Wiederauferstehung des Autorenkinos

Wiederauferstehung des Autorenkinos

Hong SangSoos Filme wurden in den letzten Jahren wiederholt in die Wettbewerbe der Berlinale und der Filmfestivals von Cannes und Locarno eingeladen und mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet. Erst die letzten waren auch in den Filmart-Kinos der europäischen Großstädte zu sehen. ‹On the Beach at Night Alone› wurde 2018 mit dem Silbernen Bären der Berlinale ausgezeichnet.


Der von Hong SangSoo gewählte, auf einer Erfahrung von über zwanzig Filmen beruhende Entstehungsablauf scheint mir inspirierend einzigartig. Es gelingt ihm als einem der wenigen, die es versuchen, seine Filme auf das Niveau eines psychischen Realismus zu heben, der von der allgemeinen geistigen Situation, worin die Menschheit steckt, beschienen wird.

Allgemeine Szenen mit beliebig vielen Passanten und Komparsen, welche in Straßenschluchten, Flughäfen, Verwaltungs- und Shoppingszentren soziale ‹Umwelt› zeigen, aus denen sowohl die Anonymität des Individuums wie der filmtypische Reiz fließender Sinnesoberflächlichkeit hervorgehen, kommen bei Hong SangSoo nicht vor. Seine Figuren haben alle irgendwie miteinander zu tun, gehören einem fließenden Beziehungsnetz an.

Wie er mit dem von ihm bevorzugten Prozessablauf den gesuchten Klang der Innerlichkeit erreicht, ist erstaunlich einfach, doch ist das Einfache offensichtlich das filmkünstlerisch Schwierige. Hong SangSoo hat aus der Selbstbeschränkung, die er in seinem individuellen Temperament begründet sieht (er will nicht dauernd im Ungewissen bleiben, ob und wann er den nächsten Film drehen kann), eine Technik zur transparenten Selbstenthüllung zeitgenössischer Seelenwesen gemacht.

Wie er mit dem von ihm bevorzugten Prozessablauf den gesuchten Klang der Innerlichkeit erreicht, ist erstaunlich einfach, doch ist das Einfache offensichtlich das filmkünstlerisch Schwierige.

Seine letzten Filme kosteten alle zwischen 50 000 und 100 000 Euro – somit ungewöhnlich wenig. Sein Produktionsbüro ist gleichzeitig sein Lehrerzimmer innerhalb der Filmschule von Seoul, wo er seit vielen Jahren unterrichtet. Für außergewöhnlich auftretende Anforderungen an einzelne Szenen stehen seine Studenten zur Verfügung, das technische Equipment findet sich in der Filmschule. Für seine Filme veranschlagt er zwei bis drei Wochen Drehzeit. Etwa drei Wochen zuvor beginnt er, sich mit dem Film zu befassen. Die Vorbereitungswochen dienen dem Bestimmen der möglichen Drehorte (Wohnungen, Parks, Restaurants, Tempelvorhöfe, Bahnhöfe usw.). Auf exklusive Orte wird ebenso verzichtet wie auf schwierige Drehbedingungen. Mit den Zuständigen vor Ort trifft er lockere Abmachungen, im Fall, dass er zum Drehen vorbeikommen wird, und bestimmt die von ihnen bevorzugten Daten. Dann entschließt er sich für den Reigen der fünf bis zehn Darsteller, deren Gehalt klein bleibt und mit denen er in den Tagen vor Drehbeginn Gespräche über Gott und die Welt führt. Kein Wort über den Film, da er den selbst noch nicht kennt.

Hong SangSoo geht von einer gleichsam musikalisch geahnten, undeutlichen Konstellation zwischen den Darstellern wie auch zwischen ihnen und sich selbst aus und lässt das Beziehungsgeschehen sich während des Schreibens der Dialoge auskristallisieren.

Das Drehen geschieht chronologisch. Das Schneiden, für viele die Königsdisziplin des Filmemachens, ist für ihn ein Kinderspiel. Er hängt lediglich die längeren Einstellungen aneinander, die er schon während des Drehens in der richtigen Folge vorbestimmt hatte. Ein Tag reicht dazu aus und, da man nichts überstürzen soll, schaut er sich den Film vielleicht nach einem Tag ein zweites Mal an. – Zuvor bleibt jedoch das Wichtigste zu bestimmen, nämlich die Dialoge, in denen das erwähnte Beziehungsgeflecht zwischen den Darstellern zum Ausdruck gelangt.

 
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Er schreibt die Dialoge jeweils an dem Tag, an dem gedreht wird, in derjenigen Länge auf, die für einen Tag Filmarbeit (meist zwischen zwei und fünf Szenen) ausreicht. Dafür beginnt er jeweils um vier Uhr morgens und arbeitet vier, fünf Stunden, bis er weiß, dass sich die Schauspieler am abgemachten Ort eingefunden haben und auf seine Texte warten. Dann verteilt er sie und lässt den Schauspielern höchstens eine Stunde – meistens weniger – zum Auswendiglernen. Daraufhin wird gedreht, und zwar, kurz bevor die Schauspieler nach ihrem eigenen Ermessen die Texte gründlich verinnerlicht haben. Dann schiebt auch Hong SangSoo alles, was er während des Schreibens vor sich gesehen und intentional vorgeformt hat, in den Hintergrund und öffnet sich ganz demjenigen, was ihm die Schaupieler als ihre Interpretation der Dialoge anbieten. Daraufhin macht er Vorschläge zu Variationen, zu Verdeutlichungen oder bittet, bestimmte Nuancen zu vermeiden usw. – Jede dieser für das Filmgeschehen zentralen Einstellungen dauert meist mehrere Minuten, die in seinen letzten Filmen nie unterbrochen werden. Er entscheidet bereits am Set, welche der vielleicht fünf bis fünfzehn Wiederholungen einer Aufnahme er im Film haben will, und schneidet nicht die besten Stellen aus mehreren Takes zusammen, wie das sonst gemacht wird. Von ihnen ausgehend wird er am nächsten Morgen um vier Uhr die Dialoge für die Fortsetzung seines Films finden.

Kann ein (nach konventionellen westlichen Drehgewohnheiten) hochgradig unprofessionelles Verfahren irgendwie ansprechende oder gar spannende Filme hervorbringen? Ich für meinen Teil kenne wenig spannendere! Wie Hong SangSoo eine dokumentarisch wirkende psychische Wirklichkeit und Folgerichtigkeit in die Kamera bekommt, ist selbstverständlich der Performance seiner großartigen koreanischen Darsteller geschuldet. Sobald er eine westliche Koriphäe einbaut (z. B. Isabelle Huppert in ‹Claire's Camera› 2016), schwächt sich die Wirkung ab, was vermutlich dem unterschiedlichen Verständnis von Rollenspiel, Spontanität und künstlerischer Wahrhaftigkeit geschuldet ist.

Die letzten sechs Filme hat Song SangSoo immer mit Kim MinHee besetzt, die im empfohlenen ‹On the Beach at Night Alone› das seelische Kraftzentrum des ganzen Films darstellt. Mit Kim MinHee verbindet ihn eine enge Freundschaft, was in den letzten Jahren für den älteren, verheirateten Hong SangSoo zu großen äußeren und auch inneren Belastungen geführt hat. Auch dies ein Hinweis auf den beträchtlichen Unterschied des gesellschaftlichen Umfeldes, in dem seine Filme entstehen, zum europäischen. Der ausgewählte Film spiegelt ausgerechnet die eigene Geschichte in einer tiefschürfenden, ganz unsentimental übersubjektiven Art und Weise.

Hong SangSoo ist ein wahrer Filmkünstler. Das in den 1960er-Jahren in Europa entstandene, von vielen heute vermisste Autorenkino ist durch ihn im Osten wieder auferstanden. Nicht nur in Korea. Auch im Iran (Kiarostami 1940–2016 und Farhadi, geboren 1972) oder noch westlicher in Griechenland (Angelopoulos 1935–2012). Es wird auch in Europa wieder auftreten, wenn das Verständnis für Wiederverkörperung und Schicksal bei den für Filmproduktion Verantwortlichen in ausreichendem Maße vorliegen wird.


‹On the Beach at Night Alone› gibt es als DVD mit französischen Untertiteln. Eine englische und deutsche Version ist geplant und soll demnächst erscheinen (Achtung: die Blue-ray ist nicht europäisch codiert).

Titelbild: Kim MinHee und Hong SangSoo

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