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Isländische Impressionen von Kunst und Geisteswissenschaft

Die zwei isländischen Künstlerinnen Sigrún Halldóra Gunnarsdóttir und Guðrún Vera Hjartardóttir beschäftigen sich seit Jahren mit der Anthroposophie. Zusammen mit J. B. Ransu und Jasper Bock organisierten und kuratierten sie eine umfangreiche Ausstellung, die die Geisteswissenschaft als Quelle des künstlerischen Schaffens erforscht und die gegenwärtige Kunst mit Pionieren dieser Richtung in einen kreativen Dialog bringt.


«Wir bestehen halt nur aus lauter kleinen Menschen. Unser großer Mensch ist nur die Zusammenfassung von lauter kleinen Menschen.» (1) Aus diesem Zitat entstammt der Titel der am 19. September in Reykjavík eröffneten Ausstellung ‹Lots of tiny people›.

Das Gerðarsafn Kópavogur Art Museum erscheint als der ideale Ort für das Projekt, denn es wurde 1994 zu Ehren der Künstlerin Gerður Helgadóttir gebaut, deren Skulpturen und Glasmalereien eine tiefe Studie des Geistigen zugrunde liegt.

Nach den offiziellen Eröffnungsreden gab es Kunstperformances, während Martje Brandsma eine stille Eurythmie zwischen dem Publikum durch jeden Saal des Museums improvisierte. Die niederländische Eurythmistin ist Teil des Goetheanum-Ensembles und hat in einer Zusammenarbeit mit Philipp Tok eine Videoinstallation für die Ausstellung vorbereitet, in der grafisch-zeichnerische Formen in Bewegung gebracht werden. Die eurythmisierte Geste zeigt, wie die Formen entstehen, sich entfalten, ineinanderfließen, sich verwandeln und wieder zur Ruhe kommen.

Kontraste

In der Schau sind Gegenwartskünstler aus den Bereichen Malerei, Skulptur, Musik, Zeichnung, Fotografie, Grafikdesign und Eurythmie vertreten, die infolge eines gut gelungenen kuratorischen Konzepts in einem fließenden Übergang den Werken von Joseph Beuys, Hilma af Klint, Gerður Helgadóttir und Rudolf Steiner begegnen. Gleichzeitig vereint ‹Lots of tiny people› Menschen aus verschiedenen Ländern und Disziplinen durch eine kollaborative, offene und internationale Gestaltung.

Die Architektur des Museums hat das räumliche Konzept der Ausstellung definiert. Für Jasper Bock ist dies eine Gelegenheit, mit der Polarität Licht–Dunkelheit, Ruhe–Tätigkeit, Innen–Außen zu arbeiten: «Zwei Ausstellungsräume sind durch eine Brücke verbunden. Dadurch ergibt sich ein wunderbarer Kontrast, durch den man aus einem taghellen Raum mit wechselnden Lichtverhältnissen in einen abgedunkelten Raum geführt wird.» Dabei denke ich an Island, das selbst auch von Kontrasten geprägt ist. Permanenz und Verwandlung sind hier präsent und werden auch zum Thema in der Kunst: «Wir leben dort, wo sich zwei Kontinente treffen», sagt Erla Thórarinsdóttir. Gerade dort, wo die bewegten tektonischen Platten und die Vulkanausbrüche die Landschaft und das Leben verändern. Erla fragt sich, wie sich das auf den Menschen auswirkt. In ihrem Werk arbeitet sie oft mit Farbflächen, die optisch als Bewegung wahrgenommen werden.

Puls

Vier Wandtafelzeichnungen von Rudolf Steiner hängen in dem Saal, wo das Licht abgedämpft ist. Eine erläutert das Wesen der Skelettbildung. Sigrún Gunnarsdóttir zeigt hier ihr Werk ‹Melancholiker›, ein Wort, mit dem man auf Isländisch auch die Wirbelsäule bezeichnet. Sie hat eine Wirbelsäule aus Gips modelliert, die waagerecht hängt, von durchsichtigen Fäden getragen. Auch ihre Videoinstallationen, mit verschwommenen Gestalten und in verlangsamtem Tempo, üben eine poetische Kraft aus. Man erahnt eine weibliche Gestalt, die sich bewegt, geht, sich setzt. Manchmal löst sich die körperliche Gestalt vom Skelett, bis beide sich wieder verbinden. Es ist wie ein pulsierendes Tempo, ein Ein- und Ausatmen, ein Hinein- und Hinausgehen. «Das Thema der Vorträge wird in mir lebendig. Ich verdaue es, ich studiere den Inhalt und versuche, die Vorstellungen auszudrücken, die zum Beispiel in meinem Traumleben auftauchen», sagt Sigrún Gunnarsdóttir. Und «natürlich bin ich gefordert, mehr zu lernen, durch diesen Prozess spirituell zu wachsen. Und dies hängt direkt mit der Forschung zusammen, die ich über das Skelett durchgeführt habe. In diesem Prozess ist es mir wichtig, auf die in mir lebendig werdenden Bilder zu vertrauen und sie auf einen materiellen Träger zu bringen, der für sie geeignet ist. Es kann ein Video, eine Skulptur oder eine Zeichnung sein. Die Bilder werden nicht interpretiert. Nachdem sich diese Imaginationen in einem Material verkörpert haben, fange ich wieder an zu forschen.»

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In diesem Prozess ist es mir wichtig, auf die in mir lebendig werdenden Bilder zu vertrauen und sie auf einen materiellen Träger zu bringen, der für sie geeignet ist.

Gegensätze

Für Guðrún Vera Hjartardóttir war der Satz von Steiner, «Im Skelett sitzt der Geist» (2), ein Auslöser für die Idee, die in einer Serie von Skulpturen Ausdruck gefunden hat. Es sind Kleinkinder, in Plastilin modelliert, nach vorne gebeugt, sodass die Rücken sichtbar werden. Jeder Wirbel erhebt sich in einer sich öffnenden Bewegung, die Blüten oder Flügel ähnelt, und geht aus dem Körper heraus. Sie betont den Kontrast durch die Verwendung von schwarzem Plastilin für den Körper und weißem für die Wirbelsäule, die in Verwandlung ist. Als eine Metapher des Werdens erscheinen diese Figuren, die sich in der blühenden, aus dem Körper herausragenden Wirbelsäule vergeistigen.

In dem lichtdurchfluteten Raum hängen zwei Tafeln von Joseph Beuys: ‹Die Krumme› und ‹Die Gerade›. Neben diesen auf das Minimale reduzierten Linien der Tafeln sehen wir die farbigen Gemälde der Serie ‹Der Baum der Erkenntnis› von Hilma af Klint aus den Jahren 1913 bis 1915.

In einen Dialog mit dem Œuvre von Hilma af Klint tritt J. B. Ransu: «Anders als Hilma, die mit Gegensätzen innerhalb eines Bildes arbeitet, befasse ich mich mit Gegensätzen zwischen zwei Leinwänden.» Beide Leinwände stellen einen Gegensatz dar, aber gleichzeitig bilden sie eine Einheit. «Der Akt der Malerei hat tatsächlich Qualitäten der Meditation. Das wurde mir klar, nachdem ich jahrelang gemalt habe», erklärt Ransu, Leiter des Fachbereichs Malerei der Kunsthochschule in Reykjavík.

Kreise und Krater

Gefesselt betrachtet das Publikum die Performance von Elsa Dóróthea Gísladóttir. Barfuß zeichnet sie mit einer schwungvollen Armbewegung einen Kreis, bis es zu einem Wendepunkt kommt und sie die Bewegung in die andere Richtung vollführt. Das ständige Geräusch des Grafits an der Wand begleitet das Geschehen. Man spürt die Kraft, die entsteht, während der Kreis tiefer wird. ‹Krater› heißt das Werk und es ist von der Vorbereitung der biodynamischen Präparate inspiriert. Gibt es einen Zusammenhang zwischen Landwirtschaft und Kunst? Elsa Gisladóttir übernimmt Elemente und Vorgehensweisen der biodynamischen Landwirtschaft oder des Gartenbaus und überträgt diese in ihrem Kunstschaffen, indem sie Werke konzipiert, die verbunden mit Zeit, Rhythmus und Verwandlung sind. Sie beabsichtigt damit, Prozesse sichtbar zu machen.

Neue Wege

Ohne zu sehen, mit einem hölzernen Stab und mit der linken Hand (sie ist sonst Rechtshänderin) zeichnet Sigrún Gunnarsdóttir, um ihre Linie zu befreien, und was herauskommt, sind fantasievolle Werke, die auch sie selbst überraschen. Intuitives Zeichnen nennt sie es: «Ich habe einen Weg entwickelt, um in mir die Vorstellungskraft anzuregen.»

Sie versuchten, diverse Medien und Techniken zu kombinieren, um ihren Arbeiten ein breiteres Spektrum von Möglichkeiten anzubieten. Denn wie drückt man innere Erlebnisse, die vielleicht flüchtig erscheinen, künstlerisch aus? Wie kann man subtile Zusammenhänge des Physischen und des Geistigen kommunizieren unddurch Kunst offenbaren?

Wie erweitert man die eigene Wahrnehmung, um inneren Raum für Imagination, Intuition und Inspiration zu schaffen?

Die Ausstellung, die noch bis Anfang Januar zu sehen ist, hat eine innere Kohärenz erreicht, die es ermöglicht, das vielseitige Herangehen der Künstlerinnen und Künstler zu zeigen und zugleich die reiche Quelle durchblicken zu lassen, aus der diese Kunst Nahrung holt. In der Vielfalt der Exponate ist Neues zu entdecken und man erahnt, dass das Leben des Geistes nicht ausschließt, sondern sich als ein breites Tor erweist, wo wir uns wie in einem Zusammenklang von Stimmen wiederfinden können.

Das ist mein bleibender Eindruck – beeindruckend die Aktualität von Rudolf Steiner, wegweisend, inspirierend, aufbauend.


(1) Rudolf Steiner, Über Gesundheit und Krankheit. Grundlagen einer geisteswissenschafltichen Sinneslehre. GA 348.
(2) Rudolf Steiner, Natur und Mensch in geistiger Betrachtung, GA 352.

Titelbild: Eurythmie-Performance von Martje Brandsma während der Vernissage, Foto: Silvana Gabrielli

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