Europa am Zug

Wenn Außerirdische die Erde besuchen würden, empfiehlt Peter Sloterdijk Europa als Landeplatz,1 denn hier würden die Aliens die friedlichste Seite der Erde finden. In seinem jüngst erschienenen Buch zu Europa ‹Der Kontinent ohne Eigenschaften› erklärt er seinen Ratschlag: Während die USA seit 100 Jahren imperiale Denkformen verfolgen und «der russische Dämon nach einer Scheintodphase wieder erwacht sei», habe Europa den gesamten Lehrgang des Imperialismus durchlaufen und sei nun in einem «tragischen Bewusstsein» aus der Weltgeschichte ausgetreten. Anders als China, das wirtschaftlich seine imperialen Karten ausspielt, und auch anders als der Nahe Osten, wo die Mächte nach Expansion schielen, sei Europa vom Habenwollen kuriert.

Doch nun – wo die Welt so zusammenrückt – holt das Weltgeschehen Europa ein. Europa, der Weltgeschichte entrückt als wäre es im Urlaub, erlebe nun sein Urlaubsende. So skizziert es der Denkpoet und weiter: Man fühle sich in Europa im Heimreiseverkehr angekommen. Um im Bild zu bleiben: Europa, nun in den Niederungen von Macht- und Interessenpolitik angekommen, ist am Zug, seine Urlaubserfahrung, seine Friedfertigkeit im rauen Alltag zu wahren. Ja, Europa ist am Zug.


Bild Die Statue des Heiligen Wladimir in Kiew 2022, eingehüllt zum Schutz vor russischen Bomben. Foto: Maksym Pozniak Haraburda

Fußnoten

  1. Peter Sloterdijk, To those who have, all shall be given. In: European Voices 6/25.

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