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Zum Hellsehen muss es dunkel sein

Zur Neuauflage von Karl Ballmers Schrift ‹Elf Briefe über Wiederverkörperung›.


Also gut, ich werde das versuchen: eine Buchbesprechung der Neuauflage einer Schrift von Karl Ballmer. Wofür steht das ‹also gut› im Texteingang? Ich hatte eine Anfrage seitens der Wochenschrift an mich, ob ich ‹Lust› hätte, so etwas zu machen, bereits abgelehnt. Lust? Nun, ich lese Ballmer seit 40 Jahren. Lust konnte ich dabei keine empfinden. Wieso sollte das heutzutage für mich anders sein. Ich griff zu besagter Schrift und empfand den gleichen Widerwillen, wie ich ihn, Ballmer lesend, bereits von mir kannte. Die Bücher in meiner Ballmer-Sammlung sehen auch dementsprechend aus. Fleckig, eingerissen, eben nahezu verschlissen. So manches davon schleuderte ich quer durch meinen Arbeitsraum. Meine Katzen begannen daran zu nagen. Meine Kinder nutzten sie als Grundlage für erste Kritzelversuche. Wie soll also jemand wie ich sich dazu in der Lage finden, mit Lust so eine Rezension zu schreiben? Meine heutige Antwort darauf ist recht einfach. Aus Dankbarkeit gegenüber Karl Ballmer. Meine Dankbarkeit wird sich im Nachstehenden darin zeigen, wie ich eine Buchbesprechung in eine Buchbeschwörung meinerseits wandeln werde.

Mein immerwährender Widerwille gegenüber Ballmer stärkte den Eigenwillen in mir. Denn der Typ geht mir einfach auf den Geist. Das zu beschwörende Wesen wird also sein: das Geistwesen, ‹der Mensch›. Eben ein jeder, der dies gerade liest. Denn, von diesem Wesen sagt Ballmer im ersten Brief: «Man kann nicht sagen, dass die Menschen (Meier, Müller, Huber, Schiller) ‹sich wiederverkörpern›, sondern man muss sagen: In wiederholten Erdenleben sind die Menschen (Meier, Müller, Huber, Schiller) Teilnehmer an den Wiederverkörperungen des (groß geschriebenen) menschen.»

Man spricht gern vom guten Willen, aber fällt der mal eben so vom Himmel? Nein. Der zunächst liegende Wille ist der Eigenwille. Und gut empfinde ich mich bereits dabei, indem ich ihn jetzt dafür nutze, einen Leser dieses Textes auf Ballmer ‹neugierig zu machen›. Wie? Mit dem glühenden Widerwillen meinerseits. Sind denn die Menschen bloß die ‹Bretter› einer Schaubühne, die eine ganze Welt bedeutet? Das bringt mich immer wieder erneuert aus meiner Fassung. Als würde Ballmer mir meine Glühbirne rausschrauben und ich stehe im Dunkeln.

Wandelgänge

Die Kernaussage der hier zu beschwörenden Schrift, das ist mir diejenige, die ich eben zitierte. Alle weiteren Gedankengänge der Schrift kann ich inzwischen als solche Wandelgänge sehen, in denen ich mir den obigen Gedanken Ballmers anverwandeln kann. Denn Ballmer spricht anhand von Gegensätzen. Dadurch kann ich gewahren, dass er den Widerwillen, also die Freiheit eines Lesers achtet. Es obliegt mir selbst, ob ich mich zwischen solchen Gegensätzen empfinden will. Eben in so einem Leseraum, in dem ich, anhand der Substanz in mir, einen fruchtbaren Boden zu freier Verfügung stellen kann. So einen, in dem die Kerngedanken Ballmers Wurzel fassen können. Gelingt mir das, empfinde ich mich wie in einer Dunkelkammer. In ihr kann ich Wurzelfragen belichten. Ballmer selbst studierte Steiner im Dunkeln. Seine Wohnzimmerwände hatte er schwarz gestrichen. Denn, so seine Aussage: «Zum Hellsehen muss es dunkel sein.»

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Wer spricht? Das Lebewesen, das aus Buchstabenfolgen die Gedanken schöpft, die es zuvor als ‹ein› Geschöpf seiner selbst so gesetzt hat?

In seiner Schrift widmet sich Ballmer dem Kapitel ‹Wiederverkörperung des Geistes› aus der ‹Theosophie› Rudolf Steiners. Das lesend, hatte ich keinen Widerwillen empfunden. Die Erklärung dafür ist recht einfach. Ich hatte mir alles so zurechtgelesen, dass es in meine Fassung passte. Womit ich nun wieder bei meiner Glühbirne angelangt bin. Zwar war ich gespannt auf die Aussagen des Hellsehers Rudolf Steiner, aber ich wollte die mit meiner ‹Birne› beleuchten. Und Karl Ballmer hat mir selbige rausgedreht.

Sprachvermögen eines sprachlosen Lesers

Bloß unter sich sind die Buchstabenfolgen Ballmers sprachlos. Sie bedürfen der ‹Sprache› eines Lesers. So eines Lesers, der sein Sprachvermögen zu freier Verfügung stellen will. Dabei wird ein Leser selber sprachlos. Daher frage ich mich: Wer spricht, indem eine sprachlose Buchstabenfolge mich, als sprachlosen Leser, anspricht? Und das auch noch mit derselben Sprache, in der ansonsten ich selbst spreche. Wer spricht? Gemäß des besagten Satzes seitens Ballmers: der Mensch. Also das Lebewesen, das als Schöpfer zugleich seinen Geschöpfen innewohnt? Das Lebewesen, das aus Buchstabenfolgen die Gedanken schöpft, die es zuvor als ‹ein› Geschöpf seiner selbst so gesetzt hat? Und dabei sich, von sich selbst, angesprochen empfindet? Sollte es so sein, wäre das das Selbstgespräch des Lebewesens: der Mensch?

Der Stuss, der gerade durch mich hier abgesondert wurde, der soll eines der Geschöpfe des Menschen sein? Genau so was, das macht meine ‹Birne› fassungslos. Rausgedreht von wem? Oben sagte ich: Karl Ballmer hat mir selbige rausgedreht. Und nun? Oder ist es der Mensch, der, in einem seiner Geschöpfe, eine ‹Glühbirne› rausschraubt. Dafür rausschraubt, dass er auch in seinen Geschöpfen bei sich selbst sein kann? Also selbstleuchtend?

Mit den ‹Elf Briefen› wird es dir, Leser, kaum anders ergehen. Ein weiteres Beispiel aus Brief 4. «Wie werde ich zu einem verantwortungsfähigen Theologen über die in dem Buche ‹Theosophie› geschilderte Wiederverkörperung des Geistes sprechen? Ich werde dem Theologen zu sagen haben: Das Subjekt der Wiederverkörperung ist der von euch Theologen als Schöpfer beschriebene Gott. Denn in der Theosophie figuriert ‹der Mensch› an der Stelle, an die von den Theologen Gott gesetzt wird. […] Der Theologe lernt: Die Geistesmenschen, der Meier, Müller usw., sind Teilnehmer an den Wiederverkörperungen Gottes. Seine Wiederverkörperungen sind Schöpfung des Schöpfers, und der Schöpfer ‹ist› diese seine Schöpfung.»

 

 


Randnotiz

Die ‹Elf Briefe› sind dem Spätwerk Ballmers zugehörig. Von Rembrandt wissen wir, er blieb darauf sitzen. Kaum jemand betrat seine Werkstatt, von dem Rembrandt sagen konnte: Er stand sprachlos und ich vernahm, das Bild spricht ihn an. So erging es Ballmer bereits mit seinem Frühwerk. Das begann mit seinen ‹Rudolf-Steiner-Blättern› im Juli 1928. Nach knapp zwei Jahren fehlte ihm das Geld für die Druckkosten. Hier die ersten Sätze daraus: «Der Kern aller Lehren Rudolf Steiners kann in lapidarerer Weise nicht ausgesprochen werden, als es in dem folgenden Satze geschieht: Im Denken steht der Mensch im Elemente des Ursprungs der Welt, hinter dem etwas anderes zu suchen als sich – den Denker – selbst, für den Menschen keine Veranlassung besteht. […] Scharf und schneidend setzt Rudolf Steiner den Schlussstrich unter eine mehr als zweitausendjährige theistisch orientierte Geistesentwicklung.»

Kurze Zeit darauf klopfte der Kunstmaler Hans Gessner an seine Ateliertür. Mit einem der ‹Rudolf-Steiner-Blätter› unterm Arm. Beide waren einander noch nie begegnet. Ballmer hatte auch sein Lebtag lang gemalt und war damals bereits Mitglied der Hamburgischen Sezession, die 1919 als Künstlervereinigung gegründet wurde. Zwischen Ballmer und Gessner entwickelte sich alsbald eine innige Freundschaft. Im Jahr 1953 gründeten sie miteinander den Verlag Fornasella. Nach Ballmers Tod im Jahr 1958 führte Gessner den Verlag weiter. Er publizierte mehr und mehr Schriften von Ballmer. Dessen schriftlicher Nachlass ist seit 1970 im Besitz des Kantons Aargau. Anhand eines Verlagsvertrags aus dem Jahr 1995 hat die Edition LGC die Aufgaben der Erschließung des Nachlasses und der Herausgabe von Publikationen übertragen bekommen. Diese Edition hat nun auch die ‹Elf Briefe über Wiederverkörperung› als erweiterte Neuauflage herausgegeben.


Bild: Karl Ballmer Halbfigur (Selbstbildnis), um 1932, Öl auf Sperrholz, 92,5 × 72 cm, Karl Ballmer-Stiftung

Buch: Karl Ballmer, Elf Briefe über Wiederverkörperung Erweitete Neuausgabe, Edition LGC Siegen 201

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