Corona im Diskurs

Reaktionen von Leserinnen und Lesern auf den Artikel von Philip Kovce und Thomas Morgenroth ‹Philosophie der Freiheit in der Coronakrise›, ‹Goetheanum› 1–2, 1.1.2021.


Angst vor Imageschaden

Der Artikel hat mich sehr unangenehm berührt. Hatte ich am Anfang noch etwas Salomonisches erwartet, entstand für mich zunehmend der Eindruck, dass die gesellschaftlichen Spaltungen so eher vertieft als überwunden werden. Bei solchen Beiträgen wundert es mich nicht, wenn in der Öffentlichkeit immer häufiger Anthroposophen in eine Reihe mit ‹Querdenkern›, ‹Reichsbürgern› usw. gestellt werden.

Fritz Otto


Sarkasmus

Ich habe den Artikel so verstanden, dass es Freiheitsrechte und Grundrechte gibt. Diese würden weltweit drastisch eingeschränkt, zumindest die Grundrechte. Machen das Staaten, Regierungen, Menschen? Das kann ich nicht beurteilen. Es gab mal Vertreter einer Partei, die ‹Freie Fahrt für freie Bürger› forderten. Fand ich auch gut, hätte ja sein können, dass ich mal ein Fahrzeug besitzen würde, das 250 km/h schafft. Wem das zu riskant wäre, der könnte sich als Risikogruppe einschätzen und dementsprechend handeln und sich nicht mehr auf die Straße begeben. Die Grundversorgung könnte dann aus öffentlichen Mitteln finanziert werden. Auch sollte man wieder das Rauchen in öffentlichen Einrichtungen einführen. Wer das nicht mag, muss ja nicht ins Theater oder in die Behörde gehen, kann man ja jetzt fast alles online machen. Das habe ich doch richtig verstanden, oder?

Lothar Flachmann


Selbsteinschätzung

Ich frage mich auch schon eine Weile, wie aus der derzeitigen Sackgasse wieder herausgefunden werden kann, jetzt, nachdem die zuletzt angedachte Lösung der Impfung auch wieder nicht zu funktionieren scheint. Um wie viel besser ist die Idee der Individualisierung und Selbstdefinition (auf Wunsch mit ärztlicher Beratung) einer ‹zu schützenden Person›. Vielleicht würde die tägliche Praxis nicht immer einfach sein, wenn sich zum Beispiel der Opa, der sich als schützenswert einstuft, in einer Familie lebt, deren Mitglieder sich selbst nicht so einstufen. Aber auch da könnte man sich bei entsprechender gegenseitiger Rücksichtnahme Lösungen vorstellen.

Schon schwieriger könnte sich die allenthalben spürbare Missgunst auswirken, wenn schützenswerte Personen Zuwendungen erhalten, die anderen verwehrt sind. Wir sehen ja, dass nicht einmal Personen, die aufgrund ihrer gesundheitlichen Verfasstheit von der Maskenpflicht befreit sind, vor Anfeindungen einiger Mitbürger sicher sind. Hier hätte ich mir längst gewünscht, dass Politiker und Medien auch den Schutz solcher Personen einfordern, und sie nicht per se als Maskenverweigerer anprangern. Ich hoffe sehr, dass Ihre Idee Eingang in die Diskussion findet; sie könnte sich als Ausgang am Ende der Sackgasse erweisen und auch eine strategisch sinnvollere Annäherung an ähnliche künftige Probleme bieten.

Thomas Chius


Egoismus

Der Vorschlag von Ihnen ist sehr egoistisch und vereinfacht gedacht. Wenn ich es richtig verstehe, sollen sich alle Risikogruppen einfach wegschließen und alle ‹anderen› können wie gewohnt weitermachen? Und wer pflegt und besucht die Risikogruppen? Survival of the fittest? Ich habe das Gefühl, Sie haben vergessen, dass wir in einer Gesellschaft leben, die sozial ist und sich gegenseitig unterstützt.

Anonym


Fürsprache

Wir erleben hautnah die Auswirkungen, welche diese Freiheitsbeschränkungen zum Beispiel in Altersheimen bewirken können. Diese Menschen wurden im ersten Lockdown in ihren Zimmern eingesperrt und sogenannt behütet, ohne gefragt zu werden! Nach dem Lockdown hatten sich die Muskeln dieser Menschen abgebaut. Sie konnten nicht mehr laufen, teils benötigten sie Gehhilfen, teils waren sie bereits im Rollstuhl. Ihr Immunsystem (ohne frische Luft, Sonne und Bewegung während der gesamten Zeit) war danach entsprechend geschwächt. Zudem waren sie eingeschüchtert. Sie erlebten, dass in ihren alten Tagen über sie bestimmt wurde. Eine Interessenvertretung zu ihren Gunsten habe ich nirgends entdeckt. Nicht zu vergessen die vielen Erlebnisse von Angehörigen, die ihre sterbenden Eltern nicht mehr besuchen durften.

Silvio Aenishänslin


Grafik: Adrien Jutard

Nächstenliebe

Ihre Auseinandersetzung mit dem Thema ist wertvoll und ich danke dafür. Aber bei aller Wertschätzung der Freiheit des Individuums, seiner Rechte, auch Grundrechte, und auch unter Berücksichtigung der hoch geschätzten ‹Philosophie der Freiheit› (die ich immer wieder studiere und in mein Leben zu integrieren suche!): Mir steht in der hier gezeigten Beurteilung die Freiheit des Einzelnen zu sehr im Vordergrund. Die Gesundheit des Mitmenschen, die Rücksichtnahme auf ihn werden vernachlässigt. Wo bleibt das Ziel ‹Liebe deinen Nächsten wie dich selbst›? Meine eigene Freiheit darf doch wohl nicht derjenigen meiner Mitmenschen vorangestellt werden, oder? Mein Verständnis des ethischen Individualismus erlaubt solche Präferenzen jedenfalls nicht.

Hans-Peter Friedrichsen


Allgemeine Bezüge

Ich habe den Artikel gelesen, weil in der Überschrift ein Bezug der ‹Philosophie der Freiheit› mit der Corona-Situation versprochen wurde. Stattdessen wurden nur sehr persönliche Ansichten zum Thema Freiheit, die man ja so haben kann, in den Ring geworfen. Aber es gibt doch bestimmt im Goetheanum Wissenschaftler und insbesondere Geisteswissenschaftler, die einen hier versprochenen Bezug herstellen könnten.

Walter Wellbrock


Dialog der Wahrheit

Solange wir es uns gestatten, die Situation von möglichst vielen Seiten her zu betrachten, und dies sozusagen trainieren, sind wir lebende Beispiele, wie man eine Basis schafft, die der ‹Corona-Diktatur› vorbeugt. In den Eigenschaften aber, in denen sich die Einzelpersönlichkeit von dem allgemeinen Gattungscharakter abhebt, liegt auch der Grund zu den individuellen Ausgestaltungen der Wahrheit. Nicht darauf kommt es an, dass in dem einen Menschen die Wahrheit anders erscheint als in dem andern, sondern darauf, dass alle zum Vorschein kommenden individuellen Gestalten einem einzigen Ganzen angehören, der einheitlichen ideellen Welt. Die Wahrheit spricht im Innern der einzelnen Menschen verschiedene Sprachen und Dialekte; in jedem großen Menschen spricht sie eine eigene Sprache, die nur dieser einen Persönlichkeit zukommt. Aber es ist immer die eine Wahrheit, die da spricht. «Kenne ich mein Verhältnis zu mir selbst und zur Außenwelt, so heiß’ ich’s Wahrheit. Und so kann jeder seine eigene Wahrheit haben, und es ist doch immer dieselbige.» (Goethe, zitiert aus GA 6, S. 65 f.) .

Wolfgang Denecke


Vertrauen

Ich finde den Inhalt des Artikels gut und kann ihm im Grunde zustimmen. Jedoch fehlt auch mir der engere Bezug zur ‹Philosophie der Freiheit›. Das würde mich ernsthaft interessieren, gerade von Philip Kovce. Ich sehe auch eine kleine Übereinstimmung zum Thema Grundeinkommen. Da herrscht ja auch eine Vertrauensfrage, in etwa: «Was würde ich tun, wenn für mein Einkommen gesorgt wäre? Und vertraue ich meinen Mitmenschen, dass auch deren Tun mit mir in Übereinkunft steht?»

Niike


Bevormundung

Sehr schön, dass ein solcher Artikel zum neuen Jahr im ‹Goetheanum› erscheint. Er setzt genau die richtigen Akzente: In der jetzigen Krise kommt es auf die Freiheit und die damit verbundene Verantwortung jedes Einzelnen an statt auf Entmündigung durch verantwortungslose Politik, die sich ihrerseits hinter angeblichen wissenschaftlichen Erkenntnissen versteckt. Wir erleben gegenwärtig nicht die größte Bedrohung der Gesundheit seit dem Zweiten Weltkrieg (weltweite Virenausbrüche ähnlicher Tragweite gab es Mitte der 50er-Jahre mit der Asiatischen und Ende der 60er-Jahre mit der Hongkong-Grippe), sondern die größte Bedrohung der Grund- und Menschenrechte, und zwar gerade durch diejenigen, die gewählt wurden, um diese Rechte zu schützen, statt uns technokratisch zu bevormunden.

Michael Esfeld


Antwort der Autoren

Replik

Im Anschluss an die vielen Kommentare (hier und online) erlauben wir uns, auf zwei Gesichtspunkte einzugehen, die besonders strittig scheinen: 1. die Philosophie der Freiheit (als Freiheitsphilosophie); 2. die ‹Philosophie der Freiheit› (als Buch Rudolf Steiners). Zu 1: Wenn Angehörige den erlaubten Besuch eines Sterbenden abbrechen müssen, weil sich dieser vor lauter Wiedersehensfreude nicht mehr als Sterbender, sondern nur noch als Kranker erweist, dessen Besuch verboten ist; wenn Partner zwar am Geburtsvorbereitungskurs, nicht aber an der Geburt ihres eigenen Kindes teilnehmen dürfen; wenn Familien und Freunde nicht gemeinsam feiern und trauern dürfen, weil sie im Alltag, den sie in vollgestopften Bussen, Bahnen und Büros verbringen müssen, auf zu viele Haushalte verteilt sind, dann hat das nichts mit Solidarität und Infektionsschutz und viel mit Entmündigung und Unfreiheit zu tun. Freilich: Wären Grundrechte nichts weiter als der legitimierte Handlungsspielraum von Privategoismen, sollte man sie sofort abschaffen – schon hätte man totalen Altruismus! Nur: Woraus, wenn nicht aus einer Philosophie der Freiheit, sollen sich Solidarität, ja Nächsten- und Fernstenliebe de facto speisen? Zu 2: Es gibt das weit verbreitete Missverständnis, die ‹Philosophie der Freiheit› sei gleichsam eine Quarantäne-Philosophie. Jeder meditiere sie (wenn überhaupt) nur gründlich genug in den eigenen vier Wänden vor sich hin, dann werde er schon nach eigener Façon frei werden. Politik? Pfui Teufel! Diktatur? Was solls! Hauptsache, wir beobachten den «Ausnahmezustand» des Denkens! Das ist, kurz gesagt, absurd. Es gibt nichts, was nicht im Geiste der ‹Philosophie der Freiheit› ergriffen werden will – und in diesem Sinne ist es höchste Zeit für eine Pandemie-Philosophie der Freiheit! Übrigens: Der Grund, warum wir die Philosophie der Freiheit (als Freiheitsphilosophie) und die ‹Philosophie der Freiheit› (als Buch Rudolf Steiners) in unserem Text nicht klar und deutlich unterschieden haben, ist ganz einfach: Wir sind nicht nur Freunde von Klartext, sondern auch von Subtext; und in diesem Kontext sind wir der Ansicht, dass Philosophie der Freiheit und ‹Philosophie der Freiheit› zusammengehören – dass sie lesbar und lebbar sind.

Thomas Morgenroth und Philip Kovce


Titelbild: Francesco Ungaro/Unsplash (bearbeitet)

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  1. Ich finde den Artikel sehr gut: Wer Angst vor Ansteckung hat, darf sein Leben in der Pandemie entsprechend gestalten und wird darin auch respektiert. Wer diese Angst nicht hat ebenfalls. Und die Aufgabe ist es, diesen verschiedenen individuellen Umgang gegenseitig zu achten. Ich habe mir oft überlegt, wie es mir ginge in der Situation meiner Schwiegermutter mit 98 Jahren im Altenheim: wochenlang keine Kinder, Enkel und Urenkel sehen, nur noch Pfleger mit Maske im Gesicht. – Ich glaube, ich würde das Risiko an Corona zu sterben gerne gegen diesen „Schutz“ eintauschen! Mit all den Maßnahmen werden wir für unmündig erklärt, man unterstellt uns, dass wir nicht situationsgerecht handeln können und man uns deshalb bevormunden muss. Vielleicht sollte man die Freiheit der Politik einschränken, die sich einem wirklichen wissenschaftlichen Diskurs von Anfang an verweigert hat: ihre Maßnahmen letztlich nur sehr wenige Experten stützt und andere Experten als Verschwörungstheoretiker diffamiert. Ich hätte in dieser Situation lieber in Schweden gelebt!

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