Ignaz Troxler und die moderne Schweiz

In einer Zeit, in der Europa eine tiefe Krise durchlebt, tritt das ‹Schweizer Modell› wieder stärker in den Vordergrund. Vor 175 Jahren entschied sich das Schicksal der modernen Schweiz. Dabei spielte eine wichtige und doch vergessene Figur der Anthroposophie und des Schweizer Geisteslebens eine entscheidende Rolle: Ignaz Troxler. Während die dunklen Seiten der USA heute häufig besprochen werden, verweist die Entstehung der modernen Schweiz auch auf einen Lichtstrahl, der von jenseits des Atlantiks kam.


2018 erschien ein Buch des Journalisten und Historikers Rolf Holenstein, das ein neues Licht auf die Entstehung der ersten Bundesverfassung wirft: ‹Stunde Null. Die Neuerfindung der Schweiz im Jahre 1848. Die Privatprotokolle und Geheimberichte der Erfinder›.

Nie stand die Existenz der Eidgenossenschaft mehr auf der Kippe als 1814, als die monarchischen Sieger über Napoleon ernsthaft darüber diskutierten, sie Deutschland einzuverleiben. Der völlig zerstrittene Staatenbund überlebte 1815 schließlich knapp dank des von den Siegermächten erzwungenen Bundesvertrags.

Und wieder erlebte der nach dem Sonderbundskrieg tief gespaltene Bund an Dramatik kaum mehr zu überbietende Tage, als im Februar/März 1848 eine von der Tagsatzung beauftragte Bundesrevisionskommission ihre Arbeit aufnahm mit dem Ziel, aus dem überlebten Staatenbund ein moderneres Staatsgebilde zu schaffen. Doch die Spaltung zeigte sich erneut in den intensiven Beratungen, wie Holenstein an einem Beispiel schildert:

Was aufeinanderprallt am 7. März 1848, sind die beiden Fundamentalpositionen bezüglich der künftigen Eidgenossenschaft. Das erklärt die Erbitterung im Saal, die sämtliche Zeugen konstatieren. Soll die Eidgenossenschaft ein moderner demokratischer Bundesstaat werden oder eine Mischform mit staatenbündischer Behördenarchitektur nach dem Vorbild der Entwürfe von 1832 und 1833? Es geht um die Grundfrage der Verfassungsschöpfung von 1848: Kann die Eidgenossenschaft ihre demokratische Wende vollziehen oder kann sie es nicht. (S. 284)

Dass es schließlich zu einer Lösung kam, mit welcher der schweizerische Bundesstaat aus der Taufe gehoben wurde, blieb bis zum Schluss offen. Als sich die Kommission schon ohne Ergebnis entmutigt auflösen wollte, schaffte der Schwyzer Abgesandte Melchior Diethelm in letzter Minute den Durchbruch, indem er in kleinem Kreise die Schrift seines ehemaligen Lehrers Troxler, ‹Die Verfassung der Vereinigten Staaten Nordamerika’s als Musterbild der Schweizerischen Bundesreform› zirkulieren ließ. Am nächsten Tag war die Überraschung perfekt: Eine Mehrheit der Kommissionsmitglieder stimmte Troxlers Vorschlag zu.

Das amerikanische Zweikammersystem war eigentlich schon länger bekannt. Troxler erwähnte es bereits 1828 zum ersten Mal als Vorbild. Auch der Genfer James Fazy hatte 1838 mit einer Broschüre darauf hingewiesen. Aber erst Troxler erkannte in der Republik in Form des Bundesstaates das ultimative Modell gedeihlichen Zusammenlebens der Menschheit in Freiheit:

Dass Troxler in einem realen zeitgenössischen Staatsgebilde (der amerikanischen Verfassung) fruchtbare Komplementarität und neue Identität auffindet, trifft ihn ins Mark: Was er erkennt oder zu erkennen glaubt, ist ihm nicht weniger als die enthüllte Offenbarung des Weltgeistes. Es ist der Philosoph in ihm, der dekretiert, dass der Grundsatz der amerikanischen Lösung auch die Lösung für die Eidgenossenschaft sein kann und sein muss. (S. 397)

Troxlers politisches Denken war stark vom naturphilosophischen Einheitsgedanken Schellings geprägt: «Die Natur ist der sichtbare Geist und der Geist ist die unsichtbare Natur.»

Dieser naturphilosophische Einheitsgedanke spielt eine große Rolle, er leitet auch Troxlers Politikverständnis. Die Geschichte in ihrer Gesamtheit sieht er als allmähliche Enthüllung des Weltgeistes: in den sich wandelnden Lebensnormen, in den sich entwickelnden Staats- und Wirtschaftsformen, in den Gesellschaftsordnungen, den Manifestationen der Kunst, überall. Das dabei tätige Gestaltungsprinzip, sagt Troxler, ist das dialektische Wirken entgegengesetzter Kräfte, in der ‹Philosophischen Rechtslehre› von 1820 spricht er vom ‹System von Evolution und Repräsentation›. Und das ist dabei der Zentralbegriff: ‹Polarität›. Polare Gegensatzpaare sind nicht als dichotome Exklusionen, sondern als produktive Komplementaritäten im Sinne von weiblich/männlich zu begreifen und in neue Identität zu überführen. Darin, lehrt Troxler, besteht die Aufgabe der Philosophie und des politischen Handelns. Denn Gott oder das Absolute sei nichts anderes als die Identität aller Gegensätze. (S. 395 f.)

Troxler verortete sowohl eine Philosophie, die ihrem Namen wirklich gerecht wird, als auch ein von ethischen Grundsätzen geleitetes politisches Handeln in der lebendigen Christuserfahrung. So konnte er den Hörerinnen und Hörern seiner Berner Vorlesungen die kühne Vision einer die ganze Erde umspannenden ‹wahren Republik› – Gottes Reich – vorstellen.

Könnte das Wirken Troxlers als ‹Blaupause› für eine zukünftige Weiterentwicklung der Europäischen Union dienen? Rolf Holenstein:

Eine bundesstaatliche Organisation der EU […] kann nur und muss unter allen Umständen das Ergebnis eines freiwilligen Zusammenschlusses freier Staaten vom republikanischen Typus Schweiz/Amerika sein. Wenn sie Bestand haben und von den Völkern akzeptiert werden soll, darf es keinen europäischen Hegemon geben […]. Ein europäischer Bundesstaat kann nur auf den amerikanisch-schweizerischen Gleichheitsprinzipien aufgebaut werden, auf der Verbindung des universalistisch-naturrechtlichen Kopfzahlprinzips und des historischen (Staats-)Vertrags- oder Evolutionsprinzips, bei dem die Kontrahenten, hier die europäischen Staaten, einen Pakt schließen und dabei Identität, politische Gleichheit, Rechtspersönlichkeit und eigenstaatliche Organe behalten und bewahren. (S. 399)

Der Schweizer Germanist und Schriftsteller Peter von Matt bezeichnete Europa einmal als «Heimat der Schweiz». Mit Troxler als Impulsgeber könnte dieser Gedanke eines Tages Wirklichkeit werden.


Weitere Informationen auf der Website des Troxler-Vereins.
Dieser Artikel ist bereits in der ersten Ausgabe 2023 von ‹Tetraktys›, dem Rundbrief des Ignaz P. V. Troxler-Vereins, erschienen.

Buch Rolf Holenstein. ‹Stunde Null. Die Neuerfindung der Schweiz im Jahre 1848. Die Privatprotokolle und Geheimberichte der Erfinder.›, Echtzeit, 2018.

Titelbild Ignaz Paul Vitalis Troxler, Gravüre von J. Siebert, ca. 1850, CC

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  1. Herzlichen Dank an Louis Defèche, dass er diesen Beitrag zum 175. Jubiläum der Gründung des modernen Bundesstaates der Schweiz von 1848 in die Wochenschrift übernommen und gut eingeleitet hat. Das von Troxler vorgeschlagene Zweikammersystem nach amerikanischen Vorbild hat nicht nur die grossen politischen Kämpfe und Differenzen zwischen Stadt und Land, sondern auch zwischen Katholiken und Protestanten besänftigt. Dieses ausgewogene System der beiden Kammern – National- und Ständerat – hat sich bis heute tausendfach bewährt und niemand stellt es ernsthaft in Frage: Troxler sei Dank!
    Troxler war übrigens auch der Erste, der in seinen philosophischen Schriften die Bezeichnung ‘Anthroposophie’ ganz im Sinne von Rudolf Steiner verwendet hat. Mit ‘Tetraktys’ hat Troxler den viergliedrigen Menschen charakterisiert, was Rudolf Steiner mehrfach in Vorträgen gewürdigt und bedauert hat, dass Troxler weitgehend vergessen ging, obwohl er ein ganz bedeutender Philosoph, Arzt und Politiker war.

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