Gisela Kaspar: Hell und heiter

Gisela Kaspar: Hell und heiter

Ob sie Rudolf Steiner begegnet sei, frage ich Gisela Kaspar, denn mit ihren 102 Jahren wäre das bei ihr gut möglich. «Oft», nickt sie lächelnd, «in seinen Schülern.»


In jeder Antwort der Jahrhundertfrau, die immer noch allein in ihrer Wiener Wohnung lebt, liegt etwas Überraschendes. Zwar meint sie, dass sie kaum mehr sehen könne, und doch scheint es, als ob ihr ganzer Körper Auge geworden sei – hell und heiter ist es um sie. Wohl 20 Jahre ist es her, dass sie regelmäßig astronomische Tagungen am Goetheanum besucht hat. Mit kurzer Geste imitiert sie Georg Glöckler, den damaligen Sektionsleiter. «Natur- und geistgemäß leben», antwortet sie, als ich danach frage, wie man denn glücklich alt werden könne, und ihr Lächeln verrät, dass sie weiß, dass die Antwort alles und nichts sagt. Mit 100 Jahren habe sie innerlich ihr Leben eigentlich abschließen wollen, doch es gehe einfach weiter. Sie liebt die Planeten, also vermute ich laut: «2020, zur Wintersonnenwende, ist die große Konjunktion von Jupiter und Saturn, ähnlich wie im Jahr 7 v. Chr. Vielleicht wollen Sie diese Konstellation von irdischer Warte aus verfolgen?» «Ich werde darüber nachdenken», verspricht sie, und ich ahne nur, zu welchen Sphären des Sinnens sie dabei Zugang hat.