Corona-Zahlen richtig gebrauchen

Leserbrief zum Artikel von Helmut Kiene ‹Corona-Zahlen und Perspektiven› in ‹Goetheanum›, Nr. 41, 9. Oktober 2020.


Helmut Kiene gibt einige Rahmendaten zur Groborientierung in der Corona-Diskussion. Wenn er im zweiten Absatz die Mortalitätszahlen jenseits des deutschsprachigen Horizonts als teilweise sehr hoch einschätzt, illustriert er gerade, wie Zahlen falsches ‹Wissen› vorspiegeln können. Am 13. September sei für Belgien die Mortalitätszahl ca. elf Prozent; Gesamtzahl der bis dorthin gemeldeten Infizierten (‹total cases›) 92 478, hiervon Gestorbene 9 923 (‹total deaths›). Für Frankreich sei die Zahl ca. acht Prozent, für die usa drei Prozent. Belgien also wieder als ein schwarzes Loch innerhalb Europas? Gut bekannt sind aber zwei Fakten in Belgien: Erstens hat man in den Anfangsmonaten der Pandemie viele Sterbefälle Corona zugeschrieben ohne Beweise durch einen positiven PCR-Test. Es war ja damals viel zu wenig Testmaterial vorhanden. Ältere oder schon geschwächte Patienten, die starben mit – oder eben ohne – coronaähnlichen Symptomen, wurden mitgezählt. Jetzt wird richtiger gezählt, aber die ‹Coronatoten› von damals bleiben in der Gesamtzahl stehen. Diese bleibt also überschätzt.

Grafik: SL

Zweitens war die Zahl der ‹Infizierten› relativ gering, nur die positiven Tests wurden ja gezählt – während wahrscheinlich eine viel höhere Anzahl von Menschen das Virus bekam, ohne es zu wissen, unter anderem wegen zu geringer Testkapazität. Jetzt ist diese viel höher, die Zahl der ‹Infizierten› ist folglich explodiert. Die Zahlen für den 23. Oktober: 253 386 Infizierte, 10 539 Gestorbene. In sechs Wochen wäre also die Zahl der Infizierten mit Faktor 2,73 gestiegen, die Zahl der Gestorbenen nur mit Faktor 1,06. Würde man rechnen, wie Helmut Kiene zeigt, dann wäre die Mortalität von elf auf ca. vier Prozent gesunken. Dass das Virus so viel weniger gefährlich geworden wäre, ist ausgeschlossen. Man zählt einfach richtiger und testet mehr. Dazu gibt es sicher noch immer viel mehr Infizierte, die nicht getestet werden, weil sie einfach gar nicht oder nur in sehr geringem Maße krank werden. Die ‹Mortalitätszahl› ist also wahrscheinlich noch viel geringer. Richtiger wäre also gewesen, die Todesfälle kritisch zu hinterfragen und nicht über Mortalität zu sprechen, sondern über die Anzahl Gestorbener im Verhältnis zu positiv getesteten Personen. Die richtige Mortalitätszahl (besser: Letalitätszahl) einer Krankheit ist das Verhältnis der Anzahl der an einer bestimmten Krankheit gestorbenen Personen zur Anzahl der an dieser Krankheit erkrankten Personen. Und diese letzte Anzahl ist überall in der Welt höchst unklar.

Print Friendly, PDF & Email

Letzte Kommentare

  • Hallo Herr Hansen, es freut uns, wenn Ihnen dieser Beitrag...
    Franka Henn
    Franka Henn
  • Lieber Rolf Heine, vielen Dank für Ihren Beitrag. Ich kenne...
    Avatar
    michael2
  • Was für ein wunderbarer Aufsatz von Herrn Ben Ahron über...
    Avatar
    Kai Hansen
  • Schmerz mit allergie oder allergieen mit Schmerzen in menschlichen organen...
    Avatar
    Johannes DeNiet
  • Wirklich sehr zu schaetzendes Artikel! So vielschichtig, so bezogen, so...
    Avatar
    Babs Kruisdijk
  • Ich finde ihre Artikel immer sehr anregend. Und würde sie...
    Avatar
    Marion Koch
  • Ich denke,dass anthroposofische info den menslichen Geist kann bereichern um...
    Avatar
    Johann de Niet
  • Ich habe Unterschriften für die Volksabstimmung über das Grundeinkommen auf...
    Avatar
    margrith.kaeser
  • Hallo Adelheid, wenn ich fragen darf...sind die Bücher ihres verstorbenes...
    Avatar
    Herr Alejandro DODERA
  • Hallo, „ gleichwohl ist auch in der Anthroposophischen Gesellschaft und...
    Avatar
    Wieland Hartwich

Facebook