Wenn das Leben spricht

Mehrmals wegen der Pandemie verschoben, nun ist es so weit: Vom 15. bis 18. Juni 2022 findet am Goetheanum der internationale und interdisziplinäre Kleinkindkongress statt. Dem Thema ‹Die Würde des Kindes› ist aus der Kinderseele die Aussage «Ich fühle mich in deinen Augen gut» zugefügt. So wird deutlich, dass es nicht mehr allein um die Kinder geht, sondern vor allem um die Erwachsenen, um Institutionen, die für die Bedingungen für ein gesundes Heranwachsen der Kinder verantwortlich sind. Die Fragen stellte Wolfgang Held.


Ihr habt zum Titel noch ein Motto des Malers Henri Matisse hinzugefügt: «Man darf nicht verlernen, die Welt mit den Augen eines Kindes zu sehen.» Was bedeutet das?

Claudia Grah-Wittich Als Erwachsene, aufmerksam zu sein! Die Bedürfnisse des Kindes erkennen, es in seinem Lebensweg unterstützen, bestärken und begleiten. Es bedeutet auch, am Kind ablesen zu können, was es möchte, ohne dabei aus der eigenen Sicht zu interpretieren. Das verengt nämlich den Fokus für das, was das Kind ausdrücken will. Ein Beispiel: Ein Kind von anderthalb Jahren kratzt mit einem Löffel in der Hand in einem leeren Topf. Die Erzieherin sieht es und fragt: «Was kochst du denn Schönes, darf ich mal probieren?» Im ersten Moment schaut das Kind überrascht und reicht dann den Löffel zum Probieren. So beginnt eine Konditionierung! Bei einer nächsten Gelegenheit streckt dann das Kind gleich den Löffel zum Mund des Erwachsenen. Bevor wir ein Kind im Spiel unterbrechen, gilt es, sich selbst zu fragen: Hat das Kind Kontakt gesucht? Vielleicht geht es ihm nur darum, mit dem Löffel ein Geräusch zu erzeugen oder ein Bewegungsmuster mit dem Arm zu probieren.

Das Beispiel hat es in sich, denn mit der Frage «Was kochst du?» kommt man sich besonders kindgerecht vor.

Und vor allem schlau! Ja, das ist genau das Problem! Wir haben außerdem das Gefühl, dass wir die Situation dadurch kontrollieren können. Ja, ich weiß, was das Kind spielt: Es kocht. Ich setze den Rahmen. Vielleicht habe ich auch nur ein schlechtes Gewissen, weil ich längere Zeit abgelenkt war mit eigenen Themen. Beim ersten Mal ist das nicht weiter relevant, aber beim zweiten, dritten Mal wird es zur Gewohnheit. Dann bringen wir dem Kind seine Puppen. «Du kannst doch deinen Puppen etwas zu essen kochen!» So wird das Kind in etwas hineingeführt, was unter Umständen gar nicht sein Bedürfnis ist. Worauf es für das Kind ankommt ist, dass es sich selbstwirksam in dieser Welt erlebt. Wenn wir Erwachsene uns bei solchen Kommentaren gut beobachten, dann merken wir, dass wir dem Kind ein Angebot machen und in Beziehung sein möchten.

«Erziehung ist Beziehung», Beziehung ist doch positiv?

Natürlich! Doch wo sind geeignete Orte für diese Beziehungspflege? Sie ist existenziell für das Kind und für die Erwachsenen. Denn nur dort, wo wir uns sicher und geborgen fühlen, wo wir Vertrauen, Wärme und Liebe empfinden, können wir uns entfalten. Für das Kind ist es die Voraussetzung für seine Exploration, seine Bewegungsentwicklung, sein Spiel, seinen Forschergeist in der Erkundung der Welt. Wenn das Kind zum Beispiel beim Essen ist, wenn es sich anzieht, dann braucht es meine Unterstützung. Es ist auf dem Weg zur Selbständigkeit und bedarf der Erwachsenen, die es begleiten und seine Entwicklung wahrnehmen: «Kannst du es heute schon allein? Gestern hattest du noch viel Mühe, zum Beispiel in den Schuh reinzukommen. Jetzt geht es schon allein!»

Die Selbstwirksamkeitserfahrung.

Darauf kommt es für das Kind an: durch die Spiegelung und die Resonanz der Erwachsenen eine eigene Hülle bilden, in der es Geborgenheit empfindet und Sicherheit gewinnt. Das erzeugt für alle Beteiligten Freude. Das Kind entwickelt Lust, zu wachsen, zu lernen und die eigenen Entwicklungsfelder auszuweiten.

Illustration von Ella Lapointe

Hat es dann Interesse, die Welt zu erobern?

Ja, außerordentlich! Das ist die Exploration, die Entdeckungsfreude und die Voraussetzung für die Anlage eines lebenslangen Lernens. Wir wissen aus der eigenen Kindheitserfahrung doch nur zu gut, dass man am liebsten selbst und ungestört spielt und entdeckt. Im Spiel und in der Bewegung ist es sinnvoll, das Kind für sich sein zu lassen, wenn es nicht von sich aus nach Kontakt sucht.

Welche Rolle spielt dabei die schwindende Risikobereitschaft von uns Erwachsenen, die Ängstlichkeit von uns Eltern?

Ja, das ist ein Problem des Augenmaßes. Unter Umständen übertragen wir oft unsere schlechten Erfahrungen und Ängste auf die Kinder. Wenn die Eltern ein Kind balancieren sehen und ihm sogleich die Hand anbieten, weil es herunterfallen könnte, dann liegt es womöglich daran, dass man selbst im Gleichgewicht unsicher ist. Deswegen regen wir in unserer Erwachsenenbildung die Eltern dazu an, das Balancieren einmal selbst auszuprobieren. Wenn wir selbst so auf dem Holz schwanken, dann merken wir, wie viel Konzentration es braucht. Ich muss mich unglaublich auf meine Füße und auf meinen Tastsinn konzentrieren. Ich muss ganz bei mir bleiben. Wir merken, wie dankbar wir sind, wenn da niemand stört. Jedes «Pass gut auf!» unterbricht die Konzentration.

Das heißt, nicht nur mit den Augen des Kindes zu schauen, sondern auch mit den Füßen des Kindes zu laufen?

Eine wunderbare Übung ist es zum Beispiel, mit einem umgedrehten Fernglas vor den Augen Erzieherinnen oder Eltern eine Strecke laufen zu lassen. Wenn wir durch ein umgedrehtes Fernglas schauen, haben wir ja eine größere Distanz zu den Dingen, eine Perspektive, unter Umständen ganz ähnlich derjenigen, die die Kinder haben. Wenn wir das üben, bemerken wir wiederum schnell, wie wenig wir dabei gestört werden wollen.

Stellen wir uns Szenen auf dem Spielplatz vor: «Pass auf! Du machst dich dreckig! Siehst du, dass da noch ein Kind steht – aber jetzt los! Oder auch: Das hast du prima gemacht!» Wir klatschen. Wenn wir das einmal realisieren, wie häufig wir die Kinder aus ihrer Konzentration herausreißen, dann ist schon viel gewonnen. Das Bedürfnis des Erwachsenen dahinter ist vielleicht: Ich möchte dir signalisieren, dass ich bei dir bin. Ich sorge für dich.» Viellicht liegt es auch daran, dass wir Erwachsenen heute viel berufstätig sind. Wenn wir dann endlich wieder einmal mit den Kindern zusammenkommen, wollen wir Nähe. Nähe über die Wahrnehmung zu erzeugen, darin liegt eine große Kraft, das wird meist unterschätzt! Während unreflektierte Interaktionen das Kind daran hindern, die Selbsterfahrung zu machen. Das behindert seine spätere Selbständigkeit.

Wir stehen den Kindern oft auch im Weg?

Illustration von Ella Lapointe

Wenn ich will, dass die Kinder die Hausaufgaben später allein machen, dann müssen sie Konzentration üben und die Fähigkeit, bei sich sein zu können. Das fängt viel früher an, als wir meinen. Die Kinder können heute ja kaum allein im Bettchen liegen. Sie werden entweder auf dem Arm geschaukelt oder kommen ins Tragetuch. Es ist schon fast eine Seltenheit, wenn eine Mutter erzählt, dass ihr Kind auch mal eine Stunde einfach im Zimmer liegen und für sich spielen kann. Neulich bin ich einer Säuglingsmutter begegnet. Ihr Kind war drei Wochen alt und wurde langsam wach und hat dabei geknatscht. Da habe ich gefragt, ob ich es aus dem Bett nehmen soll. «Hat es denn seine Augen schon offen?», fragte mich die Mutter. «Nein!» «Dann warte noch.» Tatsächlich hat das Kind noch eine ganze Weile gebraucht, um in den eigenen Körper richtig hineinzufinden. Dann hat es ein bisschen vor sich hin genörgelt. Plötzlich wurde es ruhig, machte die Augen auf und schaute mich an. Diese Mutter hat das intuitiv gespürt und verstanden: Sie hat ihrem Kind die Zeit gegeben, die es braucht, um richtig wach zu werden und sich in den eigenen Körper zu beheimaten.

Wir Eltern werden ja nicht so gern korrigiert. Wie öffnest du die Tür?

Mit meiner Berufserfahrung habe ich aufgehört, etwas zu wollen. Meine Erfahrung ist, dass es heute in Familien nichts gibt, was es nicht gibt. Ich habe so viel gelernt durch die Eltern, durch Familien. Wir können uns kaum vorstellen, wie vielfältig Familiensituationen sind. Das heißt, es gibt nur individuelle Fragen und Lösungen. Die Zeit der Rezepte ist zu Ende.

Womit bist du dennoch erfolgreich?

Mein Geheimtipp bei Vätern ist, zu fragen, was in ihrer Erinnerung die allerschönsten Momente in der Kindheit waren. Wo hat der Vater sich am glücklichsten gefühlt? Sie erzählen dann zum Beispiel: wenn am Sonntag der eigene Vater den Rasen gemäht oder etwas gebaut hat und man als Kind dabei für sich gespielt hat. Das Erlebnis also: Es schaffte jemand in einem sinnvollen Zusammenhang und ich konnte dabei für mich sein. Bei solchen Schilderungen kann ich dann gut begründen, dass Exploration, die Welt erfahren, ihre Geheimnisse lüften, ein zutiefst stiller, einsamer Vorgang ist. Nicht anders ist es später mit unserem Kern der Persönlichkeit. Das Ich ist eben immer allein. Das ist seine Signatur. Ich kann die Welt nur allein entdecken. Ein großes Glück ist es dann, dies zu teilen – aber weniger verlässlich als die Selbstentdeckung. Hier liegt der Kern der Freiheit! Für Kinder ist es wunderbar, in der Gegenwart von Erwachsenen für sich zu sein. Wir Erwachsenen haben dann nur noch die Aufgabe, wahrzunehmen, wenn das Kind zum Beispiel mit einer Raupe auf der Hand ankommt, uns mit zu freuen und zu spiegeln: «Du hast eine Raupe gefunden, schau mal, was für ein pelziges Fell die hat.» Selbst die hartnäckigsten Väter bestätigen: Stimmt, das war das Schönste, wenn mein Vater am Samstag sein Auto gewaschen hat und ich durfte mit meinem kleinen Eimer die Lampen säubern. Es geht gar nicht vorwiegend um das Miteinander. Der Erwachsene bildet eben die Hülle für die eigene Expansion in die Welt, für die Erweiterung der eigenen Erfahrung.

Was wir hier heute ja selten haben, das Berufsleben spielt sich nicht mehr zu Hause ab.

Ja, deshalb frage ich: Haben Sie ein Hobby, das Sie richtig gern machen? Es gibt immer etwas. Versuchen Sie, eine zufriedene Tätigkeit in der Gegenwart des Kindes auszuüben. Dies strahlt aus auf das Spiel des Kindes, diese Qualität überträgt sich! Die Eltern sind für mich immer die ‹Richtigen›. Sie haben ein bestimmtes Schicksal mit dem Kind. Am Kind können wir lernen, wie das Kind an uns lernt. Sie haben eine Verbindung und müssen daran arbeiten.

Und wie ist es mit den Einrichtungen, der professionellen Betreuung?

Illustration von Ella Lapointe aus ‹Tiny Tin Elf› von Eric G. Müller. Alkion Press, 2020.

Da sehe ich es heute als eine sehr wichtige Aufgabe, dass wir in die Einrichtungen gehen und dort menschenkundlichen Wahrnehmungen und Einsichten Qualitätssicherung anbieten. Wie die Erzieherinnen und Erzieher für das Kind eine Umgebung herstellen können, in der die Bedürfnisse der Kinder wahrgenommen werden. Wir müssen dazu schmerzhaft von Forderungen und Programmen Abschied nehmen.

Ich sehe in den Einrichtungen, dass dort oft gut gemeinte Vorstellungen, wie man es macht und machen sollte, vorhanden sind, diese uns aber abhalten, die Bedürfnisse des Kindes wahrzunehmen. Vor ein paar Tagen hatte ich ein Seminar und fragte, was denn für die Kinder, die eher unruhig oder einen starken Bewegungsdrang haben, förderlich und was hinderlich sei. Das war spannend! Die Erzieherinnen berichteten alle, dass es das Beste sei, kleinere Gruppen zu bilden, altershomogen zu arbeiten und in die Natur rauszugehen. «Und warum macht ihr das nicht?», war meine Frage? «Ja, weil unser Programm, unser Konzept das nicht hergibt.» «Ja, aber wer ist denn jetzt verantwortlich, wenn ihr es nicht seid? Wenn ihr beobachtet, was den Kindern guttut, wenn ihr weniger Aggression und mehr Ruhe und kreatives Spiel durch kleinere Gruppen oder das Herausgehen in den Garten habt, dann solltet ihr es morgen verändern, wenn ihr wisst, dass es förderlich für die Entwicklung der Kinder ist!» An dieser Stelle denke ich – und das hat mit dem Kleinkindkongress zu tun: Wir müssen einfach in allen Bereichen, die um das kleine Kind herum sind, darauf aufmerksam machen. Die Natur ist der größte Schatz, den wir haben, und die Erwachsenen als erste Umgebung des Kindes sind verantwortlich für die Gestaltung dieser Umgebung.

Je kleiner das Kind, desto mehr ist es uns Erwachsenen ausgeliefert – oder?

Ja, denn es kann noch nicht Nein sagen. In dem Moment, wo ein Kind Nein sagen kann, hat es schon die erste Grenze gezogen, lernt, sich zu distanzieren, weil es zu sich selbst Ja sagen kann. Säuglinge sind gar nicht so schutz- und hilfebedürftig, wie wir denken. Sie müssen versorgt werden, natürlich. Aber sie sind vor allen Dingen schutzbedürftig, in dem Sinne, dass wir sie lassen, dass wir nicht ständig etwas mit ihnen machen, etwas mit ihnen anstellen, sie herumschleppen, ihnen Rasseln in die Hände drücken oder Ähnliches. Wo wir das Kind einfach wahrnehmen, sind wir auf seiner Seite! Vielleicht ist es ganz zufrieden, wenn es im Bettchen oder im Kinderwagen liegt, unter einem Birnbaum. Und wird es dann wach, genügt es ihm vielleicht, einfach nur den Schatten der Bäume zu sehen, wenn es noch ganz klein ist, oder die Bewegung der Blätter.

Wir meinen, es langweile sich. Ist Langeweile eher ein intellektuelles Problem von Erwachsenen?

Es ist ein Vorstellungsproblem der Erwachsenen. Wir meinen, wir seien verpflichtet, Angebote zu machen. Das betrifft auch die professionellen Erzieherinnen und Erzieher in den Einrichtungen, denn man meint dann, man habe die Situation im Griff. Also, wenn ich ein Lied singe, wenn ich einen Reigen mache, wenn ich mit den Kindern male oder bastle, dann sitzen wir an einem Tisch und ich kann die Situation, so denke ich, eher kontrollieren.

Deswegen veranstalten wir den Kleinkindkongress als interdisziplinäre Veranstaltung. Ich glaube, das Wichtigste ist heute, dass es nicht nur um die Pädagogen und Pädagoginnen in der Einrichtung geht. Es geht auch um den Kinderarzt, die Hebamme, es geht auch um die Therapeuten, die Gynäkologin! Es geht um alle, die von Anfang an um das Kind sind. Wenn wir die Autonomie des Kindes wertschätzen und sie als das höchste Gut des Menschen erleben, begreifen und danach handeln, dann dient es nicht nur dem werdenden Menschen, seiner Individualität. Es dient der ganzen Erde! Wie wollen wir diese Notlagen auf der Erde lösen, wenn nicht durch innovative, kreative, autonome Menschen! Wenn wir das verstehen, was hindert uns dann daran, dieses Prinzip ganz von Anfang an zu verfolgen: Die Gynäkologin, die das Kind mit Achtsamkeit empfängt, den Kontakt von Kind und Mutter anbahnt, die Hebamme, die den Lebensanfang betreut, der Kinderarzt, der nicht nur die Defizite sieht, sondern ein Entwicklungshelfer ist wie Remo Largo, der ja darauf hinwies: Jedes Kind ist ein Unikat – das gilt es wertzuschätzen. Alles, was wir bei ihm konditionieren, ist eigentlich schon wie ein Verbiegen seiner Einzigartigkeit.

Illustration von Ella Lapointe

Für mein Buch über Waldorfpädagogik habe ich in München bei Till von Grotthuss in der ersten Klasse hospitiert. Er hat den Schülerinnen und Schülern am Anfang der Stunde jeweils gesagt, was an diesem Tag behandelt wird. Da dachte ich, dass dies vor 20 Jahren undenkbar gewesen wäre, denn wir sind Lehrer und Lehrerinnen, wir haben die Kontrolle und die Kinder folgen dem. Jetzt ist da plötzlich Augenhöhe. Wann fängt sie an, die Augenhöhe?

In dem Moment, wo ich mich entschließe, Kinder zu bekommen. Mit der Konzeption lade ich die Kinder ein, ihren Weg zu gehen. Man kann ja nicht erzwingen, dass ein Kind auf die Welt kommt, trotz aller technischen Hilfen und Möglichkeiten. Es gibt dennoch viele Frauen, die nicht schwanger werden. Das heißt, der Wille, auch auf diese Erde zu kommen, ist ein ureigener Wille des Menschen. Man kann eine Schwangerschaft nicht steuern, man kann sich gut ernähren, alles optimieren. Aber letztendlich entscheidet auch immer das Kind, wie die Schwangerschaft verläuft und wie die Umstände der Geburt sich konfigurieren. Das sind eigentlich immer Hinweise auf das bereits vorhandene höhere autonome Motiv.

Die Schwangerschaft ist schon die erste Lektion für uns in diese Richtung?

Vergessen wir nicht, welches Netz an Kontrollen wir heute über die Schwangerschaft legen: Ich weiß heute das Geschlecht, teile das Ultraschallbild per Whatsapp. Das viele Wissen verdrängt das Spüren. Wie schön ist es zugleich, dass in der jetzigen Generation die Eltern mit dem Kind so frühzeitig Kontakt aufnehmen in der Schwangerschaft. Es führt oft dazu, dass die Eltern bereits mit dem Kind sprechen oder schon zu singen beginnen. Da ist ein gewachsenes Bewusstsein bei vielen Eltern, eine größere Vertrautheit.

Das Engagement ist also da, das ist zu begrüßen. Es schießt nur übers Ziel hinaus?

Genau! Ich glaube, die Kinder und die Eltern brauchen heute einfach Orientierung und diese Orientierung muss sehr schlicht und wesentlich sein. Ich glaube sogar, alle Erwachsenen brauchen Orientierung und ein Verständnis dafür, dass die Kinder wie eine Welt für sich sind. Diese Welt mehr und mehr wieder fühlen, erleben zu können, das gelingt uns, wenn wir die Kinder wirklich wahrnehmen. Oft sind wir selbst nicht so erzogen worden, dass wir uns die Welt über die Wahrnehmung erschließen, sondern wir haben eher gelernt, einen Begriff für das Wahrgenommene zu finden und ihn gut zuzuordnen, nur dann sind wir gut. Das heißt oft: Ich muss gelesen oder im Internet recherchiert haben, um zu wissen, was das Kind jetzt macht und was ihm guttut. Und eben nicht: Ich schaue und versuche zu verstehen. Da müssen wir alle umdenken, dafür machen wir unter anderem gerade diesen Kongress. Es geht um eine innere Haltung dem werdenden Leben gegenüber.

Das erinnert mich an den viel zitierten Satz: «Für die Erziehung eines Kindes braucht es ein ganzes Dorf.»

Wenn wir Glück haben, können Freundschaften von Familien untereinander das Dorf ersetzen, da, wo man sich zusammentut, wo die Kinder sich in einer anderen Familie genauso zu Hause fühlen wie in der eigenen.

Die Institutionen sollten heute so gut sein wie das Dorf von gestern: dass die Kinder Leben erleben und nicht Vorstellungen. Das ist meine Botschaft an alle Erwachsenen: Erstens, das eigene Urteil zu hinterfragen, das ich habe, wenn ich ein Kind sehe. Und weiter: Kann ich sein Bedürfnis, kann ich die Welt mit den Augen des Kindes sehen?

In jedem Moment, den ich mit einem Kind verbringe, eröffnet sich mir eine neue Welt, die noch nie da war. Ich und das Kind sind in dem Moment einzigartig. Es geschieht womöglich eine Schöpfung aus dem Nichts. Da ist dann alles Erschaffene mit einem Mal verschwunden, weil sich das Leben ereignet.

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  1. Liebe Frau Grah-Wittich,
    gerade habe ich Ihr Interview zum Kleinkindkongress gelesen. Die eigenen Worte in gedruckter Form zu sehen ist überaus erfreulich! „Mit meiner Berufserfahrung habe ich aufgehört, etwas zu wollen“ war und ist immer noch mein Arbeitsfeld. Als ich begann, mich auf die Gestaltung sensitiver Räume (für Kinder und Senioren) zu spezialisieren, hatte ich eine Menge „guter Ideen“, wie es am besten sein sollte. Heute, 25 Jahre weiter, weiss auch ich, dass es in den Familien und Einrichtungen nichts gibt, was es nicht gibt, wie Sie schreiben. Wenn ich heute im Netz „Kinderraumgestaltung“ eingebe, bekomme ich 1.270.000 Suchergebnisse und bin platt, was mir da alles zum Kindeswohl angeboten wird. Trotzdem nicht zu verzagen und den jungen Müttern/Eltern/KindergärtnerInnen die einfachen Basics auf zu zeigen, die so eine Raumeshülle braucht, macht aber nach wie vor Freude. Beinahe mehr als in den 80ern, wo wir uns auf die ALtvorderen berufen haben. Aber – wie Sie auch schreiben – die Zeit der Rezepte ist passee, nur die einfachen Kinderbedürfnisse Zeit, Freiraum,Zuwendung nach tatsächlichem Bedarf, die sind immer noch die gleichen und werden es auch bleiben. Schade, dass die Zeit nun so knapp ist bis zum Kongress. Ich hätte mich gerne mit Ihnen darüber ausgetausch und vielleicht auch einen praktischen Kurs zum Programm beigetragen. Aber es ist ja noch nicht aller Tage Abend…
    Nun denn: Beste Grüsse und bestes Gelingen!
    Ulli Leuschner

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