Haupt und Herz vereinen – Freiheit und Liebe entwickeln

Harrie Salman hat eine sehr anregende und verdienstvolle Schrift vorgelegt. Zwei geistige Lehrer des 20. Jahrhunderts werden hier behandelt und in ihrem sich ergänzenden Wirken erlebbar gemacht. Es gibt erstaunliche Parallelen in den Biografien von Rudolf Steiner (1861–1925) und Peter Deunov (1864–1944), aber auch große Gegensätze. Ähnliches ließe sich über ihr geistiges Wirken sagen.


Beide erleben im Alter von 19 Jahren entscheidende spirituelle Öffnungen. Steiner erkennt sein ewiges Ich, wovon sein erster erhaltener Brief Zeugnis ablegt; Deunov erlebt eine schwere Krankheit, wird aber geheilt durch die Hilfe des Christus. Er schreibt danach: «Mein Wunsch ist es, Christus zu gehören und für ihn für immer Zeugnis abzulegen.»1 Steiner hatte in dieser Zeit Begegnungen mit zwei Meistern, die ihm auf seinem Weg entscheidende Hilfen gaben.

Harrie Salman zeigt, wie beide nun eine Reifezeit durchmachen. In Rudolf Steiners Leben sind das die Jahre 1882 bis 1902 mit den Stationen Wien, Weimar und Berlin. Bei Deunov ungefähr die Jahre 1885 bis 1900, in denen er zunächst methodistischer Pastor wird, dann in Amerika studiert und mit 32 Jahren sein erstes Buch veröffentlicht: ‹Wissenschaft und Erziehung›. Steiner veröffentlichte ebenfalls mit 32 Jahren sein erstes Hauptwerk: ‹Die Philosophie der Freiheit›.

«Zwischen 1897 und 1900 machte Peter Deunov eine intensive spirituelle Entwicklung durch, in der er mit geistigen Wesen kommunizierte.» Er erfuhr in dieser Zeit eine Einweihung und bereitete sich auf seine Aufgabe als Weltlehrer vor. In denselben Jahren erlebte Rudolf Steiner tiefe Krisen und innere Entwicklungsprozesse. Salman schreibt: «Wahrscheinlich empfing er um 1900, als er geistig vor dem Mysterium von Golgatha stand, einen Abdruck des Ich des Jesus Christus.»

Nach 1900 beginnen beide mit ihrer spirituellen Wirksamkeit nach außen. Peter Deunov ist eine längere Lebenszeit vergönnt, er wird 80 Jahre alt. So kann er auch seine geistige Schule, die 1922 begründet wird, 22 Jahre lang leiten und aufbauen. Rudolf Steiners Leben ist von einer großen Tragik gekennzeichnet, nur neun Monate kann er die von ihm Ende 1923 neu begründete Anthroposophische Gesellschaft und die Freie Hochschule als deren geistiges Zentrum leiten und aufbauen. Dann folgt ein sechsmonatiges Krankenlager und ein früher Tod mit 64 Jahren. Allerdings wird auch das Wirken von Peter Deunov durch den Kommunismus und später den Zweiten Weltkrieg immer wieder erschwert.

Was ist der Kern der Lehren?

Die Anthroposophie versteht sich als Wissenschaft. «Der Weg zum Herzen geht durch den Kopf», heißt es schon in der ‹Philosophie der Freiheit›. Dementsprechend beginnt Rudolf Steiner immer wieder mit einer Erkenntnisarbeit, die sich schrittweise vertieft zu künstlerischem Tun (z. B. der Goetheanumbau als Gesamtkunstwerk) und bei religiöser Erhebung endet, das heißt bei einer freien Kommunion mit Geistwesen (z. B. die Mantren der Klassenstunden).

Peter Deunov beginnt gleich im Herzen, mit Gebetspraxis, gemeinsamem Erleben des Sonnenaufgangs, Paneurythmie im Freien und einem sozialen Gemeinschaftsbilden – die Weiße Bruderschaft ist keine Gesellschaft mit Mitgliedschaft und Satzung. Schüler, die mehr wissen (begreifen) wollten, wies er auf Rudolf Steiner hin. Deunov formulierte einmal: «Die Liebe muss den menschlichen Geist erfüllen. Sie muss sich vollständig, vollkommen und grenzenlos in der menschlichen Seele manifestieren. Sie muss auch im Herzen des Menschen als ihr Wesen wohnen. Sie muss im menschlichen Verstand als eine liebende Kraft wirken.»

Von der Bedeutung der Liebe für die weitere Evolution hat Rudolf Steiner immer wieder gesprochen und auch von dem Zentralorgan des Menschen, dem Herzen. «In dem Tempel des menschlichen Leibes befindet sich ein Heiligstes vom Heiligen. Viele Menschen leben in dem Tempel, ohne etwas davon zu wissen. Aber die, welche es ahnen, erhalten dadurch die Kraft, sich so zu läutern, dass sie in dieses Heiligste hineingehen dürfen. […] In die Mysterienstätte seines eigenen Herzens steigt ein Mensch hinein, dann geht ein göttliches Wesen aus dieser Stätte hervor und verbindet sich mit dem Gott draußen, mit dem Christus-Wesen.»2 In diesem Geiste kann die Verbindung von Rudolf Steiner und Peter Deunov erlebt werden.

Auf zwei Fehler in der Darstellung sei noch hingewiesen, auch im Hinblick auf eine zu wünschende zweite Auflage: Der Johannes-Bau, das spätere Goetheanum, wurde nicht nach dem Evangelisten Johannes so benannt, wie Salman schreibt, sondern nach einer Gestalt der Mysteriendramen, dem Johannes Thomasius. Und: Rudolf Steiner hat nach seiner Vergiftung am 1. Januar 1924 nicht eine «Menge Wasser» getrunken, «um das Gift zu neutralisieren», sondern viele Liter Milch. Sachkundig hat darüber Gerhard Wehr in seiner großen Rudolf-Steiner-Biografie geschrieben. Doch hiervon völlig unabhängig sei die vorliegende Darstellung allen an Spiritualität interessierten Menschen wärmstens empfohlen.


Buch Harrie Salman, Rudolf Steiner und Peter Deunov. Anthroposophie und Weiße Bruder­schaft über den neuen Menschen, Novalis-Verlag, Steinbergkirche-Neukirchen 2022

Grafik Fabian Roschka

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Fußnoten

  1. Alle Zitate stammen aus dem Buch.
  2. Rudolf Steiner, Zur Geschichte und aus den Inhalten der erkenntniskultischen Abteilung der Esoterischen Schule von 1904 bis 1914. GA 265, Dornach 1987.
  1. In der Rezension fehlen sehr wesentliche Aspekte, um fundamentale Unterschiede zwischen den beiden Persönlichkeiten zu erklären. Das Leben und Wirken von Peter Deunov hatte einen klaren und ausgeprägten religiösen Grundton. Sein Karma wählte offensichtlich Bulgarien als den besten Ort, um das zukünftige neue Christentum vor allem unter den slawischen Völkern Osteuropas zu verbreiten. Anders Rudolf Steiner, der keinen Lebensgemeinschaft gründete, und 1910 in der westlichen Welt in ausführlichen sechzehn Vorträgen (GA 118) die revolutionäre Darstellung der Christuserscheinung in der Ätherwelt präzis darlegte. Dabei fand er eindringliche Worte über den wahren Zweck und die Funktion der gesamten von ihnen erforschten Geisteswissenschaft: erstens eine Vorbereitung für die menschliche Wahrnehmung des Christus auf der ätherischen Ebene in unserer post-Kali Yuga Zeit; und zweitens die Bewahrung der Menschheit vor dem kommenden Erscheinen falscher Propheten, die sich als Wiederinkarnation des Christus im Fleische ausgeben werden. Die Entwicklung der ätherischen Wahrnehmung des Christus durch die Menschheit begann in den 1930-1940er Jahren, wurde aber durch den Angriff der Geister der Finsternis hinter dem Faschismus und dem Zweiten Weltkrieg verzögert. Gegenwärtig zeichnet sich ein dritter Weltkrieg ab, der sich nicht in erster Linie unbedingt militärisch manifestiert: die direkte Konfrontation zwischen Christus (mit seinem Verbündeten Michael) und allerlei ahrimanischen und soratischen Kräften, die mit allen Mitteln eine globale Diktatur des Materialismus antreiben und aufrechterhalten, um das neue Christusereignis zu bremsen oder sogar ersticken. Die Darstellung einer „großen Tragödie“ im Leben Rudolf Steiners durch „Krankheit und frühen Tod“ ist übrigens ziemlich übertrieben. Für einen Eingeweihten ist die Art und Weise seiner Desinkarnation niemals ein tragisches oder leidvolles Opfer nach unseren sonstigen irdischen Maßstäben.

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