Jenseits der Pole in der Coronazeit

Das gesellschaftliche Leben wird derzeit in einer Erzählung von Polaritäten gerahmt: wahr/falsch, Maske/keine Maske, Impfung/anti Impfung, rassistisch/antirassistisch, individuelle Rechte/soziale Rechte, spirituell/materiell. Ohne die Bereitschaft, einen mittleren inklusiven Weg zu öffnen, bereitet dieses binäre Narrativ den Boden für spaltende Kräfte. Diese sind in ihrer Klarheit mächtig und auch entmündigend, so John Bloom, verantwortlich für die nordamerikanische Anthroposophische Gesellschaft.


Zu dieser Polarisation kommt hinzu, dass Corona neue Herausforderungen geschaffen hat, um Wege zu finden, die soziale Distanz zu überwinden und die Wärme der Beziehungen aufrechtzuerhalten, an die wir vielleicht im persönlichen Gespräch gewöhnt sind. Persönlich hat mich die Tatsache, dass ich so viel online bin, dazu gezwungen, mit einer anderen Art von Bewusstsein für die Narrative zu arbeiten, die wir schaffen, und für die Kommunikation in einer Welt, die sich stark durch Glaubenssysteme polarisiert. Wenn wir isoliert und uns selbst überlassen sind, verlassen wir uns sehr auf das, woran wir glauben und wie diese Überzeugungen geprägt sind. Diese Überzeugungen bestimmen, was wir zu erleben erwarten und mit wem wir uns sicher oder verbunden fühlen. Dieses Schwarz-Weiß-Denken wird auch im öffentlichen Raum aktiv kultiviert und verstärkt. Der Wettbewerb um die Macht, ob mein Narrativ richtig ist, definiert mich als Gewinner oder Verlierer. Eine so einteilende Charakterisierung dient jedoch als Mittel der Entmenschlichung.

Wendy Teall, ‹Twin karmic journeys›, 2019, Handstichen, Perlen und Applikationen auf Stoff.

Anthroposophie meint Selbsterkenntnis statt Verurteilung

Demgegenüber sehe ich Anthroposophie als einen Versuch, Präsenz und Einsichten zu schaffen, die wärmen und nicht schaden, heilen und nicht verletzen, eine Offenheit, die Trennungen überbrückt, statt eine Analyse, die sie verstärkt. Bin ich in der Lage, andere wirklich so zu sehen, wie sie sind, und nicht so, wie ich sie erwarte oder brauche? Kann ich das in einem digitalen Raum noch anstreben? Ich muss mich jeden Tag fragen, was ich davon erfüllt habe. Die Geisteswissenschaft in unserem Herzen zu erwärmen, ist eine Verantwortung, an unserem Weg der Selbsterkenntnis zu arbeiten, damit sie zu einer Fähigkeit wird, anderen zu dienen.

Es gibt eine Gefahr auf diesem Weg. Wenn ich meinem inneren Weg folge, muss ich das aus innerer Freiheit heraus tun, und ich muss diese gleiche Freiheit für andere respektieren. Das bedeutet, dass ich andere nicht mit demselben Reflexionsprozess beurteilen kann, den ich auf mich selbst anwende – auch das Verstehen, woher ich weiß, was ich weiß, ist ein notwendiger Teil meines Weges. Meinen individuellen Prozess zu benutzen, um andere zu beurteilen, das heißt sie politisch zu benutzen, ist eigentlich ein Missbrauch meiner spirituellen Freiheit. Es ist also entscheidend für die Überwindung des binären Denkens, ein Verständnis für die Unterschiede zwischen geistiger und politischer Freiheit zu entwickeln. Das Risiko, die Unterscheidung und die Grenze zwischen ihnen nicht lebendig zu begreifen, ist eines, das eher Schaden als Heilung bringt.

Steiner-Zitate als Machtmittel

Ich möchte ein praktisches Beispiel für diese Unterscheidung teilen. Ein Freund leitete eine E-Mail an mich weiter, die im Internet zirkulierte, begleitet mit der Frage, was man davon halten sollte. Die E-Mail enthielt ein Porträt von Rudolf Steiner, begleitet von einem ihm zugeschriebenen Zitat über einen in der Zukunft zu entwickelnden Impfstoff, der die Fähigkeit zur geistigen Entwicklung verhindern würde. Das Bild und das Zitat hatten den Anschein von Propaganda, zumal sie ohne Kontext ankamen. Dieses Zitat könnte anregen, über den fortschreitenden Weg des Materialismus in der modernen Wissenschaft nachzudenken. Das wäre eine ganze Forschungsfrage an sich. Aber wenn man so ein Zitat ohne Kontext und Vertiefung verbreitet, zapft man absichtlich Ängste an und benutzt sie, um eine Beeinträchtigung der inneren Freiheit von anderen zu erzeugen. Solche Erkenntnisse sollen das sich entwickelnde Verständnis nähren und sind nicht dazu gedacht, in der politischen Sphäre zu polarisieren. Es ist ein ethischer Bruch, spirituelle Einsichten als Macht über andere nutzen zu wollen. Die soziale Herausforderung ist also, die ethische Frage in jedem Individuum so zu kultivieren, dass es mit Respekt vor der ethischen Realität von allen anderen in die soziale Welt kommt. Daraus kann man lebendige Vereinbarungen schaffen, die aus der Anerkennung sowohl der spirituellen als auch der praktischen Realität entspringen. Ich möchte hier das ‹sowohl als auch› als einen Moment der Überwindung der Polarität betonen. Ohne diese Anerkennung verfallen wir in eine unversöhnliche Spannung zwischen individuellen und gemeinsamen Rechten. Wie es Rudolf Steiner selbst immer wieder ausdrückte, geht es um eine Schulung, die jedem zur Verfügung steht, der bereit ist, die Arbeit aufzunehmen und die Fähigkeit zu entwickeln, diese unsichtbare Realität zu erfahren und von dort aus einen heileren Impuls in die Welt zu bringen.

Aber wenn man so ein Zitat von Rudolf Steiner ohne Kontext und Vertiefung verbreitet, zapft man absichtlich Ängste an und benutzt sie, um eine Beeinträchtigung der inneren Freiheit von anderen zu erzeugen. Es ist ein ethischer Bruch, spirituelle Einsichten als Macht über andere nutzen zu wollen.

Die Würde eines jeden Menschen ist wichtig, und zwar bedingungslos. Das beruht auf dem Verständnis, dass der Mensch ein geistiges Wesen ist, das sich über Inkarnationen hinweg entwickelt. So heißt es nicht: «Freedom’s just another word for nothing left to lose» (Freiheit heißt nur, dass man nichts mehr zu verlieren hat), wie der Songwriter Kris Kristofferson schrieb und es Janis Joplin populär machte. Vielmehr ist ‹innere Freiheit› ein Begriff für alles, was wir als moralische und ethische Menschen auf uns nehmen müssen. Diese Erfahrung mit- und füreinander zu machen, wird uns helfen, uns von der Macht der Schwarz-Weiß-Erzählung zu befreien und unsere Gräben zu überbrücken. Von einem Ort der spirituellen Freiheit aus wird sich unser politisches und wirtschaftliches Leben ganz anders anfühlen und gedeihen können.


Dieser Text ist zuerst in einer etwas umfassenderen Version auf dem Blog der Anthroposophischen Gesellschaft in den USA erschienen.

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