Zeit vom Herzschlag aus

Neue Forschungs­ergebnisse zeigen, dass unsere Wahr­nehmung des Zeit­ablaufs – insbesondere in Bezug auf das, was wir als ‹Gegenwart› bezeichnen – nicht konstant ist, sondern sich innerhalb jedes Herzschlags zu dehnen oder zu verkürzen scheint.


«Es ist eine Binsenweisheit, dass sich die Zeit je nach Umständen gedehnt oder verkürzt anfühlt. Wenn man zwei Stunden lang mit einem hübschen Mädchen zusammensitzt, meint man, es wäre eine Minute. Sitzt man jedoch eine Minute auf einem heißen Ofen, meint man, es wären zwei Stunden», meinte schon Albert Einstein verschmitzt. Vor allem vergeht die Zeit schneller, je älter wir werden.1 Die Forschung zeigte, dass Gedanken und Emotionen unsere Zeitwahrnehmung verzerren, sodass sie vielleicht fliegend oder kriechend vergeht. Solche Ergebnisse spiegeln wider, wie wir in der Regel über die Zeit denken oder sie einschätzen, und nicht, wie wir sie im gegenwärtigen Moment direkt erleben.

Zwei Experimente, die von verschiedenen Forschungsgruppen durchgeführt wurden, haben nun ergänzende Erkenntnisse zutage gefördert. Gemeinsam bestätigen sie, dass die Aktivität des Herzens in Intervallen von einem Herzschlag und weniger, den sogenannten Subsekunden-Intervallen, unsere Wahrnehmung der vergehenden Zeit beeinflusst. Das erste Experiment zeigte, dass sich die Zeitwahrnehmung innerhalb eines Herzschlags ändert.2 Im Experiment lernten 28 Personen, die Dauer von zwei visuellen oder zwei auditiven Reizen zu unterscheiden. Die Studienteilnehmenden sahen zum Beispiel zwei Formen oder hörten zwei unterschiedliche Töne. Ein Gegenstand oder Ton jedes Paares wurde 200 Millisekunden lang präsentiert, der andere 400 Millisekunden lang. Dann wurde ihnen ein neuer Reiz gegeben – ein anderer Ton oder eine andere Form. Sie sollten einschätzen, ob die Präsentation kürzer oder länger war, wobei sie das vorherige Paar als Referenz heranziehen konnten. Aber es gab noch einen zusätzlichen Clou. Die neuen Töne und Bilder wurden auf einen bestimmten Moment im Rhythmus des Herzschlags einer Person abgestimmt: wenn sich das Herz entweder zusammenzieht (Systole) oder entspannt (Diastole). Während der Systole nahmen die Probanden und Probandinnen die Zeitdauer als kürzer wahr, als sie tatsächlich war – eine Zeitkontraktion. Während der Diastole war das Gegenteil der Fall, sodass sich über den Zeitraum eines kompletten Herzschlags Kontraktion und Ausdehnung gegenseitig aufheben: Unsere Zeitempfindung eines jeden Moments bildet sich aus der Polarität von Kontraktion und Expansion.

Das zweite Experiment konzentrierte sich auf die Variabilität der Zeitwahrnehmung zwischen einzelnen Herzschlägen.3 In diesem Fall stellten sie eine Wahrnehmung von Zeitkontraktion fest, wenn diese Spanne kürzer ist, und eine Expansion, wenn sie länger ist. Solche winzigen Zeitverzerrungen im Bereich von Millisekunden nannten die Forschenden ‹temporale Runzeln› (‹wrinkles›).

Zeit im Netzwerk

Allmählich sehen wir also, dass es keinen einzelnen Teil des Gehirns oder Körpers gibt, der die Zeit hält. Es ist alles ein Zusammenhang. Die Zeit bildet sich nicht nur aus Hirn und Herz, sondern aus dem ganzen Menschen, seinen Gedanken und Empfindungen bis hin zu seinen Impulsen. Und das nicht nur durch Tag und Nacht im Sehnerv, sondern als Verschachtelung oder Kaskade bis in die Zellenebene. Die Frage, wie wir die Zeit einhalten – welche Prozesse in unserem Körper dazu führen, dass wir Zeitabläufe und Zeitintervalle erleben/beurteilen –, beschäftigt Physiologinnen und Physiologen seit Jahren. Die Erforschung der Zeitwahrnehmung (als Teil der Chronobiologie, der Biologie der Rhythmen des Lebendigen) konzentrierte sich bis vor Kurzem noch auf verschiedene Bereiche des Gehirns und eine ‹biologische Uhr›, einen zentralen Zeitmesser.4 Diese ‹Hauptuhr› wird in einer Gruppe von Neuronen im Gehirn gesehen, die eine Struktur namens Supra­chiasmatischer Nukleus (SCN) im Hypothalamus bilden. Diese Struktur liegt, wie der Name schon sagt, genau über der Kreuzung (χίασμα, ‹Kreuzung›) der beiden Sehnerven, die die Wahrnehmung von Tag und Nacht im Auge ermöglichen. Der scn gilt unter anderem als Schrittmacher für die sogenannten zirkadianen Rhythmen, die mit der Erdrotation (etwa 24 Stunden) zusammenhängen.

Diese neuen Forschungen rufen Fragen zur ‹Hauptuhr› wach. Während der Systole strömt das Blut in die Peripherie, während der Diastole kehrt es zum Herzen zurück. Unser Zeiterleben wird durch eine Verbindung zwischen diesen beiden entgegengesetzten Strömungen und den Nerven des scn erzeugt. Jedoch wird die Herztätigkeit auch direkt wahrgenommen. Was geht durch die zentrale Schaltstelle des scn, was direkt? Sind die Richtungen eindeutig? Wo und wie werden Gefühle und Schlüsse gezündet beziehungsweise bewusst?5 Denn über Nerven, aber auch durch Hormone im Blut, werden Empfindungen und Urteile in Bezug auf die Zeit gebildet. Doch fast jede Zelle hat ihre eigene innere Uhr, die auf Licht, Wärme, Elektrizität, chemische und mechanische Kräfte reagiert.6 Wie hängen Ursache und Wirkung in diesem Komplex zusammen? 7


Titelbild Kein Titel, Gilda Bartel, 2019, Pastellkreide

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Footnotes

  1. M. Wittmann, S. Lehnhoff, Age. Effects in Perception of Time. Psychol Rep 97, 921–935; 2005.
  2. I. Arslanova, V. Kotsaris, M. Tsakiris, Perceived time expands and contracts within each heartbeat. Current Biology 33, 1389–1395.e4; 2023.
  3. S. Sadeghi, M. Wittmann, E. De Rosa, A. K. Anderson, Wrinkles in subsecond time perception are synchronized to the heart. Psychophysiology 60, e14270; 2023.
  4. Heutzutage wird das Ticken der zirkadianen Uhr des SCN (etwa alle 24 Stunden) als eine sich wiederholende Rückkopplungsschleife komplexer chemischer Reaktionen zwischen Genen und Proteinen angesehen.
  5. S. J. Wang, R. C. Lapate, Emotional state dynamics impacts temporal memory. BioRxiv [doi: doi.org/10.1101/2023.07.25.550412]; 2023.
  6. Zum Beispiel J. F. Abenza et al., Mechanical control of the mammalian circadian clock via yap/taz and tead. Journal of Cell Biology 222, e202209120; 2023. In dem Wort ‹control› steckt Wahrnehmung und Antwort.
  7. Siehe in diesem Zusammenhang die Entwicklung des Ichbewusstseins/Tätigkeit in R. Steiner, Okkulte Physiologie. GA 128, insbesondere 3. u. 7. Vortrag.

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