Alles fragt nach dem Sinn

Harald Matthes begegnet der Covid-19-Pandemie als Arzt am Krankenbett und als Klinikleiter in politischen Beratungen. Bald jährt sich die erste Covid-19-Infektion. Sie greift mit Atemwegen und Lunge die Mitte des Menschen an, und die Mitte des Menschlichen ist es auch, aus der sich die Lösungen zeigen. Die Fragen stellte Wolfgang Held.


Wir haben jetzt bezüglich Covid-19-Erkrankung sehr viele Menschen mit einem Infektionsnachweis, jedoch ohne dass sie Krankheitssymptome zeigen. Wenn es doch zu Symptomen kommt, zeigen diese sich als Infekt der oberen Luftwege, trockener Husten, Fieber und Kopf- oder Gliederschmerzen. Es kann zu einer Lungenentzündung kommen, mit der Tendenz zu Folgeschäden. Die Lunge kann fibrosieren und verliert ihre Elastizität. Das nächste, dann lebensbedrohliche Stadium tritt ein, wenn die Erkrankung auf das Herz-Kreislauf-System übertritt. Hier fängt mit einem Mal das Blut an, Thromben (Blutgerinnsel) zu bilden, die sich in den Lungenkapillaren und anderen Organen ansammeln können. Die Krankheit betrifft den mittleren Menschen, dort wo die aufbauenden Stoffwechselprozesse (Leber) und die abbauenden Nerven-Sinnes-Prozesse im rhythmischen System von Lunge und Herz zum Ausgleich kommen. Die Covid-19-Erkrankung stört diesen Ausgleichsprozess. Das geschieht im Organismus und auch gesellschaftlich, denn aktuell ‹behandeln› wir vor allem die Bilder der Krankheit in unserem Kopf und weniger die Patienten in den Kliniken.

Die Erkrankungen sind jetzt überschaubar. In unserer Klinik Havelhöhe in Berlin haben wir derzeit nur drei Patienten mit leichtem Verlauf und einen auf der Intensivstation, und deutschlandweit sind es gerade 200 Patienten. Unser Handeln hat sich abgekoppelt von der Wirklichkeit, gleichzeitig dissoziiert unsere Gesellschaft, indem manche Schreckensszenarien ausmalen, während andere von Einbildung sprechen. Dazu gehört, dass die wenigsten tatsächlich Erkrankten begegnet sind. Die Bedrohung ist also für viele nicht erfahrbar, sondern sie lebt vielmehr durch Medienbilder in der Vorstellung. Covid-19 stellt uns also vor die Aufgabe, im Organismus und in der Gesellschaft, die gesunde Mitte zu finden und unser Handeln an der Wirklichkeit auszurichten.

Wie sollten wir handeln? Unser Handeln sollte risikostratifiziert erfolgen. Politisch scheren wir aktuell alles über einen Kamm: Alle sollen eine Maske tragen. Das macht bei einer Grundschule, wo die Kinder gesundheitlich nicht gefährdet sind, wenig Sinn, während es bei Menschen wichtig ist, die älter sind und Risikoerkrankungen haben oder mit älteren Menschen verkehren. Statt kollektiver allgemeiner Regeln mit hohem sozialem Unangemessenheitspotenzial risikostratifiziertes und damit situativ angemessenes Handeln mit Aufruf zur Eigenverantwortungsübernah­me. Aufklärung und Verantwortungsübernahme durch das Individuum spalten weniger als starre kollektive Regeln durch die Politik.

Politik und Schulmedizin berufen sich auf Ratio, handeln hier aber erstaunlich irrational. Die Gesellschaft für evidenzbasierte Medizin, hat in einer Stellungnahme zu den Covid-19-Maßnahmen1 aufgezeigt, dass viele Entscheidungen und Regeln um die Coronapandemie diesen Bezug vermissen lassen. Wir erleben erneut eine Politisierung der Medizin. Wir dürfen nicht vergessen, welch schlechte Erfahrungen wir in Deutschland mit Begriffen wie ‹Volksgesundheit› gemacht haben, wo der oder die Einzelne zugunsten einer Gesundheit aller sich zu verhalten hat. Wenn es heute heißt, man handle nur dann sozial, wenn man keine Infektionsquelle darstelle, dann wird nicht das Individuum in seinem sozialen Kontext mit seinen besonderen Risiken, Krankheiten und Therapien betrachtet, sondern der Fokus auf die ‹Volksgesundheit› gelegt und damit das Individuum dem Kollektivgedanken untergeordnet. Eine pluralistische Zivilgesellschaft lebt von dem gesellschaftlichen Engagement und der Verantwortungsübernahme des Individuums für gesellschaftliche Prozesse und schützt die Schwächeren, aber ordnet diese nicht dem Kollektiven unter.

Was wird uns der Herbst bringen? Die Nachweisevon Infektionen werden erneut steigen, die intensiv­medizini­schen Belegungskapazitäten aber werden, wie auch im Frühjahr mit max. 15 Prozent, in Deutschland nicht erreicht. International lohnt es sich zu differenzieren: In Ländern wie Brasilien oder Indien, wo die Lage weit weniger entspannt ist als bei uns, lebt die Gesellschaft anders zusammen, haben die Menschen andere Konstitutionen. Die Hoffnung vieler, dass wir jetzt aus der Covid-19-Pandemie Lehren ziehen, erfüllt sich bisher nicht. Stattdessen scheinen alle staatlichen Stellen auf eine mögliche Impfung zu setzen. Dabei mehren sich gegenwärtig die Zeichen, dass von einer möglichen Impfung gar nicht die umfassende Lösung zu erwarten ist. Wir wissen nicht, wie lange der Immunschutz anhält und wie sicher solch eine Impfung ist. Wir kurbeln in Deutschland die Wirtschaft mit 1,3 Billionen Euro an und tun fast nichts auf dem ökologischen Feld. Statt Zukunftsumbau zu einer Gemeinwohlökonomie wird Altes und Krankes durch Subvention erhalten. Zoonosen (Virus geht vom Tierreich auf den Menschen) sind Indikatoren gestörter Ökosysteme mit Diversitätsab­nahme. Verantwortliches politisches Handeln sollte die Krise zur Umgestaltung nutzen.

Me-too-Debatte, Fridays for future und nun Covid-19 – sind das Symptome einer großen Transformation unseres Lebens? Es geht um den Umgang von Mensch zu Mensch und von Mensch zu Natur. Dabei werden wir überall darauf hingewiesen, dass wir die Frage nach dem Sinn stellen müssen, nach einer anderen, umfassenderen Ethik. Sie sollte darin bestehen, dass wir die Würde des Planeten und aller Lebewesen erfassen, wenn wir darin etwas Spirituelles und damit unserem Wesen Gleiches erkennen. Die Pandemie zeigt: Wir erschaffen und bespielen im Wirtschafts­leben zwar globale Märkte, aber wir denken nicht global und schon gar nicht nachhaltig. Sonst hätten wir in der Gesundheitsindustrie die Medikamentenherstellung nicht nach Indien und China verlagert. All die Krisen rufen uns zu diesem Sinn-Wechsel auf.

Welcher Änderung sollte sich die Anthroposophische Medizin stellen? Anthroposophische Medizin ist patientenzentriert und stellt die menschliche Beziehung und Begegnung in den Mittelpunkt. Ökonomisierung des Gesundheitssystems darf Krankheit nicht zur Ware werden lassen. Wir haben daher in unserem Hause interdisziplinäre und interprofessionelle Selbstverwaltungsprozesse als Sozialstruktur entwickelt, die ein Klima von Menschlichkeit und sozialer Wärme statt von zunehmender Ökonomisierung der Krankenversorgung ermöglichen soll.

Wie hat das Jahr dich verändert? Die Coronakrise ist Chance und Risiko. Sie ist auch Folge der ökologischen Krise und gibt durch die Aktivierung zivilgesellschaftlicher Kräfte die Chance zur Umgestaltung. Gemeinwohl­ökono­mie und Nachhaltigkeit sind die eine Chance. Wichtiger für mich ist die Änderung der Haltung der Menschen zueinander und zu Umwelt und Erde. Polarisiert Covid-19 die Gesellschaft weiter, wo diese auch bereits vorher schon zu zerbrechen drohte, und zeigt die ökologische Krise die Distanzierung der Menschheit von der Natur, so ist meine Erkenntnis einer notwendigen Haltungsveränderung: Die Würde des Menschen wie auch der Erde als lebendiger Organismus wird nur real erlebbar und führt zu einer Handlungsänderung, wenn wir darin ein spirituelles Wesen oder einen wirkenden Geist erleben können. Auf Covid-19 antworten heißt, Herzenskräfte zu Mensch und Natur gleichermaßen zu aktivieren!

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Fußnoten

  1. EbM-Netzwerk/Covid-19
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  • Danke, für diesen sinnstiftenden, besonnen und einfühlsam ordnenden Artikel!
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