Dich tragen

Die ersten drei Strophen verhalten sich wie Kopf, Brust und Gliedmaßen zueinander. Die vierte gilt der Frage: Was hält die darin lebenden Seelenkräfte zusammen, wenn der Leib es nicht mehr tut? Wer trägt, wenn die das gewöhnliche Selbstbewusstsein tragende Welt fort ist?


Der Anfang beschwört die Wölbung der Ruhesterne. Da die Planeten wandern und von sich aus nicht leuchten, werden sie als Schwarzgestirn-Schwarm bezeichnet. Brenne ich dem Versteinerten das Bild des Kosmos ein, quellen Gefühlswasser auf. Sonst droht der Brustmensch zu verknöchern. Versteinerte Kopffüßler werden nach Jupiter Ammon benannt, da sie aussehen wie die Widderhörner dieses ägyptischen Gottes. Die aus einem Widderhorn gefertigte Posaune heißt Schofar und erklingt in einer Synagoge unter anderem am Ende des Versöhnungstages Jom Kippur. Der Schofar erinnert daran, wie Abraham zuletzt an Stelle seines Sohnes einen Widder zum Brandopfer brachte. Um die labyrinthischen Stadtmauern Jerichos zum Einsturz zu bringen, brauchte es sieben Umgehungen und sieben Schofaroth. Was die tiefstgelegene Stadt der Welt in sich birgt, spricht ihr Name aus.

Wenn menschlicher Wille am Gegenstand der Welt anstößt, bildet sich das Ichbewusstsein. Dem Widder ist es nicht zu verdenken, dass er als mauerbrechender Rammbock gegen das viele, was ihm angetan wurde, anrennt. Die Frage ist, wogegen nicht?

Grosse, glühende wölbung
mit dem sich
hinaus- und hinweg-
wühlenden Schwarzgestirn-Schwarm:

der verkieselten Stirn eines Widders
brenn ich dies Bild ein, zwischen
die Hörner, darin,
im Gesang der Windungen, das
Mark der geronnenen
Herzmeere schwillt.

Wo-
gegen
rennt er nicht an?

Die Welt ist fort, ich
muss dich tragen.

Paul Celan, Atemwende

Bei der letzten Zeile kann man fragen: ‹Wer bin Ich und wer bist Du?› So heißt das Buch, worin Gadamer versuchte, die erste Gedichtfolge von Celans ‹Atemwende› zu entziffern, dessen fünfte Folge mit ‹Großer, glühender Wölbung› beginnt. Als Gadamer hundertdreijährig starb, hielt sein französischer Antipode Jacques Derrida die Gedenkrede ‹Der ununterbrochene Dialog›. Hierin führte er über Gadamers Tod hinaus das zunächst gehemmte Gespräch fort. Derridas Rede war nicht zuletzt eine Meditation über die Schlusszeile des hier gedeuteten Gedichtes. Das Gedicht schildert, wie sich im Gesang der Windungen ein vom Gegenüberstehen einer Welt unabhängiges Ich aufrichtet. Es ist charakteristisch für Celans ganze Dichtung, dessen Verdikt klingt wie ein Schofar.

Print Friendly, PDF & Email

Letzte Kommentare