«Wenn man sich mit Geisteswissenschaft befasst, ist Humor nötig.»

Wie Rudolf Steiner den österreichischen Mathematiker und Professor am Institut für Bodenkultur Oskar Simony (23. April 1852–6. April 1915) kennenlernte, erzählt er ausführlich im Vortrag vom 11. Juli 1916 (1): «Er begegnete mir einmal – ich weiß das so, wie wenn es gestern gewesen wäre – in der Salesianergasse […] in Wien. Ich kannte ihn vom Sehen, gesprochen hatte ich nie mit ihm. Er kannte mich gar nicht, wir begegneten uns eben wie zwei, die auf dem Trottoir aneinander vorbeigehen. Ich war dazumal […] ein junger Dachs von 26, 27 Jahren. (2) Nun, Oskar Simony guckte mich an, blieb stehen – ich erzähle nur eine Tatsache – und fing mit mir ein Gespräch an über allerlei Dinge der geistigen Wissenschaft, nahm mich dann auch zu sich nach Hause und schenkte mir seine jüngste Publikation über eine Erweiterung der vier Rechnungsarten, die er in der alten Akademie der Wissenschaften damals veröffentlicht hatte.» (3) Diese 1885 erschienene kleine Schrift ‹Über zwei universelle Verallgemeinerungen der algebraischen Grundoperationen› trägt die Widmung: «Herrn Rudolf Steiner in freundschaftlicher Hochschätzung, d. Verf.» (4) Ernst Müller verdanken wir die genauere Kenntnis der Bemerkung, mit der Oskar Simony einst Rudolf Steiner ansprach. Vermutlich vertraute er Müller nur im persönlichen Gespräch an, mit welchen Worten ihn Simony damals angesprochen hatte: «Sie sind ein Okkultist.» (5) Und Emil Bock ergänzt, er habe gesagt: «Ich möchte, dass Sie mit mir nach Hause kommen, denn ich habe eine wichtige Frage an Sie.» Diese wichtige Frage war: «Gibt es Wiederverkörperung?» (6)

Dimensionen

Rudolf Steiner charakterisiert Oskar Simony als einen Menschen, «der sich auf alle Weise in das Geistgebiet einzuleben versuchte». Auf welche Weise, erfahren wir von Friedrich Eckstein (1861–1938), der mit ihm eng befreundet war. Simony – ein Hüne von Gestalt – machte zeitlebens viele Exkursionen und Touren, auf denen er Pflanzen und Schmetterlinge sammelte. Auch war er, wie Eckstein, ein begeisterter Alpinist – und so hatten sich beide auf einer Bergtour zufällig getroffen und angefreundet. In ihren Gesprächen ging es gleich um höhere Mathematik. Simony beschäftigte sich mit «höhere[n] Mannigfaltigkeiten und Raumdimensionen» und war dadurch auf «die Werke des berühmten Leipziger Astronomen Friedrich Zöllner besonders aufmerksam geworden, der in seinen ‹Wissenschaftlichen Abhandlungen› hierüber kühne und oft sehr phantastische Ideen geäußert hatte». Zöllner beschäftigte sich zunehmend mit dem Spiritismus und arbeitete eine Zeit lang mit dem amerikanischen Medium Henry Slade. Eckstein berichtet: «Unter den aufsehenerregenden Phänomenen, die Slade in Zöllners Gegenwart produziert hatte, war es nun insbesondere das geheimnisvolle Schürzen von Knoten in ein geschlossenes, an den zusammengebundenen Enden versiegeltes Band gewesen, welches Zöllner in die größte Erregung versetzte. […] Simony […] begann nun, sich auf seine Weise mit den Problemen der Verschlingungen von Bändern und des Zustandekommens von Knoten eingehend zu befassen, und nach endlosen Mühen gelang es ihm, eine ganz neue systematische Ordnung in diese Welt von Gestalten und Begriffen hineinzubringen. Was er bei seinen vieljährigen Arbeiten fand, war aber nicht so sehr ein empirischer Beweis für die Existenz höherer Raumdimensionen oder von Wesen, welche diese bewohnen, als vielmehr ein ganz neuer geometrisch-topologischer Zugang zu den Problemen der Primzahlen und ihres Bildungsgesetzes.» (7) Über seine diesbezüglichen Studien veröffentlichte Simony 1881 das Büchlein ‹Gemeinfassliche, leicht controlirbare Lösung der Aufgabe: ‚In ein ringförmig geschlossenes Band einen Knoten zu machen‘ und verwandter merkwürdiger Probleme›.

Die Zeit, als er Oskar Simony begegnete, so Rudolf Steiner, war die Zeit, «in der der österreichische Kronprinz Rudolf zusammen mit dem Erzherzog Johann […] sich beschäftigten mit der Entlarvung eines Mediums (8) und überhaupt mit solchen Dingen. Daher war dazumal sehr viel von solchen Dingen in Wien die Rede […].» Simony wurde auch einmal von hoher Seite eingeladen, an einer spiritistischen Sitzung teilzunehmen, die das Ziel hatte, das Medium zu entlarven. Der Hausherr fragte ihn dann nach seinem Urteil als Physiker – und Simony antwortete mit einem Vergleich, nämlich «‹das Zustandekommen okkulter Phänomene mit dem Anschießen von Kristallen aus einer gesättigten Lösung. […] hier bedarf es zur Bildung schöner Gestalten einer angemessenen Dauer, der Wärme, Dunkelheit und völliger Ruhe. […] Wenn man aber […] in einer Salzlösung mit einem Knüppel umrührt, dann können sich keine Kristalle bilden.› Nach diesem Gespräch ist Simony dort nicht mehr eingeladen worden und für seine Karriere ist dies alles nicht sehr förderlich gewesen.» (9)

Über den Schmerz hinaus

Als Eckstein ihn einmal fragte, auf welche Weise er in solche denkerischen Tiefen eindringen könne, wie es seine mathematischen Entdeckungen erforderten, erklärte Simony, er sei von seinem Vater von früh an erzogen worden, körperliche Schmerzen mit einem gewissen Gleichmut zu ertragen: «Nun gibt es wenig Dinge, die so wehtun wie das intensive Nachdenken, wenn es über einen gewissen Punkt hinausgetrieben wird. Dies ist der Augenblick, wo die meisten die Sache aufgeben. Mir aber ist die Fähigkeit anerzogen worden, auch diese Art von Schmerz zu verbeißen, und so komme ich mitunter über den Punkt hinüber, an welchem die andern alles hinwerfen, um nur Ruhe zu finden. Aber gerade einen kleinen Schritt weit über eben diesen Punkt hinaus liegen oft die neuen Erkenntnisse.» (10)

Oskar Simony «beschäftigte sich […] ja sehr wissenschaftlich mit diesen Dingen», so Rudolf Steiner. Ihn interessierten vor allem dessen mathematische Forschungen, die sich um den Übergang «aus dem Dreidimensionalen in das Vierdimensionale» (11) drehten. Simonys Buch ‹In ein ringförmig geschlossenes Band einen Knoten zu machen› bezeichnete er als «sehr interessant». (12) In der Lehrerkonferenz vom 18. Dezember 1923 empfahl Rudolf Steiner es für die Arbeit mit einem Schüler. Da das Phänomen der «verwundenen Papierstreifen» den Lehrern unbekannt war, machte er ihnen vor, «wie man ringförmig zusammengeklebte Papierstreifen, die ein-, zwei- oder dreimal in sich verwunden sind, der Länge nach in der Mitte durchschneidet» (13): «Bei einmal verwundenen Streifen ergibt das einen großen Ring; bei zweimaliger Verwindung zwei ineinander hängende Ringe; bei dreimaliger wieder nur einen Ring, der aber in sich verknotet ist.» Nach Ernst Lehrs verwendete Rudolf Steiner dabei sein Schweizer Armeetaschenmesser und schnitt «in völliger Ruhe», obwohl es gegen zwei Uhr morgens ging, die Papierstreifen durch: «Wir haben uns hinterher die Streifen angeschaut und festgestellt, dass sie in völlig gerader Linie genau in der Mitte durchgeschnitten waren.» (14) Währenddessen erzählte er ausführlich von seinen Begegnungen mit Simony.

Humor als Beweglichkeit des Geistes

Im Rückblick auf die Begegnung mit dem Mathematiker hebt Rudolf Steiner besonders dessen Bemerkung über den Humor hervor: «Nun, während wir so sprachen, machte er eine Pause im Gespräche und sagte: ‹Ach, wenn man sich mit diesen Dingen beschäftigt, da braucht man eigentlich viel Humor dazu!› – Und wahrhaftig, es ist nötig, gerade wenn man in die Tiefen der geistigen Wissenschaft hineingeht, dass man den Humor nicht verlernt, dass man mit anderen Worten sich nicht ständig verpflichtet fühlt, das tragisch verlängerte Gesicht nur zu tragen. Und ich habe sogar die Überzeugung, dass Oskar Simony in der letzten Zeit seines Lebens eben den Humor verloren hatte, bevor er so tragisch geendet hat.»

In einem Vortrag von 1913 erläuterte Rudolf Steiner näher, was mit ‹Humor› gemeint ist: Simony «sagte: ‹Wenn man sich mit Geisteswissenschaft befasst, ist Humor nötig.› Nicht Spaßmacherei ist gemeint, sondern Beweglichkeit des Geistes, die ja manchmal recht unbequem sein kann für die Leute, die auf Prinzipien schwören.» (15)

Diesseits und Jenseits

Rudolf Steiner machte in einem Gespräch mit dem Wiener Mathematiker und Anthroposophen Ernst Müller (1880–1954) in München 1913 auf Simony aufmerksam, «nicht zwar auf dessen Knotenexperimente, aber auf dessen Verallgemeinerung der algebraischen Operationen. Doktor Steiner erblickte ja in derart gewandelten Operationsformen das Mittel, übersinnlichen Vorgängen mathematisch nahezukommen […].» (16) Auf diesen Hinweis Rudolf Steiners hin schrieb Müller im Frühjahr 1914 an den damals schon sehr schwerhörigen Oskar Simony und verkehrte viel mit ihm, bis er zum Kriegsdienst eingezogen wurde: «Statt mir eine Zusammenkunft zu gestatten, stapfte er selbst mit schweren Schritten in meine Wohnung herauf. Ich machte ihn auf Steiners Vorträge aufmerksam, den er ja auf eigentümliche Art schon früher gekannt hatte. Er verhielt sich ausweichend und lehnte in seiner stürmischen Art die theosophische Lektüre ab, indem er eines der Bücher [R. Steiners ‹Theosophie›] (17) auf den Tisch schlug und erklärte, er wolle erst nach seinem Tode erfahren, was geschehen werde. Immerhin nahm er das Ganze so ernst, dass er in sein Tagebuch, in das ich nach seinem Tode Einblick bekam, die simplen Statuten der Gesellschaft wörtlich einschrieb. Der tiefere Grund der Ablehnung lag, wie gleichfalls aus dem Tagebuch zu ersehen war, darin, dass er als junger Mann wegen seines Interesses für spiritistische Phänomene von Prof. [Moriz] Benedikt öffentlich heftig angegriffen worden war. Seltsamerweise hatte er auch während einer seiner häufigen Besuche eine Unterredung mit meinem Vater und versprach ihm, mich von der Anthroposophie abzubringen.» (18)

Simony endete ein Jahr später tragisch: Nach einem Schlaganfall war er, der schon stark schwerhörig war, auch noch halbseitig gelähmt. Er, der doch von Kindheit auf geübt hatte, körperliche Schmerzen zu ertragen, kam mit den starken körperlichen Einschränkungen nicht zurecht und stürzte sich aus dem Fenster.


Anmerkungen

(1) GA 169. Wenn nicht anders vermerkt, stammen die Bemerkungen Rudolf Steiners aus diesem Vortrag.
(2) Die Begegnung müsste demnach also 1887/88 stattgefunden haben. Dass sie sich in der Salesianergasse trafen, legt nahe, dass Rudolf Steiner eben von Karl Julius Schröer kam, der damals dort in der Nr. 10 wohnte.
(3) Nach Ernst Lehrs (in: Gelebte Erwartung. Stuttgart 1979, S. 340 f.) gab es zwei Begegnungen. Die erste fand demnach in der Mariahilferstraße statt.
(4) In Rudolf Steiners Bibliothek unter der Signatur RSB Ma 28.
(5) In einer Niederschrift seiner Memoiren (Manuskript, GOE, S. 22)
(6) Emil Bock, Rudolf Steiner. Studien zu seinem Lebensgang und Lebenswerk. Stuttgart 1967. Diese Aussage ist nur von ihm überliefert; von wem er sie hat, ist unbekannt.
(7) Friedrich Eckstein: «Alte unnennbare Tage!» Erinnerungen aus siebzig Lehr- und Wanderjahren. Reprint Wien 1988, S. 65.
(8) Die «Entlarvung» des Mediums Harry Bastian durch Kronprinz und Erzherzog war am 13. Februar 1884 von der ‹Neuen Freien Presse› gemeldet worden.
(9) Eckstein, S. 75. Auch mit Mabel Collins ‹Licht auf den Weg› beschäftigte sich Simony und holte dazu das Urteil von dem von ihm geschätzten Ernst Mach ein. Mach schrieb ihm am 9. November 1887 zurück: «Mit bestem Dank sende ich Ihnen die Schrift ‹Licht auf den Weg› zurück. Es ist allerdings bei der poetischen Ausdrucksweise, die wahrscheinlich durch die Übersetzung noch an Bestimmtheit verloren hat, schwer, sich klarzumachen, wie viel in der Schrift wirklich steht, wie viel man hineinliest; so viel ich aber absehen kann, möchte ich aus meiner Grundanschauung beiläufig dieselben praktischen Konsequenzen ziehen, welche in der Schrift enthalten sind. Wie weit die theoretische Grundanschauung übereinstimmt, wage ich nicht zu entscheiden. Interessant und wichtig und belehrend ist mir, dass von der reinen Askese, die man sich gewöhnlich vorstellt, hier keine Rede sein kann.» (Eckstein, S. 71 f. )
(10) Eckstein, S. 67.
(11) Vortrag vom 30. Mai 1904, GA 52.
(12) Vortrag vom 11. Juli 1916, GA 169.
(13) GA 300c.
(14) Siehe Anm. 3, S. 341. (Lehrs 1979, S. 341).
(15) Vortrag vom 6. Feb. 1913, vorgesehen für GA 252.
(16) Ernst Müller, Geistige Spuren. Manuskript, Leo Baeck Institut New York.
(17) In einer anderen Niederschrift seiner Memoiren (siehe Anm. 6) erwähnt er dies: «Als ich ihm einmal die ‹Theosophie› mitgeben wollte, warf er sie mit dem ihm eigenen Ungestüm zu Boden; er wolle bis zu seinem Tode warten, da ihm dann ohnedies die Geheimnisse offenbar würden.»
(18) Ebenda, S. 45 f. Ernst Müller machte sich nach dem Tod Simonys Vorwürfe, dass er eine Frage von ihm nicht an Rudolf Steiner weitergeleitet hatte: «Es ist vielleicht ein Verschulden, dass ich die Brücke nicht schlug, die ich für den Einsamen hätte vorbereiten können. Er wollte damals Ihr Urteil über seine wissenschaftlichen Forschungen hören, und ich hatte gerade dies auszurichten vergessen. Wie wenig frei ist die Liebe in der Welt, dass dieser Mann das Wenig nicht fand, das sein Schicksal etwas freundlicher gestaltet hätte.» (Undat. Brief, ca. April 1915, RSA)

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