Was wollte Rudolf Steiner?

Unter dieser Fragestellung hat das bekannte Schweizer Fernsehformat ‹Sternstunde der Philosophie› eine Sendung über Anthroposophie ausgestrahlt.


Eingeladen war die ehemalige Sektionsleiterin und Autorin Martina Maria Sam und der Religionsphilosoph und Anthroposophie-Kritiker Ansgar Martins. Das Moderationsteam, bestehend aus Olivia Röllin und Yves Bossart, machte einen sehr souveränen Eindruck – interessiert und distanziert versuchten sie, ‹Anthroposophie› zu verstehen. Während Yves Bossart das Dreiergespräch moderierte, war Olivia Röllin als Reporterin bei verschiedenen Menschen zu Besuch. So unter anderem in der Münchensteiner Waldorfschule, in der Eurythmieausbildung in Aesch und auf dem Goetheanum-Rundgang, geführt von David Marc Hoffmann. Ansgar Martins meinte: «Mich interessieren die Anthroposophinnen und Anthroposophen mehr als Steiner.» Steiner sei ein Katalysator von Ideen gewesen; die Szene aber sei wie ein Reagenzglas für alles, was passiert. Auch der Moderator Bossart gab zu, dass er ‹Die Geheimwissenschaft im Umriss› als Vorbereitung gelesen habe und es für ihn eine «etwas abgespacte Fantasywelt» gewesen sei. Sehr kritisch wurde auf vieles in der Rassenlehre oder dem «vergeistigten Deutschnationalismus» (Martins) hingewiesen. Gleichzeitig wurde diese Kritik sehr neutral und respektvoll vorgebracht und Sam und die anderen Interviewten konnten ihre Anliegen frei äußern und manches ins Verhältnis setzen. Zum Abschluss überraschte Bossart beide Gäste. Sam sollte beantworten, worin Steiner komplett danebengelegen habe. Nach einem kurzen Umweg endete sie mit dem Statement, dass ‹richtig› und ‹falsch› nicht die passenden Kategorien seien, sondern dass man alles selbst wahrnehmen und prüfen müsse. Die Fruchtbarkeit für die Lebenspraxis sei hingegen auch ein Kriterium der Wahrheit. Martins, der im Gegenteil über etwas sprechen sollte, mit dem Steiner richtig lag, wich zunächst auch aus. Er begründete dann aber sein Interesse an den Anthroposophinnen und Anthroposophen: Anthroposophie sei wie eine Zeitkapsel, in der das 19. Jahrhundert konserviert wurde. «Und auch wenn ich darin keine Wahrheit suche, habe ich doch schätzen gelernt, was das für umtriebige Leute sind. Und es ist wahrlich nicht so, dass Anthroposophinnen und Anthroposophen eine Gefahr sind oder die Gesellschaft unterwandern. Ich glaube, da werden Anthroposophinnen und Anthroposophen selbst zum Gegenstand von Verschwörungstheorien, selbst wenn sie selbst solche vertreten.»


Mehr ‹Anthroposophie – Was wollte Rudolf Steiner?›, 30. Oktober 2022, auf SRF. Nachzuschauen in der SRF-Mediathek

Bild Martina Maria Sam und Ansgar Martins mit Yves Bossart im Studio der Sendung ‹Philosophie Sternstunde› von 30.10.2022, SRF, Screenshot.

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  1. Zur „Sternstunde der Philosophie“
    Schön, daß so etwas öffentlich ausgestrahlt wird!
    Was wollte Rudolf Steiner? Wollte er nicht hauptsächlich, daß wir Christus imaginativ wahrnehmen lernen? Oder sehr vereinfacht, daß wir selbständig denken, fühlen und handeln lernen und infolgedessen unseren Egoismus überwinden und liebevollw Menschen werden?
    Die Anthroposophie ist hochaktuell und keinesfalls eine „Zeitkapsel, in der das 19. Jahrhundert konserviert wurde“. Die Geheimwissenschaft ist auch nicht eine „Fantasywelt“, sondern sie ist esoterisch. Das heißt, daß ich eine Ausbildung benötige, um sie zu verstehen. Auch mein Mobilfunk-Telefon ist esoterisch, wenn ich es benutze und nicht weiß wie es funktioniert. Rudolf Steiner gibt die Übungsanleitungen zum Verstehen der Anthroposophie. Wer zu bequem ist, diese zu nutzen, darf nicht urteilen.
    Dipl.-Ing. Frank Jentzsch, mail@maerchenfrank.de — Stuttgart, 13.11.2022

  2. Lieber Frank,

    Deiner Sichtweise möchte ich mich gerne anschließen. Ja teilen. Auch mich befremdet der Artikel sehr und ich lese und fühle nicht das was Dr. Rudolf Steiner wollte?
    Auch die Fragestellung an sich – ist diese so richtig? So ist für Rudolf Steiner doch immer wesentlich gewesen die Menschen zu ermutigen und an zu regen, im eigenen, selbständigen Denken, Handeln und Wirken. Und nie war er geprägt vom schwarz-weiss Denken oder oberflächlichen Statments.
    Und ich glaube das ist es, was Rudolf Steiner (mit vielen anderen Elementen und Bausteinen) bis heute und in Zukunft, so einzigartig macht.

    Sabine Soucek
    Souceksos@gmail.com

  3. Ich denke, Martina Maria Sam war richtig an dem Tisch. Verblüfft hat mich die kurze Sequenz, in der der Moderator zum Ausdruck brachte, dass er von Reinkarnation und Karma nichts wissen will. Allerdings beruht das Urteil auf einer haarsträubenden Verkürzung des Gedankens, der immer wieder so auftaucht: Krankheit jetzt als Strafe für etwas aus der vorigen Inkarnation.

    Hier eröffnet sich ein Feld für die Öffentlichkeitsarbeit!

    Kutz gesagt: Nachtodliches Erleben der eigenen Taten aus Sicht der Gegenüber führt bei dem, was nicht so dolle war zu dem Bedürfnis, es besser zu machen. Die Keime der Fähigkeiten dazu bekommt mensch dann mit auf die Erde und das gütige Schicksal bringt ihn in die Zusammenhänge, in denen er sie entwickeln und fruchtbar machen kann.

    Mit dieser Grundstruktur könnte möglicherweise auch Yves Bossart leben.

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