Der ‹Ich-Kosmos› als Gegenstand der Forschung

Mario Betti hat seit Langem ein großes Thema in sein Leben integriert: die zwölf Wege, auf die Welt zu schauen. Für die Frage nach der Methode der Anthroposophie geht er von einer Perspektive aus, die eine Art Torbogen zu den Weiten, Tiefen und Höhen der Anthroposophie bildet.


In dem Buch ‹Die Philosophie der Freiheit›, in welchem Rudolf Steiner die Polarität von Welt und Mensch, Materie und Geist, Wahrnehmung und Denken in der Erkenntnis der einheitlichen Wirklichkeit gipfeln lässt, finden wir einen bestimmten Blick auf die Welt: «Die Wahrnehmung ist also nichts Fertiges, Abgeschlossenes, sondern die eine Seite der totalen Wirklichkeit. Die andere Seite ist der Begriff. Der Erkenntnisakt ist die Synthese von Wahrnehmung und Begriff. Wahrnehmung und Begriff eines Dinges machen aber erst das ganze Ding aus.»1 Gleichsam gesteigert finden wir diese Perspektive wieder in seiner Autobiografie ‹Mein Lebensgang› geschildert: «So sagte ich mir auch: die ganze Welt, außer dem Menschen, ist ein Rätsel, das eigentliche Welträtsel; und der Mensch ist selbst die Lösung. […] Das ideelle Erleben, das aber das wirkliche Geistige doch in sich aufnimmt, ist das Element, aus dem meine ‹Philosophie der Freiheit› geboren ist. Das Erlebnis durch den ganzen Menschen enthält die Geisteswelt in einer viel wesenhafteren Art als das ideelle Erleben.»2 Als sich der Goethe-Forscher diese Worte in Weimar sagte, hatte er, wie er kurz davor schreibt, 36 Lebensjahre hinter sich und das Ende seiner Weimarer Zeit war nun erreicht. Im selbem Jahr 1897 zieht er in die Metropole Berlin ein, um seine über Welt und Mensch errungenen Erkenntnisse vor dem Forum der Zeit zu vertreten. Berlin wird ein bedeutender Meilenstein im Leben des reifenden Geistesforschers.

Die gut nachvollziehbare Grundtatsache, dass der Mensch die Lösung des Welträtsels ist, hat mich jahrzehntelang angespornt, bis heute auf diesem Weg, der gewissermaßen ins Gebirge führt, zu bleiben. Ich entdeckte dann nach und nach die Wichtigkeit der gesamten Sinneswelt in diesem ganzen Zusammenhang und ihre komplementäre Ergänzung durch die zwölf Weltanschauungen, die selbst für die Biografie Rudolf Steiners3 von großer Bedeutung wurden.

Die Welt der Sinne und die Welt des Geistes

Während meiner Tätigkeit als Waldorflehrer und Jahre später als Mitausbilder von Pädagoginnen und Pädagogen, unter anderem in den Fächern Pädagogische Anthropologie, Kunstgeschichte und Anthroposophie, konnte ich, dank der Vertiefung in die Welt der Sinne und in den vielschichtigen Kosmos der verschiedenen Weltanschauungen, auf dem begonnenen Weg zur Lösung des ‹Welträtsels› ein gutes Stück weiterkommen.

Die Wunderwelt der zwölf Sinne, wie sie Steiner nach und nach erforscht und genannt hat, erschien mir zunehmend als ein Teil der menschlichen Entelechie. Die Sinne eröffnen uns die reiche, ins Räumlich-Unendliche sich ausdehnende Welt der Wahrnehmungen: Tastsinn, Lebenssinn, Bewegungssinn, Gleichgewichtssinn, Geruchssinn, Geschmackssinn, Gesichtssinn, Wärmesinn, Gehörsinn, Sprachsinn, Gedankensinn und Ich-Sinn. Diese Wahrnehmungswelt stellt also die eine Seite des Weltganzen dar.

Die andere Seite wird von den zwölf Weltanschauungen in ihren vielfältigen Kombinationen hinzugefügt. Zusammen mit der Wahrnehmungswelt vermögen sie in ihrer vielfältigen Farbigkeit eine Antwort auf das Welträtsel zu geben: Materialismus, Sensualismus, Phänomenalismus, Realismus, Dynamismus, Monadismus, Spiritualismus, Pneumatismus, Psychismus, Idealismus, Rationalismus und Mathematismus. Sie auch sind letzten Endes Ausdruck der menschlichen Entelechie.

Über den Sinnesorganismus und seine Bedeutung sind sehr viele Werke erschienen4, während die zwölf Weltanschauungen noch ein relatives Nischendasein führen.5 Daher möchte ich jetzt in gebotener Kürze einen Blick darauf werfen.

Die zwölf Weltanschauungen als Wissenschaft vom Ich

Erst im Jahre 1914 entwarf Rudolf Steiner einen vollständigen Kreis von diesen zwölf Wegen der Erkenntnis. Seine allerdings skizzenhafte Darstellung wurde in Berlin anlässlich der ersten Versammlung der neu gegründeten Anthroposophischen Gesellschaft gegeben, und zwar nach der stattgefundenen Trennung von der Theosophischen Gesellschaft. Dort führte er aus: «Will man das Gewebe der Welt kennenlernen, dann muss man wissen, dass man es durch diese zwölf Eingangstore kennenlernt. […] Man muss in der Lage sein, um die Welt herumgehen zu können und sich einleben zu können in die zwölf verschiedenen Standpunkte, von denen aus man die Welt betrachten kann.»6

Zeichnung: Sofia Lismont

Nun möchte ich jetzt als Anregung ein sehr einfaches Beispiel geben, wie dieser Schlüssel, der im Prinzip Wissenschaft, Kunst und Religion erfasst, gehandhabt werden kann. Schauen wir uns eine Rose an. Der Phänomenalist wird Farbe, Form, Duft und anderes als reine Kundgebungen ihres Wesens erleben, denn für diese Weltanschauung ist das Faktische schon Theorie. Auch die Schönheit der Dinge ist ihr Gebiet. Die Sensualistin, mehr nach innen gewandt, wird unter anderem die Sinnesorganisation des Menschen untersuchen, denn ohne gesunde Sinne, betont sie, gibt es keine Erkenntnis. Ferner wird der Materialist anhand der chemischen Beschaffenheit der Rose zu großen Erkenntnissen vorstoßen, nicht zuletzt medizinisch-kosmetischer Art. Nun greifen die mehr spekulativ orientierten Forschenden ein: Die Mathematistin entdeckt im geometrisch-mathematischen Wunder der Rose bedeutsame Strukturen wie auch sonst im Weltenall und der echte Rationalist kommt, in seiner ruhigen Betrachtung dieser Blume im Kontext der ganzen Schöpfung, zum Gedanken ihrer sinnvoll-harmonischen Ganzheit, so wie er auch sonst vom Menschen als einem zum Wahren und Guten bestimmten Wesen ausgeht. Er ist der geborene Ethiker. Dem schließt sich die Idealistin in ihrer Begeisterung an, denn sie kann von dieser Rose zum Urbild aller Rosen in der unvergänglichen Welt der Ideen aufsteigen, so wie es Plato verkündet hat.

Mit Selbsterkenntnis, mit dem weiten Feld der Psychologie, aber auch mit der Frage der Tauglichkeit der Seele, die Welt – die Rose – objektiv zu erkennen, beschäftigt sich der Psychist. Aber die Pneumatistin vermag mit ihrem inneren Auge die Rose ahnend-schauend als Ausdruck der Weltseele zu erleben, in die sie dadurch für eine Weile eintauchen kann, während der wahre Spiritualist in seiner absolut vergeistigten Anschauung das Wesen der Rose im Geistesraum hierarchisch-spiritueller Wesenheiten erkennen wird. Und die Rose wird ihm so erscheinen wie dem Dichter Albert Steffen, der schrieb, dass Rosen seraphische Gaben sind. Damit wies er auf die Welt der Seraphim, der hohen Geister der Liebe hin – wie sie Rudolf Steiner genannt hat.

Gerade diese Vielseitigkeit der Anschauung und des Verständnisses kann im sozialen Leben ein großer Segen sein.

Und jetzt kommen noch die Dynamistin, die für alle Formen von Energie und Kraft in Gott, Mensch und Welt ein offenes Auge hat – so wie für die Vitalkraft der Rose. Der Realist in seiner ausgewogenen Anschauung vollendet diesen Reigen, indem er, gleichsam zusammenfassend und integrierend, auf die einheitlich wirkende Fülle von Aspekten aufmerksam macht, die in unserer Rose zu finden sind: Farbe, Form, Substanz, Seele und anderes.

Das Ich-Mysterium

Letzten Endes, jetzt allgemein gesehen, stellt man fest, dass alle Weltanschauungen im Bunde mit allen Sinnen Ausdruck der allumfassenden Wahrheit sind, die das eigentliche Ich-Mysterium ausmacht. Aber es versteht sich auch, dass im konkreten Leben starke Einseitigkeiten auftreten können, und Ansprüche, ob wissenschaftlicher Art oder nicht, im Besitz der vollgültigen Wahrheit zu sein, obwohl jede Weltanschauung der Ergänzung bedürftig ist. Aber gerade diese Vielseitigkeit der Anschauung und des Verständnisses kann auch im sozialen Leben ein großer Segen sein. Das konnte ich in jahrzehntelanger Zusammenarbeit mit Kollegien und anderen Berufsgruppen faktisch erleben.

Einige Unternehmensberatende arbeiten sogar schon lange international mit einem solchen Schlüssel.

Freilich: Zur Forschung eines solchen Ich-Kosmos gehören ebenfalls Fragen nach Herkunft, Höherentwicklung und Zukunft des Ich, aber auch Fragen, die in das Gebiet des Karma eindringen. Und gewiss nicht zuletzt ist hier auch das Rätsel zentral, wie sich unser Ich zu der Fülle der Gottheit verhält, in der wir täglich leben, weben und sind, wie sich der Apostel Paulus ausdrücken würde.

In einem Vortrag aus dem Jahre 1910 in Wien7 weist Rudolf Steiner auf diese höhere Dimension des ‹Ich› im Zusammenhang mit den zwölf Weltanschauungen hin. Er sagt, dass sich in der geistig-imaginativen Welt8 unser Ich als Zwölfheit zeigt: «Es gibt zwölf verschiedene Bilder jedes einzelnen Ichs, und erst dann, wenn man von zwölf verschiedenen Standpunkten aus […] dieses betrachtet hat, hat man sein vollständiges Ich begriffen. Es verhält sich diese Anschauung des Ichs von außerhalb genau so wie etwas, was sich abspiegelt im Verhältnis der zwölf Sternbilder des Tierkreises zur Sonne. Wie die Sonne […] sozusagen von zwölf verschiedenen Standpunkten unsere Erde bescheint, so bescheint sich auch das Menschen-Ich von zwölf verschiedenen Standpunkten aus, wenn es zurückblickt von der höheren Welt.»

Diesen Ich-Kosmos weiter zu erforschen, theoretisch und praktisch, ist eine noch offene Aufgabe für Gegenwart und Zukunft.

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Fußnoten

  1. GA 4, im Kapitel: Das Erkennen der Welt.
  2. GA 8, S. 319 f.
  3. Ebd. Siehe vor allem S. 235 f.
  4. Siehe u. a. die umfassenden Arbeiten von Hans Erhard Lauer, Die zwölf Sinne des Menschen. 2. Aufl. Schaffhausen 1977, und Die Sinne des Menschen und die Entwicklung der Künste. Schaffhausen 1980.
  5. Siehe Mario Betti, Zwölf Wege, die Welt zu verstehen. 2. Aufl. Stuttgart 2007 und Corinna und Ralf Gleide, Der Sternenhimmel der Vernunft. Stuttgart 2008.
  6. Der Menschliche und der kosmische Gedanke. GA 151, Vortrag vom 21. Januar 1914.
  7. Vom 29. März, in: Makrokosmos und Mikrokosmos. GA 119. Die hier zitierte Passage ist diesem Vortrag entnommen.
  8. Zur imaginativen Welt siehe u. a. den Vortrag vom 25. Mai 1905 in: Die Theosophie des Rosenkreuzers. GA 99.

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