Phänomenologie des Wahrnehmens, des Vorstellens und des Denkens

Sinnesprozesse und Lebensprozesse und die dazu­gehörigen Icherlebnisse sind konstitutiv eng verknüpft mit und eingebunden in Vorstellungs- und Denkprozesse. Ihre Phänomenologie, ihre Analyse und die daraus gezogenen Konsequenzen für die Konstitution des Menschen bedienen sich des Denkens.


Mit einem differenzierten methodischen Bewusstsein über Vorstellungs- und Denkprozesse kann man deren Zusammenspiel mit und die Kontrastierung von Sinnes- und Lebensprozessen sowie deren Zusammenhang mit Icherlebnissen bis in Einzelheiten hinein durchschauen und handhaben.

Zunächst treffen aus unseren Gewohnheiten, Erinnerungen, Konventionen etc. mannigfache Vorstellungsinhalte zusammen mit Sinneswahrnehmungen und Icherlebnissen auf. Sie sind in ihrem Auftreten und ihrem Inhalt untrennbar mit ihnen verbunden – ich kann sie nicht durch eine Art Realabstraktion von ihnen abtrennen, wohl aber kann ich lernen, sie davon zu unterscheiden (Idealabstraktion). Dies bedeutet, dass ich innerhalb der Phänomenologie von Sinnesprozessen und Icherlebnissen die Vorstellungs- und Denkanteile auffinden und von ihnen differenzieren muss, um zum Bewusstsein reiner, von allen Vorstellungen entblößter Sinneserfahrungen bzw. Icherlebnisse durchzudringen.

Denken im Übergang

Die grundlegenden Fragen sind also: Wodurch unterscheiden sich nach Form (phänomenales Auftreten) und Inhalt (phänomenales Objekt) Sinneswahrnehmungen und Icherlebnisse von Vorstellungen und diese von Begriffen und Ideen? Wie unterscheiden sich Icherlebnisse von Sinneserfahrungen?

Malerische Studie von Christiane Haid zur Frage der Sinne und des Ich, 2021.

Hier hilft unter anderem eine genaue Untersuchung der Genese und inneren Differenzierung von unterschiedlichen Vorstellungsarten weiter, wie sie zusammen mit und losgetrennt von Sinnesprozessen auftreten. Im letzteren Falle haben wir es mit unterschiedlichen Arten von Erinnerungen (direkt nach einer Sinneserfahrung und nach einem Durchgang durch das Vergessen) zu tun, die sich wiederum von Fantasievorstellungen unterscheiden. Für die Icherlebnisse ist ebenfalls zu untersuchen, was ihren reinen phänomenalen Anteil ausmacht im Kontrast zu ihrer Durchdringung mit Vorstellungen.

Letztlich geht es jedoch nicht um eine Vermeidung oder gar Ausgrenzung des Vorstellens – im Gegenteil: Das Ziel des Erkennens von Sinnes- und Lebensprozessen sowie des Icherlebnisses (wie des Erkennens überhaupt) ist, eine wirklichkeitsgemäße Erkenntnisvorstellung von denselben – einen unmittelbar an der Erfahrung derselben gewonnenen individualisierten Begriff – zu gewinnen. Und das wiederum bedeutet, im Denken den Übergang von reinen Begriffen (Ideen, Gesetzen, Konzepten, Theorien) zu Vorstellungen als bewussten Prozess – und nicht wie meist sonst als konstitutiv bedingtes Ereignis – vollziehen zu können.

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