Heilung ist Licht und Liebe — 100 Jahre Anthroposophische Medizin

Nachdem Rudolf Steiner sich wiederholt zu medizinischen Fragen geäußert hatte, bat ihn 1920 der Chemiker Oskar Schmiedel (1) um eine Vortragsreihe für Mediziner. Nach etwa drei Monaten kam es in Dornach zu dem ‹Geisteswissenschaftlichen Fachkurs für Ärzte und Medizinstudierende›, der später als Erster Ärztekurs bekannt wurde und die medizinische Bewegung begründete.


Was heißt 100 Jahre Medizinischer Kurs?

Matthias Girke Mit diesem Kurs zur Osterzeit 1920 wurden die Grundlagen der Anthroposophischen Medizin gelegt und ein neues Verständnis des menschlichen Organismus, seiner Erkrankungen und der therapeutischen Konzepte entwickelt. Dabei werden Zusammenhänge deutlich, die sich heute vielfach bestätigen und zu neuen Gesichtspunkten im Krankheits- und Therapieverständnis der Schulmedizin führen. So wird der Zusammenhang zwischen Darm und Gehirn als ‹brain-gut-axis› entwickelt, was erheblichen Einfluss auf unsere Gesundheit hat: Zahlreiche Erkrankungen werden heutzutage mit dem Mikrobiom in Beziehung gebracht und führen zu neuen Therapien. Der Erste Ärztekurs Rudolf Steiners hat eine enorme Keimkraft. Vieles ist aus ihm entstanden und hat Einzug in die Praxis gefunden und vieles wird sich auch in Zukunft noch aus ihm entwickeln. So werden in diesem Ärztekurs zahlreiche Arzneimittel wie die Mistel beschrieben, physiologische Aspekte der Herzfunktion erwähnt, die äußeren Anwendungen und die Massage benannt, ebenso die therapeutischen Auswirkungen des Lichtes und der Farben und auch Grundlagen der anthroposophischen Zahnheilkunde.

Georg Soldner Wir feiern mit dem Jubiläum eine Medizin, die den Menschen nicht als Maschine sieht, sondern die Wirksamkeit des Geistigen im Menschen erkennt und therapeutisch wirksam machen will. Heute wissen wir, wie stark das Erleben die Gesundheit mitprägt. So ist die Änderung des Lebensstils gerade bei Herzkreislauferkrankungen wirksamer als alles, was man als Tabletten kaufen kann. Es ist auch der Kurs, in dem Rudolf Steiner die Basis für die anthroposophische Misteltherapie in der Krebstherapie gelegt hat. Davon war in der Medizingeschichte vorher noch nie die Rede. Hier wird auch die Basis einer ersten modernen integrativen Medizin geschaffen, einer Medizin, die den naturwissenschaftlichen Ansatz voll anerkennt und gleichzeitig die seelisch-geistige Dimension des Menschen hinzufügt. Auch das ist jetzt sehr aktuell geworden und auch hier ist die Anthroposophische Medizin ganz unzweifelhaft ein Pionier.

Eine 100-jährige Geschichte – mit welchen Glücksmomenten?

Girke Ein wunderbarer Moment ist für mich, dass nach einer Verbotszeit im Nationalsozialismus diese Medizin wieder so aufgeblüht ist. Schon 1946 sind die ersten Beiträge zu einer Erweiterung der Heilkunst als Rundbrief veröffentlicht worden. Ein riesiges Geschenk ist, dass Impulse, die hier in Mitteleuropa geboren wurden, auch in anderen Orten empfangen werden konnten und sich dort weiterentwickelten, etwa durch Otto Wolff, der schon früh regelmäßig nach Südamerika flog und so die Anthroposophische Medizin in den Westen brachte. Ärzte und Therapeuten wurden in Praxen tätig und es kam zu Klinikgründungen. «Ein chefarztfreies Krankenhaus» war über das Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke zu lesen und weitere anthroposophische Krankenhäuser wie die Kliniken in Öschelbronn, Unterlegenhardt, die Filderklinik und schließlich das Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe in Berlin folgten. Es entwickelte sich die anthroposophische Rehabilitationsmedizin und anthroposophisch geführte Abteilungen in kommunalen Krankenhäusern.

Soldner Es begann mit einer ungemein tüchtigen, international denkenden Ärztin: Ita Wegman. Es ist etwas Einmaliges, dass eine Frau als Ärztin an der Wiege stand. Sie hat ja auch als Erste die anthroposophische Misteltherapie praktiziert. Sie hat den Nationalsozialismus als Bedrohung früh erkannt und auch deshalb die Internationalisierung der Medizin gefördert. Nach dem Krieg hat vor allem Otto Wolff diese Medizin vorangetrieben und dann Michaela Glöckler mit ihrer weltumspannenden Aktivität – das gehört zu den glücklichen Fügungen. Es ist interessant, dass gerade Frauen als führende Persönlichkeiten dazu beigetragen haben, dass die Anthroposophische Medizin das wurde, was sie heute ist. Zu nennen ist auch Gerhard Kienle: der Impuls, dieser Medizin zur öffentlich-rechtlichen Anerkennung zu verhelfen. So gelang es, die Anthroposophische Medizin in der Anerkennung und Lehre zu verankern.

Girke Und wir feiern die Gegenwart! Zu ihr gehört, dass wir allein zur Mistel über 2000 wissenschaftliche Studien haben. In den letzten 20 Jahren hat die akademische Forschung in der Anthroposophischen Medizin an Fahrt aufgenommen, mit wachsender wissenschaftlichen Repräsentanz. Wir brauchen diese wissenschaftliche Repräsentanz, um das therapeutische Potenzial der Anthroposophischen Medizin zu zeigen. Wir wollen in Zeiten einer zunehmenden Automatisierung und Roboterisierung der Medizin zu einer Vermenschlichung der Medizin beitragen und dem wachsenden Bedürfnis der Patienten nach einer integrativen Behandlung entsprechen, sodass die Anthroposophische Medizin Teil der gesellschaftlichen Gesundheitsversorgung wird. Wir brauchen eine inhaltlich-spirituelle Weiterentwicklung dieser Medizin, denn wenn der Wesenskern nicht vital ist, dann verliert sich die Kraft. Das ist so ähnlich, wie wenn ein Mensch nicht mehr mit seinem seelisch-geistigen Wesen in seinem Leib wirkt und es dadurch zur Entkräftung kommt.

Öffentliches Interesse an ganzheitlicher, integrativer Medizin prallt auf politischen und akademischen Druck.

Girke Es gibt einen konstruktiven Druck. Die Menschen fragen: «Was könnt ihr?» «Was ist eure Wirksamkeit?» Das fordert uns im besten Sinne heraus. Zum anderen gibt es destruktiven Druck, eine Gegnerschaft wie die sogenannte Skeptikerbewegung, die glaubenskriegsartig einen Rückschritt in eine «naturwissenschaftliche Medizin» wie im 19. Jahrundert fordert, als hätte es herausragende Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts wie Thure von Uexküll und viele weitere nicht gegeben. Hier geht es nicht um eine wissenschaftliche Diskussion, sondern um einen vorgefassten Reduktionismus mit paradigmatischer Ablehnung der übersinnlichen Wesenheit des Menschen.

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Wir wollen zu einer Vermenschlichung der Medizin beitragen in Zeiten einer zunehmenden Automatisierung und Roboterisierung der Medizin und dem wachsenden Bedürfnis der Patienten nach einer integrativen Behandlung entsprechen.

Soldner Sie bekämpfen das, was Patienten wollen, und weichen dem Dialog aus. Interessant ist, dass dabei die klinische Forschung zur Anthroposophischen Medizin ignoriert wird, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Die Skeptikerbewegung ist in einem Maschinenmodell gefangen. Es ist kein Zufall, dass es vielfach die gleichen Vertreter sind, die auch den Klimawandel leugnen und für Atomkraftwerke eintreten.

Mich hat berührt, als Jürgen Schürholz sagte, jede Generation müsse so für sich die Wirksamkeit der Arzneimittel neu erobern oder neu gewinnen.

Soldner Deshalb haben wir 2005 begonnen, das Wissen der Ärzte, die jetzt therapeutisch arbeiten, zu erfassen und in unserem ‹Vademecum Anthroposophischer Arzneimittel› zu veröffentlichen. 274 Ärztinnen und Ärzte aus 19 Ländern haben mitgearbeitet. Hier ist möglich, sowohl eine skeptische Erfahrung darzustellen, also zu sagen, das wirkt bei mir nicht, als auch die therapeutische Erfahrung zu bestätigen oder zu erweitern. Es ist ein dialogisches Werk in fünf Sprachen geworden, das sich schon in einzelnen Gerichtsurteilen als Referenz wiederfindet. Wir sehen wirklich, wie jede Generation sich das Verständnis der anthroposophischen Arzneimittel neu erobern muss!

Girke Das ist nach schulmedizinischem Verständnis ungewöhnlich. Da gilt: Wenn ein Arzneimittel wirkt, so ist es egal, welche Generation es verschreibt oder nimmt. Tatsächlich ist es aber für die Arzneimittelwirksamkeit nicht unerheblich, welche Verbindung der Verordnende und der Empfangende zu dem Arzneimittel entwickeln. Wir brauchen nicht nur eine äußere Galenik, also Arzneimittelzubereitung, sondern auch eine innere, mit der wir das Arzneimittel begleiten. Sie setzt eine immer wieder neue Beschäftigung mit den Arzneimitteln voraus. Sie müssen zu einem Freund werden und nicht zu einem distanziert verordneten Pillensystem.

Soldner Dann gibt es die arzneimittelspezifischen Wirkungen. Die meist verkaufte Ampulle eines anthroposophischen Arzneimittelherstellers wird in der Tiermedizin eingesetzt, zu 99 Prozent von nicht anthroposophischen Tierärzten. Sie ist sehr wirksam bei der chronischen Nierenerkrankung von Katzen. Hier spielt die Einstellung der Katze natürlich keine Rolle. Ein Arzt muss zu all seinen Arzneimitteln, die er verwendet, ein waches Verhältnis haben. So hat sich auch bei vielen schulmedizinischen Mitteln die Sicht verändert. Über ein Antibiotikum, das viele noch heute für jede Blasenentzündung einsetzen, wissen wir heute, dass es Patienten gibt, die deswegen im Rollstuhl sitzen. Dass wir einfache akute Blasenentzündungen möglichst nicht mehr antibiotisch behandeln sollten, weil so viele Resistenzen die Folge sind. Die Anthroposophische Medizin bietet hier wirksame Alternativen.

Es zeigt sich, wie wirksam anthroposophische Arzneimittel sein können und wie nebenwirkungsarm sie sind. Sie werden aus Natursubstanzen gewonnen und aus ökologisch vorbildlicher Herstellung. Es wird Zeit für eine ökologische Wende in der Pharmazie, deren Produktion und Produkte die Umwelt in hohem Maße belasten!

Girke Die ökologische und die spirituelle Ebene unserer Arzneimittel hängen zusammen. Wie wir die Erde als lebendigen Organismus in ihrem Ursprung und Wechselverhältnis mit dem Kosmos zu verstehen suchen, so die Substanzen, die wir aus der Natur gewinnen, in ihrer Wechselwirkung mit dem lebendigen menschlichen Organismus. Dessen Selbstregulationsfähigkeit zu fördern, zu verstärken, zu harmonisieren und damit auch die leibliche Präsenz der seelisch-geistigen Individualität, ist das zentrale Anliegen unserer Pharmazie. Für uns ist auch sehr interessant, dass Kunsttherapie und Heileurythmie eine innere, meditative Ebene haben. Das Gestalten eines Bildes beinhaltet neben der Farbwirkung und dem Prozess, was kompositorisch dargestellt wird, auch ein inneres, meditatives Bild.

Was für Menschen, Ärzte, Therapeuten sind es, die jetzt als vierte Generation zur Anthroposophie kommen?

Soldner Es ist ein weiblich betontes Bild. Es sind Menschen im Informationszeitalter, das andere Anforderungen stellt: Multitas­king und das In-Einklang-Bringen von beruflichen Erfordernissen, Partnerschaft, Familiengründung und Kommunikation. Das bedeutet auch, dass der anthroposophische Landarzt, der 80 Stunden die Woche arbeitet, aber keine Mails beantwortet, ein Bild der Vergangenheit ist. Oft gibt es Paarbeziehungen, wo man sich die Aufgaben einer Praxis teilt und die berufliche Tätigkeit eine Teilzeittätigkeit ist. Kinderpausen kommen hinzu, und auch Väter bleiben heute erfreulicherweise einige Monate mal zu Hause. Das bedingt, dass die Assistenzarztzeit länger dauert, es mehr Zeit braucht, bis jemand als Fachärztin oder -arzt in die volle Patientenverantwortung einsteigen kann. Familiengründung, Teilhabe am modernen Leben, einschließlich der digitalen Kommunikation, erfordern Zeit. Insofern muss man jeden Arzt der älteren Generation durch zwei Ärztinnen und Ärzte der neuen Generation ersetzen. Die Patienten brauchen heute nicht weniger Zeit als vor 30 Jahren. Zum Teil haben wir es mit neuen Krankheitsbildern zu tun. Wenn man bedenkt, dass jeder vierte niederländische Student mit Burn­out kämpft, dann ist es ein anderes Profil als in den 80er-Jahren.

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Man kann durch die Gestaltung von Arbeit und gesellschaftlichen Beziehungen oft mehr für die Gesundheit tun als mit einer Sprechstunde für Ohrgeräusche.

Girke Man merkt auch, dass die Medizin kränker geworden ist. Viele Ärzte leiden unter Burnout. Bedrückend sind die Suizidraten unter Ärzten, besonders in der Anästhesie und der Psychiatrie, gefolgt von Notfallmedizin und Chirurgie. Wenn die therapeutische Tätigkeit nicht mehr den eigentlichen Zielsetzungen und Idealen einer menschenzugewandten Medizin folgt, sondern zu einem mechanischen Regelwerk wird, das ökonomischen Druckmomenten folgt, dann ‹brennen› innere Kräfte aus und der erlebte Sinnverlust weckt sogar Gedanken an den Suizid. Ideale und Empathiefähigkeit, mit denen oftmals das Medizinstudium begonnen wird, schwinden im Laufe der Studienzeit. Aus den Momenten der Erschöpfung folgt dann während der Berufstätigkeit eine gewisse ‹Resignation des Funktionierens›. Aus ihr entstehen aber auch Impulse, neue Wertsetzungen, Alternativen und eine wirkliche Menschen-, also ‹Human›-Medizin zu suchen. Wir sind froh, dass wir volle medizinische Ausbildungen haben.

Wie kommt es dann, dass anthroposophische Ärzte und Ärztinnen für ihre Praxis schwer Nachfolger finden?

Soldner Ein Krankenhaus wie Havelhöhe, das es bis 1995 noch nicht gab, beschäftigt jetzt über 60 Ärzte. Wir haben eine Konzentration junger Ärzte in Kliniken und einigen Städten. Tatsächlich fehlen sie dann auf dem Land. Wir haben aber viele Ärzte, die sich für Anthroposophie interessieren und jetzt zwischen 25 und 35 Jahre alt sind. Bis man so weit ist, dass man eine Praxis führen kann, was heute einen Facharzt voraussetzt, dauert es oft bis Anfang 40. Da sind momentan viele auf dem Weg. Im Moment haben wir für Deutschland und die Schweiz noch einen Mangel an 40- bis 55-Jährigen, die aber die Hauptlast der Patientenversorgung tragen. Wir erwarten, dass aus den jetzt vollen Seminaren viele nachkommen werden.

Medizinerinnen und Mediziner prägen häufig zentral das anthroposophische Leben. Woher kommt das?

Girke Zum einen ist das Arztleben auf ein Verstehen des Menschen ausgerichtet. Der Anthropos steht im Mittelpunkt der Anthroposophie. Für sein Verständnis kann viel aus der Perspektive des Heilens und einer an der Entwicklung des Menschen orientierten Medizin gewonnen werden. Zum anderen helfen wir als therapeutisch Orientierte gern, und zwar nicht nur medizinisch. Wenn eine Aufgabe oder Handlungsbedarf besteht, so folgen leicht Impulse zur ‹Therapie›. Ich mache es immer so: Wenn eine medizinische Ausbildung, Konferenz oder andere Veranstaltung in einem Land stattfindet, so freue ich mich immer, wenn Gesellschafts- und Öffentlichkeitsarbeit dazukommt. Meistens ist es dann ein Kongress im universitären Bereich, aber auch in der Anthroposophischen Gesellschaft und der Freien Hochschule.

Soldner Medizin ist nicht zu trennen von der Veränderung sozialer Verhältnisse. Gerade in armen, aber auch in reichen Ländern. Man kann durch die Gestaltung von Arbeit und gesellschaftlichen Beziehungen oft mehr für die Gesundheit tun als mit einer Sprechstunde für Ohrgeräusche. Also: Der Mensch steht im Mittelpunkt, aber es ist wohl allen Ärzten vertraut, wie sehr die soziale und die spirituelle Dimension des Lebens die Frage von Gesundheit und Krankheit entscheidend mitprägen. Es gibt leider viele Länder, wo die ärztliche Fürsorge einfach nur bedeutet, dass der Mensch genug zu essen und Zugang zu sauberem Wasser hat. Arzt sein ist einfach ein Beruf, der ein breites Spektrum hat – vom einzelnen Schicksal bis hin zu grundlegenden Fragen des Menschseins.

In diese Richtung geht ihr auch mit der kommenden Jahreskonferenz?

Moritz Christoph Deshalb ist es schön, dass die Jahreskonferenz der medizinischen Bewegung dieses Jahr von jungen Menschen vorbereitet wird. ‹Crossing Bridges› ist das Thema. Es geht um die Idee, Brücken zu bauen zwischen den verschiedenen Disziplinen – zwischen Ärzten und Kunsttherapeutinnen, zwischen Therapeut und Pharmazeutin, zwischen den Generationen. Wir wollen uns bei der Tagung auf die ‹Brückenvorträge› von Rudolf Steiner besinnen – als eine Konferenz, die im Leben steht und den Beteiligten viel Kraft gibt. Dazu gehört die organische Struktur der Tagung. Wir beginnen mit den ‹Elementen›, widmen uns am zweiten Tag den ‹Ätherarten› und steigen dann auf zu den ‹Bewusstseinsstufen› als seelischer Ebene. Mit dem Motto ‹Psychologie der Begeisterung› am vierten Tag haben wir das Ich im Auge. Es geht dann noch weiter, denn es folgt die Frage nach der Freiheit, also dem Ort, an dem das Ich aufblüht. Dann kommt die Frage: Was ist Liebe? Was bedeutet Hinwendung? Was kann die Liebe bewirken? Ich bin dabei gespannt, ob uns der Bogen gelingen wird, schließlich mit der Frage nach der Weisheit die Frage der Auferstehung der Substanz berühren zu können.

Was ist deine persönliche Antwort auf die Frage, was Liebe bedeutet?

Christoph Am meisten hat mich eine Stelle von Rudolf Steiner beeindruckt: Eigentlich wirken als Arzneimittel nur Licht und Liebe. Sonnenlicht, welches in den Pflanzen verwandelt ist in Liebe, kann helfen, den Schicksalsweg eines Menschen zu begleiten. Heilung ist Licht und Liebe.

Soldner Die wirkliche Diagnose, also die Erkenntnis des Patienten, ist ein Akt der Liebe. Ohne dass ich mich ihm oder ihr zuwende, werde ich sie nicht erfassen können.

Girke Liebe, Zuwendung und Interesse wirken lebensverlängernd, das kennen wir aus inzwischen schon recht zahlreichen Studien. Heute wissen wir, dass das Herzerkrankungsrisiko steigt, wenn Menschen isoliert sind. Das Überwinden von Isolation heilt. Es ist schon berührend, dass Rudolf Steiner die Lebensorganisation «Liebe-Leib» nennt und damit auf die heilende Wirksamkeit der Liebe als «größte Arznei» im paracelsischen Sinne hinweist.

Was ist euer Wunsch für das Jahr?

Soldner Wir wünschen uns, dass diese Feiern eine Resonanz finden, weltweit. Zur Weltkonferenz erwarten wir 1000 Menschen aus über 50 Ländern und eben nicht nur Ärzte. Das ist auch ein Glücksmoment der Anthroposophie: Die Anthroposophische Medizin ist nicht nur integrativ, sondern multidisziplinär begründet. Es ist auch da einzigartig (anders als bei der Homöopathie und der Schulmedizin), dass die Anthroposophische Medizin ein Organismus ist, in dem Pflege, Arzt und Therapeuten im Team zusammenarbeiten. Das wird immer mehr eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Von Psychotherapeuten bis zur Pflegefachkraft und von der Fachärztin bis zu den Heileurythmisten und Maltherapeuten. Und ausdrücklich möchte ich die Pharmazeuten, ob in der Apotheke oder in der Herstellung, hier mit einschließen. Sie spielen eine tragende Rolle.

Girke Wir wollen ja auch mit einem Film in die Öffentlichkeit treten, ‹Die Kunst des Heilens›. Wir zeigen, dass die Anthroposophische Medizin eine menschliche Dimension hat, dass Anthroposophische Medizin etwas ist, was im Du des anderen zum eigentlichen Ich führen möchte.

Christoph Von den jungen Menschen, die die Tagung vorbereiten, ist der Wunsch da, dass es für uns selbstverständlich ist oder wird, Brücken zum Geistigen zu schlagen. Dass es nicht mehr eine Besonderheit ist, sondern anerkannt wird. Dass man sieht: Es gibt eine geistige Seite, aus der zu handeln man lernen kann.


Matthias Girke ist Leiter der Medizinischen Sektion am Goetheanum, Georg Soldner ist der stellvertretender Leiter der Medizinischen Sektion am Goetheanum und Moritz Christoph ist Mitglied der Initiativgruppe für die Weltkonferenz 100 Jahre Anthroposophische Medizin.

Titelbild: Aus der Illustrationsreihe 5/G35 Adrien Jutard, 2019

(1) Oskar Schmiedel (1887–1959), Chemiker, der die anthroposophische Pharmazie begründete, 1921 Begründer der Weleda.

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