In den Extremen liegt keine Wahrheit

Schönheit und Hässlichkeit sind Möglichkeiten in jedem Menschen. Dabei gilt es, sich selbst den Spiegel vorzuhalten und die eigene Konstitution mit ihren Abgründen und Entfaltungschancen zu verstehen. Wenn diese Selbsterziehung gelingt, wird auch ein ‹schöner› Diskurs möglich. Zwei Betrachtungen von Novalis und Rudolf Steiner helfen, sich zu vergegenwärtigen, was wir wollen, wenn wir ‹schön› sagen.


Novalis unterscheidet in einem ‹Blütenstaub›-Fragment1 zwei Typen von Menschen, zwei Dispositionen: «Je verworrener ein Mensch ist […], desto mehr kann durch fleißiges Selbststudium aus ihm werden; dahingegen die geordneten Köpfe trachten müssen, wahre Gelehrte, gründliche Enzyklopädisten zu werden. Die Verworrenen haben im Anfang mit mächtigen Hindernissen zu kämpfen, sie dringen nur langsam ein, sie lernen mit Mühe arbeiten: dann aber sind sie auch Herren und Meister auf immer. Der Geordnete kommt geschwind hinein, aber auch geschwind heraus, er erreicht bald die zweite Stufe, aber da bleibt er auch gewöhnlich stehn. Ihm werden die letzten Schritte beschwerlich, und selten kann er es über sich gewinnen, […] sich wieder in den Zustand eines Anfängers zu versetzen. Verworrenheit deutet auf Überfluss an Kraft und Vermögen, aber mangelhafte Verhältnisse; Bestimmtheit auf richtige Verhältnisse, aber sparsames Vermögen und Kraft. Daher ist der Verworrene so progressiv, […] dahingegen der Ordentliche so früh als Philister aufhört. Ordnung und Bestimmtheit ist allein nicht Deutlichkeit. Durch Selbstbearbeitung kommt ein verworrener Mensch zu jener himmlischen Durchsichtigkeit – zu jener Selbsterleuchtung –, die der Geordnete so selten erreicht. Das wahre Genie verbindet diese Extreme. Es teilt die Geschwindigkeit mit dem Letzten und die Fülle mit dem Ersten.»

Lillian Torjusson, ‹Tabula rasa: NON HO SO›, Collage mit Blattgold, Aquarell und Tempera auf Papier. 110 × 90 cm, 2013.

In der siebten Meditation aus Rudolf Steiners Werk ‹Die Schwelle der geistigen Welt› geht es um den Begriff der Schönheit. Es heißt dort, ein «schönes» Wesen könne nur ein solches genannt werden, «dem es gelingt, alles, was es in sich erlebt, auch den anderen Wesen seiner Welt zu offenbaren, sodass diese anderen Wesen an seinem ganzen Erleben teilnehmen können. Die Fähigkeit, sich ganz mit allem, was im Inneren ist, zu offenbaren und nichts in sich verborgen halten zu müssen, könnte als schön in den höheren Welten bezeichnet werden.»

Schönheit als Ausdruck von Wahrheit

Ausgehend von den beiden Beschreibungen durch Novalis und Steiner wollen wir der Frage nachgehen, wie man in diesem Sinne ein schöner Mensch werden und wie ein ‹schöner› Diskurs in der Gegenwart gelingen kann. Wie sieht eine Selbsterziehung und ein pädagogisch-therapeutisches Wirken aus, damit es einem Ich gelingt, nichts zu verbergen, also schön zu werden?

Dies ist in allen sozialen Bezügen relevant, auch im Freundeskreis oder in der eigenen Familie. Wir können fragen: Wie steht es mit meiner eigenen Verworrenheit? Gibt es zu diesem Phänomen – dass etwas, das in mir ist und noch keine adäquate, zur Harmonie beitragende Form gefunden hat – in mir eine Resonanz? Man könnte darüber hinaus fragen, ob die gegenwärtige Zeitsignatur die beiden von Novalis charakterisierten Tendenzen geradezu generiert, ob wir sie dort wiederfinden können.

Wie sähe ein in diesem Sinne ‹schöner› oder gelingender Diskurs aus, bei dem niemand etwas von dem zurückhalten muss, was er oder sie in sich trägt, was er oder sie denkt oder empfindet?

Die Voraussetzungen für einen solchen Diskurs könnten so beschrieben werden: Es geht letztlich um Schönheit als Ausdruck von Wahrheit und Authentizität. Wahrhaftig bin ich aber immer in Bezug auf etwas oder jemanden. In dem Sinne kann auch ‹schön› sein, wenn ich etwas revidiere oder modifiziere, wenn ich mit etwas nicht fertigwerde oder noch kein fertiges Urteil habe – kurz: wenn ich, wie Novalis sagt, mich «wieder in den Zustand eines Anfängers» versetze.

Jeder Mensch wird die Provinz seiner eigenen Verworrenheit, seiner Un­vollkommen­heit auffinden können und umso resonanzfähiger für die Mit­menschen sein.

Jeder Mensch wird die Provinz seiner eigenen Verworrenheit, seiner Unvollkommenheit auffinden können und umso resonanzfähiger für die Mitmenschen sein. Man kann nur dann immer wieder neu beginnen, wenn man sich wirklich zutiefst als ein sich entwickelndes Wesen erlebt und wenn man ausdrücklich auch Freude daran hat, gewordene Formen oder erworbene Standpunkte zu überprüfen und sich zu revidieren, also dies nicht nur griesgrämig, pikiert oder halbherzig zu tun. Die Protagonisten eines solchen harmonischen und wahrhaftigen Diskurses würden als Voraussetzung die Bereitschaft mitbringen: Ich will etwas lernen.

Es gibt zwei verschiedene Abgründe in den von Novalis als «Verworrene» bezeichneten Seelen oder Menschentypen, zwei Verhängnisse, die sich auch mischen können: dass ich eigentlich fasziniert von der Verworrenheit bin und dieser Faszination erliege oder dass ich überfordert bin und das Problem leugne. Der «Verworrene» kommt erst dann zur Schönheit, wenn er aus der Fülle und der Kraft seines Seelenreichtums und seines Begabungsstromes – aus der Verheißung – in eine Lebensäußerung und in eine Form kommt, die Ordnung schafft, die angemessen und eben darum schön ist. Wie kann sich ein Mensch entwickeln und welche Voraussetzungen muss er für sich selber herstellen, dass er alles in sich – eben auch alles noch Suchende und Unfertige – in dieser Weise auch nach außen setzen kann?

Befasst man sich mit den Aussagen von Novalis und Steiner vor dem Zeithintergrund, in dem wir stehen, so können diese eine wichtige Inspiration für die Zukunft sein – auf der biografischen Ebene wie auch in der Auseinandersetzung mit den akuten sozialen Dynamiken.

Negativ wäre das Szenario, dass Innen und Außen, Selbsterziehung und Welterziehung, Selbstwahrnehmung und Außenwahrnehmung immer mehr auseinanderfallen. Das Den-anderen-erziehen-Wollen und das Die-Welt-Verbessern könnten dann immer extremer zum Denunzieren, zu sozialer Kontrolle, Besserwisserei und Rechthaberei und zum Abwerten anderer Meinungen führen. So verlagert sich das Problem aber nur: auf ein intellektuelles Sichtweisen-Einnehmen. Wie ich mich selber sehe und wie ich gesehen werden will, verbirgt ja oft nur, dass ich blind für mich bin. Der andere soll mich nicht sehen, wie ich bin, weil ich es selber nicht ertrage.

Alles wird offenbar werden

Wir mögen alle aus Begegnungen Menschen kennen, die schön sind an Antlitz und Gestalt. Doch in der konkreten intensiven Beziehung merken wir, dass das äußere Erscheinungsbild mit dem, was wir an ihnen sonst wahrnehmen, nicht übereinstimmt. Der Doppelgänger tritt auf, in Form von Lügen, der Beschönigung des eigenen Schattens, Heuchelei, überflüssiger Kritiksucht. Aber wie sehr können wir das auch auf uns selbst beziehen, dass manchmal das äußere Erscheinungsbild und die innere Realität von Seele und Geist sich in einem bizarren Gegensatz zueinander befinden?

Nun kann man Rudolf Steiners Hinweise auf die Weltentwicklung so verstehen, dass in der nächsten planetarischen Evolution die Verhältnisse anders sein werden. Alles, was in uns hässlich ist, wird sofort auch äußerlich in Erscheinung treten. Es wird, kurz gesagt, nichts mehr zu verbergen sein. In dieser Perspektive liegt für uns eine Aufgabe, die wir schon jetzt sehr intensiv angehen müssen.

Novalis sagt, dass das wahre Genie die Extreme verbindet. Welche Extreme sind es, die uns den Diskurs erschweren, sodass er ‹hässlich› wird? Eine Form ist schön, wenn sie den Inhalt angemessen wiedergibt und unterstützt. Das wahre Genie verbindet für Novalis deshalb die Extreme, weil es diese an ihren Platz verweist. Nur dann ist das Extreme nicht kontraproduktiv.

Ein Mensch im Extrem ist nicht frei. In den Extremen liegt keine Wahrheit – nicht dauerhaft, nur in bestimmten Lebensphasen, etwa der Jugend.

Lillian Torjusson, ‹Der Schwellenreiter›, aus dem Bildzyklus ecce homo. Collage mit Blattgold, Aquarell und Tempera, 78 × 78 cm, 2010.

Man muss sich kennenlernen in den Ausnahmezuständen, in der Zeit der Empfindungsseele, den Jugend- und Studienjahren, der Zeit des «Überfluss[es] an Kraft und Vermögen»2. Wenn es aber dann später gilt, sich vernünftig und mit Verständnis- und Verstandeskräften auch in Verhältnisse zu begeben, die mir selbst fremd sind, wird dies als bloße Anpassung oder in einer reinen Abgrenzungsgeste nicht gelingen. Was meint Novalis mit «jener himmlischen Durchsichtigkeit», die der geordnete Mensch so selten erreicht? Man muss fragen: Wie bleibe ich offen für andere und für mich selbst, wie scheint mein Inneres unmittelbar und harmonisch durch mein Äußeres hindurch – mein Antlitz, meine Rede, mein ganzes Mich-Zeigen?

Wahrhaft freie Menschen besitzen immer einen Handlungsspielraum, weil sie ihr Inneres nicht verbergen müssen. Sie brauchen keine Manöver, lancieren keine Falschmeldungen und müssen nicht manipulieren, da sie auch selbst nicht manipulierbar sind. Ein Mensch im Extrem hat keine Handlungsspielräume. Man muss sich daher de-identifizieren mit den eigenen, momentanen Gefühlsäußerungen, die durch die Außenwelt hervorgerufen werden – sei es panische Angst, sei es hochtrabendes Besserwissen.

Die Hässlichkeit des Extremen

Eigentlich ist jede Polarisierung zunächst hässlich, weil sie vom Unmut lebt und immer ein Entweder-oder bedeutet. ‹Schön› im Sinne von ‹anmutig› ist immer das Sowohl-als-auch, und man kann eben nur «sowohl als auch» sagen, wenn man im Sinne der Bewusstseinsseele besonnen ist. Wir könnten uns also befragen: Was kann ich bei einem Menschen bemerken? Was wirkt da auf mich? Dann bin ich bei den Phänomenen und nicht bei Mustern und Vorstellungen.

Priorität hat immer das Leben in seiner Vielfalt, die Begegnung als Verheißung, und nicht meine Vorstellung über dieses Leben oder mein reflexhaftes Benennen, was dieses heißt und was jenes ist. Gerade jetzt ist unser Leben so komplex, dass wir gar nicht anders können, als auch eine gewisse Methodenvielfalt zu üben. Wir können uns keine Einseitigkeit leisten.

Es kann sein, dass ich einmal mehr darauf schauen muss, wer etwas sagt, und das andere Mal mehr darauf, was einer sagt – aus welchem Zusammenhang seiner Persönlichkeit und seiner irdischen Kontakte er spricht oder aus welchem geistigen Milieu, welcher Intuitionssphäre.

Man kann heute fast sicher davon ausgehen, dass eine Extremposition nicht Wahrheit sein kann. Das mag eine Provokation für viele bedeuten oder sie zu der Frage führen: Ist das nicht selbst eine Extremposition? Doch es handelt sich nicht um eine Position in einem politischen Sinne, sondern um eine soziale Gesinnung, eine spirituelle Grundhaltung.

Den eigenen Philister überwinden, die eigene Verworrenheit umschmieden

Wo lebt Philiströses in mir, wo will ich mich nicht mehr weiter infrage stellen, die eigene Intelligenz nicht in Sterbeprozesse führen? Dies ist die eine Schwelle, die auch häufig gerade die akademisch Gebildeten betrifft. Wo leben verworrene Ahnungen und Theorien, ein eher allmähliches Begreifen, wo kann sich jemand nicht immer adäquat oder formell artikulieren? Wo haben Affekte oder Automatismen des Denkens, Fühlens und Wollens die Oberhand? Dies wäre die andere Schwelle, mit der wir ringen.

«Ordnung und Bestimmtheit ist allein nicht Deutlichkeit» (Novalis): Erarbeitete Gelehrtheit braucht die Korrektur durch die Intuitionskraft des von seinen Bedingungen her ‹verworren› Startenden. Die Eingeweihten sind heute nicht mehr die Eingeweihten. Die wahren Meister verfügen heute über die Meisterschaft des Sich-belehren-Lassens, und die zukünftig lehren, erscheinen heute äußerlich oft noch als Menschen, die sich ungeschickt und aufgeregt anstellen, die zum Goldbarren ihres Vermögens gekommen zu sein scheinen wie die Jungfrau zum Kind und die erst mühsam ein Schmuckstück daraus machen müssen. Sie erscheinen als Menschen, die ihre Biografie nicht wie andere meistern können, die rasch im Urteil sind und unter den Verhältnissen leiden. Und dennoch haben gerade diese den anderen, die stets angemessen und sparsam (re)agieren, etwas voraus: Progressivität und Zukunftskraft, die jedoch sich selbst noch nicht erkannt hat.

Die Zusammenschau des Meditationstextes von Steiner und des Fragments von Novalis kann zeigen: Sowohl in der individuellen Biografie als auch gesamtgesellschaftlich hängt vieles davon ab, inwieweit ich mich selber beleuchten und mich selber erziehen will. Dadurch kann es zu gedeihlichen Entwicklungen kommen, von denen alle profitieren, und wir können jene Zukunft bewusst vorbereiten, in der alles, was wir sind, offenbar werden wird.

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Fußnoten

  1. Novalis Werke. Herausgegeben und kommentiert von Gerhard Schulz, Verlag C. H. Beck, 4. Auflage, München 2001, S. 334. (Um der Lesbarkeit willen wurden die Interpunktion, Absätze und altertümliche Wortschreibungen angepasst.)
  2. Ebd.

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