Okkulte Stunden für Interessierte

Hans-Christian Zehnter und Renatus Ziegler haben eine neue Publikation herausgegeben über die ‹fünfzehn Lehrstunden vornehmlich im Kreis bei Clara Motzkus, Berlin, vermutlich aus dem Jahr 1903. Nach bruchstückhaften Notizen und Mitschriften›.


Im Jahr 1901 wurde der damals 42-jährige Rudolf Steiner durch Graf und Gräfin von Brockdorff gebeten, in der Berliner Theosophischen Bibliothek eine Vortragsreihe zu halten. Das Thema war ‹Das Christentum als mystische Tatsache›. Von Oktober 1901 bis April 1902 hielt er dort 24 Vorträge, die im Sommer desselben Jahres von ihm schriftlich umgearbeitet wurden zum Buch mit gleichem Titel. Er ist am 17. Januar 1902 Mitglied der Theosophischen Gesellschaft geworden. Bereits einen Tag nach Gründung der Deutschen Sektion wurde er am 20. Oktober zu deren Generalsekretär gewählt. Die kleine Sektion hatte ungefähr 130 Mitglieder. Rudolf Steiner übernahm die volle Verantwortung: jeden Sonnabend Vorträge für 20 bis 30 Mitglieder, jeden Dienstag und Samstag Gesprächsabende, Nachmittage für jeweils 5 bis 6 Menschen. Mitte Juni 1903 erschien das erste Exemplar der Monatsschrift ‹Luzifer – Zeitschrift für Seelenleben und Geisteskultur – Theosophie›. Und er begann, wahrscheinlich meistens an Freitagabenden, vom 24. August bis zum 4. Dezember 1903 sogenannte ‹Okkulte Stunden› zu halten für interessierte Teilnehmende. Diese Bezeichnung ist nicht ganz sicher, «vielmehr sind für einen kleinen Kreis öffentliche Darstellungen von bisher im Geheimen, im Okkulten gehaltenen Erkenntnissen über geistige Tatsachen gegeben worden».1

Vieles aus dieser Anfangszeit Rudolf Steiners innerhalb der Theosophischen Gesellschaft ist nicht vollständig rekonstruierbar. Das gilt auch für die Wiedergabe der Inhalte der Zusammenkünfte, die mit den Worten der Herausgeber nach bruchstückhaften Notizen und Mitschriften im Buch publiziert worden sind. Trotzdem ist es erfreulich, dass wir jetzt dank der Publikation doch Inhalte dieser ‹Lehrstunden› zur Kenntnis nehmen können. Sie geben auch in ihrer Unvollständigkeit einen interessanten Eindruck von den am ‹runden Tisch› behandelten Fragen, Themen und Gedanken Rudolf Steiners. Es sind Keime der sich immer mehr und tiefer offenbarenden Anthroposophie. Der Kreis der Anwesenden wuchs von Tag zu Tag, und mit 37 Teilnehmenden musste man die kleine private Behausung verlassen und in ein größeres Quartier übersiedeln. «Dr. Steiner schöpft aus immer größeren Tiefen und schüttet auf die Zuhörer aus», so berichtet eine Teilnehmerin.

Worüber hat er gesprochen? Fast über alles. Er erzählt, dass die Menschheit moralisch durch das Versinken in den Materialismus verkommen müsse, wenn nicht Teile des Geheimwissens zur Rettung der Menschheit veröffentlicht werden. Doch nicht alles kann gesagt werden, es ist «Sünde um bestimmte Weltgeheimnisse in Worten auszusprechen». Doch «es wird Stück für Stück von den Geheimnissen der Menschheit in der Zukunft zugänglich gemacht werden». Dazu gehören offenbar schon jetzt die Inkarnationsreihen von hoch entwickelten Individualitäten wie Cusanus, Fichte und Graf Saint Germain. Auch die okkulten Hintergründe der Templer, Rosenkreuzer und der Französischen Revolution werden enthüllt. Andere Themen sind die Emanzipation der Frau (die Frauenbewegung), sexuelle Fortpflanzung, Embryologie und das Leben auf der Erde im Lichte von Reinkarnation und Karma. Rudolf Steiner illustrierte die persönlichen Unterschiede in der Dauer der ‹Kamaloka-Zeit› und des nachtodlichen Lebens: «In der Theosophischen Gesellschaft haben wir solche Persönlichkeiten, die fast unmittelbar nach dem Tode wiederverkörpert wurden», im Gegensatz zu Goethe, der lange Zeit brauchte, um wieder geboren zu werden. Bemerkenswert sind auch seine Auseinandersetzungen über alte und neue Einweihung, über Ernährung, über das Gute und Böse und die Ursprünge davon: das Hineingestelltsein des Menschen «zwischen Gott und den Teufel. Und – ganz aktuell – über die in Zukunft zunehmende Verbindung von Kohlenstoff und Sauerstoff (CO₂) in der Atmosphäre.

Doch ist bei der Bewertung der Aussagen Rudolf Steiners einige Vorsicht geboten: Der wiedergegebene Wortlaut ist oftmals fragmentarisch, kurz, zusammenfassend aufgeschrieben, in Schlüsselworten und Sätzen wie ‹Statements›. Dabei kann man nicht ganz sicher wissen, ob die Mitschreibenden alles gehört und verstanden haben. Rudolf Steiner hatte die Nachschriften nicht angeschaut und korrigiert. Aber auch dank der Erläuterungen und Hinweise der Herausgeber zum Text ist diese Publikation der ‹Lehrstunden› wertvoll. Sie schaffen einen Eindruck von Rudolf Steiners Anfangszeit als spiritueller Lehrer innerhalb der Theosophischen Gesellschaft. Viele Aussagen hat er später nuancieren und erweitern können, doch in dem vorhandenen Text wird bereits erfahrbar, welche tiefe okkulte Erfahrung und Erkenntnis in dem 42-Jährigen schon lebte und auf die richtige Gelegenheit zur Offenbarung wartete.


Hans-Christian Zehnter, Renatus Ziegler (Hrsg.),Rudolf Steiner. Theosophie und Okkultismus, GA 90c, Rudolf-Steiner-Verlag, Dornach 2021

Grafik: Fabian Roschka

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Fußnoten

  1. Alle Zitate stammen aus dem Buch.

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