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Vom Weltrat der Tiere

Ich schreibe dies hier am 29. März 2020. Das Leben hat sich verlangsamt. ‹Social Distancing› ist die neue Form von Zuneigung. Es fahren weniger Autos, statt Flugzeuge Menschen auf Fahrrädern, und man sieht allerorten Spazierende, allein oder zu zweit. Die Luft wird reiner, die Natur atmet auf. Dazu brachte die Woche wunderschön sonnige, wenn auch kalte Frühlingstage. Heute schneit es ein paar Flocken, der Winter verabschiedet sich.


Die Tierwelt ist intensiv zu erleben. Die Vögel singen lauter und fröhlicher als sonst, auf unserer Terrasse springen furchtlos bis zu sieben Eichhörnchen herum und balgen sich um das Vogelfutter. Unsere alte Katze ‹spricht› den ganzen Tag mit uns und macht wieder lange Ausflüge nach draußen, was sie schon seit Monaten nicht mehr getan hat. Bei Hunden und ihren Haltern scheint sich das übliche Verhältnis umgekehrt zu haben: Die Menschen, die sich treffen, halten weiten Abstand voneinander, wo sie sonst ein Schwätzchen hielten, während ihre Hunde sich fröhlich begrüßen, Neuigkeiten austauschen und gemeinsam herumtollen. Delfine wurden in italienischen Häfen gesichtet, Fische schwimmen wieder in den Kanälen von Venedig. Hasen, Kaninchen und Rehe wagen sich viel näher an Straßen und Häuser heran als sonst. Während ich dies beobachte, kommt mir ein Gedanke. Wenn Tiere menschlich denken, fühlen und handeln würden, so sage ich mir, dann könnte sich die Vorgeschichte des Coronavirus so abgespielt haben:

Der Weltrat der Tiere beschließt im Sommer 2019 nach Anhörung aller Experten unter den Haustieren (die die Menschen besonders gut kennen), unter den bedrohten und aussterbenden Tieren (die besonders unter den Menschen leiden), und unter den Tieren, die sich mit Viren und Bakterien auskennen, mit überwältigender Mehrheit, dass es an der Zeit sei, den Menschen eine Lektion zu erteilen. Der Löwe als König und Repräsentationsorgan bekräftigt diesen Beschluss mit seiner mächtigen Pranke am 4. Oktober 2019, dem Welttierschutztag. Es soll den Menschen vor Augen geführt werden, dass sie die Natur nicht nach Belieben ausbeuten und verschmutzen können, sondern dass sie die Erde als Lebensgrundlage für alle Lebewesen pflegen und achten müssen. Und die Menschen sollen verstehen, dass Tiere nicht nur Nahrung und Kleidung liefern oder selbst Nahrung sind, dass sie nicht nur – als Gefangene im Zoo oder im Zirkus – der Zerstreuung von Kindern und Eltern dienen oder gar als Versuchstiere im Labor sterben, sondern dass sie gleichberechtigte Lebewesen sind. Die Tierwelt fordert: Wir wollen Grundrechte, wie sie Menschen auch haben, das Recht auf körperliche Unversehrtheit, das Recht auf freie Entfaltung und auf Freizügigkeit, unserer jeweiligen Art entsprechend, und auf die Unverletzlichkeit unseres Wohnraums. Und vor allem wollen wir, dass Menschen unsere Würde achten und schützen wie ihre eigene.

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Es geschieht durch die Verlangsamung ein Wunder. Es scheint, als ob Tier und Baum uns vermitteln wollten: Schaut, so geht es doch.

Zur Durchsetzung dieser Forderungen beschließt der Weltrat der Tiere im Oktober 2019, die Menschen mit einem Virus zu infizieren, das sich weltweit ausbreitet und die Menschen überall zwingt, sich zu isolieren und ihre Reisen und anderen umweltschädlichen Aktivitäten einzuschränken. Die Hoffnung der Tiere ist, dass sich die Menschen, die ja angeblich vernunftbegabt sind, nach einer solchen Erfahrung anders verhalten als vorher und dass es dann zu einem neuen Verhältnis – auf Augenhöhe – zwischen Mensch und Tier kommen kann. Der Weltrat der Tiere beauftragt daraufhin die Fledermaus, als nach Ansicht der tierischen Virologen bestens dafür geeignetes Lebewesen, ein zackenförmiges Virus, das den Namen Corona bekommt, auf einige Menschen zu übertragen. So geschieht es, und dann nimmt die Geschichte ihren Lauf, wie anfangs referiert.

Aber so wäre die Geschichte nur, wenn Tiere Menschen wären. Wenn sie Beweggründe wie Rache, Neid oder Wut hätten. Aber Tiere sind nicht boshaft. Eine Fledermaus ist keine skrupellose Befehlsempfängerin. Nein, die Fledermaus kann nichts dafür, dass sie vielleicht – wenn diese Behauptung überhaupt stimmt – der Viruswirt war, der die Übertragung auf den Menschen ermöglicht hat. Den Tieren können wir nicht vorwerfen, dass wir an Corona leiden. Wir haben es selbst verursacht, dass sich die Natur gegen uns wendet. Denn wir haben dadurch, dass wir die Natur immer stärker zerstören und aus ihrem Gleichgewicht bringen, die Ursachen für die Katastrophen gesetzt, die seit einiger Zeit immer häufiger und immer heftiger auf uns zukommen: Erdbeben, Tsunamis, Überschwemmungen und Seuchen. Aber das ist keine Rache der Natur. Die Erde, die Pflanzen und die Tiere sind nicht rachsüchtig. Vielmehr sind es die Wirkungen unseres eigenen verantwortungslosen Raubbaus an der Natur, die sich jetzt zeigen.

Und nun geschieht durch die Verlangsamung unseres gesellschaftlichen Lebens ein Wunder: Die Natur und vor allem die Tiere vermitteln uns, dass sich die Erde schon binnen weniger Tage und Wochen erholt und regeneriert. Wir können das am Verhalten der Tiere nach dem Rückzug der Menschen in Homeoffices ablesen: Es scheint, als ob sie uns vermitteln wollten: Schaut, so geht es doch auch! Macht alles etwas langsamer und achtet ein wenig mehr als bisher auf uns und die ganze Natur! Wenn wir allein das verstehen und umsetzen würden, und zwar auch noch in der Zeit nach Corona, wäre schon viel getan. Aber wir können noch mehr tun. Denn wir haben als Menschen nicht nur negative Beweggründe wie Rache, Habgier und Wollust für unser Verhalten, sondern auch positive wie Verantwortung, Verzicht, Ehrfurcht und Achtsamkeit. Wenn diese inneren Haltungen uns in Zukunft in unserem Verhalten gegenüber der Erde und all ihren Bewohnerinnen und Bewohnern leiten, haben wir viel aus der Coronakrise gelernt. Wir können dann Tieren und anderen Lebewesen ihre je eigene Würde zugestehen und sie als gleichberechtigte Mitbewohner unserer Erde behandeln.


Foto: Leeres Parlament, Eva Van Wassenhove, CC

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