Negativzins – als ob gewisse Tiere juckten

Negativzins – als ob gewisse Tiere juckten

Die Europäische Zentralbank hat erneut entschieden, den Leitzins im Euroraum auf dem Rekordtief von null Prozent zu belassen. Der Einlagenzins soll ebenfalls unverändert bleiben, bei minus 0,4 Prozent. Gleichzeitig kündigte der scheidende EZB-Chef Mario Draghi an, die Zinsen demnächst weiter zu senken – so auch die US-Notenbank Fed. Das stört die Sparer: Wer Geld bei der Bank parkt, muss dafür bezahlen. Schon Rudolf Steiner war für eine gezielte Entwertung des Geldes, das beunruhigte schon damals seine Zuhörer.


«Finanzielle Repression», «Enteignung der Sparer», in der Tagespresse wird aufseiten der Sparer über diese Nullzinsentwicklung gejammert. Schon als Rudolf Steiner in einem Vortrag davon sprach, dass der Wert einer Geldanlage durch Zinsen («das Unnatürlichste, was es geben kann») nicht wachsen, sondern sich vermindern muss, verbreitete diese Aussage unter seinen Zuhörern Unruhe: «Wenn man das in der Gegenwart noch ausspricht, so wird das zuweilen so empfunden, als ob einen gewisse Tiere juckten, wenn ich den Vergleich gebrauchen darf. Ich weiß das, ich würde den Vergleich nicht gebraucht haben, wenn ich nicht die merkwürdigen Bewegungen im Auditorium wahrgenommen hätte.» (1)

Beide Einschätzungen – die ‹Flöhe›, die Steiners Zuhörer befallen haben, wie auch der heutige Unwille über die «Zerstörung der Sparguthaben» (‹SonntagsZeitung›) – mögen persönlichen Interessen entspringen, volkswirtschaftlich ist ein bloßes Wachstum des Geldes zugunsten jener, die schon genug Geld haben, ein Unding. Es führt notgedrungen in eine soziale Spaltung, wie sie heute überall zu sehen ist. Untersuchungen von Oxfam sprechen davon, dass die 26 reichsten Menschen der Erde gleich viel Vermögen haben wie die ärmere Hälfte. Den Guthaben der Reichsten stehen die Schulden der Mehrheit gegenüber.

Tribute gibt es immer noch: wer heute zur Miete wohnt, ist auch tributpflichtig. Wer Produkte einer Aktiengesellschaft kauft, zahlt auch einen Anteil als Tribut an die Aktionäre.

Eine ältere Menschheit hat aus einer gewissen überlieferten Weisheit heraus den Spaltungsprozessen durch einen Schuldenerlass entgegengewirkt. Schon ab 2500 v. Chr., unter den Sumerern, war es üblich, dass die aufgehäuften Schulden mit der Thronbesteigung eines neuen Herrschers erlassen wurden. Das ging so fort bis in die babylonische Zeit um 1600 v. Chr. Die Israeliten griffen es mit dem Jubeljahr ‹schenat hajobel› auf (Lev 25,8–55), einem alle 50 Jahre (nach sieben mal sieben Sabbatjahren) gebotenen Schuldenerlass und Besitzausgleich für alle. Die lateinische Bibelübersetzung Vulgata des 4. Jahrhunderts übersetzte das hebräische ‹schenat hajobel› mit ‹annus iubilæus›. Von da stammen ‹Jubel›, ‹Jubeljahr› und auch ‹Jubiläum›. Die Tradition des Jubeljahres wurde von den Römern nicht fortgeführt, im Gegenteil, um das Jahr null war es gerade die Schatzung (lat. census) des Kaisers Augustus, die die Heilsgeschichte in Bewegung setzte. Im Lukasevangelium wird geschildert, wie Joseph und Maria aus Nazareth nach Bethlehem, in die Stadt Davids, ihrer Vorfahren, ziehen mussten. Sie waren dort tributpflichtig. Aus dem lateinischen Wort ‹census› wurde dann der ‹Zins›. Auch heute ist die Situation vieler junger Familien derjenigen der Heiligen Familie nicht unähnlich, denn angesichts der Zinsen, die sich in Richtung null bewegen, wäre es ein Irrtum zu glauben, die Tributpflicht hätte aufgehört. Sie hat sich nur verschoben. Da es kaum Zinsgewinne gibt, fließt das Kapital in Immobilien, Firmenkäufe oder Aktien. Das heißt, wer heute zur Miete wohnt, ist auch tributpflichtig. Wer Produkte einer Aktiengesellschaft kauft, zahlt auch einen Anteil als Tribut an die Aktionäre. Wenn eine Firma A eine Firma B aufkauft – davon hören wir in den Medien ja täglich – werden die Schulden, die aufgenommen wurden, um den Kauf zu finanzieren, gleich der gekauften Firma aufgebrummt. Das heißt, dass jeder, der jetzt den Preis für das gewünschte Produkt der Firma B bezahlt, deren Schulden mit abbezahlt. Den meisten Menschen ist nicht bewusst, wie stark sie selbst auch tributpflichtig sind.

Weil die Ökonomen erkannt haben, dass diese volkswirtschaftlichen Ungleichgewichte nicht ewig fortbestehen können, versuchen die Zentralbanken, diesen Trend mit einer weiteren Geldschöpfung und mit negativen Zinsen zu stoppen. Seit 2008 hat die EZB Staatsanleihen für 2,6 Billionen Euro aufgekauft, mit dem Ziel, die Zinsen niedrig zu halten. Doch die sozialen Spaltungsprozesse lassen sich nicht mehr ohne Weiteres aufhalten. Ein Riss geht ja auch durch die Europäische Union selbst, die in einen reicheren Norden und einen verschuldeten Süden gespalten ist. Wie dem beizukommen ist, darüber gehen die Meinungen auseinander. Wollte man den sozialen Spaltungsprozess tatsächlich stoppen, so eine Reihe moderner Ökonomen, dann müssten neue Wege beschritten werden – nur die Einführung negativer Zinsen reiche jetzt nicht mehr aus. Eine immer häufiger diskutierte Option ist das, was ‹Helikoptergeld› genannt wird. Mit dem Bild des Helikoptergeldes wollte der amerikanische Ökonom Milton Friedman ausdrücken: Jeder bekommt Geld, das wie ein Regen von Geldscheinen über dem Land niedergeht. Um in diesem Bild zu bleiben: Ist eine Volkswirtschaft erst einmal ‹ausgetrocknet› (durch die Tributpflicht), hilft auch eine Geldschwemme (wie die der EZB), die nur die Schulden von Staat und Bürgern erhöht, keinem. Das Geld muss dort ankommen, wo es tatsächlich fruchtbar ist: bei den einzelnen Menschen.


(1) Rudolf Steiner, Die Soziale Grundforderung unserer Zeit. In geänderter Zeitlage. Vortrag vom 30. November 1918, GA 186, Dornach 1990.

Titelbild: ‹Der Geldwechsler und seine Frau›, Quantin Massys, Öl auf Holz, 70,5 cm x 67 cm, 1514, Louvre

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