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Angst und Ergebenheit

Wir stehen seit zwei Monaten mitten in der Covid-19-Pandemie, ohne eine Sicht auf das Kommende. Wahrheitsunfähig blickt jeder mit Sorge auf eine ungewisse Zukunft sowie auf eine fragwürdige Vergangenheit, gezwungen, in einer Zeit des Innehaltens und der Einkehr in sich selbst einzutreten.


Eine unvorhersehbare Zukunft, die noch nicht existiert und sogar undenkbar erscheint, steht unmittelbar vor der Tür. Angst vor persönlicher Undurchschaubarkeit und instrumentalisierter Zentralmacht bringt (oder zwingt?) jeden dazu, ihr ins Angesicht zu schauen. Martin Heidegger spricht von Angst als Offenbarung des Nichts (1) und somit von der Einladung, in der eigenen Unendlichkeit des Nichts nach einer unbegrenzten Möglichkeit der schöpferischen Eigengestaltung zu suchen. Hannah Arendts Überzeugung, dass Angst für das Überleben unverzichtbar ist (2), bestätigt die Angst als treue Begleiterin (3) auf dem Weg zur Selbst- und Weltentwicklung. Karl König beschreibt, wie wir durch das eher unbewusste Gefühl der Furcht den Abgrund des Nichts wahrnehmen können, ohne zu wissen, was jenseits dieser Schwelle sein kann. Angst, als deutlich wahrnehmbare Emotion, öffnet die Tür und zwingt uns, in den Abgrund (das Nichts) hineinzuschauen, wo Leben und Tod sich begegnen. (4) Dort, in dem dunklen Nichts, entsteht neues, ungeahntes Leben.

Ja zum Unbekannten

Ganz in diesem Sinne suchen viele Zeitgenossen weltweit nach transregionalen und transkulturellen Umgangsformen und Begegnungsmöglichkeiten, um gemeinsam und teilnehmend eine noch unbekannte Zukunft zu gestalten. Die Menschheit teilt das Gefühl der Furcht, begegnet sich selbst aber in der dunklen Emotion der Angst. So suchen viele, schwebend im Zwischenraum eines erlebten Nichts, nach dem kleinen ‹Fünklein›, das in der Seele über die eigene Machtlosigkeit hinausführen kann. Hier kann die anthroposophische Geistesforschung helfen, «die den Menschen auf dem Wege in die eigene Seele hinführt zu der Erkenntnis seines eigenen Ursprunges, was man ja wohl ‹Gott-Erkenntnis› nennen kann.» (5) Im zitierten Vortrag beschreibt Rudolf Steiner die Realität der Vergangenheit. Alles, was der Mensch gestaltet, bewirkt und zu dem er geworden ist, leuchtet gestaltend in die gegenwärtigen Seelenerlebnisse hinein. Ebenso real aber ist das Hineinleuchten der Wirklichkeit einer noch nicht bekannten, aber hineinströmenden Zukunft. «In jedem Moment, wo sich die Seele fürchtet und ängstet, beweist sie durch die Realität ihrer Gefühle und Empfindungen, dass sie nicht nur mit den Wirkungen der Vergangenheit rechnet, sondern dass sie in sich selber lebensvoll rechnet mit dem, was aus der Zukunft in sie hineineilt.» (6) Durch das Gefühl der Angst offenbart sich der Seele die Realität einer Zukunft, die «sich herausgebiert aus einem unbekannten Strom, […], was aus dem dunklen Schoß der Zukunft mit Sicherheit uns entgegenkommt». (7) Und hiermit entsteht nun die Aufgabe, mit einem Gefühl der Ergebenheit einer noch unbekannten Zukunft bejahend entgegenzutreten und sie mitzugestalten.

In seinen Ausführungen zur Selbsterkenntnis in ‹Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?› (8) beschreibt Rudolf Steiner die Notwendigkeit, Mut und Furchtlosigkeit auszubilden, und bezeichnet das Alltagsleben als vielleicht die beste Schule dafür. «Damit dieses der Fall sei, muss er lernen, in schwierigen Lebensverhältnissen die innere Ruhe und Sicherheit zu bewahren; er muss in sich ein starkes Vertrauen in die guten Mächte des Daseins erziehen.» (9) Aus einer Betrachtung der Vergangenheit muss der Mensch «selber jene Kraft finden, die uns über uns selbst hinausführt», und muss in Besinnung auf das Kommende die Hoffnung und Ergebenheit als eine starke Kraft erleben, die uns der Zukunft entgegenträgt, «sodass die Zukunft den Inhalt der Seele bereichert und unsere Entwicklung auf eine immer neue Stufe bringt». (10)

Der ‹Michaelsgruß›

In anthroposophischen Gemeinschaften und Einrichtungen der Welt zirkuliert seit vielen Jahren der sogenannte ‹Michaelsgruß›. Er wird Rudolf Steiner zugeschrieben (11), wobei er aus Vorträgen zusammengestellt ist und besonders als stärkende Inspiration in kritischen oder herausfordernden Zeiten weitergegeben wird:

«Wir müssen mit der Wurzel aus der Seele ausrotten Furcht und Grauen vor dem, was aus der Zukunft herandringt an den Menschen. […] Es gehört zu dem, was wir in dieser Zeit lernen müssen: aus reinem Vertrauen zu leben ohne Daseinssicherheit, aus dem Vertrauen in die immer gegenwärtige Hilfe aus der geistigen Welt. Wahrhaftig, anders geht es heute nicht, wenn der Mut nicht sinken soll. Nehmen wir unseren Willen gehörig in Zucht und suchen wir die Erweckung von innen jeden Morgen und jeden Abend.»

Morgens

Oh Michael, in deinen Schutz befehle ich mich,

Deiner Führung verbinde ich mich

Aus ganzer Herzenskraft,

Dass dieser Tag Abbild werden möge

Deines schicksalsordnenden Willens.

Abends

Ich trage mein Leid in die sinkende Sonne,

Lege all meine Sorgen in ihren leuchtenden Schoß

In Liebe geläutert, im Lichte gewandelt,

kehren sie wieder als helfende Gedanken,

Als Kraft zu opferfreudigen Taten.

In der handschriftlichen Nachschrift von Camilla Wandrey lautet der nur ungefähr zitierte Vortragstext wie folgt: «Wir können lernen, hinter diese Grenze [der Erinnerung] zu sehen, wenn wir die Übungen, die der Geistesschüler machen muss, um in die geistige Welt hineinzuschauen, auf unsere Seele anwenden. […] Wir müssen mit der Wurzel aus der Seele ausrotten Furcht und Grauen vor dem, was aus der Zukunft hereindringt an den Menschen. Wie bangt und ängstigt sich der Mensch heute vor allem, was in der Zukunft liegt, und besonders vor der Todesstunde. Gelassenheit in Bezug auf alle Gefühle und Empfindungen gegenüber der Zukunft muss sich der Mensch aneignen, mit absolutem Gleichmut entgegensehen allem, was da kommen mag, und nur denken, dass das, was auch kommen mag, durch die weisheitsvolle Weltenführung uns zukommt. Dies muss immer wieder und wieder vor die Seele gestellt werden. Das führt dazu, wie ein Geschenk zu empfangen die rückschauenden Kräfte für vergangene Erdenleben.»

Der zweite Teil kommt von der Stimmung der Ergebenheit.(12) Die originalen Vortragsstellen lauten:

«Was auch kommt, was mir auch die nächste Stunde, der nächste Morgen bringen mag, ich kann es zunächst, wenn es mir ganz unbekannt ist, durch keine Furcht und Angst ändern. Ich erwarte es mit vollkommenster innerer Seelenruhe, mit vollkommener Meeresstille des Gemütes!» (S. 114) «Durch Angst und Furcht wird unsere Entwicklung gehemmt; wir weisen durch die Wellen der Furcht und der Angst das zurück, was in unsere Seele aus der Zukunft herein will.» (S. 117)

Häufig unmittelbar hieran anschließend findet sich ein Text, dessen Herkunft unbekannt ist: «Es gehört zu dem, was wir in unserer Zeit lernen müssen: Aus reinem Vertrauen zu leben ohne Daseinssicherung, aus dem Vertrauen auf die immer gegenwärtige Hilfe der geistigen Welt. Wahrhaftig, anders geht es heute nicht, wenn der Mut nicht sinken soll. Nehmen wir unseren Willen gehörig in Zucht und suchen wir die Erweckung von innen jeden Morgen und jeden Abend.»

Der Duktus des Spruches macht es unwahrscheinlich, dass er von Rudolf Steiner stammt. (13)

Risikobereitschaft

Zusammenfassend will gesagt werden, dass dieser Text und die anschließenden Sprüche als eine Möglichkeit unter vielen aufgeführt werden können, den Schwebezustand, in dem wir uns erleben, als eine Aufforderung wahrzunehmen. Wir wissen, dass wir nicht in der gleichen ‹Unnormalität› in die gewohnte Vergangenheit zurückkehren können, dass aber eine radikale Zukunft sich noch nicht aufzeigt. Können wir die Risikobereitschaft entwickeln, in einer bodenlosen Heimatlosigkeit zu verharren, die Unsicherheit auszuhalten und in Zusammenarbeit miteinander eine menschen- und umweltwürdige Zukunft aufzubauen?

Rudolf Steiner hat solche und ähnliche Weltkrisen wohl vorausgesehen: Im Sommer 1922 in Oxford, wo er seine letzten drei Vorträge zur sozialen Gesellschaftsgestaltung gegeben hat, forderte er die Anwesenden folgendermaßen auf, ein soziales Leben in der Zukunft zu gestalten. Seine Worte klingen heute noch moderner als vor knapp hundert Jahren: «zu dem Glauben an den einzelnen Menschen […], was allein Impuls sein kann für das soziale Leben der Zukunft; denn von dem einzelnen Menschen zur Gemeinschaft führt auf der einen Seite nur dieses Vertrauen. […] wenn wir zu dem, was wir zu tun haben, namentlich gegenüber anderen Menschen, ein solches Vertrauen fassen können, wie wir es zu einem Menschen fassen, wenn wir ihn lieben. Frei sein heißt: in Handlungen sich ausleben, die man liebt. Vertrauen ist das eine goldene Wort, das in der Zukunft das soziale Leben beherrschen muss. Liebe zu dem, was man zu tun hat, ist das andere goldene Wort. Und in der Zukunft werden diejenigen Handlungen sozial gut sein, die aus allgemeiner Menschenliebe gemacht werden.» (14)

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Eins ist notwendig – hier

in dieser unserer schwierigen Welt

von Haus- und Heimatlosen:

In sich selber wohnhaft zu werden

Ins Dunkle zu treten

und den Ruß von der Lampe zu putzen.

So, dass die Menschen auf den Wegen

Licht erblicken können

in deinen bewohnten Augen.

— Hans Børli

(1) Von Karl König (1902–1966) zitiert in: Über die menschliche Seele.
(2) Hannah Arendt (1905–1975), Die Freiheit, frei zu sein.
(3) Karl König , A. a. O.
(4) Ebd.
(5) Rudolf Steiner, GA 59, Vortrag vom 17. Februar 1910, Berlin.
(6) Ebd.
(7) Ebd.
(8) Rudolf Steiner, GA 10.
(9) Ebda, Kapitel 2.
(10) Rudolf Steiner, GA 59, Vortrag vom 17. Februar 1910, Berlin.
(11) Der Text und die Sprüche stammen nicht von Rudolf Steiner selbst, sondern sind eine Zusammenstellung aus zwei verschiedenen Vorträgen. Der erste Teil dieses Textes entstammt dem Vortrag in Bremen am 27. November 1910 über ‹Erkenntnis und Unsterblichkeit›. Dieser liegt in ‹Beiträge zur Rudolf Steiner Gesamtausgabe›, Heft 98, gedruckt vor.
(12) Wiederum eine Zusammenstellung von Zitaten aus dem Vortrag ‹Das Wesen des Gebets›, Berlin, 17. Februar 1910, in ‹Metamorphosen des Seelenlebens›, GA 59.
(13) GA B-40a, Seite 285.
(14) Rudolf Steiner, GA 305, 29. August 1922, Oxford.

Grafik : Sofia Lismont

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