Sƿiel und die Maƨƙe

Ekstase und Askese sind Zustände der menschlichen Seele, in der sich Gottesnähe abspielt. Sie sind Extreme, die ein Schwingen vom Göttlichen zum Menschlichen und zurück ermöglichen. Zwischen Verborgenem und Enthülltem entsteht ein freies Schwellenspiel.


Eines der ältesten und beliebtesten Spiele in manchen, wenn nicht allen Kulturen ist, wenn ein Kind sich erst versteckt, um sich dann plötzlich, unter lautem Aufschrei, unversehens zu zeigen. Obwohl die Eltern schon längst wussten, was kommen würde, bleibt der Erfolg nicht aus. Höchste Erregung, wildes Gelächter, mit Schreckensgeschrei übereinander herfallen, bis das Unvermeidliche sich ankündigt: «Bitte, noch einmal!»

Es ist ein Spiel, das überall und in jeder Lage möglich ist. Es braucht nur Spielende und Lust am Spiel. Oft reicht ein Tuch oder eine überdimensionale Mütze dazu. Oder nur die beiden Hände vor dem Gesicht gehalten: «Guck guck, wo bin ich?» Bis einer es nicht mehr aushalten kann und durch die Finger hindurchschaut. Was wird da gespielt? Zwei entgegengesetzte innere Regungen stoßen aneinander. Die eine ist die, bei der man kontrolliert bewegungslos innehält. Man zieht sich ganz zusammen. Die andere ist die, bei der man sich ungehemmt gehen lässt. Sich selbst kontrollieren zu können, wie kurz auch immer, erfordert Übung. Die Spannung, die dadurch entsteht, löst sich in der Gegenbewegung auf: Askese und Ekstase. Je konzentrierter das Sichzusammenziehen, desto ausgelassener die Entladung. Lachen und Weinen, Weinen und Lachen – die Urgebärden der Seele! Das Spielen erreicht jedoch erst im Zwischenraum seine wahre Wirklichkeit. Zwischen Askese und Ekstase. (Denn erst zwischen Form- und Stofftrieb wird man frei, so Friedrich Schiller!) Würde man sich in diesem Versteckspiel sogleich zeigen, also sofort die Verhüllung wegreißen – was manche Kinder auch tun, weil die Spannung kaum auszuhalten ist –, dann implodiert das Spiel. Der Moment der Freiheit ist durch den allzu raschen Übergang vorweggenommen worden. Das Spiel fällt in sich zusammen. Die Lust und Freude am Spiel wird Langweile, wird Öde.

Das Urerlebenis des Spiels entsteht zwischen Askese und Ekstase. In diesem Dazwischen kann die Maske auftreten. Denn das Verhüllen macht das Enthüllen möglich. Eine Maske ist Hüter und Schwelle zugleich. Sie bewirkt, dass man sich im Dazwischen aufhält. Zwischen Verhüllen und Enthüllen werde ich einen Moment lang aus der linearen Zeit gehoben. Ich werde von einem Hauch des Aions, der Ewigkeit, berührt.

Es ist noch nicht lange her, da war das Wort ‹Maske› Anlass für heftige Diskussionen, in denen Pro und Kontra wechselseitig angegriffen wurden und viele Menschen sich in ihren Schützengräben aufhielten. Der Punkt war weniger die Maske, sondern vielmehr das Gebot durch eine höhere Warte, eine staatliche Institution. Eine freie Entscheidung war vorweggenommen, Spielen hatte keine Chance mehr.

Paul Klee, Ohne Titel (Breitohrclown), von 1925, Höhe 48 cm

Die menschliche Bedingung

Die Maske gehört zur Lebenswirklichheit der Menschheit, zu unserer ‹condition humaine›. Masken aus urferner Vergangenheit legen noch immer davon Zeugnis ab. Meistens waren es kultische Masken, die bei Initiationsriten oder magischen Praktiken eine performative Rolle hatten. In der frühen Entwicklung der Menschheit deutete die Maske auf eine immanente Grenze zwischen dem Göttlichen und dem Menschlichen hin oder sie verwies auf ein Tabu.

Einmal schützte sie den Menschen vor dem unmittelbaren Anblick des Gottes, dessen in jeder Hinsicht überwältigende Epiphanie zur Verwirrung und sogar zur Vernichtung führen könnte. Das Heilige sollte in seiner Offenbarungsmacht geschützt werden. Deshalb erscheint die Gottheit von einer Maske verhüllt. Aber zu gleicher Zeit wird auch der Mensch geschützt.

Umgekehrt ist es der Mensch, der sich rituell verhüllt und sich dem Blick der anderen entzieht, er maskiert sich. Der Schamane, beim Vollziehen eines rituellen Vorgangs, will Nichteingeweihte während dieses Akts vor einer möglichen Zerstörung behüten. Auf der andere Seite begibt er selbst sich in riskante Nähe des Numinosen. Er wandelt an der Grenze zwischen Leben und Tod. Vielleicht überschreitet er sie sogar für einen Moment. Die Maske nimmt seine Verletzlichkeit vorweg und verwandelt ihn in einen Schamanen, der diesem Risiko gewachsen ist.

Es dauerte noch eine Zeit, ehe es möglich wurde, dass sich eine Gottheit auf Erden ohne Maske offenbaren konnte, was zum Anlass für die Gestaltung der Ikonen wird.

Klassische Katharsis

Am bekanntesten sind wohl die Theatermasken, die in der griechisch-klassischen Zeit zur Ausstattung jedes Theaters gehörten. Oft aus Ton, seltener aus Leinwand oder Holz, stellten sie anhand von vorgeschriebenen Merkmalen und Gesichtszügen die zwei Spielarten des klassischen griechischen Schauspiels dar: das Tragische und das Komische. In der Tragödie drückten die Masken das tiefe Leiden durch stark akzentuiertes Stirnrunzeln, zusammengezogene Brauen, klagende, schmerzhafte Gesichtszüge aus. In der Komödie stellten die Masken das Lachen dar, mit weit aufgesperrtem Mund, scherzhaften oder sogar satyrähnlichen Gesichtszügen. Weinen und Lachen waren die äußersten Grenzen, innerhalb derer Götter und Menschen, und zwischen ihnen der Chor, ihr ineinander verkettetes Schicksal darstellten.

Da das Theater aus den Mysterien herausgewachsen war, wo die Verhüllung des Hauptes und des Antlitzes des Mysten eine strenge Bedingung war, galt dies auch bei einer Theateraufführung. Theater, ähnlich wie die Mysteriendramen im Einweihungsvorgang, hatte unbedingt die Reinigung der Seele zum Ziel. In seiner Poetik stellte Aristoteles die beiden Pole einer Katharsis dar: éleos und phóbos, Mitleid und Furcht (Aristoteles, Poetica, 1449b, 6, 25, lcl 199).

Paul Klee, Ohne Titel (Frau Tod), von 1921, Höhe 36 cm

In der Furcht ist die Seele ganz zusammengezogen, im Mitleid weitet sie sich wieder aus, so wie beim Atemholen. Die Reinigung vollzieht sich in der Bewegung zwischen diesen beiden Extremen. Dadurch kommt die Seele in einen momentanen Zustand des Gleichgewichts und wird empfänglich für den tieferen Sinn des Theaterspiels. Das Geschehen soll Schaudern und Jammern hervorbringen.

«Die Tragödie ist Nachahmung einer guten und in sich geschlossenen Handlung von bestimmter Größe, in anziehend geformter Sprache […] – Nachahmung von Handelnden und nicht durch Bericht, die Jammer und Schaudern hervorruft und hierdurch eine Reinigung von derartigen Erregungszuständen bewirkt (Aristoteles, Poetica 6, 1450a, 6, 30 ff., lcl, 199).

Prosopon und Persona

Anders als im kultischen Geschehen in der Frühzeit, wo in der Maske der sie tragende Mensch und die sich offenbarende Gottheit ineinander aufgingen, wurde im Theater die Maske von ihrem Träger, ihrer Trägerin unterschieden. Vom Menschen wurde erwartet, dass er sich ganz in den Dienst der Rolle stellte. Er ‹trug› seine Rolle, sie lastete auf ihm, was auch angesichts der materiellen Schwere einer damaligen Maske sehr oft der Fall gewesen sein muss.

Aus dem griechischen Wort für Maske, ‹Prosopon›, hat sich bei der Übersetzung ins Lateinische das Wort ‹Persona› ergeben. Daraus hat sich ab dem 20. Jahrhundert in der Psychologie und anverwandten Wissenschaften der Begriff Person, Persönlichkeit entwickelt. Es wurde hergeleitet, dass ‹Persona› hieße: was durch die Mundöffnung der Maske hindurch erklingt. ‹Sonare› bedeutet ‹klingen, lauten›. In mehreren Hinsichten stimmt das nicht. Denn darunter wurde zum Beispiel verstanden, dass es dem Maskenträger oder der Maskenträgerin möglich war, sich als ‹Person› hörbar-kündbar zu machen, was beim klassischen Theater den Vorschriften nach durchaus nicht zugelassen war.

Dennoch, wenn jemand sich, von einer Maske verhüllt, hervortut, werde ich neugierig, wer dahintersteckt. Denn keine Maske ohne einen Menschen dahinter. Aber wer trägt die Maske? Wer trägt die Maske in mir?

Die Masken, die bei kultischen Zeremonien getragen wurden, ließen diese Frage noch nicht zu. Die Maske und wen sie darstellte, war so miteinander verschmolzen, dass die Frage, wer dahintersteckt, völlig sinnlos gewesen wäre. Keiner steckt dahinter! Die Gottheit selber war es, die sich mit ungeheurer Gewalt offenbarte, und keiner würde sich trauen, diese Verhüllung infrage zu stellen. Und obwohl das Theater seinen kultischen Ursprung nie verleugnet hat, entstand allmählich ein Bewusstsein, dass jemand dahinterstand. Aber dieser Mensch war im Dienst des Gotts des Theaters, Dionysios, als Schauspielender sollte er seine eigene Identität aufgeben. Nur der Gottheit kam es zu, das Antlitz offenbaren zu dürfen, weil der Mensch eine solche Enthüllung nicht überstehen würde!

Wie kann ‹Prosopon›, πρόσωπον, dann gedeutet werden? Es gibt keine eindeutige Übersetzung. In der christlich-orthodoxen Anschauung bedeutet ‹Antlitz› dasjenige, was enthüllen kann, was erst seit der Menschwerdung Christi zur Wirklichkeit geworden ist und deshalb in der Ikone sich ereignet. Die Ikone zeigt, wie die Maske Antlitz werden kann, dadurch dass ein Gott sich unverhüllt in einem Menschenantlitz offenbart hat.

Wenn das Antlitz Maske wird

Heutzutage ist aus der Maske eine Vielfalt an Möglichkeiten entstanden. Möglichkeiten, sich zu verhüllen oder sich zu enthüllen. Beide Wege stehen offen. Wobei jede Maske entweder eingeengt wird auf das, was meine Individualität verdeckt, was mir sogar erlaubt, mich hinter einer geliehenen Verhüllung zu verstecken, oder was mir eine Rolle zumutet, die mich belastet oder mich im Gegenteil erfreut. Ich kann mir jede Art und Gestalt von Maske herbeifantasieren und mich von Maske zu Maske wandeln. Ohne eine Zäsur zwischen der einen und der nächsten. Aber steht noch jemand dahinter?

In den sozialen Medien werden die Selbstdarstellungen oft zur Maske. Auch wenn es um ein kaum oder nicht gefiltertes Foto eines Angesichts geht. Im Grunde können sie nicht mehr ‹Prosopon› – Antlitz – werden, gefesselt wie sie sind durch die Wirkung des Mediums. Weil nichts mehr dahinterstehen kann, fehlt ihnen jede Transparenz. Facebook, wörtlich ein ‹Buch der Gesichter›, aus dem die Aura, der Funke des Menschlich-Individuellen herausgefiltert wurde – ein Buch, aus dem die Geschichte des Menschwerdens gewischt worden ist.

Man könnte sich die Menschheit als ein einzelnes Bild, als ein allumfassendes ‹Menschenantlitz› vorstellen. Ein Antlitz, in das Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Menschheit eingeflossen sind. Dieses Menschantlitz wird auseinandergesprengt, wenn es bis ins Unendliche kopiert werden kann. Dann steckt hinter jeder Maske eine andere. Die Selbstinszenierung dient der Illusion, es ginge um ein wahres Antlitz, während die Technik vorgaukelt, es handle sich um immer wieder ‹neue› Möglichkeiten.

Links: Handpuppe von Paul Klee, Ohne Titel (Gekrönter Dichter), von 1919, Höhe 35 cm; Rechts: Handpuppe von Paul Klee. Ohne Titel (Steckdosengeist), von 1925, Höhe 35 cm; Alle Handpuppen: Zentrum Paul Klee, Bern, Schenkung Livia Klee. CC BY-SA 4.0 DEED

Fasten

Gerade jetzt beginnt die christliche Fastenzeit des Jahres. Jedes Jahr markiert sie, wie eine in sich geschlossene Zeitgestalt, die Zäsur, das heißt einen offenen Raum zwischen einem aus vertrauten Gewohnheiten gewobenen Alltag und einer hohen Feierlichkeit, der wir nicht gewachsen sind.

Fasten kann befremden und beunruhigen, als ob wir zu früh aus unserer Haut geschlüpft sind und noch nicht wissen können, wie wir uns vor Kälte und Hitze schützen. Ähnlich wie das erste Menschenpaar bei seinen allerersten Schritten aus der paradiesischen Hülle heraus, das nicht weiß, ob sie den anderen Fuß auch noch auf die Erde drücken sollen.

Die Fastenzeit kann auch ganz an uns vorbeigehen. Ein Verständnis für das, was Fasten als eine Handlung darstellt und wie man es tut, ist uns inzwischen zum größten Teil verloren gegangen. Wenn jemand aus selbst erwählten Gründen eine Zeit lang eine Speise meidet, hört man oft: «Ich faste ein bisschen in diesen Wochen.» Auch wenn es nicht leicht ist, webt sich dieses Fasten doch allmählich in den Alltag ein. Wir gewöhnen uns daran und vergessen es, ohne zu merken, dass wir es vergessen haben. Es gehört ab dann zur Routine; es ist nicht länger mehr eine Unterbrechung dieser Routine.

Fasten heißt eine Praxis des Übens. Üben als Selbstdisziplinierung aus religiösen oder philosophischen Motiven heraus. In der hellenistischen Zeit war es eine verbreitete Art der Selbstschulung, wobei es in erster Linie darum ging, die Affekte und Triebe zu beherrschen und auch seelische Schmerzen mit souveräner Gelassenheit tragen zu lernen. Ein freiwilliger Verzicht auf Bequemlichkeiten und Genussmittel gehörte dazu, aber auch, sich in schwierigen Lebensumständen mit Würde zu erhalten. Am Beispiel von Seneca zeigt sich dies, in dem er seinen auferlegten Tod zum freiwilligen Tod verwandeln konnte. Die ‹Asketen›, ἀσκητής, das heißt die ‹Übenden›, die sich um die Zeitenwende im Mittelmeerraum verbreiteten (in den nachchristlichen Jahrhunderten zum Beispiel in den Wüsten Palästinas, Syriens und Ägyptens), haben sich neben dem Üben auch in jeder denkbaren Art und Weise selbst gepeinigt. Ihr Alltag war ein ununterbrochenes Fasten, wobei sie auch seelisch von den aus ihren Leibern ausgetriebenen Dämonen gequält wurden. Auch hier bildet das Fasten keine Zäsur.

Wenn heutzutage weltweit das Fasten zum Alltag geworden ist, ist das Einzige, was noch als ursprüngliche Zäsur zwischen Askese und Ekstase geblieben ist, der Fasnachtsabend. Es ist der Moment, in dem man sich ungebändigt hingeben kann. In vielen Kulturen gehören Maskierung und Maske dazu. Das Ekstatische ist offensichtlich. Aber wo bleibt die Zusammenziehung des Selbst in der Askese? Wo öffnet sich wieder der Zwischenraum? Denn nur in dem Zwischenraum kann das Lebendige in seiner wahren Gestalt der Doppeldynamik gefeiert werden. Wenn das Kind spielt und die Zeit einen Moment den Atem anhält.

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