Das Klima braucht unseren Wandel

Die Klimakrise lösen wir nur mit einem Paket aus naturwissenschaftlichem, ökonomischem, gesellschaftlichem und spirituellem Engagement – so die Herbsttagung der Naturwissenschaftlichen Sektion. Sie fand vom 1. bis 4. Oktober 2020 mit 50 Teilnehmenden am Goetheanum statt.


Es entstand eine Aufbruchstimmung, auch weil sich den Teilnehmenden eine Gelegenheit bot, ihre Ansichten, Sorgen und Initiativen auszudrücken. So passte der Beitrag der Klimaaktivistin Pauline Lutz, die wegen eines Coronafalls im Freundeskreis lediglich per Videobotschaft zugeschaltet war, zur Stimmung der Konferenz: «Ich mag es nicht, Leute zu beruhigen, sodass sie glauben, es könne weitergehen wie bisher. Aber meine Hoffnung ist zu groß, als dass ich sie nicht mit euch teilen möchte.» Im Gegensatz zum raschen Handeln in der Coronapandemie, das in kurzer Zeit einschneidende positive Maßnahmen für das Klima mit sich gebracht hat, kommt die Umsetzung der beschlossenen Klimaziele nur schleppend voran. Pauline monierte die Furcht, die eigenen Wohlfühlzonen zu verlassen, weshalb nur getan werde, was aus heutiger Sicht ökonomisch machbar erscheint.1 Mit einem Gedicht von Rose Ausländer legte sie den Zuhörenden ans Herz: «Wirf deine Angst in die Luft».

In dieser berührenden Botschaft war auch von einer Utopie die Rede. Würde sie die Beziehung des Menschen zur Erde verwandeln – vom Bild der Erde als begrenzte materielle Ressource, die ausgeschöpft und zu Geld gemacht werden kann, zum Bild der Erde als lebendiges, atmendes Wesen, mit dem die Menschheit in einem Netz dynamischer Wechselbeziehungen steht? Ziel der Tagung war, dieses Bild gemeinsam zu entwerfen. Lebendig und wandelbar wie das Bild selbst waren auch die Blickrichtungen: Von der naturwissenschaftlichen Beschreibung der Erde als Organismus wandte der Blick sich zu den Handlungsoptionen, die in Pädagogik, Landwirtschaft und Wirtschaft schon ergriffen werden, von der menschheitlichen Situation zu den psychologischen und spirituellen Verwandlungsmöglichkeiten des Individuums.

Erd- und Menschengeschichte sind eins

Am ersten Tag der Konferenz stand die gemeinsame Geschichte von Klima und Erde im Raum, die sich in einem Ineinanderwirken von Windgeschwindigkeit, Luft- und Meerestemperatur entwickeln, durch das sich das Klima in größeren Abständen rhythmisch abkühlt und erwärmt. Dass wir heute über Tausende Messungen in der Lage sind, dieses Zusammenspiel von Rhythmen sowie den Kohlensäurekreislauf über Jahrhunderte abzubilden, zeigte Meinhard Simon, Meeresbiologe an der Universität Oldenburg. Die Grafiken belegen, dass der CO2-Gehalt in der Atmosphäre parallel zur Industrialisierung sprunghaft und in vorher nie gekanntem Ausmaß angestiegen ist – die Klimakrise hält uns einen Spiegel unserer eigenen Taten vor Augen. Solche komplexen Zusammenhänge lassen sich nicht mit einem linearen Ursache-Wirkungs-Denken erfassen. Die Menschheit kann mit einem integrierenden Bewusstsein erkennen, dass die Erde ein Wesen ist, zu dem wir in einem wechselseitigen Verhältnis in Beziehung treten können. Das bedeutet, dass moralische Impulse in diese Beziehung einzubringen sind, im Sinne des von Rudolf Steiner vor hundert Jahren geäußerten Gedankens, dass die Menschheit über den Willenspol in Verantwortung steht für die Entwicklung der Erdgeschichte.

Bild: Andreas Albert, Wachstumsgebärde

Den organismischen Charakter der Erde stellte auch Susanna Kümmell (Institut für Evolutionsbiologie, Witten) dar. Sie zeigte die Eigenschaft der Selbstregulation, wie sie für Lebewesen typisch ist. So hält sich der Salzgehalt der Ozeane in ständigem dynamischem Fließen innerhalb kleiner Abweichungen. In Eisenerzen aus Grönland, deren Alter auf 4,3 Milliarden Jahre datiert wird, wurden Spuren von Leben entdeckt. Bereits in den Uranfängen der Erde gab es Leben und Wasser auf der Erde. Somit war die Durchschnittstemperatur der Erde immer relativ moderat: Wasser war nie vollständig gefroren und ist auch nicht vollständig verdampft. Welcher Gegensatz etwa zur Venus, deren einstige Wasseroberfläche so heiß geworden ist, dass das Wasser zu einer dichten Atmosphäre verdampft ist. An ihrer Oberfläche herrschen heute 460 Grad! Astronomen gehen davon aus, dass die Strahlungsintensität der Sonne im Laufe der Erdgeschichte um 30 Prozent zugenommen hat, was in langen Zeiträumen relevant ist, jedoch bei der heutigen, schnell ablaufenden Klimaerwärmung keine Rolle spielt. Offensichtlich konnten die Erde und ihre Lebenssphäre die steigende Sonnenstrahlung regulativ ausgleichen. Dabei ist nach heutigem Wissen der Kohlenstoffkreislauf sehr bedeutsam, indem sich in Sümpfen Torf und später Kohle bildete und indem das CO2 bei der Kalkbildung gebunden wird. Heute dreht der Mensch mit dem Verbrennen fossiler Energieträger die regulatorischen Prozesse der Erde wieder um.

Die Erde kann neun Milliarden Menschen mit nachhaltiger Landwirtschaft ernähren, wenn der Verzehr von tierischem Eiweiß auf ein gesundes Maß und die Vernichtung von Lebensmitteln halbiert werden.

Unzählige Faktoren müssen ineinanderspielen, wenn Leben entstehen soll. Die Erde ist nach bisherigen Kenntnissen der einzige Planet im Weltraum, der Leben beherbergt – oder selbst lebendig ist. Ein Bild des sich selbst die eigenen Bedingungen schaffenden Lebens der Erde entwarf Albrecht Schad, Professor an der Freien Hochschule Stuttgart, indem er sie mit der frühen Entwicklung des menschlichen Embryos verglich. Diese beginnt damit, dass der Keim zunächst den Trophoblasten, sein umhüllendes Nährgewebe, bildet, in dessen Zentrum er sich zu differenzieren beginnt. So kann auch die lebendige Erde entstanden sein – in ständiger Interaktion mit der Umgebung hat sie ihre Lebensbedingungen allmählich selbst geschaffen. Die periphere Lebenswelt der Erde mit Bakterien und Einzellern wäre mit der biogenen Gesteinsbildung die nährende Hülle gewesen, in der sich die Anfänge der biologischen Evolution erst bilden konnten. Ein anderes Beispiel ist die Anreicherung der Erdatmosphäre mit Sauerstoff durch die Fotosynthesetätigkeit der Cyanobakterien, die über Jahrtausende die Voraussetzung für die Entstehung höherer Lebewesen geschaffen hat.

Wie alle satt werden

Hans Ulrich Schmutz zeigte in seinem Beitrag, dass in der Schule nicht Wissensinhalte, sondern ein bewegliches Denken erlernt werden sollte. Das kann anhand der Bewegungen des Wassers in den Weltmeeren geschehen – die Schülerinnen und Schüler werden angeregt, diese zu zeichnen. Darüber hinaus werden dynamische Verhältnisse über die astronomische Beschäftigung mit den verschiedenen Rhythmen der Erdbewegung erübt: Der Rhythmus der Drehung der Erde um sich selbst und um die Sonne, der Bewegung der Erdachse und der Rhythmus der elliptischen Bahnen – vier Rhythmen, die ineinandergreifen und auf die Erde wirken. Sie werden grafisch abgebildet mit Daten von Eisbohrkernen in der Arktis und zeigen den rhythmischen Verlauf von Wärmeperioden und Eiszeiten. Seit dem sprunghaften Anstieg des CO2-Ausstoßes in den letzten 50 Jahren ist das Zusammenspiel der Rhythmen zusammengebrochen, ihre Zeitgestalt wurde gestört.

Bild: Andreas Albert, Regenwald­dynamik (Ausschnitt)

Als Nächstes kamen an der Tagung Landwirtschaftsexperten, Ökonominnen und Unternehmer zu Wort. Die CGIR-Studie (2012) beziffert den globalen Anteil an Treibhausgasen in der Lebensmittelproduktion vom Acker bis auf den Teller mit 33 Prozent. Doch die beiden Experten und Expertinnen vom Forschungsinstitut für Biologischen Landbau (FiBL) zeigten, dass es sich lohnt, zu differenzieren: In eindrücklichen Bildern stellte Anet Spengler die Wesensbegegnung mit dem Tier der industriellen Tierhaltung gegenüber. «Mit einer solchen Tierhaltung können wir uns nicht mit dem Tier weiterentwickeln.» Dieses Motiv gemeinsamer Entwicklung bezieht auch die Erde mit ein. Viele waren überrascht, dass Grünland flächenmäßig den größten Teil der landwirtschaftlichen Produktionsfläche ausmacht und mehr Kohlenstoff speichert als alle Wälder der Erde. Um es zu erhalten muss es mit Wiederkäuern, Rindern, Schafen und Ziegen genutzt werden. Sie sind für diese Aufgabe spezialisiert mit ihrer einzigartigen Fähigkeit zur Zelluloseverdauung. Die Haltung von Wiederkäuern auf Grasland ohne zugekaufte Futtermittel ermöglicht – in Verbindung mit der Abschaffung der industriellen Tierhaltung– in der Ernährung der wachsenden Menschheit einen maßvollen Beitrag an tierischem Eiweiß. Eine Studie zur Welternährung zeigt in variablen Modellen, dass die Erde 9 Milliarden Menschen mit nachhaltiger Landwirtschaft ernähren kann, wenn der Verzehr von tierischem Eiweiß auf ein gesundes Maß und die Vernichtung von Lebensmitteln um 50 Prozent reduziert werden.2

In seinem Beitrag über Ackerbau sprach Paul Mäder über den ‹DOK-Versuch› (Demeter, Organisch, Konventionell), der seit 48 Jahren nahe Dornach die Effekte der drei Anbauweisen auf Ertrag, Energieinput und Bodenqualität untersucht. Bilder von Ackerböden zeigten die Unterschiede: Nach einer Regenperiode sind die konventionell bewirtschafteten Flächen verschlemmt, die biodynamischen locker und krümelig, mit einem großen Wasserhaltevermögen. In der konventionellen Produktion geht ca. eine Tonne Humus pro Hektar und Jahr verloren; in Gegenden mit hoch intensiver Produktion wird in zehn Jahren der Humus vollständig aufgebraucht sein, bei biodynamischer Bewirtschaftung wächst der Humusgehalt um ca. 500 Kilogramm pro Hektar und Jahr – das Kapital Boden vermehrt sich. Doch gibt es, so Mäder, auch in der biodynamischen Praxis noch Luft nach oben. Mit neuen Pflugtechniken, mit der nur die obersten 10 Zentimeter Erde bewegt werden, sollen die Bodenqualität verbessert und die Erträge gesteigert werden.

Das gute Leben

Wie Wirtschaft und Klimakrise zusammenhängen, zeigte Bernd Siebenhüner, der die Arbeitsgruppe für ökologische Ökonomie an der Uni Oldenburg leitet, in fünf Thesen, deren erste er mit vielen Daten unterlegte: Die Klimakrise betrifft alle Menschen weltweit. Klimakrise und Wirtschaftswachstum sind eng gekoppelt. Die USA brauchen z. B. fünf Erden, um die Bedürfnisse der Bevölkerung zu decken, Indien lediglich 0,7. Die dritte These, dass sich Wachstum und Senkung der CO2-Konzentration nicht ausschließen, kann nicht eindeutig belegt werden. Viele gesellschaftliche Faktoren wie ausreichende Bildung und soziale Gerechtigkeit spielen hier eine Rolle. Aber ohne Selbstbeschränkung im Konsumverhalten lässt sich das Wachstumsmodell nicht mit einem nachhaltigen Umgang mit Ressourcen vereinbaren. Die vierte These widerspricht der dritten: Eine Reduktion der Treibhausgase wird erreicht mit einer Wirtschaft, die nicht auf Wachstum ausgerichtet ist. Dazu gibt es viele Initiativen wie Sharing-Modelle, Gemeinwohlökonomie, solidarische Landwirtschaft und alternative Produktionsbetriebe – hier wird Wohlstand nicht nur monetär definiert. Aus der Gewinnmaximierungsperspektive des Homo oeconomicus mögen diese Modelle idealistisch aussehen. Geht man jedoch von einer Transformation der Werte in Richtung eines ‹guten Lebens› aus, sind sie näher an der Wirklichkeit als die überlieferten Wirtschaftsmodelle und sind Prototyp für eine zukünftige Sozialgestaltung. Sie rufen – so die fünfte These – nach einer Wirtschaftswissenschaft, die transdisziplinär konkrete Lösungen erarbeitet.

Über die gedankliche Beschäftigung mit dem Anderen und seinen Bedürfnissen kann in mir liebevolles Interesse wachsen – sodass ich Lust bekomme, das zu tun, was ich als verantwortlich und heilsam für das Ganze ansehe.

Als Leiter der Abteilung für Nachhaltigkeitsentwicklung bei der Weleda wies Stefan Siemer darauf hin, dass es bei der Nachhaltigkeitsfrage nicht nur darum geht, den ökologischen Footprint der Produkte im Vergleich zu anderen Firmen zu verbessern, sondern um die Frage, ob die Welt durch Weleda wirklich eine bessere Welt ist. Jede Plastikverpackung, die nach Neuseeland verschifft wird, macht die Welt ein Stück schlechter. Gelingt es Weleda, dem eigenen Selbstanspruch gerecht zu werden? Mehr noch als auf die Nachhaltigkeit der Produkte kommt es darauf an, wie die Firma mit Kapital umgeht. Brisanz hat das Thema Investitionen von Pensionskassengeldern und von Rücklagen des Unternehmens: Stehen diese Gelder Organisationen zur Verfügung, die ebenso nachhaltig und fair wirtschaften wie die Weleda, oder gehen sie in Aktienfonds, die Firmen mit entgegengesetzten Werten finanzieren? Aber auch die Mitarbeitenden anzuregen, die Vision der Firma im Privaten umzusetzen, sieht Siemer als Firmenprojekt in sozialer Verantwortung – wie geben sie ihre Gehälter in die Wirtschaftskreisläufe zurück? Die Weleda fasst die Unternehmensverantwortung damit sehr weit. Nur wenn die Nachhaltigkeitsentwicklung die Förderung der individuellen Entwicklung jedes Mitarbeitenden umfasst, leistet sie einen Beitrag, sodass der Einzelne für die Verbesserung von Mitwelt und Klima aktiv wird. Das weist auf ein Hauptthema der Konferenz: Die Einzelnen machen das Ganze aus.

Andreas Albert: Impression Abstrakt, 2004

Das fällt auch für Beate Oberdorfer und Andreas Pook von Sonett in die Verantwortlichkeit einer Firma. Mit dem Begriff ‹neue Organik› bezeichnen sie einen Organismus, der durch Initiative und Impulse von Menschen ins Leben kommt und auf der Erde wirksam wird, wie es bei einer Unternehmensgründung oder in der Produktentwicklung der Fall ist.

Das Leben zeigt, wie Zusammenarbeit sein sollte: Weil jede Situation neu ist, braucht es die ständige Bereitschaft und Präsenz, die Dinge immer wieder neu anzuschauen und nichts aus Zeitmangel oder Bequemlichkeit abzuwickeln. Neues entsteht, wenn Spannungspole höchst beweglich und in dauerndem Austausch gehalten werden. Als Beispiel schilderten sie, wie bei der Entstehung der Mistelform Körperpflegeprodukte – die innere Haltung gegenüber der Natur umkehrend – gefragt wurde: Was braucht die Mistel, damit sie ihre Aufgabe auf der Erde erfüllen kann? Ein lebendiger Herstellungsprozess wurde mit dem fluidischen Oszillator ermöglicht, der Sommer- und Wintersaft in rhythmischem Wirbelspiel zusammenfließen lässt. Bis in die Produktion hinein sollen Substanzen in Prozesse und Bewegung geführt werden, wie es auch im Lebendigen unablässig geschieht.

Was nicht nur im Spiel zählt

‹Cooling Down›, so heißt ein Spiel, das Otto Ulrich entwickelt hat. Die Spielenden vertreten sechs Weltregionen, und es geht darum, gemeinsam die Ziele des Weltklimarates zu erreichen: 50 Prozent CO2-Reduktion bis 2050. Sie üben Klimagerechtigkeit und -verantwortung. Ulrich machte auf drei Kernkompetenzen aufmerksam, die im Spiel, aber genauso in der realen Welt gefragt sind:

• Ideen kommen zuerst, die Frage ihrer Finanzierung danach.

• Versuche nicht, alle Probleme auf einmal zu lösen, sondern konzentriere dich auf ein einziges.

• Und – vielleicht am schwierigsten – sei nicht konventionell.

Als ehemaliger Berater im Bundeskanzleramt, im Deutschen Bundestag und in der EU-Kommission in Brüssel weiß Ulrich, wovon er spricht. Er brachte zwei brisante Themen ein. Die Transition zu erneuerbaren Energien, d. h. im Wesentlichen Elektrizität, zur Umstellung auf Elektromobilität, erachtet er als unmöglich, wenn man bedenkt, dass die Bereitstellung der Rohstoffe für Batterien und Akkus enorme Umweltbelastungen mit sich bringt. Eine Substitution der Energie bei gleichbleibendem Energiehunger ist rechnerisch unmöglich, deshalb geht es nicht ohne drastische Senkung des Energieverbrauchs. Das zweite Thema war die Digitalisierung der Gesellschaft. Sie mag zwar zu einem virtuellen Näherrücken von Menschen führen, jedoch nur zum Preis einer Entfremdung von Erde und Natur. Es darf nicht vergessen werden, dass die Internettechnologie und vor allem die Suchmaschinen zehn Prozent des CO2-Ausstoßes ausmachen, Tendenz steigend. Klimaschutz heißt deshalb auch: neue gesellschaftliche Modelle.

Bewusstsein über das Bewusstsein erwerben

Bewusstseinstransformation und globale Beziehungsfähigkeit, das sind die Leitideen, die Stefan Ruf in seinem Beitrag als Trittsteine zur Beendigung der Klimakrise entwickelte. Er zeigte, wie sich das menschliche und menschheitliche Bewusstsein seit den Anfängen der neolithischen Revolution entwickelt hat. Diese Entwicklung zu begreifen, gibt den Schlüssel, das heutige Problem unserer zweigeteilten Seelen zu lösen. Im unmittelbaren Naturerleben tragen wir alle noch Reste des archaischen Bewusstseins in uns. Wir empfinden Schönheit, Staunen und Freude an der Natur. Konfrontiert mit den Folgen unseres gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Handelns, tragen wir aber auch die Last der ganzen Bewusstseinsevolution. Im Bewusstseinsseelenzeitalter liegt ein unerhörtes Potenzial, diese Spaltung aufzuheben. Indem wir ein Bewusstsein über das Bewusstsein erwerben, bilden wir ein ‹anschauendes Denken› aus, das durch die Entdeckung der Wechselwirkung von Innen und Außen zum ‹Seelenorgan› wird, mit dem wir eine Goethe’sche seelische Phänomenologie entwickeln können. Dieses atmosphärische Bewusstsein, wie Ruf es nennt, ist global – ebenso wie die Atmosphäre der Erde!

Andreas Albert, Blattstrukturen, 2004

Es beinhaltet die Einsicht, dass die Erde ein Organismus ist, dessen Organe die Lebewesen und auch wir Menschen sind. Das heißt: Wenn wir uns ändern, ändert sich das Ganze. Johannes Kühl beschrieb zum Abschluss der Tagung den Weg, uns selbst zu verwandeln, als anstrengend, leidvoll und großartig – wie das Erlernen einer Kunst: Üben, Üben, Krise, Zweifel, weiter Üben, immer von Neuem. Eine nachhaltige Veränderung von Gewohnheiten wird nicht durch Reglemente erreicht, auch nicht bei sich selbst. Der Zugang liegt in der Verwandlung des eigenen Empfindens: Über die gedankliche Beschäftigung mit dem Anderen und seinen Bedürfnissen kann in mir liebevolles Interesse wachsen – sodass ich Lust bekomme, das zu tun, was ich als verantwortlich und heilsam für das Ganze ansehe. Ein atmosphärisches Bewusstsein kann in der innigen Bezugnahme zur Natur in der Meditation entstehen.

Innere Verwandlungskräfte mobilisieren – das können wir selbst in die Hand nehmen. Diese Botschaft ermutigte die Teilnehmenden, in ihrem Leben die Spaltung zwischen rationaler Einsicht in die Notwendigkeit des Wandels und dem kurzsichtigen Drang zur Maximierung des eigenen Wohlbefindens anzugehen – mit dem globalen Bewusstsein, dass ich, was ich an Leid einem anderen Lebewesen zufüge, mir selbst zufüge.

Noch bist du da

Wirf deine Angst

in die Luft

Bald

ist deine Zeit um

bald

wächst der Himmel

unter dem Gras

fallen deine Träume

ins Nirgends

Noch

duftet die Nelke

singt die Drossel

noch darfst du lieben

Worte verschenken

noch bist du da

Sei was du bist

Gib was du hast

Rose Ausländer


Brasilianische Impression von Andreas Albert

Aus der seit mehreren Jahren existierenden Zusammenarbeit zwischen den Universitäten in Joinville/Brasilien und der Universität Erlangen/Deutschland wurde im Rahmen des Babitonga–Umweltprojektes auch die künstlerische Mitarbeit des Dresdner Künstlers Andreas Albert (*1952) angefragt. Sein Anliegen, eine ‹Kunst für die Umwelt› zu etablieren, setzt Albert vorrangig mit den Bildmotiv ‹Bäume› um.

In den  Jahren 2002 und 2004 war der Künstler mehrere Wochen im Regenwald und malte dort seine Bilder, die er insofern als neue Ausdrucksform versteht, weil sie vergangene Kunstformen erweitern zu Lebensvorgängen und Stimmungen von ‹Regenwaldlandschaften›. Sie sind für ihn Ansätze interdisziplinärer Forschung in der Verbindung von Kunst und Wissenschaft, die er als Zukunftsimpuls für unser Umweltverständnis auffasst.


Dieser Artikel wurde am 11. Dezember 2020 leicht redaktionnel überarbeitet um Anet Spenglers Beitrag exakter darzustellen.

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Fußnoten

  1. Siehe: Die Zeit rennt und ihr pennt. In ‹Goetheanum› 21/2019.
  2. Ernährung der Brüderlichkeit. In ‹Goetheanum› 52–53/2017, S. 4–5.

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