Auf Beziehung gegründet

Auf Beziehung gegründet

Wenn ich durch Buchhandlungen schlendere, überall der gleich Trend: eine große Ecke mit Büchern, die Bäumen, Tieren und dem Rätsel Mensch als Teil dieser Natur näherkommen wollen.


Mit Wohllebens ‹Das geheime Leben der Bäume› wurde ein breites Interesse an Naturthemen aufgedeckt. Das scheinen nun Verlage mit eigenen Publikationen zu nutzen. Trendsetter war dabei der kleine Berliner Matthes & Seitz Verlag, geschätzt für erlesene, außergewöhnliche Romane, philosophisch-programmatische kurze Texte (Reihe ‹Fröhliche Wissenschaft›) oder eben seine Reihe ‹Naturkunden›, mit der er begann, das vor allem im US-Amerikanischen beliebte Genre des ‹Natur Writings› mit Übersetzungen seiner Klassiker ins Deutsche bekannt zu machen. So bringt er Edward Abbeys ‹Die Einsamkeit der Wüste› oder John Muirs ‹Die Berge Kaliforniens› oder den Übervater des Genres, David Henry Thoreau, heraus. Er gilt als Begründer einer Naturbeziehung, die individuell existenzielle Schulung an der Natur ist, also Selbstfindung und zugleich Naturwissenschaft, eine empathische Wissenschaft, die auf Beziehung gegründet ist. Damit ist Thoreau der Goethe Amerikas, der nun, etwa durch Andrea Wolfs Bestseller über Alexander Humboldt, in den Fokus geriet.

Die ‹Naturkunden›-Reihe besticht durch ihre verblüffenden Innovationen und die schöne Aufmachung der Bücher. Da gibt es z. B. «Sprechende Blumen» – entgegen der goetheanistischen Erwartung geht es hier nicht um die Blumengesten, sondern wie Blumen in Literatur und Film zu Symbolen werden, und man lernt gerade so viel über sie. Oder: ‹Die Sprache der Vögel›, wo aus dem grimmschen Wörterbuch von 1854 die Fülle der Wörter, mit denen man Vogelgesang einst beschrieb, für heute als Kulturgut gerettet werden. Dann gibt es Bücher über Tiere, etwa vom Zoologenpapst Reichholf über ‹Haustiere› mit liebevollen und humorvollen Porträts, oder liebevolle Monografien über Wolf, Nashorn, Schwein und Schnecke.

Häufig geht es auch um Tierethik, um Gefühle. Wohlleben (‹Das Seelenleben der Tiere›) in allen Ehren, er kann faszinierend erzählen und eine Fülle von biologischen Fakten anschaulich zusammentragen. Er ist aber dem darwinistischen, zweckorientierten Denken (der Stärkere gewinnt) verhaftet. Das ‹Geheim› im Titel bezieht sich bei ihm lediglich auf «dem Laien nicht bekannte Forschungsergebnisse». Spirituell ist bei ihm nichts. Ebenso enttäuschend der gefeierte Haskell (‹Das verborgene Leben des Waldes›). An sich eine fantastische Idee, ein Jahr lang rauszugehen, um einen Quadratmeter Waldboden immer wieder zu beobachten. Aber das macht er gar nicht. Er nutzt sie letztlich doch nur für wenige Spaziergänge über das Jahr, um irgendetwas aufzuschnappen – etwa Gänse, die im Frühling über seinen Waldflecken ziehen, um dann Standard-Faktenwissen über Vogelzug und Orientierungssinn der Vögel abzuspulen. Oder er beginnt, als die ersten Zwiebelgewächse sprießen, über die Strategien der ‹Geophyten› zu dozieren­, anstatt zu beschreiben, was er sieht. Die Natur wird als Stichwortgeber zum Schwadronieren benutzt. Ähnlich für Tierliebhaber ‹Das Mysterium der Tiere. Was sie denken, was sie fühlen› von Karsten Brensing. Toll zu lesen, aber alles, ohne wirkliche Tierbegegnungen oder etwas Innerliches, Verbindendes aufblitzen zu lassen. Ein schönes Kompendium der faszinierenden Verhaltensweisen der Tiere und damit eher, was wir schon kennen. Richtig ärgerliche Fehlgriffe sind Bücher wie ‹Lob der Erde›. Der in Mode gekommene Philosoph Byung-Chul Han, als Denker begeisternd durch glasklare Kulturanalysen und bestechende Gesellschaftskritik, versucht sich als Gärtner und schreibt herrlich naiv und stümperhaft über das Glück, als Städter matschige Hände zu haben und Blühendes durch den Winter zu kriegen.

Sehr interessant hingegen im Sinne von näher Ernstmachen mit Seelisch-Geistigem in der Natur wird es bei Publikationen wie ‹Beute› von Pauline De Bok, die Selbstbeobachtungen als Jägerin beschreibt, mit allen Ambivalenzen des Tötens und Lebenwollens, des Tierischen in uns, des Menschlichen in der Natur. Auch begeistert mich das Buch von Carl Safina ‹Die Intelligenz der Tiere›. Das Buch entpuppt sich als Tiefseeforschung, direkt beim Tier, am Beispiel Elefant und Wolf, wo es Safina gelingt, die Tiere wesenhaft sprechend werden zu lassen. Damit gelingt es ihm, die Grenze zwischen Tier und Mensch einmal nicht abstrakt zu bestimmen oder ihre Gleichheit einzufordern, sondern es scheint Wesensnähe durch und Trennung hebt sich auf. Nähe ist plötzlich nicht mehr nur Empathie, sondern innere Verwandtschaft. Die ökologische Floskel, dass Tier und Mensch eine Welt bilden, wird hier zur Imagination, die moralisch beflügeln kann.

Mir scheint, dass sich mit diesen Büchern über Naturerfahrung die existenzielle Suche des Menschseins in heutiger Zeit artikuliert: Verbindung aufzubauen und Verbindung zu spüren.

Mir scheint, dass sich mit diesen Büchern das Thema, wie man Verbindung aufbauen kann oder wieder lernt, diese Verbindung zu spüren, als existenzielle Suche des Menschseins in der heutigen Zeit artikuliert. Wie bei vielem gibt es da Gutes, Herausragendes, aber auch Überflüssiges. Dass sich hier alte Klassiker oft als die Modernsten erweisen und neue Aufmerksamkeit finden, ist hierbei begrüßenswert. Thoreau oder Muirs Tagebücher sind Schatzkisten, Meditationstexte. Bei wachsendem Interesse der Leserschaft. Das gelingt teilweise; eine Lösung von allzu platten Ursache-Wirkung-Phrasen (‹Konkurrenzkampf›) gelingt aber selten. Trotz neuem Duktus – weg vom Lehrbuchartigen, hin zur Erzählung, wo Liebe zum Geschöpf und Begeisterung zum Thema durchscheinen – handelt es sich leider oft um Faktensammlungen, wenn auch flüssig und amüsant zusammengestellt.

Nur die Versuche, bei denen es individuell wird, die mehr als Erlebnisbericht sind, gelingt es, dass etwas über die Fakten hinausstrahlt, etwas, wie ein ahnungsvolles Mehr, das neue Gedanken, Perspektiven eröffnet und zulässt, in eine einst von Goethe und etwa Thoreau begründete Weltsicht hineinzuschnuppern. Eine Naturwissenschaft, die vom Biografischen und damit auch Moralischen nie getrennt ist und bei der man nicht dem Fehler verfällt, Natur zu objektivieren, sondern in Verbindung bleibt und damit Welt- und Selbsterkenntnis eins werden.


Literaturempfehlungen

Petra Ahne Wölfe, Naturkunden. Berlin 2016.

Karsten Brending Das Mysterium der Tiere. Was sie denken, was sie fühlen. Berlin 2017.

Pauline De Bok Beute. Mein Jahr auf der Jagd. München 2018.

Lothar Frenz Nashörner. Ein Portrait. Berlin 2017.

Byung-Chul Han Lob der Erde. Berlin 2018.

David G. Haskell Das verborgene Leben des Waldes. München 2015.

Isabel Kranz Sprechende Blumen. Ein abc der Pflanzensprache. Berlin 2016.

Peter Krauss Singt der Vogel, ruft er oder schlägt er? Berlin 2017.

Thomas Macho Schweine. Berlin 2015.

John Muir Bäume zerstören kann jeder Narr. Berlin 2018.

Josef H. Reichholf Mein Leben für die Natur. Frankfurt a. M. 2018.

Josef H. Reichholf Haustiere. Unsere nahen und doch so fremden Begleiter. Berlin 2017.

Frank Schäfer Henry David Thoreau: Waldgänger und Rebell. Berlin 2017.

Carl Safina Die Intelligenz der Tiere. München 2017.

Florian Werner Schnecken. Berlin 2015.

Peter Wohlleben Das geheime Leben der Bäume. München 2016.

Peter Wohlleben Das Seelenleben der Tiere. Liebe, Trauer, Mitgefühl. München 2016.

Andrea Wolf Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur. Gütersloh 2016.

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