Vom Morgenrot des Schönen

Eine Zukunftsutopie

In der gegenwärtigen Weltsituation über das Schöne nachzudenken, bedeutet für manche Orte auf der Welt im Moment der Zerstörung und Finsternis eine Utopie des Lichtes. Oder es bedeutet, Perspektiven für einen möglichen Weg ins Licht in den Blick zu nehmen. Das ist angesichts von Leid, Zerstörung und Tod ein Wagnis, welches Christiane Haid, Leiterin der Sektionen für Schöne Wissenschaften und Bildende Künste, eingeht. Denn die Weltsituation hängt in einer tieferen Schicht eng mit der Frage nach der Schönheit zusammen.


In der ersten seiner ‹Fünf Meditationen über die Schönheit›1 stellt der chinesische Dichter und Kalligraf François Cheng das Schöne und das Böse einander gegenüber. Cheng beschreibt, wie es heute eine Provokation ist, angesichts des «allgegenwärtigen Elends und der blinden Gewalt, der Naturkatastrophen und der ökologischen Desaster»2 über die Schönheit zu sprechen. Für ihn bilden das Schöne und das Böse daher die beiden Pole des Universums der Wirklichkeit, in der wir leben.

Goethe hat dies im dritten Akt von ‹Faust II› eindrucksvoll dargestellt, in der Gegenüberstellung von Helena, der schönsten Frau Griechenlands, für die berühmte Helden Kämpfe ausfochten, und Phorkyas, der greisen Hüterin ihres väterlichen Palastes, einer unvorstellbar hässlichen Alten, hinter der sich Mephisto verbirgt. In Phorkyas steht Helena ein Wesen gegenüber, das sowohl hässlich wie böse ist, denn die Schöne gerät durch das Böse/Hässliche in eine tödliche Bedrohung. Phorkyas kündigt ihr an, dass die Heimkunft ihres Gatten für sie tödlich enden könnte, denn der vor Eifersucht Entbrannte erwägt seine Frau den Göttern zum Opfer zu bringen. Die Begegnung mit dem absolut Hässlichen und zugleich Bösen löst in Helena einen Prozess der Selbsterkenntnis aus. Im Augenblick der größten Gefahr fragt sie sich, wer sie ist und woher sie stammt. Sie erkennt sich im Spiegel des Hässlichen in ihrer wahren Wesenheit. Schönes, Hässliches und Böses sind bei Goethe noch vermischt.

Rudolf Steiner bringt in seiner Kunstauffassung das Schöne und das Hässliche mit dem Hintergrund der von ihm entdeckten Doppelnatur des Bösen in einen Zusammenhang. Doch nicht nur das Schöne, sondern ebenso das Hässliche sind für ihn die den Kunstprozess konstituierenden Elemente: «Wollen wir Kunst wirklich fassen, so dürfen wir niemals vergessen, dass das letzte Künstlerische in der Welt das Ineinanderspielen, das Im-Kampfe-Zeigen des Schönen mit dem Hässlichen sein muss. Denn allein dadurch, dass wir hinblicken auf den Gleichgewichtszustand zwischen dem Schönen und dem Hässlichen, stehen wir in der Wirklichkeit darinnen, nicht einseitig in einer nicht zu uns gehörigen Wirklichkeit, die aber mit uns erstrebt wird, in der luziferischen, in der ahrimanischen Wirklichkeit.»3 Die Entscheidung zwischen den beiden Extremen Schönheit und Hässlichkeit ist also heute nicht das Zukunftsweisende im Kunstprozess, sondern die tätige Auseinandersetzung mit den beiden als Qualitäten des Luziferischen (ehemals schön) und des Ahrimanischen (ehemals hässlich) bezeichneten Extremen.

Der in Berlin lebende Philosoph mit koreanischen Wurzeln, Byung Chul Han, betitelte sein 2015 erschienenes Buch mit einer Aussage, die wir als Aufforderung lesen können: ‹Die Errettung des Schönen›4. Er schließt seine die Geschichte des Schönen nachzeichnende philosophische Spurensuche mit dem Satz: «Heute befinden wir uns insofern in einer Krise des Schönen, als das Schöne zu einem Objekt des Gefallens, des Like, zum Beliebigen und Behaglichen, zu einem Phänomen der Oberfläche geglättet wird. Errettung des Schönen ist Errettung des Verbindlichen.»5 Wenn hier von einer Errettung die Rede ist, so deutet das darauf hin, dass einmal etwas da war, das in unserer gegenwärtigen Kultur verloren ging: «Dem Schönen wird heute jede Weihe genommen. Es ist kein Ereignis der Wahrheit mehr. Keine ontologische Differenz, kein Eros schützt es vor der Konsumption […]. Das Zeugen im Schönen weicht dem Schönen als Erzeugnis, als Gegenstand des Konsums und des ästhetischen Gefallens.»6 Doch was haben wir verloren? Worin also besteht die Bedeutung, die Aufgabe des Schönen bzw. der Schönheit? Han nimmt auf Platon Bezug und weist als eine mögliche Perspektive auf das Verbindliche hin. Bei Platon war das Schöne «ewig seiend»7 und daher ein Unvergängliches. Mit dem Hinweis auf das Verbindliche zielt Han auf eine Daseinsschicht, die das Schöne als einen Wert würdigt, der Dauer stiftet, der sogar in ein Unendliches weist. Um diesen Aspekt der Schönheit zu erfassen, geht Han auf den Ausgangspunkt alles Philosophierens zurück, ins alte Griechenland zu Platon.

Bild: Francisco Delgado Suàrez, Paisaje (Landschaft), Acryl auf Leinwand, 50 × 40 cm

Vom ideellen Urgrund des Schönen

In dem platonischen Dialog ‹Hippias maior›8 wird zum ersten Mal ausdrücklich nach dem Schönen im philosophischen Sinne gefragt. Am Anfang des Gespräches zwischen Sokrates und Hippias steht ein schönes Mädchen. Hippias meint die Frage nach der Schönheit mit diesem Beispiel schnell beantworten zu können. Es stellt sich im Verlauf des Gesprächs allerdings heraus, dass die Schönheit nicht allein eine Eigenschaft von Menschen und Gegenständen sein kann, dass Schönheit auch keine Frage des subjektiven Gefühls ist. Sondern dass die als Schönheit beschriebene Eigenschaft von Gegenständen und Menschen mit der Teilhabe an einer Schönheit zu tun hat, die über den sinnlichen Erscheinungen steht und deren Wesen erst noch zu ergründen ist. Platon beantwortet diese Frage erst in seinem berühmten Werk ‹Symposion›. Dort lässt er Sokrates, der sonst immer als der Wissende hervorsticht und die Gespräche führt, von den Lehren der Priesterin Diotima erzählen, der er in jungen Jahren begegnet war.

Kernthema des ‹Symposions› ist eine Huldigung an den Gott Eros. Somit steht die Liebe im Zentrum der Gespräche. Diotimas Reden über die Liebe und die Schönheit werden von Sokrates in das Gespräch eingeflochten. Das Streben nach dem Guten, das Diotima dem Menschen als Urmotiv zugrunde legt, verwirklicht sich in der «Zeugung im Schönen, dem Körper wie dem Geiste nach». «Alle Menschen tragen Zeugungsstoff in sich, körperlichen sowie geistigen», so Diotima gegenüber Sokrates, der ihre Lehre allerdings nicht sogleich versteht, da das Schöne für den Verstand immer etwas Rätselhaftes hat. Es lässt sich in seiner Tiefendimension für diesen nicht so einfach fassen.

Das Zeugen, von dem Diotima spricht, reicht von der körperlichen Zeugung des Menschen über schöpferisches Gestalten in allen Bereichen der Welt, von der Bildung einer schönen Seele bis hin zum Schaffen von Kunst und Philosophie. Aus dem Hässlichen aber kann nichts erzeugt werden. Es führt nur in sich selbst zurück, denn es «hält mit Schmerzen den Zeugungstoff an sich» und bleibt unproduktiv. Die Liebe ist, so könnte man meinen, nicht auf das Schöne als solches gerichtet, sondern sie ist «Erzeugung und Geburt im Schönen», weil in der Zeugung das Ewige und Unsterbliche, soweit dies von Sterblichen erreicht werden kann, liegt.

Damit ist auf die eigentümliche Natur des Schönen nicht als eine zu erlangende Eigenschaft im materiellen Sinne hingewiesen, sondern auf die Kraft des Menschen, die Welt zu verwandeln, sie selbst schöpferisch zur Schönheit hin zu entwickeln. Über allem sinnlichen, seelischen und geistigen Erscheinen des Schönen steht bei Platon als ihr gemeinsamer Urgrund die alles umfassende Idee des Urschönen, die wiederum zur Tugend und damit zur Wahrheit führt.

Man spürt an den zitierten Worten eine selbstverständliche Verbundenheit mit dem Ideellen und Geistigen, zu der man sich heute aufschwingen muss. Die Frage, ob der drohende Verlust des Schönen mit einem Verlust des Zugangs zum ideellen Urgrund der Welt zusammenhängt, ist höchst aktuell. Rudolf Steiner entwickelte einen ästhetischen Ansatz, der den Kunstschaffenden in bemerkenswerter Weise die Aufgabe einer Transformation der sinnlichen Welt zuschreibt, in der der Bezug zum ideellen Urgrund zum realen Gestaltungsprinzip wird.

Bild: Francisco Delgado Suàrez, Paisaje (Landschaft), Acryl auf Leinwand, 50 × 40 cm

Goethe als Vater einer neuen Ästhetik

In seinem immer wieder publizierten Aufsatz von 1888, ‹Goethe als Vater einer neuen Ästhetik›, entwarf Steiner eine Ästhetik, die Goethes Art, die Welt wahrzunehmen, aufgreift. Diese an den Phänomenen der sinnlichen Welt entwickelte Ästhetik nennt Steiner eine Ästhetik der Zukunft. Was aber ist das Zukünftige daran? Steiner zufolge entsteht die Schönheit und ihr Schein, das heißt die Ausstrahlung, die der künstlerisch verwandelte Gegenstand zeigt, durch den schöpferischen Prozess. Der Künstler bringt die Schönheit in seiner Auseinandersetzung mit dem Stoff durch den schaffenden Geist zur Erscheinung: «Der Gegenstand, den der Künstler vor uns stellt, ist vollkommener, als er in seinem Naturdasein ist; aber er trägt doch keine andere Vollkommenheit als seine eigene an sich. In diesem Hinausgehen des Gegenstandes über sich selbst, aber doch nur auf der Grundlage dessen, was in ihm schon verborgen ist, liegt das Schöne.»9

Der Künstler oder die Künstlerin prägt dem Stoff nicht eine Idee von außen ein, wie das in der Ästhetik am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts vielfach dargestellt wurde, sondern bringt etwas zur Erscheinung, das bereits im Stoff selbst enthalten ist. Das ist ein komplexer Vorgang. Laut Rudolf Steiner gehe es im künstlerischen Prozess nicht darum, dem Stoff die als ideelle Vorstellung gefasste Idee einzuprägen. Sondern das Kunstwerk ergibt sich im Laufe des Arbeitsprozesses in der wahrnehmenden Auseinandersetzung mit dem Stoff, in einer fortwährenden Neubefragung zwischen dem Hervorgebrachten und dem jeweils neu Wahrgenommenen. Insofern spielt die in der Bearbeitung immer wieder neu erscheinende und beurteilte Form für den Entstehungsprozess eine zentrale Rolle. Möglicherweise verschwindet in diesem Prozess eine vormals gefasste Idee ganz und es entsteht etwas vorher nie Geahntes oder Beabsichtigtes, das sich dann aber als ‹stimmig› erweist. Es gehe nicht, so Steiner, um die Verkörperung eines Übersinnlichen oder einer Idee, die gleichsam von außen auf den Stoff einwirkt, sondern um ein «Umgestalten des Sinnlich-Tatsächlichen» durch die schöpferische Kraft des Künstlers oder der Künstlerin.

Die eigentliche Dimension und Essenz des künstlerischen Schaffensprozesses zum Schönen hin fasst Steiner am Ende des Aufsatzes in folgenden Worten zusammen: «Der Künstler bringt das Göttliche nicht dadurch auf die Erde, dass er es in die Welt einfließen lässt, sondern dadurch, dass er die Welt in die Sphäre der Göttlichkeit erhebt. Das Schöne ist Schein, weil es eine Wirklichkeit vor unsere Sinne zaubert, die sich als solche wie eine Idealwelt darstellt. Das Was bedenke, mehr bedenke Wie, denn in dem Wie liegt es, worauf es ankommt. Das Was bleibt ein Sinnliches, aber das Wie des Auftretens wird ein Ideelles.»10 Wesentlich ist, dass der Stoff durch die Gestaltungen der Kunstschaffenden ideellen Schein erhält und dadurch die Sinneswelt heraufhebt, die Materie, den Stoff verwandelt beziehungsweise vergeistigt. Der Künstler schafft etwas, was ohne ihn nicht da wäre. So ist die ‹Welt›, aus der die Gegenstände für den künstlerischen Prozess genommen werden, an sich nicht bereits vollendet. Sie bedarf des Menschen, damit sie wie in einer zweiten Schöpfung durch den Menschen umgestaltet wird. Freilich liegt hier sowohl die größte als auch die schrecklichste Möglichkeit des Menschen, je nachdem, wofür er seine Kräfte einsetzt. Ob die Welt künstlerisch verwandelt oder technisch beherrschbar und manipulierbar gemacht wird, davon hängt die Zukunft von Mensch und Erde ab. Auch Technik kann gegebenenfalls aus einer künstlerischen Gesinnung entstehen.

Kunst als Gestaltungsprinzip für alle Fachbereiche

Dass das Schaffen von Schönem und damit ein Schaffen nach künstlerischen Prinzipien nicht nur eine Angelegenheit der Kunstschaffenden und der bildenden oder darstellenden Kunst bleiben sollte, zeigt Rudolf Steiners Bestreben, alle Lebensbereiche zur Kunst werden zu lassen. Pädagogik wird Erziehungskunst, Medizin wird Heilkunst, Landwirtschaft wird Landbaukunst, Sozialwissenschaft wird Sozialkunst. Was ist damit gemeint? In der Pädagogik wird das Kind nicht als ein Behältnis verstanden, in das man möglichst viel Wissen einspeisen sollte, oder gar als Objekt, das entsprechend den Anforderungen und Bedürfnissen von Staat und Wirtschaft ausgebildet werden soll. Der Pädagoge als Erziehungskünstler versteht sich vielmehr als Entwicklungsbegleiter einer einzigartigen Individualität, die, so wie der oben beschriebene Stoff des Künstlers, ihr Gesetz bereits in sich enthält. Die Erziehungskünstlerin bringt dieses bereits geistig vorhandene Gesetz in ihrem pädagogischen Handeln nur zur Erscheinung.

Der Arzt als Heilkünstler versteht sich gegenüber der Patientin ebenso als Entwicklungsbegleiter, der die Krankheit als individuelle Herausforderung annimmt und den Patienten und Patientinnen dabei hilft, diese in ihren leiblichen, seelischen und geistigen Dimensionen verstehbar zu machen und Wege des Umgangs mit ihr zu ergreifen. Wird im gleichen Sinne Landwirtschaft zur Landbaukunst, so ist der einzelne Hof mit seinen Menschen, Tieren und Pflanzen in seiner Landschaft und dem Klima als Kunstwerk jeweils situativ und individuell zu gestalten. Pädagogisches Handeln, medizinische Behandlung und landwirtschaftliche Tätigkeit fordern in den jeweiligen Situationen mit den Menschen und ihren Gesamtkonstellationen eine schöpferische und beweglich handelnde Person. Wir können dabei ein intensiv dialogisches Tätigsein wahrnehmen, in den gegebenen Verhältnissen immer neu und geistesgegenwärtig in Relation zu den an den Prozessen Beteiligten zu gestalten.

Bild: Francisco Delgado Suàrez, Paisaje (Landschaft), Acryl auf Leinwand, 50 × 40 cm

Wenn der Kunstprozess heute ein Gleichgewichtbilden zwischen den Kräften des Schönen und des Hässlichen ist, also zwischen den auflösenden luziferischen und den verhärtenden ahrimanischen Kräften, erweitert sich der platonische Blick auf das Schöne: Im Zeitalter der Bewusstseinsseele richtet er sich auch auf die Aktivität des Individuums, das jeweils individuell um Schönheit ringt beziehungsweise Schönheit und Gleichgewicht, also Harmonie verwirklicht. Dabei ist gerade die Aktivität, durch die das Sinnliche in die geistig-ideelle Sphäre erhoben wird, das Wesentliche unseres Zeitalters.

Schönheit und Geist

Nehmen wir eine Notizbucheintragung Rudolf Steiners aus dem Jahr 1918 hinzu, so wird die Bedeutung der Schönheit evident: «Es reißt der Zusammenhang mit dem Geiste, wenn er nicht durch die Schönheit erhalten wird. Die Schönheit verbindet das ‹Ich› mit dem Leibe.»11 Hier ist der Blick nicht auf das Schaffen des Schönen, sondern auf seine Wirkung gerichtet, soweit sie an Gegenständen, Kunstwerken und kulturellen Ereignissen der darstellenden Kunst erfahrbar wird. Als eine Verwirklichung des Geistes in den Erscheinungen der Sinneswelt hat die Schönheit demzufolge das Vermögen, dem Betrachtenden ein geistiges Erlebnis zu ermöglichen. Insofern der Mensch ein Ich-Wesen ist, wird in ihm durch die Schönheit seine Geistnatur angesprochen. Er empfindet, dass in der Welt etwas verwirklicht wurde, was ihn als ein Geistwesen betrifft. Man könnte auch sagen, was ihn an seine geistige Natur erinnert. Das von Han genannte ‹Verbindliche›, oder auch Verbindende, erhält hier einen konkreten Bezugsrahmen. Es ist die Verbindung zwischen Leib und Geist oder zwischen Ich und Leib.

Das Ich ist das Tätigkeitszentrum, welches die Seelenkräfte Denken, Fühlen und Wollen gestaltet. Als These kann man aus der Notizbucheintragung entnehmen, dass das Ich, sofern die Schönheit nicht als Mittlerin für eine Verbindung zur Welt fungieren kann, keine Beziehung zum Leib aufbauen kann beziehungsweise der Geist vom Leib abgeschnitten wird. Die Konsequenz wäre der Verlust des Geistigen und eine Orientierung auf das rein Sinnlich-Materielle. Die Wirkungen lassen sich derzeit als Tendenz vielfach wahrnehmen.

Seit der Corona-Zeit und auch schon davor tauchte die Frage nach der ‹Systemrelevanz› von Kunst und Kultur auf. Verbindet man diese an vielen Stellen aufkommende Frage mit einem Zitat aus dem populären Buch ‹Homo Deus› des Transhumanisten Yuval Noah Harari, so wird unsere gegenwärtige Situation noch deutlicher: «Sobald die Menschen glauben (ob mit gutem Grund oder ohne), dass sie eine ernsthafte Chance haben, dem Tod zu entgehen, wird der Wunsch nach Leben dafür sorgen, dass sie den klapprigen Wagen von Kunst, Ideologie und Religion nicht mehr länger ziehen wollen; sie werden nach vorne stürzen, wie eine Lawine.»12 Der Wunsch nach Leben bezieht sich auf das rein körperliche, nackte Überleben, dem jegliche Form einer darüber hinausgehenden seelischen oder geistigen Dimension abhanden gekommen ist. Der ‹Sturz nach vorne› ist der Sturz in eine von Algorithmen bestimmte materielle Welt, in der es den freien schöpferischen Ich-Menschen nicht mehr gibt, weil eine mechanisch gelenkte Masse (Lawine) an seine Stelle getreten ist. Wenn Dostojewski schreibt, «die Schönheit rettet die Welt», so wird die Bedeutung von Kunst und Kultur nicht nur als Designoberfläche, sondern als Tiefendimension des Daseins deutlich. Davon hängt die Zukunft, besonders auch in Zeiten des Krieges ab.


Francisco Delgado Suàrez, geb. 1969 in Cuenca, Ecuador. 2003 Bachelor der Bildenden Künste an der Kunsthochschule Cuenca. Seither Ausstellungen in Japan, Chile, Ecuador, Schweiz. Veröffentlichung «El Arte Cuencano del siglo XX».

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Fußnoten

  1. François Cheng, Fünf Meditationen über die Schönheit. 2. Auflage, München 2017, S. 16.
  2. Ebd.
  3. Rudolf Steiner, Die Sendung Michaels. Vortrag vom 23. November 1919, GA 194, 3. Auflage 1983, S. 57.
  4. Byung Chul Han, Die Errettung des Schönen. Frankfurt a. M. 2015.
  5. Ebd., S. 97.
  6. Ebd, S. 96.
  7. Platon, Symposion. 211 b.
  8. Platon, Sämtliche Werke: Hippias der Größere. 287 bf., übersetzt von Ludwig Georgii, Heidelberg 1982.
  9. Rudolf Steiner, Goethe als Vater einer neuen Ästhetik. In: Kunst und Kunsterkenntnis, GA 271, S. 3.
  10. Ebd, S. 32 f.
  11. Rudolf Steiner, Wahrspruchworte. GA 40, S. 217.
  12. Noah Yuval Harari, Homo Deus. München 2017, S. 51.

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