Weibliche Erscheinungen

Fünf Frauen, die mit ihrem Lebenswerk die Geschichte der USA prägten, werden ab 2022 den Vierteldollar prägen. Die erste unter ihnen ist die 2014 verstorbene Maya Angelou, eine Künstlerin und Bürgerrechtlerin. Dies ist ein politisches Signal der Anerkennung von Frauen und der Wertschätzung eines breiten Spektrums an Marginalisierten und Diskriminierten in den Vereinigten Staaten. Ein Hoffnungsschimmer.


Meine Mutter besaß ein besonderes Schmuckkästchen, mit Blumen und Schmetterlingen aus Perlmutt verziert. Im Inneren waren eine tanzende Ballerina, die sich zur Musik drehte, und kleine Kästchen mit Schmuck meiner Großmutter sowie einigen unserer Milchzähne. Wenn meine Mutter gelegentlich ihre Schätze mit uns teilte, öffnete sie ein Seidensäckchen und nahm zwei Susan-B.-Anthony-Münzen von 1979 heraus. Ihre Form war etwas ungewöhnlich mit angedeuteten quadratischen Kanten. Für mich als Mädchen fühlten sich die Münzen geheimnisvoll an und weckten eine Stimmung des Staunens und Wünschens. Ich wurde mir ihrer Bedeutung für meine feministische Mutter erst viel später bewusst. Diese Münzen waren die ersten mit dem Abbild einer Frau in den USA.

Momente der Identifikation mit solchen Vorreiterinnen waren wichtig für mich, wann immer ich sie erlebte. Sie wurden sogar noch lebhafter, wenn deren Haut und Haare dunkel wie meine waren. Durch den Mangel an solchen Vorbildern in der Mainstreamkultur begann ich sie anderswo zu suchen: unter den Fernsehstars, bei Wonder Woman, Gem und Charlies Engeln. All meine Freundinnen aus der ersten Generation Eingewanderter machen sich Gedanken über diese Versuche, uns selbst in der amerikanischen Kultur zu finden. Wo sehen wir alltäglich Menschen, mit denen wir uns identifizieren können? Frauen, die uns ähnlich sehen?

Maya Angelou rezitiert ein Gedicht während der Amtseinführung von Präsident Clinton im Jahr 1993. Foto: William J. Clinton Presidential Library

Die Sacagawea-Münze, 2000 herausgegeben, war mit ihrer goldenen Darstellung von Mutter und Kind ebenso besonders wie die Susan-B.-Anthony-Münze, aber ihre Macht als Währung hat sich nie durchgesetzt. Vierteldollars sind in den USA viel gängiger. Nun wird erstmals eine Serie von US-amerikanischen Frauen auf die Vierteldollar-Münze geprägt – die erste Münze dieser Art stellt kunstvoll die Poetin Maya Angelou dar (1928–2014). Im Verlauf des Jahres werden weitere Vierteldollars die Astronautin Sally Ride, das Oberhaupt der Cherokee Nation Wilma Mankiller, die Oberinspektorin der öffentlichen Schulen von Santa Fe Nina Otero-Warren und die erste asiatisch-amerikanische Hauptdarstellerin Anna May Wong zeigen.

Seit einem Jahr ist Janet Yellen die erste Finanzministerin in der Geschichte der USA. Zu den neuen Münzen sagte sie: «Jedes Mal, wenn wir unsere Währung neu gestalten, haben wir die Möglichkeit, dadurch etwas über unser Land zu sagen – was wir wertschätzen und wie wir uns als Gesellschaft entwickelt haben. Ich bin stolz darauf, dass diese Münzen die Leistungen einiger der bemerkenswertesten Frauen in den USA feiern, einschließlich Maya Angelou.»1

Im Käfig noch singen

1999 hörte ich Maya Angelou in der örtlichen Universität sprechen. Ich erinnere mich, wie ich hinten im Raum stand und weinte, während sie alle in ihr hoffnungsvolles Zukunftsbild von Gleichheit und Liebe einlud und gleichzeitig die bitteren Erfahrungen von Diskriminierung in ihrem Leben schilderte. Die us-amerikanische Kultur betont Ruhm und Popularität – das schien so gar nicht zu der Feinheit der Poesie zu passen. Dennoch war das Auditorium komplett gefüllt. Neben ihren Poesiebänden schrieb Maya Angelou mehrere autobiografische Bücher, die ihren Kampf beschreiben – unter ihnen ‹I know why the caged bird sings›, eine Schilderung ihrer Kindheit in Stamps, Arkansas, in der sie bereits Rassismus erlebte. Mit sieben Jahren wurde sie von dem Liebhaber ihrer Mutter vergewaltigt. Als sie den Mann anzeigte, wurde er ermordet. Aus Angst, ihren Peiniger durch ihr ‹Wort› getötet zu haben, verstummte das Mädchen für fünf Jahre. Erst durch die Poesie fand sie zur Sprache zurück. Als sie mit 16 Jahren einen Sohn gebar, war sie fest entschlossen, ihren Unterhalt allein zu verdienen, und arbeitete dafür in Nachtclubs, als Köchin, sogar kurzzeitig in der Prostitution und als erste dunkelhäutige Straßenbahnführerin von San Francisco. Später entwickelte sie eine Karriere als Schauspielerin, Tänzerin, Songwriterin, Produzentin, Dichterin und Bürgerrechtlerin. Als erste Frau und erste Afroamerikanerin trug sie ihre Dichtung bei der Amtseinführung eines Präsidenten vor, 1993 für Bill Clinton.

Der Vierteldollar mit Maya Angelou ist die erste Münze des American Women Quarters Programms. Fotoquelle

Zum Ausgleich einladen

Wenn ich zurückschaue auf die Momente in meinem Leben, in denen das Bild von bedeutenden Frauen ein Gefühl des Geheimnisvollen in mir auslöste, dann sehe ich darin die Erkenntnis über eine heilige weibliche Energie innerhalb der Mainstream-Kultur und meines eigenen Bewusstseins. Wo sonst steigt Weiblichkeit als Kraft in unserer Kultur auf? Die Me-too-Bewegung, ein neues Erkennen patriarchaler Strukturen und Black Lives Matter helfen uns, die Marginalisierung, den Rassismus und den Sexismus zu verstehen; all diese Konstrukte sind eng verknüpft mit der Art und Weise, wie wir mit Geld umgehen. Die Frage der Repräsentation auf der Währung ist symbolischer Natur und gleichzeitig sehr direkt und im tiefsten Sinne real. Geld wird oft benutzt für Macht, Unterdrückung und Aggression. Was könnte sich ändern, wenn diese ‹weiblichen Erscheinungen› auf den Münzen uns ermöglichen würden, Geld in seinen gesunden Kreislauf zurückzuführen – fließend statt gewalttätig?

Wahrscheinlich ist das ein zu großer Wunsch für eine Münze, aber Maya Angelou hatte eine Kraft, die alles möglich erscheinen lässt. Nicht nur schaut sie als erste dunkelhäutige Frau von einer Münze auf uns; ihre Poesie hat das Leben von Millionen von Menschen berührt. Sie hat der Welt vieles geschenkt: eine tiefgründige und mutige Vision von heiliger Weiblichkeit, den Wunsch nach Harmonie, Gleichheit und das Gefühl, dass jeder Mensch für das, was er ist, wertgeschätzt werden kann.

Aus ihrem Gedicht von 1978 ‹Still I Rise›: «You may write me down in history / With your bitter, twisted lies, / You may trod me in the very dirt / But still, like dust, I’ll rise.» (Deutsch von Judith Zander: ‹Dennoch erhebe ich mich›: «Ihr mögt mich niederschreiben, Geschichte / Mit bitteren Lügen zurechtzwirbeln / Ihr mögt mich in den übelsten Dreck treten / Ich werde, wie Staub, dennoch aufwirbeln.»)


Übersetzung Franka Henn

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Footnotes

  1. www.home.treasury.gov/news/press-releases/jy0554

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