Gruß zum 102. Geburtstag

Die Ärztin Traute Lafrenz-Page wurde am 3. Mai 2021 in South Carolina 102 Jahre alt.


Sie wurde 1919 geboren und hat das 20. Jahrhundert durchlebt, an der Seite von Hans Scholl nahe am Abgrund. Sie hatte große Lehrer, Erna Stahl, Professor Kurt Huber, Rudolf Steiner. Wenn der Volksgerichtshof am 3. Februar 1945 nicht zerbomt worden wäre, sie hätte 1947 nicht die Küste der USA erreicht. Sie hätte nicht Vernon Page getroffen, keine abgelegene Landpraxis eröffnet, nicht ‹Esperanza› in Chicago geleitet, ein Tageskinderheim für 100 seelenpflegebedürftige Kinder, darunter die Ärmsten der Armen. Traute im weißen Kittel, Dr. Page, massierend, Heileurythmie gebend, Heilmittel. Ein Zentrum der Kultur. Auch im Vorstand der Anthroposophischen Gesellschaft in den USA hat sie lange gewirkt. «Weißt du, in Deutschland wäre ich da nie hingegangen …». Sie war und blieb Hamburgerin, mit österreichischer Mutter, war mit Helmut und Loki Schmidt auf der Schule. Sie versteht etwas von Freiheit, Urteilskraft, eigenem Denken. Sie kam immer wieder nach Europa zurück, mit ihrem sagenhaften Kultur- und Bildungshorizont. Besuchte regelmäßig Inge Scholl, war mit der ganzen Familie befreundet, auch mit Erna Stahl. 1952/53 war sie mit ihren ersten zwei Kindern zur Fortbildung für ein Jahr in Wiesneck, als Vernon als Arzt im Koreakrieg war. 1960 kam sie nach Arlesheim, diesmal mit vier Kindern, für ein Jahr im Sonnenhof, Heilpädagogik und Heileurythmie. Als sie mit Julie Wallerstein bei den Mysteriendramen im Goetheanum war, sagte diese zu ihr: «Du und ich, wir haben damals ‹vor› dem Tempel gesessen und Suppe gekocht.» Sie haben schallend gelacht.

Trautes Intelligenz, ihr Humor, ihre nüchterne Geistesgegenwart und Tatbereitschaft, ihre Sicherheit und Toleranz in der Beurteilung von Menschen, ihre Kraft, Entschiedenheit und Milde, sie sind einzigartig, bis zum heutigen Tag. Sie schätzt keine Verbeugungen. Auch die Grußbotschaft des Deutschen Bundestags hat sie nicht beeindruckt.

Daher ein Geburtstagsgedicht (1924) von Rainer Maria Rilke. Der besteht vor ihren klaren Augen.

handinneres

Innres der Hand. Sohle, die nicht mehr geht
als auf Gefühl. Die sich nach oben hält
und im Spiegel
himmlische Straßen empfängt, die selber
wandelnden.
Die gelernt hat, auf Wasser zu gehn,
wenn sie schöpft,
die auf den Brunnen geht,
aller Wege Verwandlerin.
Die auftritt in anderen Händen,
die ihresgleichen
zur Landschaft macht:
wandert und ankommt in ihnen,
sie anfüllt mit Ankunft.


Titelbild: Traute Lafrenz-Page

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