Was meine ich mit Vogel?

Vögel sind Bilder unseres Denkens, Realbilder. Sie vollziehen leiblich dasjenige, was wir geistig im Denken vollziehen: Sie schaffen Zusammenhänge und verleihen inhaltliche Bestimmungen durch das Unsichtbare der Luft hindurch.


Die Amsel sucht in der Wiese nach Regenwürmern, klaubt sich eine Beere im Schlehenbusch und verschenkt auf dem Dachfirst ihren Gesang in die milde Abendstimmung hinein. Sie verbindet diese Orte und Momente nicht durch das Gehen auf dem festen Untergrund, sondern durch das Fliegen in der Luft.

Der ganze Leib des Vogels ist auf diesen leiblichen Denkvollzug hin ausgerichtet. Das Denken sucht mit seiner Zusammenhänge schaffenden Aktivität immer auch schon nach Sinn und Inhalt. Es strahlt gewissermaßen suchend in den Umkreis aus, während es den einen Gedanken mit dem nächsten verwebt. Es strahlt aus, um auf diesem Ausstrahlen ein Einstrahlen aus dem Umkreis erfahren zu können, um auf sein Fragen eine Antwort zu erhalten. Der Leib des Vogels ist mit seinen Federn eine tausendfach wiederholte Frage an den Umkreis (ein Spatz hat ca. 3500 Federn). Jede Feder strahlt mit den unzähligen Ästen und Strahlen ihrer Fahne in den Luftumkreis und leitet jede kleinste dortige Regung über den Federschaft auf den Leib des Vogels. Mit der Feder kann der Vogel gewissermaßen seine Fühler in den Umkreis ausstrecken und wahrnehmen, woher gerade ‹der Wind weht› und ob die Luft bereit ist, ihn zu tragen. Genau so also, wie wenn wir im Denken bemerken können, ob ein Gedanke zu tragen beginnt und in der Lage ist, uns in weitere Gefilde zu führen.

Vor diesem Hintergrund kann es nicht mehr wirklich wundern, warum die Indianer Federn als Kopfschmuck trugen, warum die Dichter eine Feder zum Schreiben verwendeten, warum im klassischen Altertum die Auguren den Vogelflug beobachteten – und warum Rudolf Steiner sagte, dass der Vogel der lebendig fliegende Gedanke sei (Vortrag vom 27. Oktober 1923, GA 230).


Titelbild: Vincent van Zalinge von Unsplash.

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