Die Alchemie des inneren Feuers

Manchmal laufen einem Bücher über den Weg, die die Aufmerksamkeit an sich ziehen, und sie müssen nicht unbedingt aus einem anthroposophischen Umfeld kommen. So ist es mir ergangen mit dem Buch von Hans Jörg Koch.


Der Titel resonierte in mir, ich recherchierte und entdeckte, dass der Autor in organischer Chemie promoviert hatte und viele Jahre in der Basler Chemie arbeitete. Heute ist Hans Jörg Koch als Unternehmensberater tätig. Mich interessierte der innere Zusammenhang seiner beiden Berufstätigkeiten. Auf seiner Homepage schreibt er: «Im Mittelpunkt steht der Mensch als Person und Möglichkeitswesen in Beziehung zu seinem Umfeld. […] Möglichkeiten, innerlich zu wachsen, erkenne und verwirkliche ich in meiner Interaktion mit der Welt, da, wo ich gerade bin. Inneres Wachstum und Selbstentwicklung werden zu einer Quelle von Sinn und intrinsischer Motivation.»

Der Angelpunkt obiger Aussagen liegt wohl in Kochs Verständnis von Alchemie. Da taucht er mit naturwissenschaftlicher Exaktheit in den Bereich sorgfältiger Innenwahrnehmung ein. Schon in den ersten Kapiteln setzt er sich intensiv mit der Bedeutung und auch den Folgen der empirischen Wissenschaft auseinander und zieht das Fazit, dass die Ausschließlichkeit eines Weltbildes begrenzend auf das Verhalten wirkt. Koch schürft tiefer und entdeckt den innigen Zusammenhang zwischen der Motivation und dem inneren Feuer oder Engagement, das sich mit der Tätigkeit verbinden kann.

Er macht darauf aufmerksam, dass es nicht nur um eine innere Haltung geht, die oft noch nicht ist, sondern erst hergestellt werden muss, sondern dass sich der im Arbeitsleben stehende Mensch in einer Dreiheit eingespannt erlebt. Auf der einen Seite als Individualität; dann innerhalb seines Tätigkeitsfeldes als bestimmte Rolle mit Funktionen; und diesen beiden steht ein Drittes gegenüber: Er muss mit einem seelisch reagierenden Umfeld rechnen. Koch weitet unser Bewusstsein, indem er die Fragen stellt: Wie offen bin ich für das Unerwartete? Oder liegt meine Neigung eher dort, die Welt gemäß meinen Vorstellungen beeinflussen oder prägen zu wollen? Diese Fragen verlagern das Bewusstsein dahin, sein eigentliches Lebensmotiv zu hinterfragen.

Kreuzungspunkt

Wo die Ehrlichkeit gegenüber sich selbst die Auswirkungen bestimmt, flicht Koch die Frage nach der Alchemie ein. Er schildert, wie der Alchemist das Bedürfnis zu experimentieren hat und Veränderungsprozesse bewirken möchte. Aber im Prozess selbst merkt er sehr bald, dass es der göttliche Funke ist, der die Veränderungen bewirkt. Somit bekommt das aufmerksame Verfolgen der Prozesse des Entstehens und Vergehens einen fast religiösen Charakter und durch den Mitvollzug erlebt er sich selbst im Kreuzungspunkt zwischen Innen- und Außenwelterfahrung. Dies bedeutet nicht nur einen Erkenntnisgewinn, sondern es lehrt ihn, wie Teilhabe, wie sein Involviertsein verwandelt wird durch das sorgfältig geprägte Beobachten und den Mitvollzug von Veränderungsprozessen und ihren Ursachen.

Dieser Kreuzungspunkt wird in der weiteren Darstellung zum eigentlichen Anliegen des Autors. Man wird in sich gewahr, dass im Mitvollzug sowohl das innere Feuer wie die innere Kreativität entzündet werden. Tritt dieser Kreuzungspunkt voll ins Bewusstsein, entdeckt man, wie er in einem größeren Lebenszusammenhang steht. Man blickt auf unterschiedliche Felder menschlicher Auffassungen. Aufgrund der Innenerfahrung ‹sieht› man die Haltung, dass das Leben ein Kampf ums Dasein sei und dass nur die Geeignetsten, d. h. die Angepassten, überleben können. In Anbetracht dieser Zivilisationsprägung formuliert sich die Frage, ob es eine andere Möglichkeit gäbe? Kann man auch umsichtig im Erleben und Anschauen des wirklich Vorhandenen leben und tätig werden? Was braucht es dazu?

Hans Jörg Koch zeigt auf, dass man eine erhöhte Erlebnisfähigkeit erzeugen und eine Praxis entfalten kann, die aus dem Handhaben-Können und gleichzeitiger seelischer Innenwahrnehmung bestehen. Der Handelnde entdeckt im Wirkenden, im Spannungsfeld zwischen Individualität, Funktion und Umfeld den Ansatz zur Ich-Freiheit. Er stellt sich bewusst in die Beziehungsebene hinein. Diese Praxis ist eine Kunst der Handhabung seiner eigenen Interaktion mit seinem Umfeld. Die im Wirken erschlossenen Ebenen, jenseits des Drangs, Eigeninteressen folgen zu müssen, offenbaren die inspirierenden Quellen des Umfeldes und eröffnen andere Möglichkeiten, tätig zu werden. Im Mit-Sein und Mit-Werden liegt eine ganz neue Lebensqualität.

Als ich dieses Buch las, fühlte ich mich zutiefst angesprochen. Was mich noch mehr begeisterte, war die naturwissenschaftliche Grundlage, auf der der Autor seine teilnehmende Beobachtung der Prozesse in eine lebensbejahende Kunst umwandelt, die ein jeder aufgreifen kann, um eine andere Zukunft zu bewirken, wenn er dies möchte.


Buch Hans Jörg Koch, Die Alchemie des inneren Feuers. Zum Verhältnis von Innen- und Aussenwelterfahrung. Verlag Königshausen und Neumann, Würzburg 2017

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