Die Wirklichkeit einer Idee

Zuschrift zum Artikel ‹Wiederverkörperung und Karma als Entwicklungsidee› von Jens Heisterkamp, in ‹Goetheanum› 3–4, 2024 von Franz Lohri.


Warum bloß eine Idee?

Der Aufsatz von Jens Heisterkamp rückt eine zu den zentralsten und folgenreichsten Erkenntnissen der Anthroposophie gehörende Tatsache ins Blickfeld. Leider wird diese dann, schon im Titel und dann wiederholt im Text, von der Realität zur Idee reduziert. Schon im Editorial wird von Chefredakteur Wolfgang Held die Frage aufgeworfen, «warum im anthroposophischen Leben recht wenig von Karma und Wiederverkörperung die Rede» sei, auch hier gleich zweimal mit der expliziten Reduktion von deren Wirklichkeit und Wirksamkeit auf eine Idee. Es wird hier also auf eine von der Anthroposophie ins Bewusstseinsleben der Gegenwart zu tragende Grundwahrheit hingewiesen als auf ein Ideelles, sozusagen Hypothetisches, nicht auf etwas geistig Reales, Erfahrbares. Frage: Hätte sich Rudolf Steiner in seinem letzten Lebensjahr mit mehr als 80 Vorträgen über karmische Zusammenhänge stellvertretend für die Zukunftsmenschheit an seine anthroposophischen Freunde gewandt, würde es sich bei ‹Karma und Wiederverkörperung› bloß um eine Idee und nicht um die ihr zugrunde liegenden Tatsachen handeln? Liegt vielleicht gerade darin die Antwort auf die gestellte Frage des Chefredakteurs: Weil wir, die anthroposophische Bewegung beziehungsweise ihre Wortführer in den sie repräsentierenden Medien, hundert Jahre nach der Entschlüsselung der Geheimnisse von Karma und Wiedergeburt uns noch immer dazu bequemen, Tatsachen für Ideen zu halten statt umgekehrt? Goethe lässt Schiller grüßen! Wenn im Aufsatz resümiert wird, dass «nichts für die Überwindung des Materialismus so wirkungsvoll sei wie die Idee von Reinkarnation und Karma», wäre dem beizupflichten, stünde anstelle von Idee beispielsweise Existenz oder Tatsache. Damit würde auch bekundet, nicht selbst dem zu überwindenden Materialismus zu erliegen und zu huldigen.


Antwort der Redaktion

Bilden wir ein Lernfeld!

Wie spricht man über Rudolf Steiners Beobachtungen, Erkenntnisse und Überzeugungen? Diese Frage ist im Kreis der anthroposophischen Medienschaffenden immer wieder das Thema. Hier Klarheit zu finden, scheint mir für die Glaubwürdigkeit und die öffentliche Akzeptanz der Anthroposophie wichtig zu sein. Deshalb bin ich Franz Lohri für seine Zuschrift sehr dankbar. Anthroposophie hat dabei eine einmalig gute Ausgangslage: Durch 1200 Schulen, 10 000 landwirtschaftliche Höfe und Tausende Therapieorte gibt es eine Fülle an Erfahrung, wie anthroposophische Ideen sich bewähren und zu neuen Erkenntnissen führen. Davon sprechen wir noch zu wenig. Im Umgang mit Rudolf Steiners Wort sehe ich dabei zwei wenig fruchtbare Pole. Das eine Extrem beschrieb Georg Glöckler, ehemaliger Leiter der Mathematisch-Astronomischen Sektion am Goetheanum, mit Augenzwinkern: «Von Rudolf Steiner wissen wir, dass mit sieben Jahren der Zahnwechsel geschieht.» Für eine Tatsache, die man messen und beobachten kann, nimmt man Rudolf Steiners Wort, als würde es schwerer wiegen als das, was unmittelbar zu sehen ist. Hier nehmen wir, wie ich meine, die eigenen Sinnes- und Erkenntnisorgane nicht ernst.

Den anderen Pol sehe ich darin, Beobachtungen und Erkenntnisse von Rudolf Steiner, die dem Alltagsbewusstsein nicht zugänglich sind, als Wahrheiten weiterzugeben, als für alle gültige Tatsachen zu vertreten. Damit erweckt man den Eindruck, man habe selbst diese geistige Schau von deren Ergebnissen man spricht. Wenn man Wiederverkörperung und Karma innerlich als evident erfahren hat, dann ist, wie Franz Lohri beschreibt, diese Idee zur Überzeugung geworden – aus plausibel wird wahr. Ist Wiederverkörperung und Karma so im Gespräch mit mir selbst eine Wahrheit, so ist sie im Dialog mit anderen eine Idee, weil ich nun den Erfahrungs- und Erkenntnisraum der anderen respektieren möchte. Von einer Idee zu sprechen, scheint mir einladender zu sein. Das von Franz Lohri gewünschte Selbstvertrauen sollte dabei, wie ich meine, weniger im Wahrheitsanspruch als vielmehr in der Erkenntnisbemühung liegen. Tauschen wir uns aus über unsere Erfahrungen und Gefühle mit der Idee wiederholter Erdenleben, mit dem Gedanken von Karma, bilden wir ein Lernfeld, dann wird dieser anthroposophische Kernbegriff überzeugen, weil die Erfahrung und Einsicht in dieses geheimnisvolle Spiel des Lebens in vielen wächst und der Begriff lebendig ist und deshalb überzeugt.


Bild (bearbeitet) Jochen Breme. ‹Behütung›, Installation, plastische Objekte, Fotografien. Galerie «Kunst 77», Bonn, 2006. Studioaufnahmen und Ausstellungsansichten: Bernd Zöllner

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