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Minze für die Selbstbehauptung

Der deutsch-türkische Journalist Deniz Yücel wurde zur Symbolfigur für die vielen inhaftierten Journalisten in der Türkei. Von 27. Februar 2017 bis 16. Februar 2018 befand er sich wegen angeblicher ‹Terrorpropaganda› in Untersuchungshaft, 290 Tage davon in strenger Einzelhaft. Jetzt ist er auf Lesereise zu seinem jüngst erschienenen Buch ‹Agentterrorist – eine Geschichte über Freiheit und Freundschaft, Demokratie und Nichtsodemokratie›. Überraschend ist seine Antwort, wie er das Alleinsein bewältigte.


Auch in Basel folgten etwa 500 Interessierte seiner Geschichte von der Haft. Die Zeitschrift ‹Die Welt› bat ihn, als Korrespondent nach Istanbul zu gehen, und er habe nicht Nein sagen können. «Es ist die einzige Stadt der Welt, die nicht am Meer liegt, sondern wo das Meer durch die Stadt fließt.» Ein weiterer Grund, das Angbot anzunehmen, sei gewesen, dass die Türkei für Deutschland so nahe ist. Alles, was man als Journalist dort schreibe, werde auch gedruckt. Außerdem war die Türkei damals, nach den Protesten im Gezi-Park, in einer offenen Situation. Auf die Frage, ob er bei seinen Artikeln aus der Türkei geahnt habe, dass die Staatsmacht ihn im Visier habe, antwortet er: «Natürlich wusste ich das. Die hundertjährige türkische Republik kann man in Phasen einteilen, in denen die Menschen wegen ihrer Meinung weniger verfolgt wurden, und in Phasen, in denen dies mehr geschah.» Denn, so Yücel, der Wechsel in die Moderne mit Gleichberechtigung und Säkularisierung durch eine kleine Avantgarde unter Kemal Atatürk geschah in dem wenig entwickelten Land mit autoritären Mitteln, wie bei den Bolschewiki in Russland. Gegen diesen Wechsel bildete sich ein Reflex, der bis heute anhält: die Kurden und der politische Islam.

Ins Gefängnis gehen, um frei zu sein

Schon wenige Wochen nach seiner Einreise in die Türkei 2015 wurde er erstmals verhaftet. Ein Jahr später, nach dem Putschversuch mit 250 Opfern im Sommer 2016, wurde aus der gewählten Regierung eine juntaartige Regierung, wie es Yücel beschreibt. «Warum bist du dann nicht gegangen?», hätten ihn seine Freunde gefragt. Die Antwort die er dann erzählt, haben vermutlich Hunderte seiner Kollegen an anderen gefährlichen Orten der Erde genauso gegeben: «Ich bin dafür da, den Herrschenden auf die Finger zu schauen, wo sie es gerade nicht möchten.» Er schließt einen zweiten Grund an: «Wenn dieses Land jetzt an die Wand gefahren wird, Freunde von mir verhaftet wurden, dann wäre es für mich, der ich auch Türke bin, falsch zu gehen.» Man höre so oft in Sonntagsreden, dass man die Demokratie schützen müsse. Doch ehe der Satz fertig gesprochen sei, da sei das Publikum eingeschlafen. «Es ist eine Phrase und ist doch wahr! Deshalb musste ich bleiben.» Als schlimmsten Fall rechnete er mit zwei, drei Monaten Haft.

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Der Polizeioffizier leiht mir das Buch ‹Scheideweg› des Sozialisten Kemal Tahir, der 1938 verurteilt wurde. Dass mir ein Vollstreckungsbeamter des Staates, der mich gefangen hält, einen Roman des Autors empfiehlt, der von eben diesem Staat zwölf Jahre in den Kerker gesteckt wurde, entbehrt nicht einer gewissen Ironie.

Weihnachten 2016 erfuhr er dann, dass er zur Fahndung ausgeschrieben war, und tauchte erst mal in einer Residenz der deutschen Botschaft unter. «Das Gefühl, mich zu verkriechen, als hätte ich etwas Schlimmes getan – dabei habe ich gar nichts getan –, das setzte mir zu.» Es klingt widersprüchlich, ist es aber wohl nicht: Als er sich den Behörden stellt, sei das ein Schritt gewesen, die Freiheit wieder zurückzugewinnen, denn während dieser Zeit konnte er nicht schreiben. In der Polizeizelle darf er dann lesen, und weil er schreiben will und muss, nimmt er eine Plastikgabel als Feder und Tomatensoße als Tinte. «Weit komme ich damit nicht. Die Gabelspitze erlaubt kein filigranes Schreiben und die Soße ist so fettig, dass sie nur langsam trocknet.» Bei einem Arztbesuch kann er einen Kugelschreiber schmuggeln. Sein Anwalt bringt ihm das Buch ‹Der kleine Prinz› auf Türkisch, um mich, wie Yücel sagt, an den großen Satz zu erinnern: «‹Du› bist für deine Rose verantwortlich.» Der viele Weißraum auf den Seiten gibt Platz für den ersten Bericht, heimlich unter der Bettdecke. Der Zellennachbar hält Wache. In der schmutzigen Wäsche versteckt, gelangt so der erste Artikel aus der Gefangenschaft am 26. Februar 2017 in eine deutsche Zeitung.

Gegen die Sinfonie aus Stahl, Beton und Stacheldraht

Am Ende des Abends frage ich Deniz Yücel, wie er die extreme Einsamkeit in der Isolationshaft bewältigt habe. Zuerst verweist er auf den Klappentext in seinem Buch: «Müsste ich die Frage, wie ich die Zeit im Gefängnis verbracht habe, mit einem einzigen Wort beantworten, es würde ‹kämpfen› lauten.» Er wisse, dass das so heroisch klinge, dabei sei er gar nicht stolz darauf. Gleichwohl sei es der unbedingte Wille gewesen, sich in der Haft nicht kleinkriegen zu lassen, das habe zu einer Rücksichtslosigkeit geführt, sich selbst und auch anderen gegenüber. Durch diesen Willen habe er, wie er rückblickend erkannt habe, seine Freunde in Gefahr gebracht. Das ist ein berührender Moment an dem Abend. Es habe den großen Kampf gegeben, mit der Medienarbeit, der Selbstbehauptung als Journalist, und es habe noch einen anderen Kampf gegeben. Da macht er eine längere Pause und fügt an: die Selbstbehauptung als Mensch gegen diese feindliche Umgebung, diese Sinfonie aus Stahl, Beton und Stacheldraht. Und nun folgt an der Lesung etwas Überraschendes, das die Atmosphäre still und aufmerksam werden lässt. Er erzählt, er habe sich im Gefängnisladen Petersilie, Dill und Minze gekauft. Obwohl er «null gärtnerisch begabt» sei, habe er die Minze, die sehr hartnäckig sei, im Joghurtbecher gehalten und zweimal täglich das Wasser gewechselt. Die anfänglich hängenden Köpfe hoben sich in einer S-Form und schlugen Wurzeln. «Doch Einpflanzen war verboten, ich hatte auch keine Erde, und auch in dem an meine Zelle angegliederten kleinen Innenhof durfte nichts gepflanzt werden. Nur Beton. Dann erzählt er, wie er die Teebeutel ausspülte – mehrmals –, um daraus ein Substrat zu gewinnen. Zerbröselte Eierschalen kamen hinzu. Yüzel ist bei der Lesung sehr erkältet, doch das scheint jetzt von ihm abgefallen zu sein. Er redet schneller und schneller und erzählt, wie er die Minze aufzog. Wenn er die Wärter kommen hörte, versteckte er seine Aufzucht vor der Zelleninspektion im Kühlschrank. Während die Kampagnen und Unterschriftenaktionen aus dem Gefängnis der Selbstbehauptung als Journalist gegolten hätten, ging es, so Yücel, bei der Aufzucht der Minze um die Selbstbehauptung als Mensch. Es ist am Schluss des Abends eine große Botschaft, die Deniz Yücel mit dieser Schilderung gibt. Leben dorthin zu bringen, wo kein Leben ist, ist im höchsten Sinne menschlich und vermag es, wie er sagt, mit der Sinfonie aus Stahl, Beton und Stacheldraht aufzunehmen.


Bild: Deniz Yücel bei einer Lesung in der Kaserne Basel am 31. Oktober, Foto: Wolfgang Held

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