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Der würdevolle Unterschied

Anfang des neuen Jahres wurde die Welt brutal aufgeweckt. Zwei Brandherde zeigten sich simultan: das sich immer weiter ausbreitende Wildfeuer in Australien und die immer weiter außer Kontrolle geratende Krise im Nahen und Mittleren Osten.


Im Moment könnte es scheinen, als wäre in Australien eine Art Feuerpause eingetreten. Eines aber ist sicher: Der Brand wurde nicht gelöscht. Zwar hat es in den betroffenen Regionen geregnet, aber das Feuer schwelt unterirdisch weiter. Und auch im Iran, wo sowohl Präsident Rohani als auch der geistige Führer Ali Khamenei versuchen, die nationale Einheit wiederherzustellen, lodert das Feuer weiter.

Viele Trennlinien

Im Iran gibt es keine ‹nationale Einheit›, kein Zusammenhang stiftendes und einigendes Prinzip. Wenn in der Presse vom ‹iranischen Volk› die Rede ist, sollte man sich klarmachen, dass es immer nur um einen Teil der Bevölkerung geht. Es gibt keine einzige deutliche ‹Scheidegrenze›, die auf jeder Seite eine deutlich zu identifizierende Gruppe bestimmt, wie uns die Gewohnheit eines dualen Denkens immer wieder vorspielt. Es wäre relativ einfach, sich auf der einen Seite das iranische Volk und auf der andere Seite die heutigen Vertreter der Islamischen Republik vorzustellen, wovon sich dann alle anderen Gegensätze ableiten ließen: säkular vs. religiös, theokratisch vs. demokratisch, westlich aufgeklärt vs. rückständig, liberal vs. konservativ usw.

In Wirklichkeit gibt es viele ‹Trennlinien›, die in der iranischen Kultur und Gesellschaft seit Beginn wirksam sind und nicht nur im äußeren sozialen Leben ihre Geltungsmacht ausüben, sondern auch in jedem einzelnen Leben. Es hat einige Jahre gedauert, ehe ich es, sowohl vor Ort als auch dank vieler Gespräche, wahrnehmen und akzeptieren konnte, dass es keinen einheitlichen Iran gibt.

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Es hat einige Jahre gedauert, ehe ich es, sowohl vor Ort als auch dank vieler Gespräche, wahrnehmen und akzeptieren konnte, dass es keinen einheitlichen Iran gibt.

Zum Beispiel könnte ein junger Mensch, der voller Begeisterung für die Idee der Freiheit eintritt, den Westen doch aus verschiedenen, auch nicht politischen Gründen ablehnen. Oder jemand kann sein Leben in Einklang mit dem Islam gestalten, aber trotzdem die heutige Regierungsform dezidiert ablehnen. So jemandem würde man dann eher beim Gebet in der Moschee begegnen, aber zum Beispiel nicht bei einem offiziellen Trauerzug. Seine Familie wiederum kann genau das Umgekehrte tun. Die Tochter wäre vielleicht eine liberale, gebildete Frau, die an der Universität studiert. Sie betet und nimmt an den Demonstrationen ihrer Generation teil. Beides wird von ihrer Familie und ihrem Umfeld verurteilt. Schon die Frage, ob man im Land bleibt oder emigriert – eine der schmerzlichsten – treibt nicht nur Familien auseinander, sondern auch Einzelne in einen inneren Zwiespalt. Trotzdem ist noch immer vom ‹iranischen Volk› die Rede, als sei es eine Einheit.

Verhinderte Möglichkeiten

In der derzeitigen Krise hat es zwei Episoden gegeben, bei denen die Chance verfehlt wurde, über die Trennlinien hinauszukommen, wenn auch nur für einen Moment. Als nach einigen Tagen klar wurde, dass die iranische Luftabwehr ein Flugzeug abgeschossen hatte, folgte auf Twitter eine direkt an das ‹iranische Volk› adressierte Nachricht der us-Regierung, die dieses Volk für seine Tapferkeit und Kraft, sein Leiden zu ertragen, pries. Ein Meisterstück in Ambivalenz! Denn ja, die Iraner leiden unbestritten. Aber wenn man fragt, worunter sie leiden, zerbricht die sogenannte Einheit des Volkes unmittelbar in unzählige Teile. Dann wirkt eine solche Nachricht, wenig überraschend, nur noch trennender.

Ebenfalls einen Fehltritt tat Präsident Rohani in seiner Rede zur Nation am 15. Januar, in der er von einer Zeit andauernder Trauer sprach, in die das ‹iranische Volk› jetzt gestürzt worden sei. Ein Ereignis nach dem anderen zählte er auf, aber nicht die November-Demonstrationen, bei denen unzählige Menschen den Tod gefunden hatten. Sein Aufruf, aus dieser Trauer neue Formen der Einheit entstehen zu lassen, konnte die Trennungslinien damit nicht überwinden.

Universale Würde

Die Frage bleibt, ob dieses ‹Volk›, welches der Westen so gerne aus seiner Lage befreien und dessen Regierung er so gerne zur Einheit führen würde, von beiden Seiten tatsächlich in seiner menschlichen, universellen Würde anerkannt wird. Nur das wache Herz, in welchem diese ‹Trennlinien› brennend werden, ist imstande, darüber hinauszugehen und dadurch die Souveränität eines jeden wiederherzustellen, was mehr ist als ‹nationale Einheit›.

In den Worten des persischen Dichters Saadi (13. Jh.), die auf einem Wandteppich die Eingangshalle der uno in New York schmücken, heißt es: «Wenn andrer Schmerz dich nicht im Herzen brennet, verdienst du nicht, dass man noch Mensch dich nennet.»


Foto: Hasan Almasi, Tomb of Khaled Nabi, Iran

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