Die soziale Plastik beginnt beim Hören

Zum Beuys-Symposium am Goetheanum in Dornach

Am 12. Mai 2022 jährte sich der Geburtstag von Joseph Beuys zum 101. Mal. Und vom 12. bis 15. Mai fand das ursprünglich für 2021 geplante, aber verschobene Beuys-Symposium am Goetheanum statt. Es bot die einmalige Gelegenheit, eine Reihe von Weggefährtinnen und Zeitzeugen, die das Wirken von Joseph Beuys begleitet haben, zu erleben.


Allen voran sein Meisterschüler Johannes Stüttgen: Er hat das sozialkünstlerische Anliegen von Beuys so verinnerlicht, dass es durch ihn eine neue Ausstrahlung erfährt, die auch mal zu produktiven Ausbrüchen führen kann. Philip Kovce charakterisierte ihn nach einem Podium entsprechend als «explodierende Fettecke». In seinem Vortrag ging Stüttgen auf den von Beuys oft und in verschiedenen Situationen und Variationen verwendeten Spazierstock ein. Selbst ein Meister der Zeichnung, zeichnete er auf eine Wandtafel über das von Beuys entwickelte Diagramm zur plastischen Theorie einen liegenden Spazierstock. Durch die nach oben gerichtete zurückweisende Krümmung und entsprechende Pfeile wurde deutlich, dass der von Beuys gemeinte plastische Prozess kein lineares Geschehen vom Chaos durch Bewegung zur Form ist, sondern mehrdimensional sowie gleichzeitig auch immer rückläufig gedacht werden muss. Das gilt auch für den Vorgang der Begriffsbildung selbst, wie er sich im Kopf des Menschen abspielt: Der Begriff muss zunächst im Spiegelorgan des Gehirns ersterben, um als lebendige Intuition auferstehen zu können. Nur wenn so der Begriff zur Plastik wird, entstehen «R-Ich-tkräfte für eine neue Gesellschaft (siehe Abbildung der Tafel).

Den Grund für solche Gedanken hatte zuvor Volker Harlan, Biologe und Theologe aus Bochum, gelegt. Er stellte eindrücklich dar, wie Beuys seine plastische Theorie schon Ende der 1940er-Jahre aus dem alchimistisch erfassten Bild der Pflanze entwickelt hat: Wie die Pflanze entsteht jede dem Leben verpflichtete Gestaltung – auch im Sozialen – zwischen den Polen Chaos (Sulfur) und Form (Sal), vermittelt durch die Bewegung (Mercur). Und auch der Mensch selbst entfaltet sein Wesen zwischen unbändigem Willen und zu festen Formen neigendem Denken, vermittelt durch die Bewegung im fühlenden Herzen. Vor dem Hintergrund dieser urbildlichen Gestaltungen werden die Einseitigkeiten heutigen Denkens und Handelns, gerade in Krisenzeiten, überdeutlich, aber ebenso ihre Entwicklungsmöglichkeiten.

Der Mensch ist das Werk

Antje von Graevenitz, die lange an der Universität Amsterdam gelehrt hat und als Publizistin, Kuratorin und kulturpolitische Beraterin tätig war, fragte speziell nach Beuys’ Vision von Auferstehung anhand zahlreicher Beispiele aus seinem Werk. Beuys war aus eigener Lebenserfahrung davon überzeugt, dass der Mensch im Durchgang durch Krisen bereits im Leben selbst eine Auferstehung erfahren kann, seine innere Entwicklung selbst in die Hand nehmend.

Kaum ein anderer hat das bildend-künstlerische Werk von Beuys so tief studiert wie Dieter Koepplin, es dabei stets sensibel mit dem ‹Lebenslauf/Werklauf› des Künstlers verknüpfend. Er hat die Präsenz von Beuys in Basel und speziell im Kunstmuseum als Leiter des Kupferstichkabinetts (1966–1999) und Kurator über viele Jahre maßgeblich begleitet, so auch die Entstehung der beiden Feuerstätten, die Thema seines Vortrages waren. In diesen ineinandergreifenden Werken wird das Anliegen des Symposiums mit dem Titel ‹Die Evolution sind wir!› (Beuys: «La rivoluzione siamo Noi – Die Revolution sind wir») besonders deutlich: Zwischen in Freiheit zusammenwirkenden Individuen entsteht ein produktives Spannungsfeld als «permanente Konferenz» (Beuys), aus der sich etwas Neues entfalten kann.

Der langjährige Leiter der Nationalgalerie für Gegenwartskunst in Berlin und 2021 Intendant der Veranstaltungen zum Beuys-Jahr in Nordrhein-Westfalen, Eugen Blume, ist Beuys selbst zwar nicht begegnet, hat sich aber mit seinem Werk intensiv verbunden. Er schilderte sehr persönlich seinen Weg aus dem sozialistischen Zwang zum ‹Wir› in der Bitterfelder Industrieödnis, getrieben vom Hunger nach Kultur. Durch ein Buch aus Achberg stieß er schließlich auf Beuys und dessen Überzeugung, dass jeder Mensch seine individuellen schöpferischen Fähigkeiten entfalten könne und somit ein Künstler sei. Damit wurde er in der DDR zum Dissidenten. Als Museumsleiter hat er dann erfahren, welcher Sensibilität es bedarf, um den jeweils eigenen Energieräumen der auszustellenden Beuys-Werke gerecht zu werden. Manchmal komme es im Arrangement auf Zentimeter an!

Auch der Züricher Kunsthistoriker Philip Ursprung ist Beuys nicht begegnet. Für sein Buch ‹Joseph Beuys: Kunst, Kapital, Revolution› (München 2021) hat er ganz bewusst keine Zeitzeugen aufgesucht, wohl aber die Orte von Beuys’ Wirken. In seinem Kick-off ging er auf eine charakteristische Vorgehensweise von Joseph Beuys ein: Dessen Ausgangspunkt war selten ein weißes Stück Papier oder eine frische Leinwand – weder im direkten noch im übertragenen Sinne. Sondern er hat stets Vorgefundenes aufgegriffen und um- bzw. neu gestaltet, sei es einen gebrauchten Briefumschlag, eine alte Zeitung oder ein stockfleckiges Papier. Und so hat er auch die Menschen nicht nach ihrer ihm meist unbekannten Vergangenheit beurteilt, sondern sie als Gegenwärtige ernst genommen. Eine Cancel Culture, wie sie heute herrscht, war nicht sein Ding. Vor diesem Hintergrund fallen auch viele ex post vorgenommene Kontaktschuldvorwürfe gegenüber Beuys in sich zusammen.

Beuys und die Anthroposophie

Der Philosoph und Kurator Wolfgang Zumdick, der einiges über Beuys’ Verhältnis zu Rudolf Steiner veröffentlicht hat, zeigte anhand früher «ultravisibler» Zeichnungen, wie Beuys auf ganz eigenständige Weise – jenseits eines wiedererkennbaren Stils – aus und mit der Anthroposophie gearbeitet hat. Diese hat überhaupt sein Schaffen stark geprägt, besonders auch sein gesellschaftliches Gestaltungsanliegen im Sinne der von Rudolf Steiner angeregten Dreigliederung des sozialen Organismus.

Eckart Förster, Philosophieprofessor in Baltimore/USA und Berlin, ging schließlich in seinem Vortrag auf Joseph Beuys’ Methode ein, mit der er versucht hat, wie Rudolf Steiner, aber «auf meine Weise den Menschen die Entfremdung und das Misstrauen gegenüber dem Übersinnlichen nach und nach wegzuräumen» (Beuys in einem Brief an Manfred Schradi): Anknüpfend an den dänischen Philosophen Sören Kirkegaard wollte er nicht auf direktem Wege wirken, durch Erzählen eigener übersinnlicher Erkenntnisse und Erfahrungen, sondern mit seinen Werken den Menschen diesbezüglich behutsam, doch auf durchaus provokante Art und Weise zu eigenen Erfahrungen und Erkenntnissen anregen. Dies zeigte Förster eindrücklich an dem aus bearbeiteten Basaltstelen bestehenden Environment ‹Das Ende des 20. Jahrhunderts›, das mit seinem Titel an Schilderungen Steiners anknüpft, aber den Menschen unmittelbar mit der Erfahrung konfrontiert, dass ein Neubeginn erst durch Erfahrung eines Endes, eines Todesmomentes im Leben möglich wird. Darauf hatte auf seine Weise auch Johannes Stüttgen am Beispiel der Krümmung des Spazierstockes hingewiesen.

Und damit wären wir auch wieder am Veranstaltungsort angekommen, dem Goetheanum. Joseph Beuys hat diesen Ort 1951 aufgesucht und dort für ihn wichtige Eindrücke am künstlerischen Werk Steiners gewonnen. Doch unter Anthroposophen und Anthroposophinnen hat er Zeit seines Lebens – zumindest als Künstler – vielfach Ablehnung erfahren; man war zu sehr im epigonenhaften Umgang mit Steiners Anthroposophie gefangen. Insofern ist dieses Symposium nach dem Kongress ‹Ursache Zukunft› im Jahr 2007 ein weiterer Schritt auf dem Weg einer ‹Wiedergutmachung›.

Beide Veranstaltungen hat Walter Kugler mitinitiiert, der über viele Jahre Leiter des Rudolf-Steiner-Archivs in Dornach war und durch seine in vielen großen Museen der Welt arrangierten Ausstellungen von Steiners Wandtafelzeichnungen im Gefolge von Beuys immer wieder Brücken zwischen der sich oft abschließenden anthroposophischen Welt und der allgemeinen Kultur gebaut hat. In seinem Vortrag suchte er Elemente einer plastischen Theorie im Werk Rudolf Steiners auf – Polaritäten wie Materie/Geist oder Punkt/Umkreis, die stets zeitlich wie räumlich ineinandergreifen und so eine Bewegung evozieren.

Das Symposion, Ort der Evolution

Der Ablauf des Symposiums war durch rhythmisch sich wiederholende künstlerische Momente wie Lesungen und musikalische Darbietungen gegliedert. Insbesondere durch Letztere wurde der für Beuys zentrale Vorgang des Hörens erfahrbar. Der Jazz- und Improvisationsmusiker Markus Stockhausen hat nicht nur mit seinen Trompeten und Hörnern den Klangkörper des Flügels oder des Westtreppenhauses im Goetheanum in Schwingung gebracht, sondern auch die Teilnehmenden täglich zum Singen und gegenseitigen Lauschen angeregt. Sehr eindrücklich war auch die Eurythmie-Performance von Martje Brandsma, u. a. zu einem Gedicht des jungen Beuys. Auf mich wirkte diese Vorstellung wie eine Überführung von Motiven aus den frühen, von Zumdick gezeigten Beuys-Zeichnungen in eine Aktion – ohne dabei illustrativ zu werden.

Das Evolutionsmotiv schließlich wurde durch tägliche Lesungen des Schauspielers Urs Bihler aus dem für die Arbeiter am Goetheanum gehaltenen Vortrag vom 30. Juni 1924 aufgegriffen, in dem Rudolf Steiner die Entwicklung vom alten Saturn über Sonne und Mond bis zur Erde erzählt. Es war erstaunlich, wie sich diese Schritte im Tagungsgeschehen widerspiegelten.

Nicht zuletzt gab es spannende Einblicke in Zukunftswerkstätten, die sich um die Verwirklichung der sozialen Plastik in verschiedenen Bereichen bemühen – sei es direkte Demokratie durch Volksabstimmung, seien es neue Formen des Handelns und Umgangs mit Geld und Eigentum an Grund und Boden. Der Omnibus für direkte Demokratie stand die ganze Zeit mit seinen gesprächsbereiten Lenkerinnen und Lenkern vor dem Goetheanum. Und auch die Teilnehmenden waren am Samstagnachmittag eingeladen, kleine Zukunftswerkstätten auf der Goetheanum-Terrasse zu bilden.

So kam auf dem Symposium vor dem Hintergrund persönlicher Begegnungen mit Joseph Beuys und seinem Werk ein breites Spektrum von Themen zur Sprache – immer mit der Frage nach ihrem Zukunftsgehalt. Gastgeberin und Gastgeber waren Christiane Haid, Leiterin der Sektion für Bildende Künste am Goetheanum, und Gerald Häfner, Mitbegründer von Mehr Demokratie und der Partei Die Grünen, für die er zeitweise als Abgeordneter im Deutschen Bundestag und im Europaparlament saß. Zurzeit leitet er die Sektion für Sozialwissenschaften am Goetheanum.


Bild Johannes Stüttgens Wandtafel. Foto: Stephan Stockmar

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